Ernest Hemingway in Ronda
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Oberhalb der Schlucht zum El Tajo liegt der schmale ‚Paseo de E Hemingway‘, der am Parador vorbei führt bis zu den Klippen.
 Foto by W. Stock, 2019

Man weilt erst seit wenigen Minuten in Ronda und prompt läuft man zwei bekannten Amerikanern in die Arme, beide allerdings schon vor Jahrzehnten verstorben. Die weiße Stadt in den andalusischen Bergen hat den Schriftsteller Ernest Hemingway und den Regisseur Orson Welles sichtbar im Stadtbild verewigt, jeder als Namensgeber einer eigenen Promenade oder in Form von mannshohen Skulpturen. Ein Hotel, gleich das Palacio de Hemingway, vier Sterne, und ein Café sind nach dem Autor benannt, Fotos und Postkarten von beiden finden sich zuhauf in den Andenkenshops.

Manchmal kann man sie leicht verwechseln, US-Amerikaner, ähnliche Physiognomie, stämmiger Körperbau, dichter Bart, selbstbewusstes Auftreten. Und beide eint die Liebe zu dieser einzigartigen Stadt von 30.000 Bewohnern. Zwei Stunden von der Küste entfernt liegt Ronda im Gebirge, auf einem Fels, eingebettet von blühender Vegetation, soweit das Auge reicht, ein Ort wie gemalt für ein pittoreskes Großgemälde.

In der Tat ist dieser Ort ein seltenes Juwel. Umgeben von einem Teppich grüner Olivenhaine, riesigen Farmen mit freilaufenden Rindern und eindrucksvollen Weingütern bleibt die Natur in diesem abgelegen Landstrich allgewaltig. Ronda liegt abseitig, noch heute etwas abgeschieden von der Welt, die sich so gern modern nennen lässt. Oben in den Bergen stört nicht das Brummen der Laster oder quält der Gestank der Fabrikschlote, man hört vielmehr das Rauschen der Pinien im Wind und das ausgelassene Zwitschern der Vögel – und sonst hört man nichts. Man wird kaum etwas Besseres für den Seelenfrieden finden als Ronda, Ernest Hemingway hat darauf aufmerksam gemacht.

Der bärtige Schriftsteller hat Ronda über alles geleibt. Besuchen Sie Ronda, wenn Sie wieder mal nach Spanien kommen sollten. Für eine Hochzeitsreise oder mit Ihrer Freundin. Die ganze Stadt und ihre Umgebung gleichen einem romantischen Bühnenbild. Die Stadt liegt 720 Meter über El Tajo, einer steilen Schlucht, Ronda wird architektonisch geprägt von der westgotischen, der maurischen und von der christlichen Tradition. Weiße Häuser stehen direkt an der Klippe, die halbe Stadt balanciert am Abgrund.

Im Mai 1923 besucht Ernest  mit seinen Freunden William Bird und seinem Pariser Verleger Robert McAlmon zu ersten Mal Spanien, es geht auch in den Süden, nach Sevilla, Granada, nach Toledo, Aranjuez und eben auch Ronda. Der Stierkämpfe wegen. Ende der 1950er Jahre kommt er zurück nach Andalusien, zum Abschied, zwei Jahre vor seinem Tod in den Rocky Mountains.

In Ronda, in dieser eindrucksvollen Stierkampfarena, einer der ältesten Spaniens, wohnt er oft dem Spektakel mit den Stieren bei. Das war eine goldene Epoche des Stierkampfes mit Toreros wie Joselito, El Gallo, Juan Belmonte und Granero. Eigentlich ist der moderne Stierkampf in Ronda erfunden worden, die beste spanische Stierkampf-Dynastie kommt aus der weißen Stadt in den andalusischen Bergen.

Die Familie Ordóñez – Cayetano, der Vater und Antonio, der Sohn, beide Freunde von Ernest Hemingway. Antonio Ordóñez gilt als einer der elegantesten Matadores der Geschichte. Über Cayetano Ordóñez hat Ernest Hemingway bereits im Jahr 1926 in seinem Erstlingsroman Fiesta geschrieben, in der Figur eines jungen Toreros namens Pedro Romero.

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Unweit der Plaza de Toros, in einem grünen Park, kommen die Bewohner von Ronda des öfteren an Ernest Hemingway vorbei. Foto by W. Stock, 2019

Der Bildhauer Paco Parra aus Sevilla hat die Reliefbüste gefertigt, aus dunklem Bronzestein. Sie steht am Eingang des Parks zum Mirador de Ronda, gegenüber der Plaza de Toros, man muss an ihm vorbei, will man zu den Klippen. Orson Welles steht vis à vis, beide Amerikaner bilden Spalier für alle von nah und fern. Am Sockel der Büste findet sich eine Huldigung an den Schriftsteller, unter der Überschrift ‚Ronda a Ernest Hemingway‘. Das kann man vielfältig übersetzen, meint aber im Wesentlichen: Ronda verehrt Ernest Hemingway. Und umgekehrt, Ernest Hemingway verehrt Ronda, möchte man anfügen.

In Ronda wird noch heute dem blutigen Spektakel mit den Stieren gefrönt, das andernorts in Spanien längst verboten ist. Die imposante Plaza de Toros dominiert auch in diesen Tagen das Zentrum Rondas, in Barcelona hingegen haben die Katalanen auf die Stierkampf-Arena an der Plaza de España schon vor Jahren ein Einkaufszentrum drauf gesetzt. Tradition bedeutet viel in dem abgelegen Ort, Werte und Sichtweise unterscheiden sich von den leichtlebigen Metropolen an der Küste.

Ernest Hemingway hätte gerne dort gelebt, in seinem Andalusien, in Ronda. Die Treue der Andalusier zu ihren althergebrachten Bräuchen und Riten – vom Stierkampf bis zur Marienverehrung – hat dem ruhelosen Amerikaner stets imponiert. Doch die Last des verlorenen Bürgerkrieges wiegt schwer. So lange dieser alte Fettarsch da regiert und meine Freunde im Gefängnis sind, kann ich dort nicht leben.