An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Ernesto Hemingway

Señor Hemingüey im Paradies

Der Gringo Ernest Hemingway auf Kuba. Es werden zwanzig glückliche Jahre.
Grafik: Filippo Imbrighi, Roma

Der bärtige Amerikaner liebt Kuba über alles und die Lebensart der Kubaner nicht minder. Von 1939 bis 1959 wird er auf der tropischen Insel seinen Wohnsitz nehmen, am Rande des Dorfes San Francisco de Paula, es werden zwanzig Jahre voller Glück und Erfüllung. Finca Vigía, für ihn das Paradies auf Erden, dient als Idyll des Rückzugs und der Tollheit zugleich, ein tropischer Palmengarten, der alles bietet, was ein Mann zum Glücklichsein so braucht.

Sein ländliches Anwesen im Süden von Havanna ist wohl Luxus, allerdings kein Protz, eher gediegener tropischer Komfort, der den Alltag angenehm und leicht fließen lässt. Auf Kuba baut sich Ernest Hemingway schnell einen ansehnlichen Freundeskreis auf. Ernest Hemingway pflegt seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält er eher Abstand.

Der Tag des Schriftstellers folgt einem festen Rhythmus: Den ganzen Vormittag schreibt er eifrig an seinem Manuskript, einerlei wie lang und feucht die Nacht zuvor ausgefallen ist. Dann ein leichtes Mittagessen, gefolgt von einer ausgiebigen Siesta, oft über zwei Stunden, den Nachmittag hält er sich frei. Für Cojímar, den Golfstrom, für einen Abstecher in die Hauptstadt. Zweimal in der Woche fährt er mit dem Lincoln Continental ins El Floridita. Der Tag klingt abends mit dem geselligen Teil aus, in Havanna oder auf Finca Vigía.

Der weltbekannte Schriftsteller kann wunderbar mit den einfachen Menschen, mit jenem Menschenschlag, der ohne groß nachzudenken in den Tag lebt. Gerade die Einfachheit des Lebens zieht ihn auf Kuba an, denn eigentlich ist Ernest Hemingway ein unkomplizierter Mensch, einer jedenfalls, der nicht so viel nachdenken möchte. Auf Kuba ist er der Mensch, der er immer sein wollte. Vor allem ist er ein Mensch, der mit jeder Pore merkt und spürt, dass er lebt, richtig lebt.

Es fühlt sich wunderbar an, dieses unbekümmerte Leben auf seiner sonnigen Insel, die er so sehr braucht, um den Akku für die kühle Welt aufzuladen. Für seine Reportage-Reisen in den Zweiten Weltkrieg, für die Schlacht im Hürtgenwald der Schneeeifel, für die Trips nach New York oder ins kalte London. Auf seiner Finca Vigía hingegen herrscht unentwegt Hochsommer, der Frühling findet an einem Dienstagnachmittag im Mai statt, der Winter bleibt ein gänzlich unbekanntes Phänomen. 

Der Schriftsteller braucht diese sommerliche, wolkenlose Natur, die ihn erwärmt. Der eisige Winter fühlt sich für ihn an wie ein kleiner Tod. Einzig in der Natur folgen dem kalten Winter stets die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Im richtigen Leben geht das nicht. Der bärtige Schriftsteller ist kein großer Freund der Kälte und des Winters. Er weiß, am Ende all der Abenteuer da draußen, nach all den Eskapaden und Grausamkeiten wartet sein tropischer Garten Eden auf ihn. 

Und so trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, der barfuß oder in einfachen Schlappen herum läuft und am liebsten

Un saludo al Peru – von Ernesto Hemingway

Un saludo al Peru. Ernesto Hemingways herzlicher Gruß an sein Gastland im El Comercio vom 17. April 1956.
Photo by W. Stock

Das Interview von Mario Saavedra mit Ernest Hemingway ist schon ein großer Wurf. Doch in der Ausgabe des El Comercio entdecke ich noch eine wundervolle Rarität. Für die Leser der peruanischen Tageszeitung verfasst Ernest Hemingway eine kurze Widmung, die an diesem 17. April 1956 unter dem Interview – fast so groß wie eine Postkarte – abgedruckt wird. A el El Commercio de Lima. Un saludo al Peru, Ernesto Hemingway.

Das liest sich sehr hübsch. Un saludo al Peru, ein Gruß an Peru und an die Peruaner. Allerdings merkt man, dieser Ernest Hemingway wirkt ein wenig fahrig, vielleicht wegen des heißen Klimas oder des langen Fluges. Die Einleitung der Widmung jedenfalls geht grammatikalisch etwas schief und El Comercio schreibt der amerikanische Schriftsteller falsch als El Commercio mit Doppel-M, wie es bei diesem Begriff im Englischen üblich ist.

Un saludo al Peru bleibt ein freundlicher Gruß eines dankbaren Gastes an seinen Gastgeber. Von den kleinen Patzern abgesehen, schreibt Ernesto Hemingway ein ganz feines peruanisches Spanisch, denn die Peruaner verwenden üblicherweise mit el Peru den bestimmten Artikel vor ihrem Land, die meisten Länder kommen ja artikellos daher. Und deshalb heißt es, wie Hemingway richtigerweise schreibt, ‚un saludo al Peru‘, wo ein Nichtkenner wahrscheinlich ‚un saludo a Peru‘ formuliert hätte. Möglicherweise hat ihm der Peruaner Mario Saavedra bei dieser Formulierung ja auch ein wenig die Feder geführt.

Diese Widmung bleibt jedenfalls bemerkenswert. Alleine ihr zeitiger Abdruck stellt eine logistische Meisterleistung dar. Denn ein Interview nebst Fotos und dem Faksimile vom 16. April mittags bis zum gleichen Abend die 1.200 Kilometer nach Lima zu bringen, damit beides am nächsten Morgen in der Zeitung erscheinen kann, da muss man schon verdammt clever vorgehen.

Denn wir sprechen hier vom Jahr 1956, von Cabo Blanco, von einem verlassenen Kaff am peruanischen Pazifik, vom hinteren Hinterland eines verarmten Landes, kein Kabel, kein Ticker, keine Wirephotos. Und trotz aller Widrigkeiten schafft es der clevere Mario Saavedra mit Hilfe einer Faucett-Stewardess, diesen herzlichen Gruß an Peru und seine Bewohner vor Druckschluss bei seiner Tageszeitung abliefern zu lassen.

Interessanterweise unterschreibt Ernest Hemingway seine Widmung mit Ernesto Hemingway. Kein angelsächsisches Ernest Hemingway. Solches gefällt in

Ernest Hemingway? Ernesto!

FiestaErnesto

Zaragoza, Oktober 1956. Von Ernesto Hemingway.

Ernest Hemingway hat Tausende von Büchern und Photos signiert. Und wenn er sich dabei in besonderer Laune befindet, oder gar in tropischen Breiten weilt, oder in Spanien, dann rutscht dem Ernest als Signatur oft ein Ernesto aus der Feder.

Sicher, dieser Ernest Miller Hemingway aus Oak Park bei Chicago ist ein US-Amerikaner, ein Gringo, aber irgendwie scheint er durch zu sein mit seiner Heimat. Auf Kuba hingegen, auf Finca Vigía, findet er sein Refugium.

Ernest Hemingway mag die Kubaner und die Kubaner mögen Ernest Hemingway. Auf der Insel, in Havanna, in San Francisco de Paula oder in Cojímar ist der Autor bekannt wie ein bunter Hund.

Wo immer Ernest auftaucht, er wird rasch von einer Menschentraube umringt und man hört die Menschen laut und heiter Papa, Papa rufen. Oder sie sagen zu ihm Mister Papa. Manchmal nennen sie ihn auch kubanisch verballhornt Mister Heminguey.

Egal wie man ihn nennt oder ruft, es endet in Liebe. Hemingway kann gut mit den einfachen Menschen, die entspannt und unbeschwert im hier und heute leben und nicht wie die Eierköpfe aus seinem Land alles hinterfragen und überdenken. Das Unverkrampfte und die Genügsamkeit des Alltags auf Kuba ziehen ihn an, denn es ist ihm ein Graus, viel nachzudenken, weil es am Leben hindert.

Ernest Hemingway mag die Kubaner und genauso mag der die karibische Lebensart. Auf Finca Vigía wird der bärtige Schriftsteller zu dem Menschen, der er immer sein wollte. Der Familienvater, der Frauenheld, der Freund des Meeres, der Lebemann, jedenfalls einer, der das Leben in vollen Zügen genießt.

Auf Kuba stolziert Ernest Hemingway nicht als gefeierter Autor durch den Tag, auch nicht als Nobelpreis auf zwei Beinen, sondern als einfacher Mensch. Auf Finca Vigía ist er der Mann, der sich mehr oder weniger als ein Kubaner fühlt, und den die Einheimischen wohl auch deshalb Don Ernesto nennen. Und dieses Ernesto, Hemingway weiß um die Kraft der Sprache, festigt sich über die Jahre mehr und mehr zum Glaubensbekenntnis. Beidseitig.

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