Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Plaza de Toros

Der Aficionado Ernest Hemingway wird enttäuscht in Bilbao

Der geschlossene Eingang zur Plaza de Toros de Vista Alegre in Bilbao. Foto: W. Stock, 2024.

Der Amerikaner kennt die Stadt seit seinem Besuch im August 1927, als er und Pauline Nordspanien erkunden und bis nach Santiago de Compostela und La Coruña fahren. Im Sommer 1931 kommt er zurück ins Baskenland. Bilbao is a rich, solid city of great sportsmen and women in which I have numerous friends. So schreibt Ernest Hemingway in The Dangerous Summer. Er habe in dieser reichen und gediegenen Stadt mit den vielen Sportsmännern und Sportsfrauen zahlreiche Freunde.

Bilbao ist in der Tat eine wohlhabende Handelsmetropole an der Küste, mit einem rauen Wetter. Es kann dort, so schreibt Ernest, heiß werden wie in St. Louis am Mississippi. Von allen spanischen Großstädten ist sie wohl die europäischste, mit einer Nähe zu Frankreich. Und dennoch behält diese Kapitale ihr iberisches Flair. Der Schriftsteller aus Chicago mag die Stadt und kann sich gut in ihr bewegen.

Er hat viele Freunde im Baskenland. Juan Duñabeitia, Padre Andrés Untzaín, den Maler José María de Ucelay aus Bermeo. Der Amerikaner ist angetan von der Kultiviertheit der Stadt, Bilbao ist seit jeher ein Fleckchen voller Kunst und Kultur. Architektur und Malerei spielen dort eine große Rolle, heute mehr denn je. Von seinen Tantiemen kauft Hemingway zahlreiche Kunstwerk, er hat auf Finca Vigía eine außerordentliche Collection spanischer Maler an den Wänden hängen.

Am Abend geht der Amerikaner in das lebhafte Stadtviertel Casco Viejo. In den Siete Calles der mittelalterlichen Altstadt finden sich die traditionellen Bars und Restaurants. Die Silhouette der am Nervión gelegenen Markthalle Mercado de la Ribera erinnert an ein Schiff. Die gotische Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert wird von zahlreichen Pintxo-Kneipen umklammert. Ernest mag die Fischlokale wie das Victor Montes an der Plaza Nueva.

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Demut. Iván Fandiño als Skulptur vor der Plaza in Bilbao. Der baskische Torero stirbt durch eine cornada bei einem Stierkampf 2017 im französischen Aire-sur-l’Adour. Foto: W. Stock, 2024.

Auf seiner Rundreise während der Temporada bucht sich Ernest Mitte August 1959 ins Hotel Carlton von Bilbao ein. Zu jeder Plaza de Toros zieht es ihn wie magisch. Die Stierkampfarena von Bilbao stehe jenen in Pamplona, San Sebastián oder Biarritz in nichts nach. Besonders lobt der Kenner Hemingway die Qualität der Bullen im Baskenland. Antonio wollte seinen Kampf in Bilbao austragen, der schwierigsten Arena in Spanien. Hier sind die Stiere größer, das Publikum strenger und härter.

Der bärtige US-Autor schreibt im Sommer 1959 an seiner üppigen Reportage über das Mano a Mano für die Zeitschrift LIFE. Das Schlusskapitel von The Dangerous Summer spielt in Bilbao. Der Nobelpreisträger wohnt hier dem Zweikampf seines Freundes Antonio Ordoñez mit dem Rivalen Luis Miguel Dominguín bei. Doch in der Arena von Bilbao wird der Kampf kein gutes Ende nehmen. 

Die Ernüchterung wird groß, in jeder Hinsicht. Die Ehefrau des von ihm verhassten Diktators, Carmen Polo de Franco, ist Ehrengast in der Arena. Und Luis Miguel Dominguín wird von einem Kampfbullen so blutig aufgespießt, dass der Matador auf dem Notoperationstisch landet. Der Wettkampf ist damit beendet. Und auch für den Gefährlichen Sommer findet Ernest keinen guten Schluß.

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Ein Zitat von Ernest Hemingway befindet sich hoch neben dem Eingangsportal der Plaza de Toros von Bilbao. Foto: W. Stock, 2024.

Doch alles kommt an sein Ende. Im Juli 1961 nimmt sich Ernest Hemingway aus dem Leben. Zwei Monate nach seinem Tod macht auch die Arena in Bilbao dicht. Als wolle sie ihm folgen. Im Jahr 1962 eröffnet die neue Plaza de Toros. Dort, direkt links neben dem Eingang, prangt über Kopfhöhe eine Plakette mit einem Zitat des Schriftstellers. Auf Spanisch und auf Baskisch ist dort zu lesen:

Wenn euch die Hitze nicht abschreckt – diese wirklich schwere und dumpfige Hitze aus den Blei- und Zink-Bergwerken – und wenn ihr gewaltige und stattliche Stiere sehen wollt, atemberaubende Tiere, dann solltet ihr nach Bilbao kommen, während der Feria im August.

Jeder, der durch das Hauptportal die Arena betritt, der kommt heute an Ernest Hemingway vorbei. Als ob es ein krampfhaftes Festhalten an bessere Zeiten symbolisieren möchte. Denn dieser Tage ist der Stierkampf in Bilbao eine tote Leiche. Also doppelt hinüber. Die Gegend um die Plaza de Toros sackt beständig ab, das Areal wird nun als Parkplatz genutzt.

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Seit 2013 ist das Estadio de San Mamés die Spielstätte des spanischen Spitzenklubs Athletic Bilbao. Foto: C. Stock, 2024.

Ganz anders ein paar hundert Meter weiter, wo sich das futuristische Stadion des Fußballklubs Athletic Bilbao befindet. Jungs bolzen auf dem Vorplatz herum, ein Fußball-Museum lockt und der Merchandising-Shop macht prächtige Umsätze. Hier spielt die Musik, bekommt der Betrachter unbefangen präsentiert, das Stier-Spektakel ist aus der Zeit gefallen. 

Zwar kommt der gesamte Stierkampf in Spanien an seinem Schutzpatron aus Chicago nicht vorbei. Die Afionados zwischen Baskenland und Andalusien beten ihn an und lieben ihn, weil er so schön über ihre Passion schreiben konnte. Doch Ernesto liegt seit über 60 Jahren auf dem Dorffriedhof von Ketchum in den Rocky Mountains. Und kriegt nicht mehr mit, wie trostlos das Ende von The Dangerous Summer in Wirklichkeit hätte ausfallen müssen.

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Warum liebt Ernest Hemingway den Stierkampf?

Ernest Hemingways Original-Eintrittskarte zur Plaza de Toros in Valencia vom 27. Juli 1959. Barrera Número 34, dies sind die vorderen Plätze, direkt vor dem Callejón. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Amerikaner Ernest Hemingway hat in Europa immer dem Tod ins Auge gesehen. Im Ersten Weltkrieg, im Spanischen Bürgerkrieg, im Zweiten Weltkrieg. Auch liebt er seither jene Sportarten, bei denen es um Leben und Tod geht oder wo zumindest das Blut in rauen Mengen fließt: den Stierkampf, das Boxen, den Kampf der Hähne, die Entenjagd, das Angeln großer Fische. Um Leben und Tod – es ist sein Thema.

Death in the Afternoon, in der deutschen Ausgabe als Tod am Nachmittag, erscheint im Jahr 1932, dies ist ein Essay über den Stierkampf und dessen Tradition auf der iberischen Halbinsel. In Spanien zeigt man sich überrascht, wie tiefsinnig sich ein Außenstehender in die Philosophie der arte torear à caballo y à pie, in die Kunst des Kampfes gegen den Stier, zu Pferd oder zu Fuß, einzufühlen vermag. Ernests Schilderungen von den Plazas de Toros und aus der Welt des Stierkampfes tragen in Spanien maßgeblich zur Popularität des Mannes aus Chicago bei.

Das Mysterium von Leben und Tod beschäftigt den Schriftsteller Tag und Nacht. Es fasziniert den US-Amerikaner, wie beim Stierkampf in Spanien mit dem Tod gespielt wird, wie der bunte Torero den wilden schwarzen Bullen neckt und vorführt, um ihm am Ende dann unter dem Gejohle der Zuschauer den Todesstoß zu verpassen.

Ernest Hemingway mag ein solches Spektakel, bei dem der Mensch als Todesbote auftritt, die Kollegen Dramatiker haben es allegorisch viele Jahrhunderte auf der Theaterbühne aufführen lassen. Doch Hemingways Tod kommt ohne lang gestrecktes Gewand und ohne dunkle Maske daher, im Stierkampf tritt der richtige Tod in die Arena und am Ende des dritten Tercios wird jemand wirklich tot sein.

Ernest Hemingway selbst tötet die wilden und schönen Tiere mit eigener Hand. Beim Hochseeangeln, auf seinen Safari-Reisen oder beim Schießen der Wildvögel im Sun Valley. Es macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er empfindet Freude daran. Dabei liebt der Schriftsteller den Fisch, den er jagt und den er abschlachtet. Doch er kann nicht anders, denn ihn berauscht die Rolle des Jägers, der für einen Moment die Macht über Leben und Tod besitzt.

Das Tier ist sein Freund, doch die Entscheidung über sein Überleben oder über sein Sterben liegt beim Menschen. Darin besteht Hemingways Irrglaube und seine Verblendung: der Mensch als

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Ernest Hemingway, der Stierkampf und das moderne Spanien

Die Plaza de Toros in Ronda, eine der ältesten Stierkampf-Arenen der Welt, bildet noch heute das Zentrum der weißen Stadt in den Bergen Andalusiens. Der Sandsteinbau mit der auf Säulen ruhenden Arkadengalerie ist eine architektonische Augenweide. Foto by W. Stock, 2019

Gut 6.000 Besucher kann die Plaza de Toros in Ronda fassen, bei einer Stadt mit nur 30.000 Bewohnern bleibt es da nicht einfach, die Arena vollzukriegen. Sie gilt als eine der ältesten und auch eine der schönsten ihrer Art, die kreisrunde Anlage wird zum Vorbild für zahlreiche Stierkampf-Arenen in der Welt. Außer an Tagen, an denen eine Corrida stattfindet, ist die Plaza de Toros im Zentrum von Ronda täglich für Besucher geöffnet.

Die Plaza de Toros de Ronda wurde in den Jahren von 1783 bis 1789 von dem Architekten José Martin de Aldehuela erbaut. Die Plaza hat über zwei Jahrhunderte den Puls der Stadt bestimmt. Es war in Ronda, wo der Matador Pedro Romero vor zweihundert Jahren, zusammen mit seinem Kollegen José Delgado – genannt Pepe Hillo – aus Sevilla, die heute geltenden Stierkampf-Regeln festlegte. Die Tauromaquia o arte torear à caballo y à pie gilt als Beginn des neuzeitlichen Stierkampfes.

Neben den Romeros stammt auch die Torero-Dynastie der Ordoñez aus Ronda, Vater Cayetano und Sohn Antonio. Hemingway-Kenner wissen Bescheid. Die Rivalität mit Sevilla ist immer groß gewesen. Und noch heute kann man in Ronda den Stierkampf erleben, andere Landstriche, wie Katalonien, haben das Spektakel längst mit einem Verbot belegt. In Barcelona wurde aus der Stierkampfarena eine Shopping Mall.

Zwar gibt es heutzutage in Ronda nicht allzu viele Corridas, jedoch jedes Jahr in der ersten Septemberwoche feiern die Andalusier ihre Corrida Goyesca, einen Stierkampf im Goya-Stil. Toreros aus der ganzen Welt kommen dazu nach Ronda, um diesem einzigartigen Spektakel, einer Idee von Antonio Ordóñez, beizuwohnen. Die Stierkämpfer, als auch Teile des Publikums, verkleiden sich in traditionellen Goya-Kostümen im Stil des 18. Jahrhunderts. 

Spanien, das ist spätestens seit dem blutigen Bürgerkrieg in den 1930er Jahren klar geworden, ist in zwei Spanien zerfallen. Dabei ist nicht nur das politisch linke und das rechte Spanien gemeint, sondern auch das moderne und traditionelle Spanien. Der Bruch Spaniens mit der bigotten Diktator des General Francos nach 1975 fiel radikal aus, der Wandel zur modernen Gesellschaft bleibt tief zu spüren. Francisco Franco, der bekanntlich hochbetagt im Bett starb, dient über die Jahre der Transición und noch heute als Antipode.

Die Abkehr vom Althergebrachten, vom Paternalismus, von den alten Traditionen und von den Glaubenssätzen wurde gleichgesetzt mit der Abkehr von der Despotie. Das war nicht falsch, denn den Franquismus kann man durchaus als Herrschaft des Militärs, des Katholizismus und der andalusischen Latifundistas sehen.

Das Pendel schlug in Spanien kräftig in die andere Richtung aus. Der Abschied von den Überlieferungen der Väter und Großväter ging einher mit

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