
Manche Cover von Ernest Hemingways Werken – hauptsächlich jene Umschläge aus den USA – sind ein optischer Genuss. Gerade an Fiesta und Der alte Mann und das Meer haben sich zahlreiche Künstler versucht, meist mit mittelprächtigem Erfolg. Nun gilt es, von einem Kleinod aus Europa zu berichten. Denn Fiesta – jenes Romandebüt, das Hemingway zu großen Teilen in Pamplona spielen lässt – überrascht uns mit einer baskischen Ausgabe.
Dies ist ein beachtenswertes Unterfangen, zumal Baskisch eine weitgehend isolierte Sprache ist, die von lediglich 800.000 Menschen in Nordspanien und Südfrankreich gesprochen wird. Das Baskische ist die einzige Sprache in Westeuropa, die nicht zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Baskisch wird lediglich im Pyrenäengebiet, im Baskenland und in Navarra, sowie in Teilen des südwestlichen Frankreichs gesprochen.
(Ich frage mich, wie kalkuliert man ein Buch für eine solch begrenzte Zielgruppe? Wir haben damals bei ECON bei einer theoretischen Leserschaft von 100 Millionen Käufern (D, A, CH) meist eine Erstauflage von 3.000 Exemplaren gedruckt. Auf die baskische Ausgabe gerechnet, würden wir da bei 24 Exemplaren liegen. Wie will man bei solchen Zahlen den Übersetzer, die Grafik und den Druck finanzieren? Aber dies ist eine andere Geschichte.)
Ernest Hemingway besaß zeit seines Lebens eine innige Beziehung zu diesem Landstrich. Oft und gerne hat er die Region zwischen San Sebastián und Bilbao bereist. Die Sanfermines im Juli in Pamplona sind ein heiliger Termin in seinem Kalender. Kultur und Charakter der Basken mag der US-Amerikaner aus tiefem Herzen. Viele Exil-Basken gehören auf Kuba zu seinem Freundeskreis.
Die Zeichnung auf dem Cover der baskischen Ausgabe stammt von dem Illustrator und Comic-Zeichner Antton Olariaga. Auf Baskisch heißt es im Impressum: Liburuaren azala eta diseinua: Antton Olariaga. Buchumschlag und Gestaltung: Antton Olariaga. Bekanntlich heißt Hemingways Buch in Europa Fiesta, in den USA ist man bei dem emotionalen Titel The Sun Also Rises geblieben. Im Baskischen gerät der Werkname beinahe zum Zungenbrecher: Eguzkia jaikitzen da. Im Jahr 2021 ist die Übersetzung beim Verlag Erein & Igela erschienen.

Dabei nutzt Antton Olariaga einen Kniff, der in der Branche als Umrandungs-Technik bezeichnet wird. Der Kölner C. O. Paeffgen hat dieses Verfahren in Deutschland zur Perfektion gebracht. Anhand einer realen Vorlage werden Personen und Gegenstände mit dickem Stift eingefasst. Sie kommentieren den Alltag auf subtile, bisweilen ironische Weise. Durch die Umrandungen erhalten die Werke eine ausgeprägte Brechung, sie verleihen den Motiven eine ungewohnte Wirkung, das Original bekommt bisweilen gar eine neue Dimension.
Solche Skizzen halten in der Regel fotografische Szenen fest, sie frieden ein und fokussieren die Aufmerksamkeit auf Details. Der Betrachter wird durch die Umrandungen auf Personen und Utensilien gelenkt, die einem sonst womöglich entgangen wären. Das Bild bekommt eine andersartige Perspektive, eine innere Tiefe, eine neue Gestalt und manchmal auch eine neuartige Botschaft. Diese Doppeldeutigkeit besitzt mitunter einen Schuss feiner Ironie, es ist wie bei guter Satire, man kann sich nie sattsehen.
Vor allem als Comic-Zeichner und Karikaturist hat Antton Olariaga sich einen Namen gemacht. Er ist ein bekannter baskischer Illustrator, 1946 in der Nähe von San Sebastián geboren. Seit den 1970er Jahren hat er zudem zahlreiche Buchcover entworfen. Sein Stil setzt auf vereinfachte Figuren, warme Farben und leicht persiflierte Gesichter – es entspricht genau der Zeichnung auf diesem Hemingway-Cover.
Die Szene selbst ist von einem berühmten Foto aus dem Jahr 1925 inspiriert. Der Schriftsteller sitzt mit Freunden auf der Veranda eines Cafés in Pamplona. Vermutlich entstand das Foto vor dem Café Iruña oder vor der Bar Txoko, beide an der Plaza del Castillo. Man kann den dunklen Hintergrund schwer ausmachen. Diese Lokalitäten spielen jedenfalls eine Hauptrolle in Hemingways erstem großen Roman, der im Oktober 1926 erschien, und das Lebensgefühl der Lost Generation einfängt.
Antton Olariaga hat diese Szene eines historischen Fotos mit dem späteren Nobelpreisträger frei interpretiert. So treffsicher, dass dieses Cover im Nu zu einem meiner Lieblinge geworden ist. Denn es vereint – ganz im Sinne des Meisters der Lakonik – Tradition und Fortschritt zugleich. Besser – Maestro – lässt sich Hemingway kaum ins Bild setzen! Ein meisterhaftes Cover. So sollte es bei diesem Jahrhundert-Autor immer sein.
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