Courage is grace under pressure. Ernest Hemingway.

Courage is grace under pressure. Das Sprichwort taucht bei Ernest Hemingway erstmals auf in einem langen Brief an seinen engen Freund F. Scott Fitzgerald. Am 20. April 1926 schreibt er aus Paris über sein Lieblingsthema, über den Mut beim Stierkampf. Und wirft dem berühmten Kollegen eine Phrase hin. Grace under pressure

Die Menschen zwischen New York und San Francisco sind ganz vernarrt in diesen Ausspruch Ernest Hemingways. Man kann es verstehen: Die Botschaft hinter Grace under pressure ist fest verankert in der DNA des Einwanderungskontinents Amerika und versinnbildlicht die damit zusammenhängende Macher-Mentalität.

Wenn Sie jemanden aus North Carolina oder Texas fragen, wie es ihm geht, so wird er immer sagen, Thank you, I’m fine. Ihm gehe es bestens. Auch wenn er nicht weiß, wie er die nächste Rate fürs Auto zahlen soll oder ihm gerade die Frau mit dem jungen Liebhaber durchgebrannt ist. So tickt der Norden des amerikanischen Kontinents. Gute Miene zum bösen Spiel.

Ernest Hemingway geht allerdings einen Schritt tiefer, sein berühmtes Zitat lautet vollständig: Courage is grace under pressure. Mut meint, unter Druck in Anmut zu handeln. Grace kommt aus dem Lateinischen gratus. Es meint einerseits anmutig und lieblich, anderseits bedeutet es willkommen und erfreulich. Anstand unter Druck. Man tut sich schwer mit jedweder Übersetzung.

Als kleine Fussnote für Hobby-Psychologen. Ernest Hemingways Mutter, zu der zeitlebens er ein angespanntes Verhältnis besaß, heißt Grace. Grace Hall. Es mag ein Zufall sein. 

Das Sprichwort grace under pressure beschreibt die Geisteshaltung dem Leben gegenüber. Es meint, dass ein Kampf, auch wenn er noch so ausweglos erscheint, dennoch mit Stolz, mit Mut und mit Grazie ausgefochten werden muss. So wie der alte Fischer Santiago, ein Mann mit festem Charakter, der seine Hoffnung auf den großen Fang nie aufgibt. A man can be destroyed but not defeated, ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt.

Wenn ein Protagonist Hemingways Grace under pressure verkörpert, dann ist es Santiago, dieser einfache kubanische Fischer, der einen schönen und graziösen Kampf mit dem Marlin ausficht. Und der die gefräßigen Haifische abwehren muss. Und der dann seinen Kampf verliert. Scheinbar. Obgleich behält er – trotz Niederlage – seinen Stolz und die Grazie.

Wir stoßen zu Hemingways tiefem Inneren vor, wenn wir uns klar machen, was für den Nobelpreisträger die größte Drucksituation darstellt. Sein drei Themen sind bekanntlich Leben, Liebe und Tod gewesen. Er, der sein Leben in tiefen Zügen genießt, ist zugleich ständig von Todesangst geplagt, er fürchtet sich vor dem großen schwarzen Nichts. Und dennoch will er der Bestimmung mit Grazie, mit Anmut, entgegentreten.

Mit Anmut verlieren, meint sein Ausspruch letztlich, auf den Kern herunter gebrochen. Oder wenn man das Zitat nochmals dreht: In Würde verlieren. Grace under pressure. Das Sprichwort umschreibt eine Haltung, jene zur menschlichen Begrenzung. Letztendlich ist es die Definition von Leben. Jedenfalls im Sinne Hemingways: Das Leben als ein Scheitern in Würde.

Grazie bis hin zum Ende. Mit dem Mut, die eigenen Werte und Regeln hochzuhalten. Der stärkste Druck unter dem ein Mensch steht, ist, wenn es um das Ringen mit dem Tod geht. Diese Auseinandersetzung benötigt viel Mut. Und in einem zweiten Schritt noch mehr Anmut. Den Tod wird man nicht besiegen können, jedoch die Angst vor ihm kann man in den Griff bekommen.

Anmut vor dem Tod. Darauf läuft Hemingways Gedanke des Grace under pressure hinaus. Nicht zuletzt diesen Spannungsbogen zwischen Leben und Tod symbolisiert der Stierkampf in Spanien. Der kühne Torero vor den todbringenden Hörnern des schwarzen Bullen. Den Tod necken, ihn mit Mut und Anmut kleiner machen. Mehr ist nicht drin für das kleine Menschlein, auch wenn es Ernest Hemingway heißt, eine bittere Lektion. 

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