An den Fersen von Ernest Hemingway

Das Gewehr, mit dem sich Ernest Hemingway erschoss

Mike Brooks, der Welder aus Ketchum, im April 2018.
Foto: W. Stock

Am 2. Juli 1961, an einem Sonntagmorgen im Sommer, um sieben Uhr dreißig, setzt ein völlig gebrochener und hoffnungsloser Ernest Hemingway seinem Leben ein jähes Ende. Der 61-jährige Nobelpreisträger erschießt sich mit einem zweiläufigen Jagdgewehr im Vestibül am Eingangsbereich seines Hauses in dem Dorf Ketchum, weit oben in den Bergen Idahos.

Ein paar Tage nach dem Schuss lässt Mary Hemingway das Gewehr zu einem Welding Shop bringen, zur örtlichen Schweißerei, mit der strikten Anweisung, die Waffe vollständig zu zerstören und anschließend unauffindbar zu vergraben. Ernest Hemingways Witwe möchte nicht, dass dieses Gewehr zu einer Devotionalie wird, sie möchte mit diesem trübseligen Kapitel wohl auch für sich einen Abschluss finden.

Der Welder aus Ketchum tut wie ihm aufgetragen. Jedoch nicht ganz. Er demoliert die Waffe, zerschneidet sie in drei Stücke. Der Schaft wird zerschlagen, die Stahlteile des Laufes mit dem Schweißgerät auseinander gebrannt. Die verstümmelten Reste des Gewehres werden dann auf freier Lichtung in dem kleinen Ort an den Ausläufern der Rocky Mountains vergraben.

Die Schweißerei gibt es heute noch in Ketchum, Brooks Welding. Das Geschäft liegt an der Warm Springs Road und wird in diesen Tagen von Mike Brooks, dem Enkel von Elvin Brooks geführt. Jener Elvin Brooks ist der Schweißer gewesen, dem damals Hemingways Gewehr übergeben worden ist. Elvin wiederum hat das Gewehr seinem 20-jährigen Sohn Allen überreicht mit dem Auftrag, es in Kleinteile zu zerschweißen.

Allens Sohn Michel, französisch ausgesprochen, den aber alle im Dorf Mike nennen, leitet heute den kleinen Laden, der abseits der Hauptstraße im Norden des Dorfes zu finden ist. Mike ist ein sympathischer Zeitgenosse vom Jahrgang 1958, der im Gespräch mit einer unglaublichen Überraschung aufwartet. Denn Mikes Vater Allen, er ist 2017 verstorben, hat damals zwar das ganze Gewehr zerstört und dann vergraben, jedoch einige Kleinteile als Andenken für sich behalten.

Die Kleinteile des Gewehres, mit dem Ernest Hemingway sich erschoss.
Foto: W. Stock, 2018.

In seinem überschaubaren Büro holt Mike Brooks aus einer Schublade sorgsam eine transparente Plastikschachtel. Der heutige Schweißer hat die eingeheimsten Teile des zertrümmerten Gewehres aufbewahrt, sie sind als kostbare Erinnerungsstücke von einer Generation zur nächsten gewandert. Und nun befinden sich die winzigen Teile von Hemingways Selbstmord-Gewehr im Besitz von Mike Brooks. Stolz breitet der Schweißer die Fragmente auf seinem Schreibtisch aus.

In der kleinen Box liegen sieben Bruchstück: Ein größeres und zwei kleinere zerschmetterte Holzteile des Schaftes, zwei Splitter des Abzugshahns, ein winziger Brocken des Gewehrlaufes und ein Metallstückchen des linken Gewehrschlosses. Es war wohl eine Webley & Scott, meint der Schweißer Mike mit Kennermiene, man kann es an der Eigenart des Gewehrschlosses ausmachen.

Am liebsten würde man sich einen Spaten greifen und nach den verbleibenden Überresten des Gewehres buddeln, die seit ihrer Vergrabung im Jahr 1961 nicht mehr aufgetaucht sind. Doch dies wird schwierig, denn die Überbleibsel hat Batman unter sich begraben. Das geschredderte Gewehr befindet sich in Ketchum wahrscheinlich unter dem riesigen Haus von Adam West, jenem Adam West, der als Schauspieler den Batman in der erfolgreichen TV-Serie aus den 1960er Jahre gespielt hat.

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  1. Kurt Breme

    Guten Tag, alles sehr interessant. Nehme an, Sie kennen auch das lange Gespräch Hotchner und Kaplan in der Kennedy Library. Falls nicht. Sehr interessante Lektüre. Hotchner datiert den Verfall Hemingways und sein Verlust des Schreibens auf die Zeit nach den Flugzeugunglücken in Afrika. Rechnet nebenbei auch mit Lynn ab, aber das werden Sie alles besser wissen als ich.

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