An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Mario Saavedra-Pinón

Was hat Ernest Hemingway in Peru verloren?

Ernest Hemingway bei der Ankunft in Peru. Der junge Reporter Mario Saavedra-Pinón vom El Comercio aus Lima holt sich ein Autogramm ab. Talara, den 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias.

Auch wenn das Leben des bärtigen Amerikaners bis in kleinste Winkel bestens ausgeleuchtet ist, so weiß man über Ernest Hemingways Abstecher nach Peru im April und Mai 1956 nicht allzu viel. Seine fünf Wochen in Cabo Blanco, so sie denn überhaupt Beachtung finden, bleiben in den Biographien und Abhandlungen über den prominenten Autoren seltsam konturlos und meist auch fehlerhaft. Es mag dem Umstand geschuldet sein, dass sein Ziel diesmal doch weit ab vom Schuss liegt.

Cabo Blanco? Was zum Teufel sucht der Nobelpreisträger, dieser freche Abenteurer und rastlose Schürzenjäger in einem abseitigen Nest wie Cabo Blanco? Ein vergessenes Fischerkaff mit gerade einmal 500 Bewohnern. Peru bleibt, das mag erstaunen, das einzige Land Südamerikas, das Ernest Hemingway jemals bereist hat.

Der amerikanische Nobelpreisträger kennt die Karibik gut, Kuba, die Bahamas, die Florida Keys, er hat mehrmals Mexiko besucht, doch Südamerika bleibt für den allseits anerkannten Schriftsteller Terra incognita – mit der bemerkenswerten Ausnahme Peru. Er, der Kosmopolit und Weltenbummler, hat sich nie das ausschweifende Rio de Janeiro angeschaut, nicht das betuliche Montevideo und das frühlingshafte Buenos Aires muss ebenfalls auf ihn verzichten.

Hingegen begibt er sich wochenlang nach Cabo Blanco, in ein trostloses Kaff mit ein paar ärmlichen Bretterbuden an einer staubigen Dorfstraße. Der berühmte amerikanische Autor, zwei Jahre zuvor hat man ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen, reist in ein doch ziemlich vergessenes Eckchen dieses Erdballs.

Dabei wird der Aufenthalt in Cabo Blanco am peruanischen Pazifik bedeutsam für den Schriftsteller, in vielerlei Hinsicht. Ernest Hemingway gibt in dem umwerfenden Spanien-Roman Gefährlicher Sommer seinen Lesern dazu einen ersten Fingerzeig.

Von Ende Juni 1954 bis August 1956 waren wir auf Kuba und arbeiteten. Ich war in schlechter Verfassung. Ich hatte mir bei Flugzeugabstürzen in Afrika schwere Rückenverletzungen zugezogen und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Niemand wusste genau, was aus meinem Rücken werden würde, bis wir das Ganze vor Cabo Blanco in Peru auf die Probe stellten, als wir für den Film ‚Der alte Mann und das Meer‘ einen riesengroßen Marlin fischen mussten.

Er hat sich wiederum einiges vorgenommen. Der Schriftsteller will in Peru endlich wieder voll auf die Beine kommen, körperlich wie mental. Und möglicherweise auch als Schreiber. Für ambitionierte Herausforderungen ist Cabo Blanco wie geschaffen. In dieses Angelparadies am wilden Pazifik kommen Ernest Hemingway und seine Freunde, um einen schwarzen Marlin zu fangen.

Im Ozean vor Cabo Blanco finden sich gigantische schwarze Marline, ein Fisch over fifteen hundred pounds. Es ist jener riesige Marlin, der in Hemingways fabelhaftem Roman Der alte Mann und das Meer neben dem alten Mann Santiago und dem Jungen Manolín die Hauptrolle spielt.

In Cabo Blanco sollen

Niemand in Peru kennt Ernest Hemingway so gut wie Mario Saavedra

Im Cabo Blanco Fishing Club laufen sich Ernest Hemingway und Mario Saavedra häufig über den Weg. Begegnungen, die oft an der Bartheke des Klubs münden.
Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Guillermo Alias

In Cabo Blanco kriegt der 27-jährige Mario Saavedra-Pinón vom feinen El Comercio sogleich einen guten Draht zu dem berühmten Schriftsteller. Saavedra ist trotz seiner jungen Jahre bereits Jefe de Información bei seiner Zeitung, was in etwa einem Ressortleiter entspricht. Der junge Mario ist vom Nobelpreisträger hin und weg und schreibt in seiner Zeitung: „Ernest Hemingway strahlt eine kraftvolle außergewöhnliche Sympathie aus. Wenn man sich mit ihm unterhält, meint man, ihn schon das ganze Leben lang zu kennen.“

Mario Saavedra schafft es sogar, für ein paar Tage im Fishing Club unterzukommen, der junge Redakteur aus Lima kann ein Zimmer auf der unteren Etage des Klubhauses ergattern, nur wenige Türen von den Hemingways entfernt. So lässt es sich kaum vermeiden, dass sich der Nobelpreisträger und Mario Saavedra im Klubhaus des Öfteren über den Weg laufen, von dem berühmten Schriftsteller kommt dann ein freundliches Hola Mario, meist verbunden mit der Einladung auf einen Whiskey.

Mario Saavedra bleibt mit den Hemingways acht Tage im Fishing Club, rechnet man sein frühes Eintreffen am 13. April mit ein, dann werden es elf Tage. In El Comercio erscheinen in jenen Tagen insgesamt knapp 30 Berichte über Ernest Hemingway in Cabo Blanco, Interviews, größere und kürzere Meldungen, allesamt aus Marios Feder. „Hemingway llegó a Talara con su esposa“ – Hemingway kam mit seiner Ehefrau in Talara an – so überschreibt Mario Saavedra-Pinón seinen ersten Artikel in El Comercio vom 17. April 1956.

Dann kann man in Limas wichtigster Tageszeitung Folgendes lesen: „Ernest Hemingway, der berühmte US-Schriftsteller, kam heute Morgen um 7,25 Uhr in dieser Stadt an, begleitet von seiner Ehefrau Mary, dem Bootskapitän Gregorio Fuentes, der Hemingways Yacht Pilar betreut, und in Begleitung des Sportsmannes Elicin Argüelles.“ Und stolz berichtet Mario Saavedra seinen Lesern in ganz Peru dann von seinem ersten Husarenstreich: „Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1954, und einer der berühmtesten Schriftsteller Nordamerikas unserer Zeit, gewährte El Comercio ein Interview, keine halbe Stunde, nachdem er in Cabo Blanco angekommen war“.

Es ist gegen zehn Uhr am Vormittag, der junge Redakteur und der weltberühmte Schriftsteller unterhalten sich eine gute Stunde. „Der Autor von Der alte Mann und das Meer, er ist etwa sechs Feet groß,“ – das sind knapp 1,83 Meter – „er zeigt sich sehr vital und seine Gesichtszüge werden von einem Lächeln gezeichnet. Er hat eine von der Sonne gebräunte Haut. Und er spricht ein fast perfektes Spanisch“, so leitet Mario Saavedra-Pinón sein Interview für El Comercio ein, das sich dann über ganze drei Zeitungsseiten erstreckt.

Ein wahrer Coup, der Mario mit dem Interview gelungen ist, so nah und so oft kommt man selten an den Schriftsteller. Südamerikanische Journalisten pflegen in ihren Artikeln meist eine blumige Sprache. „Hemingway sieht aus wie ein alter Seebär, mit einem breiten Lächeln und einem kräftigen Händedruck“, fährt Mario Saavedra in seiner Zeitung fort, bevor er dann mit seinen Fragen loslegt.

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Mario Saavedra ist einer der großen Journalisten Perus. Für ihn, so erzählt er mit knapp 90 Jahren, sei die Begegnung mit Ernest Hemingway mit die wichtigste seines Lebens gewesen. Lima Miraflores, im März 2017. Foto: R. Stock

Mario Saavedra zeigt sich begeistert von dem Interview und dem amerikanischen Schriftsteller. „Hemingway ist unerschöpflich und es ist ganz einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Er ist stets neugierig, immer wieder stellt er Fragen zu unserem Land, zu Peru.“ Der junge Journalist merkt, er befindet sich in einer Glanzstunde seines beruflichen Lebens. Und möglicherweise

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