Ernest Hemingway tut sich schwer mit der ihm fremden Welt des Orients. Eingang zur Eyüp-Sultan-Moschee in Istanbul. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Es ist Herbst 1922, Ernest Hemingway gefällt sich als ein Reporter mit Haut und Haaren, neugierig und abenteuerlustig. Doch sein Aufenthalt in Konstantinopel wird seine beruflichen Prioritäten gehörig durcheinander wirbeln. Seine Depeschen für den Toronto Daily Star über den griechisch-türkischen Krieg tragen maßgeblich dazu bei, dass er sich dem Journalismus entfremdet und der Schriftstellerei nähert.

Er möchte in der Welt umherreisen und darüber schreiben, so hat es der 17-jährige Ernest Hemingway in der Chronik seiner Schule verlauten lassen. Und der Dickkopf aus Oak Park setzt seinen Wunsch durch. Er hatte gesehen, wie die Welt sich veränderte; nicht nur die großen Ereignisse; obwohl er viele davon miterlebt und die Menschen beobachtet hatte, aber er hatte die feineren Veränderungen gesehen, erinnert er sich 1936 in seiner Kurzgeschichte Schnee auf dem Kilimandscharo und zieht für sich das Resümee. Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Pflicht, darüber zu schreiben.

Seine Pflicht? Dies hört sich schon weniger nach einer Berufung an, eher nach einem Muss an, im Zweifel nach einer lästigen Verpflichtung, jedenfalls fehlt irgendwie die Lockerheit, die diesen kraftvollen Mann so auszeichnet. Dabei vermag Ernest Hemingway wunderbar zu schreiben, so packend, so kurzweilig, so anschaulich. Und so lässig.

In seinem Artikel Hamid Bey für The Toronto Daily Star, der am 9. Oktober 1922 veröffentlicht wird, reportiert Ernest Hemingway launig aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul: Bismarck meinte, alle Männer, die im Balkan ihre Hemden in die Hose stecken, sind Ganoven. Die Hemden der Landarbeiter, natürlich, hängen heraus. Die hohen Funktionäre der Kemal-Bewegung, denen der Amerikaner begegnet, tragen, wenig überraschend, das Hemd in ihre feine Anzugshose gesteckt.

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Neben anderen illustren Gästen ziert Ernest Hemingways Portrait die Wand des Restaurant Agatha im Pera Palace Hotel von Istanbul. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Ernest Hemingway ist blutjung, ein Bursche ohne Hochschulstudium und fern der Familie, als er mit 23 Jahren in die ihm unbekannte Welt des Orients geschmissen wird. Er kommt aus der behüteten Oberschicht des Mittelwestens bei Chicago und findet sich mit einem Mal in der wild umher schlingernden Exotik Konstantinopels wieder. Dieser quirlige Alltag, ebenso wie die osmanische Kultur, erst recht dieser brutale Krieg müssen dem Europa-Korrespondenten des Toronto Daily Star mehr als sperrig vorkommen. Ob im Journalismus wirklich seine Passion liegt?

Der Krieg zwischen Türken und Griechen, der von 1919 bis 1922 gedauert hat, ist nun vorüber, die Friedensgespräche beginnen. In seinen Artikeln für die kanadische Tageszeitung offenbart Ernest Hemingway mehr seine persönlichen Eindrücke über die Sitten und Gebräuche des Orients, es fehlt fast vollständig die politische Analyse. Wenn er mal über Politik schreibt, dann geht er nicht in die Tiefe, er beschreibt die Oberfläche und begnügt sich damit, diese in sein humanistisches Weltbild einzuordnen. Aus Unsicherheit jedoch traut er sich nur ins flache Wasser.

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In Konstantinopel vollzieht sich der Wandel vom Journalisten zum Schriftsteller. Das Portrait Ernest Hemingways im Schlafzimmer der Suite 220 des Pera Palace. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Die drei Wochen seiner Türkei-Reise legen die Stärken und Schwächen dieses amerikanischen Auslandskorrespondenten schonungslos offen. Er ist ein bärenstarker Abenteurer, einer, der bereit ist, dorthin zu gehen, wo der Pulverdampf schwelt. Vor allem kommt in den Artikeln sein großes Talent zur Geltung: Ernest besitzt ein waches Auge, er vermag schnell und präzise zu beobachten. Und – es ist eine Gottesgabe – er kann einzigartig formulieren.

Wenn es allerdings darum geht, historische Begebenheiten und aktuelle Ereignisse zu durchdringen und einzuordnen, dann kommt Ernest Hemingway schnell an seine Grenzen. Diese analytischen Mängel stehen in krassem Gegensatz zu seiner begnadeten Schreibe. Wahrscheinlich hat er diese Schwachstelle selber bemerkt.

Prompt liegt der Amerikaner in seiner politischen Beurteilung oft daneben. Die Depeschen aus Konstantinopel aus dem Oktober 1922 machen dies deutlich. So kanzelt er Mustafa Kemal Atatürk als einen Hasardeur ab, als Opportunisten und Scheinheiligen. Sollte er jemals die Türkei regieren, schreibt Hemingway, so würde er einer fundamentalistischen Linie folgen, mit Verboten und Entbehrungen für das Volk. Seine Einschätzung wird sich als grundlegender Irrtum herausstellen, das Gegenteil geschieht.

Der Tagesjournalismus mit all der politischen und wirtschaftlichen Komplexität verwirrt ihn. Oder wie er einem Freund sagt: Ich bin betrunken von dem Abfassen all der Depeschen. Zurück in seiner Traumstadt Paris ist für ihn sein weiterer Berufsweg klar. Er spürt, nicht der Journalismus, sondern Schriftsteller ist sein Ding.