Auch wenn seine blonde Ehefrau Mary dabei ist, hat Ernest Hemingway nur Augen für Adriana. Havanna, im Oktober 1950; Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Liebesbeziehungen des Menschen, wenn sie denn scheitern, lesen sich meist als Trauerspiel. Im Alter, wenn die Gefühle sich nochmals trotzig aufbäumen, können solche Tragödien allerdings schon mal zum Schwank ausarten. Ernest Hemingway bleibt von einer solcher Erfahrung nicht verschont. Ihr Name lautet Adriana. Adriana Ivancich.

Ernest verliebt sich in die 18-jährige Schönheit Adriana und befördert sie zu seiner Muse. Die junge Adriana vermag in dem alternden Schriftsteller bestenfalls eine Art väterlichen Bewunderer zu sehen, sie kokettiert mit ihm und lässt sich gerne den Hof machen. Ernest Hemingway, als liebestrunkener alter Knabe von bald 50 Jahren, torkelt unbeirrt durch sein Liebesabenteuer. Bei aller Schwärmerei für Adriana merkt Ernest Hemingway nicht, dass diese Eskapade im Herbst seines Lebens ihn in seiner Umgebung mehr und mehr der Lächerlichkeit preisgibt. 

Im Oktober 1950 kommt Adriana Ivancich dann mit ihrer Mutter Dora für vier Monate auf die Finca Vigía und Ernest Hemingway kauft sich im El Encanto, Havannas feinem Kaufhaus, brandneue Kleidung, moderne Guayaberas, Hosen, Shorts und neue Schuhe. Er nimmt das junge Mädchen mit in seine Welt, zu Ausfahrten auf der Pilar, zum Jagen in den Club de Cazadores del Cerro in Rancho Boyeros, ins Floridita. Adrianas gestrenge Mutter schaut missbilligend drein, doch der liebestolle Ernest balzt lustig weiter. 

Und Adriana lässt den von Frühlingsgefühlen übermannten Ernest weiterhin um sich herumschwirren. Was die junge Frau allerdings nicht davon abhält, auf der Finca Vigía mit dem Majordomus René Villarreal anzubändeln und auch den jungen Männern in Havanna schöne Augen zu machen. Der entflammte Ernest merkt nichts und lässt sich von dem kessen Mädchen weiterhin zum Affen machen.

Der amerikanische Autor setzt Adriana ein literarisches Denkmal. Die blutjunge Italienerin ist offensichtlich jene Contessa Renata aus Über den Fluss und in die Wälder, die mit dem Colonel Cantwell eine heiße Liebesnacht im Gritti verbringt. Und der alte Oberst Richard Cantwell – aka Ernest Hemingway – geht in Venedig aufs Ganze.

Die Gerüchteküche brodelt. Doch solche Peinlichkeiten und der Umstand, dass er sich in ein über 30 Jahre jüngeres Mädchen verliebt hat, scheren den alternden Schriftsteller wenig. Ernest ermuntert die zarte Venezianerin, ihr Talent als Grafikerin auszuleben. Als The Old Man and the Sea im Jahr 1952 verlegt wird, besteht der Gönner Ernest Hemingway beim Verlag darauf, dass seine Muse Adriana die Grafik des Buchcovers gestalten darf.

Nach Dutzenden Briefen sehen sich der Schriftsteller und das hübsche Mädchen im Frühjahr 1954 wieder, als sich Ernest Hemingway im März und Mai in Italien von seinen Flugzeugabstürzen in Afrika erholt. Das letzte Treffen der beiden findet in Nervi am Ligurischen Meer statt. „Was zwischen uns passierte, war ein bisschen mehr als eine Romanze“, meint Adriana geheimnisvoll. Im Februar 1956, nach acht Jahren stürmischer Schwärmerei, bricht dann auch der Briefverkehr zwischen den beiden ab. Adriana lernt einen anderen Mann kennen, den sie „so liebt, wie keinen zuvor“, wie sie ihrem väterlichen Freund schreibt.

So wie Ernests Leben tragisch ausklingt, so findet auch Adrianas Lebensweg kein unbeschwertes Ende. Nach Ernest Hemingways Tod im Jahr 1961 wird die bildschöne Adriana Ivancich in zweiter Ehe einen deutschen Grafen heiraten, zwei Söhne zur Welt bringen und ihre Erinnerungen an Ernest Hemingway in dem Buch La Torre Bianca niederschreiben. Im März 1983, mit 53 Jahren, wird sich Adriana im toskanischen Orbetello im Garten ihres Anwesens an einem Olivenbaum aufhängen.

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