Das Grand Hôtel de Londres an der Asmalı Mescit hat die besseren Tage Konstantinopels miterlebt. Heute erinnert in dem Hotel nichts mehr an den Gast Ernest Hemingway. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Am 29. September 1922 kommt Ernest Hemingway nach Istanbul, nach Konstantinopel, wie die türkische Metropole damals hieß, er soll für den Toronto Daily Star über die Friedensgespräche nach dem griechisch-türkischen Krieg schreiben. John Bone, der Chefredakteur des Star, hat seinen Paris-Korrespondenten an die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident geschickt, weil in der Türkei die westliche Einflusssphäre verschoben wird.

Der 23-jährige Hemingway kommt mit dem Simplon-Orient-Express vom Pariser Gare de Lyon über das bulgarische Sofia nach Konstantinopel. Neben dem Toronto Star verdient sich Ernest etwas dazu, indem er unter Pseudonym die Hearst INS-Nachrichtenagentur von Frank Mason beliefert. Als John Hadley bessert er so mit Nachrichten für den amerikanischen International News Service sein spärliches Korrespondenten-Honorar auf.

Nach der Ankunft in der Türkei gerät Ernest Hemingway alsbald in Zwiespalt. Constantinople is noisy, hot, hilly, dirty, and beautiful. Die Stadt sei laut, heiß, hügelig, verschmutzt und wunderschön. Ankara ist wie eine Ehefrau, sagen die Einheimischen, Istanbul wie eine Geliebte. Kleine Cafés, winzige Läden, vor den Geschäften sitzen die Männer auf Holzkisten, rauchen viel und reden noch mehr, an den Zeitungskiosken wird lautstark die politische Lage diskutiert.

Zuerst steigt Ernest Hemingway im Grand Hôtel de Londres im europäischen Stadtteil Pera ab, fünf Tage später siedelt er in das Hôtel Montreal über. Mehrmals wird er die Unterkunft wechseln, der Mann aus Chicago ist nicht zufrieden mit dem Standard im alten Konstantinopel. Die Mücken beißen ihn, die Bettflöhe stechen, die Wanzen piesacken.

Kurz nach seiner Ankunft erkrankt Ernest Hemingway schwer. Mit hohem Fieber lässt er sich zur britischen Klinik fahren, in der er als Notfall behandelt wird. Eine Malaria wird von den Ärzten diagnostiziert, er bekommt Chinin und Aspirin. Der Journalist lässt sich bei einem türkischen Barbier die Haare vom Schädel rasieren, um den Läusen beizukommen. Seine Krankheit hält ihn nicht davon ab, die Stadt unsicher zu machen, auch bei den Bordellen im Galata-Viertel schaut er rein. Seine Artikel für den Toronto Star bilden keine große Herausforderung für ihn, er speist sie überwiegend aus den westlichen Quellen vor Ort.

Doch irgendwie erscheint Ernest Hemingway verloren in dieser ihm unbekannten Welt. Er ist kein Kind von Traurigkeit, er in Konstantinopel, die Ehefrau Hadley in Paris. Und an diesem Abend, als er sich vor Sehnsucht nach ihr innerlich ganz leer und elend fühlte, ging er am Maxim vorbei, las ein Mädchen auf und lud sie zum Essen ein. Hinterher nahm er sie in ein Tanzlokal mit, aber sie tanzte schlecht, und er tauschte sie gegen eine scharfe armenische Nutte, die ihren Bauch so heftig an ihm rieb, dass sie ihn beinahe versengte. 

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Im Pera Palace Hotel, dem ersten Haus am Platz, findet Ernest Hemingway im Oktober 1922 schließlich eine angemessene Unterkunft. Foto: W. Stock, Februar 1922.

Ernest Hemingway spricht in seinen Artikeln offen über seine Befindlichkeit und auch über seine Gefühle, einerlei ob er sich selbst damit in ein schlechtes Licht stellt. Diese Subjektivität ist neu im Journalismus jener Tage und auch bei den Buchautoren. Wenn man seine Zeilen richtig deutet, so merkt man, er fühlt sich einsam und alleine, trotz der quirligen Welt da draußen.

Sein erster Artikel lautet British Can Save Constantinople, er ist auf den 30. September 1922 datiert, seine letzte Depesche unter der Überschrift Refugees from Thrace läuft unter dem Datum 14. November 1922. Insgesamt schreibt Ernest Hemingway 20 Artikel über seinen Abstecher nach Konstantinopel und in die Türkei. Trotz der zahlreichen Artikel bleibt dem Amerikaner die Welt des Orients verschlossen.

Er versteht nicht, was sich da vor seinen Augen abspielt. Ernest ist gerade 23 Jahre alt, der junge Mann aus Übersee begreift weder Ursachen noch Auslöser dieses Konfliktes. Wer sind die Guten? Und wer die Bösen? Er findet keine Antwort auf seine üblichen Fragen. Als Reporter ist er gewohnt, nahe heranzugehen, doch diesmal sieht er nur den Ausschnitt. Er ist kein Fachmann für Politik, Wirtschaft oder Soziales, hier steht vielmehr ein unbedarfter Kerl vor einer dunklen Inszenierung.

Als Ernest Hemingway auf der Rückreise durch das ehemalige Kriegsgebiet in der europäischen Türkei fährt und die langen Flüchtlingstrecks aus Männern, Frauen und Kindern Richtung Griechenland ziehen sieht, da zeigt er sich schockiert. Später hatte er Dinge gesehen, an die er niemals denken konnte, und noch später hatte er noch viel Schlimmeres gesehen. Als er dann nach Paris zurückkam, konnte er nicht darüber sprechen und hielt es kaum aus, wenn andere davon anfingen.