Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Kategorie: Kollegen & Freunde Seite 2 von 9

Liebesgeplänkel zwischen Marlene Dietrich und Ernest Hemingway

Marlene Dietrich

Toi and moi have lived through about as bad times as ever were. I don’t mean just wars. Wars are spinach. Life in general is the tough part.
Ernest Hemingway, Juni 1950

„Beloved Papa, I think it is high time to tell you that I think of you constantly. I read your letters over and over and speak of you with a few
chosen men. I have moved your photograph to my bedroom and mostly look at it rather helplessly.“
Marlene Dietrich, 1951

Du und ich haben so schlimme Zeiten erlebt, wie es sie noch nie gegeben hat. Ich meine nicht nur Kriege. Kriege sind wie Spinatkraut. Das Leben im Allgemeinen ist der harte Teil.
Ernest Hemingway, Juni 1950

„Geliebter Papa, ich denke, es ist höchste Zeit, dir zu sagen, dass ich ständig an dich denke. Ich lese deine Briefe immer wieder und spreche mit ein paar
ausgewählten Männern. Ich habe dein Foto in mein Schlafzimmer gestellt und betrachte es meist ziemlich hilflos.“
Marlene Dietrich, 1951

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Tú y yo hemos vivido casi tan malos tiempos como siempre. No me refiero sólo a las guerras. Las guerras son espinacas. La vida en general es la parte dura.
Ernest Hemingway, junio de 1950

„Querido papá, creo que ya es hora de decirte que pienso en ti constantemente. Leo tus cartas una y otra vez y hablo de ti con unos pocos
hombres elegidos. He trasladado tu fotografía a mi dormitorio y casi siempre la miro con cierta impotencia“.
Marlene Dietrich, 1951

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Toi et moi avons traversé des périodes aussi difficiles que celles que nous avons connues. Je ne parle pas seulement des guerres. Les guerres sont des épinards. C’est la vie en général qui est dure.
Ernest Hemingway, juin 1950

„Papa bien-aimé, je pense qu’il est grand temps de te dire que je pense constamment à toi. Je lis tes lettres encore et encore et je parle de toi avec quelques hommes choisis.
quelques hommes choisis. J’ai déplacé votre photographie dans ma chambre à coucher et je la regarde le plus souvent d’un air plutôt impuissant.“
Marlene Dietrich, 1951

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Gabriel García Márquez über Ernest Hemingway

Gabriel García Márquez
Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit.

Faulkner is a writer who has had much to do with my soul, but Hemingway is the one who had the most to do with my craft – not simply for his books, but for his astounding knowledge of the aspect of craftsmanship in the science of writing.

Gabriel García Márquez

Faulkner ist ein Schriftsteller, der viel mit meiner Seele zu tun hatte, aber Hemingway ist derjenige, der am meisten mit meinem Handwerk zu tun hatte – nicht nur wegen seiner Bücher, sondern wegen seines erstaunlichen Wissens über den Aspekt des Handwerks in der Wissenschaft des Schreibens.

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Faulkner est un écrivain qui a eu beaucoup à faire avec mon âme, mais Hemingway est celui qui a eu le plus à faire avec

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Ernest Hemingway: Schreiben wie ein Maler

Vincent van Goghs Schlafzimmer im Gelben Haus von Arles. Aus dem Jahr 1888.

Sobald er neu in eine europäische Stadt kommt, besucht Ernest Hemingway vor allem Kunstgalerien und Museen, den Prado in Madrid, die Accademia in Venedig, die Galerie Flechtheim in Berlin. In Paris, er hat von 1921 bis 1928 in der Stadt an der Seine gelebt, streunt er stundenlang durch den Louvre. Besonders fasziniert wird der US-Amerikaner von der Kunstfertigkeit der französischen Impressionisten.

Wenn er gefragt wird, welchem Beruf – außer Schriftsteller – seine Leidenschaft gilt, antwortet der junge Autor wie aus der Pistole geschossen: der Malerei. Der Arztsohn aus dem Mittleren Westen ist ein großer Bewunderer der bildenden Kunst. Er verfügt nicht nur eine erstaunlich sichere Urteilskraft zu Gemälden, sondern kennt viele Maler zudem persönlich.

In Paris kommt Hemingway mit den großen Künstlern der Avantgarde zusammen, lange vor deren Weltruhm. Der Autor aus Oak Park schließt Freundschaft mit Pablo Picasso. Joan Miró, Paul Klee, Juan Gris – für viel Geld erwirbt der junge Kerl einige Bilder der aufstrebenden neuen Malergeneration. Der bodenständige Amerikaner Waldo Peirce wird zeit seines Lebens ein enger Kumpel. 

Ernest Hemingways nachgelassener Roman Der Garten Eden versteckt eine aufschlussreiche Hommage an seinen Lieblingsmaler. Die Akteure seiner erotisch knisternden Erzählung reisen nach Südfrankreich, ans Mittelmeer bei Le Grau-du-Roi. Das Zimmer, in dem sie wohnten, sah aus wie das Gemälde von Van Goghs Zimmer in Arles, nur dass es ein Doppelbett und zwei große Fenster hatte und man über das Wasser, den Sumpf und die Wiesen auf die weiße Stadt und den hellen Strand von Palavas blicken konnte.

Vor allem zwei Großmeister haben es ihm angetan. Neben Vincent van Gogh mag er besonders den Franzosen Paul Cézanne. Ich möchte so schreiben können, wie Cézanne malen kann, sagt er des Öfteren. Der Maler aus Aix-en-Provence zeichnet mit Vorliebe Motive aus der Natur, Landschaften und Gärten, Lichtungen und Blumenfelder, farbenfroh und ausdrucksstark mit einem Blick für die zarten Feinheiten. 

Die Malerei hilft ihm, seine Prosa zu entwerfen. Denn auch die Sprache eines guten Schriftstellers braucht visuelle Kraft und Klarheit. Das Ziel, sagt Ernest Hemingway im Gespräch mit Edward Stafford, ist es, dem Leser jede Empfindung, jeden Anblick und jedes Gefühl zu vermitteln. Als Autor müssen Sie mit dem Wort zeichnen, damit der Leser sieht, was Sie gesehen haben, und fühlt, was Sie gefühlt haben.

Seine Annäherung an die Maler und die Erforschung ihrer Werke sind für Ernest Hemingway ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses als Schreiber. Beobachten und entdecken, fühlen und erspüren – die impressionistischen Gemälde bilden eine seiner Inspirationsquellen. Der spätere Nobelpreisträger nutzt schon in seinen ersten Erzählungen die Visualität, um mit den Landschaftsbeschreibungen den Handlungsrahmen zu setzen. Für die szenische Spannung wiederum ist meist der dramatische Tonfall seiner Dialoge zuständig.

Die Betrachtung der Werke von Cézanne lehrt den Amerikaner, wie er seine modernen Kurzgeschichten mit Hilfe einer einfachen und emotionalen Technik neu aufbauen kann. Jedes Element im künstlerischen Prozess der Entstehung wirkt zweckdienlich und erfindungsreich sogleich. Die stimmige Farbgebung bei Cézanne wie auch die genaue Wortwahl bei Hemingway schaffen innere Struktur und Dichte.

Wie Cézanne setzt der Neuerer Ernest Hemingway vor allem auf die Landschaft, auf das Motiv und auf die Anordnung, um Eleganz und Vorstellungskraft zu erzeugen. Die Flüsse, das Gebirge, die Hügel, der Wald mit den grünen Bäumen, die Inseln und vor allem das Meer blühen nicht nur auf in einer neuen Visualität, sondern führen im Ergebnis zu einer anregenden Vielfalt an Emotionen.

Diese neue Ästhetik des Erzählens, die klassische und moderne Elemente vereint, arbeitet mit Empfindungen und Symbolen. Der Maler und der Schreiber öffnen beide den Raum und den Blickwinkel für die Imagination des Betrachters und Lesers. Ernest Hemingway beschreibt insofern keine Landschaften, er erschafft diese Landschaften. Ganz wie Cézanne. 

Als Liebhaber der Malerei hat Ernest Hemingway immer versucht, das Herzstück eines Gemäldes zu entdecken. Er ist stets auf der Suche gewesen nach dem reinen Gefühl, wie er es nennt. Maler besitzen all diese großartigen Farben, mit denen sie arbeiten können, meint der Nobelpreisträger. Ich muss es auf der Schreibmaschine vollbringen oder mit meinem Bleistift in Schwarz und Weiß.

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Die Sonne des Ernest Hemingway

Ken Kesey Ernest Hemingway

Whether you like him or not, Hemingway was the sun that all of us revolved around.

Ken Kesey, 1935 – 2001,

Ob man ihn nun mag oder nicht, Hemingway war die Sonne, um die wir uns alle drehten.

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Ernest Hemingways Leseliste für große Literatur

Ernest Hemingway
Leseliste
Dies ist Ernest Hemingways Leseliste für seinen Schüler Arnold Samuelson.

Im April 1934 trampt Arnold Samuelson, ein junge Journalistik-Absolvent der University of Minnesota, nach Key West. In der Hoffnung, seinem Idol Ernest Hemingway zu begegnen. Auch möchte der Nachwuchsschreiber den einen oder anderen Ratschlage von dem prominenten Autor einholen. Der junge Mann vom Jahrgang 1912 sollte nicht enttäuscht werden. 

Tatsächlich gelingt es ihm, das Haus der Hemingways ausfindig zu machen. Er klopft an das Tor des herrschaftlichen Anwesens in der Whitehead Street 907. Der Schriftsteller wohnt mit seiner zweiten Frau Pauline seit 1928 im tropischen Key West an der Südspitze der USA. Vor Aufregung bringt der junge Arnold keinen geraden Satz heraus.

Beim ersten Treffen wird er barsch abgewiesen und auf den nächsten Tag vertröstet. Dann kann er das Wohlwollen des Mittdreißigers Hemingway erobern. Er freundet sich an mit dem damals bereits berühmten Buchautor, der so etwas wie ein väterlicher Mentor für den 22-jährigen Schreiber wird. Das Ziel des jungen Mannes ist, ebenfalls Schriftsteller zu werden.

Schon bei der ersten Begegnung überreicht Ernest Hemingway dem unbedarften Samuelson eine handgeschriebene Aufstellung mit den Worten: Hier ist eine Liste von Büchern, die jeder junge Schriftsteller als Teil seiner Bildung gelesen haben sollte. Wenn nicht, dann sind Sie einfach nicht gebildet. Die aufgeführten Schriftsteller repräsentieren unterschiedliche Arten des Schreibens.

Der Mann aus Key West weiß, manches wird keine leichte Kost für einen jungen Eleven sein. Es sind nicht die Zeitgenossen, die Hemingway empfiehlt, sondern eher die modernen Klassiker. Einige Stücke mögen Sie langweilen, andere könnten Sie inspirieren. Und wieder andere sind so wunderschön geschrieben, dass Sie das Gefühl überkommen wird, der Versuch so zu schreiben, sei hoffnungslos.

Nachstehend die Meisterwerke der Weltliteratur, die Ernest Hemingway dem jungen Samuelson als Liste überreicht:

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Als Ernest Hemingway in Mexiko sich durch Ciudad Juárez säuft

Das Online-Medium Hilo Directo aus Ciudad Juárez veröffentlicht eine merkwürdige Episode aus dem Leben des Ernest Hemingway.

Vor kurzem habe ich per Zufall eine wunderbare Geschichte in dem Medienportal Hilo Directo aus Ciudad Juárez entdeckt. In dieser mexikanischen Online-Zeitung erzählt der Schriftsteller Miguel Ángel Chávez Díaz De León von einer Begebenheit aus dem Leben des Ernest Hemingway.

Der Club 15, eine kleine Kneipe in der Avenida Juárez, erlebte im Jahr 1959 den Besuch von Ernest Hemingway und des Toreros Luis Miguel Dominguín. Im Monat Juli hatten die beiden Freunde eine Unterkunft im ‚San Antonio‘ durchgebucht, einem Hotel in der Straße ’16. September‘, direkt gegenüber vom Juárez-Markt. Der spanische Torero und der amerikanische Schriftsteller verfolgten einen Plan: Den Geburtstag Numero 60 von Papa Hemingway derart zu feiern, indem sie sich weltweit durch etliche Städte saufen.

So unbekümmert beginnt die Geschichte von Chávez Díaz, und sie geht ebenso vorwitzig weiter. In einer von mir gefertigten freien Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche.

Als sie in Ciudad Juárez ankamen, lag eine dichte Hitzeglocke über der Stadt, und es blieb den zwei keine andere Wahl, als sich das ‚Cruz Blanca‘-Bier im Dutzendpack hinter die Binde zu kippen und dazu einige Flaschen ‚Juarez Whisky Straight American‘. Die Wochen zuvor hatten sie sich bereits in so mancher Kaschemme und Bar voll zugedröhnt, in Madrid, Lissabon, Paris, Havanna, im Sun Valley, Idaho und in San Antonio, Texas. Nun kreuzten sie in El Paso auf und überquerten den Río Bravo.

Und die Erzählung geht munter weiter: Im Schlepptau des Schriftstellers befinden sich Maritrini y Jova, zwei blutjunge Tänzerinnen aus dem Tropicana in Havanna. Hemingway, Dominguín und die zwei Frauen bechern sich kräftig durch das mexikanische Nachtleben. Der Nobelpreisträger achtet darauf, unerkannt zu bleiben. Doch der Journalist Polo Ochoa von der Tageszeitung El Fronterizo erkennt den bärtigen Autor und vermeldet den prominenten Besucher in seiner Kolumne Trik-Trak am 22. Juli 1959.

Ernest Hemingway und Begleitung saufen sich weiter durch die einschlägigen Etablissements von Ciudad Juárez. Das Kentucky, der Tivoli, die Villa Española, das Charmant, das Fiesta, El Recreo, La Cucaracha – keine Kneipe, in der die Prozente über die Schanktheke geschoben werden, lässt der berühmte Amerikaner aus.

Irgendwann sind die Sauforgien vorbei und Ernest Hemingway kehrt Mexiko den Rücken. Die beiden kubanischen Tänzerinnen entschließen sich, in Ciudad Juárez zu bleiben. Dort leben sie noch heute, im Stadtteil Margaritas, in der Nähe des Parque Hermanos Escobar. Die beiden älteren Damen sind umgeben von Erinnerungen und Fotos an die Sause mit dem gefeierten Autor.

Ciudad Juárez ist eine Stadt im Bundesstaat Chihuahua und stößt an die stark gesicherte Grenze zu den Vereinigten Staaten. Im Westen des Río Bravo liegt Ciudad Juárez, im Osten das US-amerikanische El Paso. Der Grenzfluss trennt nicht nur Mexiko und Texas, sondern zugleich die Verzweiflung von der Hoffnung. Eine Millionenstadt wie Ciudad Juárez durchlebt wie unter einem Brennglas all die Probleme Mexikos: illegale Migration, Schmuggel, Kriminalität, Rauschgift und schlimmste Gewalt.

Den Großmeister Hemingway in einen solchen Vorhof der Bedrücktheit einfallen zu lassen, bleibt eine reizvolle Idee. Und so liest der Hemingway-Aficionado die kurze Story mit heiterem Vergnügen. Bei aller Liebe muss man jedoch eines festhalten: Die ganze Geschichte stimmt von vorne bis hinten nicht. Alles um Ernest Hemingway ist erfunden. Vom ersten bis zum letzten Satz aus den Fingern gesogen. 

Allerdings nicht als Lügenmärchen, der Autor redet ganz offen über sein Konzept. Mit voller Absicht will er eine Geschichte spinnen, die Realität und Imagination bewusst vermengt. Dies ist die schrullige Eigenart des Erzählers Miguel Ángel Chávez Díaz De León. So lässt der mexikanische Münchhausen in anderen Episoden den Sänger Jim Morrison in Ciudad Juárez auflaufen. Und auch Pablo Picasso hat schon einmal am Río Bravo vorbei geschaut.

Der augenzwinkernde Kniff des Mexikaners besteht darin, dass er die frei erfundenen Stippvisiten der Prominenz mit historischen Fakten und genauen Belegen zu Unterkunft, Straßen und Uhrzeiten anreichert. Er macht das stilistisch so gekonnt, dass der geneigte Leser irgendwann die Phantasiegebilde des Mannes aus Ciudad Juárez dann auch wirklich glauben will. Crónicas Descarriadas nennt Chávez Díaz, ein Autor vom Jahrgang 1962, seine Erzählweise. Versprengte Berichte. 

Durch das vermeintliche Aufkreuzen der Berühmtheiten in seiner Heimat gelingt es dem Autor, ein wenig

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Ernest Hemingways bezaubernde Perlenkette

The Paris Review, Summer 1968

Hemingway was fascinating, the pearls of words on a white page giving you an exact picture…
Jack Kerouac,
The Paris Review,
Summer 1968

Hemingway war bezaubernd. Diese Perlenkette aus Wörtern auf dem weißen Blatt Papier, die dir ein so genaues Bild ermöglichten…
Jack Kerouac,
The Paris Review,
Sommer 1968

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Ernest Hemingway und sein deutscher Verleger Ernst Rowohlt

Eine Synchronität von Verleger und Autor. Ernest Hemingway bei Ernst Rowohlt im Rowohlt Verlag. Aus: 100 Jahre Rowohlt, Rowohlt Verlag, Hamburg.

My dear Ernst, schreibt der amerikanische Schriftsteller 1946 einem Brief an seinen deutschen Verleger Ernst Rowohlt, Du hattest sicher die Hölle von einem Krieg, und ich freue mich, dass Du nicht einer der vielen Krauts warst, die wir in der Schnee-Eifel oder im Hürtgenwald umgelegt haben. Wenn Ernest Hemingway jemanden so ruppig angeht, dann weiß man, es ist Zuneigung im Spiel. Und in der Tat hat sich zwischen Ernest Rowohlt und Ernest Hemingway eine tiefe lebenslange Sympathie entwickelt.

Alles fängt 1928 an. Im November jenes Jahres erscheint Ernest Hemingways Erstlings-Erfolg The Sun Also Rises unter dem Titel Fiesta im Berliner Verlag von Ernst Rowohlt. Bis zur Machtübernahme durch die Nazis werden drei weitere Romane folgen: Männer (1929), In einem andern Land (1930) und In unserer Zeit (1932). Nach dem Krieg erscheinen nach und nach alle weiteren Werke, Rowohlt wird zum deutschen Hausverlag für den Nobelpreisträger von 1954.

Die beiden Ernst und Ernest kabbeln sich gerne, von Anfang an. My Dear Herr Rowohlt, schreibt der Amerikaner am 18. Februar 1930 aus Key West, vielen Dank für Ihren Brief vom Januar 1930 mit dem Vertragsentwurf. Leider kann ich den Vertrag nicht unterschreiben, weil ich kein Wörterbuch habe und deshalb nicht sicher sein kann, ob ich alles richtig lese. Und auf der Insel hier gibt es auch keinen, der besser Deutsch kann als ich.

Ernst Rowohlt wird am 23. Juni 1887 in Bremen geboren. Im Jahr 1908 gründet der gelernte Buchhändler – mit 21 Jahren – einen Verlag in Leipzig. Rowohlt verlegt die Werke von Hugo Ball, Max Brod, Franz Kafka und Arnold Zweig. Kurt Pinthus und Walter Hasenclever arbeiten als Lektoren im Verlag. Nach dem Ersten Weltkrieg gründet der Norddeutsche den Rowohlt-Verlag neu, diesmal in Berlin, das Verlagshaus wird von 1919 bis 1943 verlegerisch tätig sein.

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Die deutsche Erstausgabe von Fiesta, aus dem Jahr 1928. Erschienen im Ernst Rowohlt Verlag, Berlin.

Ab 1928 nimmt der Verleger auch zeitgenössische amerikanische Literatur ins Programm, so William Faulkner, Sinclair Lewis, Thomas Wolfe und eben Ernest Hemingway. Damit ist Rowohlt weltweit der erste Verleger, der Hemingway herausgibt, mit Ausnahme der USA. Und mehr noch: Der Mann vom Michigan-See wird zum Lieblingsautor von Ernst Rowohlt.

Im November 1929 besucht Ernest Hemingway seinen deutschen Verleger in Berlin. Es stehen Verhandlungen mit Ernst Rowohlt an über die deutschen Rechte zu A Farewell to Arms, das auf Deutsch In einem andern Land heißen wird. Ein Hauen und Stechen entwickelt sich beim Aushandeln der Tantiemen. Rowohlt bietet einen Vorschuss von 200 Dollar, Ernest Hemingway möchte 400 Dollar.

Während der Weimarer Republik laviert der Verlag durch wirtschaftlich heikle Zeiten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nehmen die Schwierigkeiten nochmals zu. Ernst Rowohlt tritt 1937 der NSDAP bei, er wird kein Opponent zum Regime oder gar Widerstandskämpfer. Der Verleger eckt jedoch mehr als einmal mit den Nazi-Behörden an, weil er versucht, jüdische Mitarbeiter und Autoren zu schützen.

Wie schon im Ersten Weltkrieg verdingt sich Ernst Rowohlt auch im Zweiten Weltkrieg als Soldat, wobei er stets als unsicherer Kantonist im Visier der Nazi-Schergen bleibt. Zumal mehrere seiner Autoren von den Bücherverbrennungen betroffen sind. Schließlich wird Ernst Rowohlt 1938 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot als Verleger gleichkommt. Lektoren und Autoren entscheiden sich für die Emigration. Ernst Rowohlt selbst wird im Februar 1941 Hauptmann bei der Wehrmacht und arbeitet europaweit in einer Propagandakompanie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründet die Familie Rowohlt den Verlag abermals neu, zuerst Anfang 1946 in Stuttgart. Heinrich Maria Ledig, der älteste Sohn von Ernst Rowohlt, erhält dort von den Amerikanern eine Verlagslizenz. Zu den Autoren des wiedereröffneten Verlages gehören Erich Kästner, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky. Und wiederum der Amerikaner Ernest Hemingway.

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Ernest Hemingways In einem andern Land als rororo-Roman für 50 Pfennig.

Im März 1946 erhält auch Ernst Rowohlt von den Briten in Hamburg eine Lizenz für einen Verlag. Vier Jahre später siedelt dann die Stuttgarter Firma nach Hamburg über. Im Dezember 1946 erscheinen bei Rowohlt die ersten vier Bände der sogenannten Rotations-Romane. Den Anfang macht Ernest Hemingway mit einer Neuauflage seiner bereits 1930 erschienenen Anti-Kriegs-Erzählung In einem andern Land.

Wegen des Mangels an Buchpapier druckt der Verlag diese ersten Romane im großen Zeitungsformat auf einer Rotationsmaschine. Es wird eine Erfolgsgeschichte, die monatlich verlegten rororo-Zeitungsromane etablieren sich mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren als preiswerte Massenlektüre im Nachkriegs-Deutschland. Auch nach der Umstellung auf das Taschenbuch-Format drei Jahre später wird der Markenname rororo – für Rowohlt-Rotations-Roman – beibehalten. 

Am 1. Dezember 1960 stirbt Ernst Rowohlt an den Folgen eines Herzinfarktes, er wird auf dem Friedhof Volksdorf beigesetzt. Sein Sohn Heinrich Maria Ledig leitet fortan das Unternehmen, das 1960 nach Reinbek verlegt wird. Ernest Hemingway bleibt

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Jack Kerouac: Ernest Hemingway holt vor Schmerz Luft

Jack Kerouac, Desolation Angels, 1964

Manchmal sah ich nachts meine arme Mutter im Schlaf an, die dort in der amerikanischen Nacht grausam ans Kreuz genagelt war, weil es kein Geld gab, keine Hoffnung auf Geld, keine Familie, kein nichts, nur ich selbst, der dumme Sohn mit Hoffnungen, alles zusammengepresst zu einer schlussendlichen Düsterwelt. Mein Gott, wie recht Hemingway doch hatte, als er sagte, es gebe kein Heilmittel für das Leben – und daran zu denken, dass kleine Zettel-Spießer herablassende Nachrufe über einen Mann schreiben würden, der die Wahrheit sagte, nein, der vor Schmerzen Luft holte, um solch eine Geschichte zu erzählen! 

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Ein Wegbereiter der Moderne: Die Hemingway-Rebellion

Ernest Hemingway in Spanien, in der Nähe von San Ildefonso, im Jahr 1959.
Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Pionierleistung des Ernest Hemingway für die Weltliteratur darf nicht unterschätzt werden. Sein Wirken kommt einer Revolution gleich, sein Erzählstil hallt als mächtige Neuerung bis heute nach. Im Management-Deutsch würde man sagen: Seine Art zu schreiben ist eine Sprunginnovation. Dieser Ernest Hemingway hat, zu Anfang der 20. Jahrhunderts, einen neuen Ton in die Sprache der Weltliteratur gebracht. Eine neue Melodie und einen neuen Rhythmus.

Dieser sehr geerdete Mann wird das Kommando übernehmen als ein Avantgardist im besten Sinne des Wortes. Er verhilft in vorderster Linie der Moderne zum Durchbruch. Bis zur Jahrhundertwende schwang das Charles Dickens-Geschwurbel in all seinen Spielarten nach. Lange Sätze, mit viel Flitterkram und plüschigen Schäfchenwolken. Wörter, Sätze und ein Ambiente, die das Gebildetsein seines Autors und damit auch des Lesers unterstreichen sollten. In einem Begriff: Aristokraten-Literatur.

Doch dann tritt Mitte der 1920er Jahre ein Autor mit genug Ecken und Kanten auf. Den letzten Schliff holt sich Ernest Hemingway im putzmunteren Paris. Dieser suchende Mann wird hernach zum literarischen Vorkämpfer einer ganzen Generation, die man nach dem Ersten Weltkrieg schon als lost generation abgeschrieben hat. Doch mit dem Journalisten aus Chicago kommt ein neuartiger Touch in die erzählerische Prosa.

Dieser Bursche, der rund um den Michigan-See im Mittleren Westen der USA aufgewachsen ist, wird keiner für den Elfenbeinturm. Sondern ein unangepasster Abenteurer, den es mit wachen Augen hinaus in die Natur und die Welt zieht. Er entwickelt von Anfang an eine neue Art zu schreiben, und sein schnörkelloser Stil wird einer neuen Epoche die Bahn brechen.

Zwischen Dickens Tod und Hemingways Geburt liegen 29 Jahre, eine ganze Generation. Die Zeit drängt. Dieser eigenwillige Autor macht Schluß mit der Affektiertheit und dem Gekünstelten der viktorianischen Welt. Dieser richtungsweisende Neuerer beschränkt sich in seinen Werken auf eine einfache Syntax. Hauptsatz, dann nächster Hauptsatz. Die Sätze: kurz, einfach und geradeaus.

So erzeugt Ernest Hemingway einen klaren Rhythmus mit großer Wiedererkennung. Durch diesen kurzen Rhythmus erhalten Hemingways Sätze Tempo. Der Leser wird nicht wie bei der Plauderei der Dickens-Epigonen in einer Blase eingelullt, eher im Gegenteil. Der Leser kriegt kaum Zeit zum Luftholen. Er wird von der Rasanz der Satzmelodie in den Bann gezogen.

Lakonik und Zurückhaltung kann allerdings nur bei Exaktheit und Authentizität funktionieren. Sonst rutscht die Sprache ab ins Lapidare und der Text ins Unglaubwürdige. Davor jedoch bleibt dieser Nobelpreisträger in seinen guten Jahren gefeit. Weil er sich seine Themen von der Straße holt oder von seinen Reisen. Und weil er treffsicher zu beobachten weiß. Der Sohn eines Arztes setzt seine Sprache präzise wie ein Chirurg.

Ernest Hemingway kämpft beim Schreiben um jedes Wort. Manchmal überlegt er einen ganzen Vormittag auf seiner kubanischen Farm Finca Vigía, weil ihm das richtige Wort nicht einfallen will. Le mot juste, er hat diese Präzision von den großen französischen Poeten in Paris abgeschaut, keine schlechte Schule. Jedes Wort muss sitzen. Ein falsches Wort – und die Melodie und der Rhythmus des Satzes werden zerstört.

Ernest Hemingway hat – überspitzt gesprochen – die Literatur der Oberschicht entrissen und der Mittelschicht übergeben. Ein Rebell, der Ballast abwirft, in der Tradition der Boston Tea Party, literarisch natürlich. Es ist kein Zufall, dass ein US-Amerikaner den

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