Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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Ernest Hemingways ‚The Sun Also Rises‘: Nach wie vor liegt ein Summen über der Stadt

Hemingway
Vor genau 100 Jahren erschien The Sun Also Rises. In Europa heißt der Roman Fiesta. Mit diesem Buch gelingt Ernest Hemingway ein Quantensprung in der englischsprachigen Literatur.

Als im Oktober 1926 sein erster Roman erscheint, beginnt für den ehrgeizigen Neuling eine beispiellose Weltkarriere. Ist Ernest Hemingways Fiesta nach 100 Jahren angestaubt? Von wegen! In Wirklichkeit ist die Erzählung aus Pamplona verdammt aktuell.

Von Wolfgang Stock

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Ernest Hemingways Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der junge US-Autor zu großen Teilen sein Erstlingswerk Fiesta spielen. Hinter den Pyrenäen werden seltsame Volkstraditionen gepflegt. Die Tage sind erfüllt mit gottesfürchtigen Prozessionen und die Nächte mit dem Gedröhne lauter Musikkapellen. Gigantes und Cabezudos, vier Meter hohe Riesenpuppen und heitere Großköpfe, streifen durch die Altstadt. Zwischendurch werden Stoßgebete in einer knorrigen Sprache gen Himmel gesandt, und ansonsten brave Frauen und Männer tanzen außer Rand und Band in Trommeltrance, mit Kränzen aus Knoblauch um den Hals.

Die Fiesta de San Fermín beginnt alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zu dem am Mittag Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Nach acht Tagen enden die Sanfermines stets am 14. Juli um Mitternacht mit dem vereinten Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Um das katholische Fest herum entwirft der 27-jährige Besucher Ernest Hemingway, der damals in Paris lebt, ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, das Buch wird auf Anhieb ein Riesenerfolg.

Gefeiert wird in Pamplona zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Der fromme Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden der Überlieferung nach aus Frankreich in die Heimatstadt überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das zum Fest getragen wird – erinnert an sein tragisches Schicksal.

Seit 1591 werden in Pamplona die Sanfermines gefeiert, noch älter ist der Lauf vor den Stieren. Ein übermütiges Ritual, das im Mittelalter aus dem Auftrieb des Viehs zum Markt durch Metzgerburschen entstanden ist. Jeden Morgen werden beim Encierro aus den Stallungen im Norden wilde Kampfstiere durch die engen Gassen zur Plaza de Toros gehetzt, wo sie am Abend von den Matadores im Kampf blutig abgeschlachtet werden. Dieses morbide Treiben – als berauschendes Volksfest zelebriert – passt irgendwie gut zu den hoffnungslosen Besuchern aus Paris und zu den dunklen Wolken, die über Europa hängen. 

Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona. Der Autor aus einem verschlafenen Vorort von Chicago, er ist vom Jahrgang 1899, zeigt sich bei seinem Trip in die Hauptstadt Navarras elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel. Zwischen 1923 und 1959 hat er die Stadt zehnmal besucht, mit einer langen Pause von anderthalb Jahrzehnten nach dem verlorenen Bürgerkrieg. Ab 1953 ist der Schriftsteller dann wieder häufig in Nordspanien.

Der Lautsprecher einer verlorenen Generation

Die Veröffentlichung im Oktober 1926 wirkt wie ein Paukenschlag. Mit The Sun Also Rises erreicht die literarische Moderne einen neuen Markstein. Ein neuer Stoff, ein neuer Stil, ein neuer Autor. Ungeschminkt fängt ein vorlauter Kerl den Defätismus und die wabernde Untergangsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg in einer forschen Erzählung ein. Stürmisch vergnügt man sich in den Roaring Twenties, doch vieles bleibt schöner Schein. Tief im Innern erblicken wir eine bedrückte und verlorene Generation. 

Der Ausdruck You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein, eine einflussreiche Mäzenin, die mit einem literarischen Salon in der Rue de Fleurus Hof hält. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh umschreibt derart den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918. Von ihr, sie wird Hemingways Mentorin, hat Ernest den Tipp erhalten, den Encierro zu besuchen. Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. In jenen Tagen ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis in der damals 35.000 Einwohner zählenden Provinzstadt.

Nach dem großen Krieg in Europa sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der weitgehend friedfertigen Belle Époque mit einem Mal wie weggeblasen. Was zählen die Erfindungen wie Flugzeug, Automobil und Ozeandampfer angesichts des schrecklichen Krieges? Die Schlacht mit ihren Grabenkämpfen ist abscheulich gewesen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird.

Eigentlich wäre die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, ein friedvolles Wertesystem aufzubauen. Jedoch fehlt dieser kleinmütigen Generation dazu die Kraft. Die labile Zeit braucht kulturelle Vorkämpfer und neue Blickwinkel, durchaus von Tradition gespeist, die Menschen dürstet es nach einem Neustart mit ehrlicher Inventur und mutigen Idealen. Ebenso wie das Themen-Panorama sich öffnen und weiten muss. Und so geht es vor exotischer Kulisse in Fiesta vor allem um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch der aufgesetzten Blümchen-Prosa der viktorianischen oder wilhelminischen Epoche nachhängen, schildert der ehrgeizige Arztsohn in seiner Erzählung knallhart die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröden Sätze wirken echt und treffen den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen. Keiner fängt die gallige Atmosphäre so treffsicher ein wie der Amerikaner. Ein Draufgänger wie er ist sehnsüchtig erwartet worden.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Der Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus einer Bibelzeile entlehnten Buchtitel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet einen Misserfolg, wenn das Buch hinter einem religiösen Zitat läuft. Und so tauft ihn das englische Verlagshaus dummerweise in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des poetischen The Sun Also Rises.

Ein Epochenporträt zwischen Krieg und Krisen

Vor dem Hintergrund des archaischen Bullen-Boheis lässt der Romandebütant allerlei freizügige Eskapaden ablaufen, es kommt eh nicht mehr drauf an. Die Protagonisten in Fiesta – der impotente Jake Barnes, ein erfolgloser Schriftsteller namens Robert Cohn und die liebestolle Lady Brett Ashley – lassen kein Laster aus in Pamplona: Prügeleien, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol bis zum Abwinken. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA. 

Das Café Iruña in Pamplona spielt die heimliche Hauptrolle in Fiesta. Dieses Restaurant dient den Besuchern aus Übersee als Stützpunkt, von dort schwärmen sie aus in die bizarre Zügellosigkeit. Nach dem Essen gingen wir hinüber ins Iruña. Es war schon ziemlich voll, und als der Beginn des Stierkampfs nahte, wurde es noch voller, und die Tische wurden dichter zusammengeschoben. Ein dichtes Summen lag in der Luft, wie jeden Tag vor einem Stierkampf. Dieses Geräusch herrschte zu keiner anderen Zeit in dem Café, ganz gleich, wie voll es war. Das Summen hielt sich, und wir waren mittendrin und ein Teil davon.

Kein Fabulieren im Elfenbeinturm, sondern als Autor mittendrin im Geschehen und gar ein Teil davon. Die Leser sind beeindruckt, wie dieser Debütant aus dem Mittelwesten der USA mit Haut und Haaren hineinspringt in diesen fremden Kosmos. Der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, frei von jeder Wertung, alles weit weg von dem üblichen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird zudem durch persönliches Erleben begründet, der Autor hat alles mit eigenen Augen gesehen. Hemingway, der in den 1920ern sieben Jahre in Europa gelebt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung auf den Punkt abzubilden.

Bereits bei seinem Debüt legt Ernest Hemingway wenig Wert darauf, mit Glorienschein dazustehen, so wie mancher Kollege. Über seine Romanfiguren macht er kein Geheimnis daraus, ein Kerl mit Ecken und Kanten zu sein. Der Mann aus der bigotten Vorstadt gibt gerne den Rabauken und Stiertöter. In Wirklichkeit ist sein Macho-Gehabe reine Fassade, ein Panzer vor Selbstzweifeln und erlittenen Verletzungen. Diese Unvollkommenheit erweist sich für sein Schreiben als Stärke, denn sie ist ein Türöffner. Die Menschen öffnen sich ihm. Dieser Schriftsteller ist nahbar, ohne diese Nahbarkeit wären seine Erzählungen blutleere Kunstgebilde.

Dabei geht es nicht bloß ums Saufen und um Liebschaften. Beim Fest des Heiligen Firminus werden Tugenden sichtbar, die dem Schriftsteller wichtig sind: Mut, Stolz und Würde. Diese verrückte Mischung aus Lebenslust und Todestragik bleibt Hemingways Hochamt, in Pamplona wird sein Wertekanon im Sommer als Schauspiel unter freiem Himmel aufgeführt. Dieser von seiner Endlichkeit bedrückte Lebemann braucht den Trubel. Hinter allem Budenzauber erspürt Ernest den Kampf gegen den mächtigsten aller schwarzen Stiere. Gegen den Tod.

Der spätere Nobelpreisträger skizziert in Fiesta mit dickem Stift zwei, drei Wege zur Befriedigung. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die arglose Entdeckerfreude und die Neugier auf eine fremde Kultur. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten zu verstehen und wertzuschätzen. Und über allem: Die Anmut der Schöpfung zu erkennen. So wird Pamplona im Juli zum heiligen Termin im Kalender des US-Amerikaners. Bis zuletzt. Im Frühsommer 1961, er ist seit Monaten depressiv und leidet an Verfolgungswahn, wird der Nobelpreisträger ein Telegramm nach Spanien senden. Er wird die Sanfermines für sich und Miss Mary stornieren, die Reservierung im Hotel, die guten Plätze an der Barrera in der Stierkampfarena.

Am 7. Juli 1961, morgens um acht Uhr, laufen in Pamplona nach Eröffnung der Sanfermines die ersten schwarzen Bullen durch die Gassen der Altstadt. Am anderen Ende der Welt, in Idaho am Rande der Rocky Mountains, wird auf dem Dorffriedhof von Ketchum an diesem Freitag ein wuchtiger Sarg in die Erde eingelassen. Mit jenem Mann, der für alle Zeiten die Sanfermines populär gemacht hat.

Ein Mensch sucht seinen Frieden

Der Blick von der Terrasse des Café Iruña schweift noch immer über die monumentale Plaza del Castillo. Von der Belle Époque bis heute scheint die Zeit in Pamplona wie gefroren. Marmortische, goldfarbene Säulen, Riesenspiegel, prächtige Kronleuchter im Modernisme. Auf der langen Theke erstrecken sich die Schalen mit Rollitos de Queso, den Patatas Bravas und dem Jamón Ibérico. Das Café Iruña bleibt der Ruhepol, der Tradition und Moderne zusammenbringt. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich seiner selbst vergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. In diesem Sinne hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt.

Das Iruña hat Terror und Tyrannei erlebt, und dennoch steht das Bauwerk am großen Platz majestätisch da, frohgemut und unversehrt, seit 140 Jahren, und um die gute Stube herum spielt sich das kleine Leben ab. Ernest Hemingway, fortwährend ein Suchender, nähert sich in Pamplona seiner Seele. Er findet jene kleine Glückseligkeit, die ein Mensch wie er so braucht. Gutes Essen, reichliche Prozente, Geselligkeit und ein wenig Krawall. Dieser Haudegen mag das Leben und er kostet es aus. Deshalb fällt es ihm so schwer, sterben zu müssen.

Aber da ist mehr. Die Sanfermines sind ein Trubel, der in die Knochen geht. Nach der Fiesta nimmt der Schriftsteller eine Auszeit und fährt hinein in die Stille der Pyrenäen. Am Rio Irati und Rio Urrobi, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles gibt er sich der Angelleidenschaft hin. Im Kontrast zum Mordskrach unten in Pamplona geht der Blick nun nach oben. Zum ersten Mal bestaunt die Leserschaft in Fiesta den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch werden sollte. Auf der einen Seite das Karussell von Laster und Eitelkeit, das sich um Alkohol, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die hohen Berge und die grünen Wälder, wo es unverfälschte Erdverbundenheit zu entdecken gilt.

Der hochgewachsene Naturbursche vom Michigan-See braucht das laute Fest, um sich des Lebens zu vergewissern. Genauso wie er die Stille der Natur benötigt, um zur Gemütsruhe zu gelangen. Diese arme Seele sucht Halt in den Gebräuchen, am liebsten in Spanien. Die lebenszugewandte Tradition der Sanfermines, die seit dem Mittelalter tief bei den Bewohnern der Region verwurzelt ist, hilft dabei. Ebenso wie die Stille der Natur. Es bleibt ein steiniger Weg: Dieser Mensch muss seine Mitte finden.

Sieht er eine Hoffnung? Ernest Hemingway, eine Art

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Die Augen wollen Sonne – Charles Bukowski für Ernest Hemingway

Bukowski
San Fermín in Pamplona – ein tief verankertes Volksfest zwischen Andacht und Radau. Foto: W. Stock, 2024.

The Fighter
Hemingway feels it from the grave
every time the bulls run through the streets of
Pamplona
again
he sits up
the skeleton rattles
the skull wants a drink
the eyeholes want sunlight
the young bulls are beautiful,
Ernest
and you were
too
no matter
what they say
now.

Dieses kraftvolle Gedicht von Charles Bukowski lässt Ernest Hemingway für einen Moment wieder auferstehen: Mitten im Juli, wenn in Pamplona das berühmte Encierro die Altstadt erschüttert. Die Sanfermines, die Hemingway zu Weltruhm verhalf, sind tief in der Seele des Nobelpreisträgers verwurzelt. Bukowski zeichnet diese metaphysische Verbindung auf meisterhafte Weise nach.

Obwohl das Gedicht vor Hochachtung und kühler Sympathie sprudelt, war Bukowskis Beziehung zu seinem literarischen Vorgänger keineswegs frei von Reibung. Anfänglich beäugte er Hemingways inszenierte Männlichkeit und dessen betont lakonischen, hartgesottenen Schreibstil mit einer gewissen Skepsis. Erst mit den Jahren wandelte sich dieser Vorbehalt in eine tiefe und ehrfurchtsvolle Bewunderung.

Bukowski erkannte unter der rauen Oberfläche die schonungslose Ehrlichkeit und eine poetische Radikalität, die seiner eigenen Ästhetik näher war, als er es sich lange eingestehen wollte. Am Ende erweist hier ein literarischer Außenseiter dem anderen die Ehre.

Bukowski zeichnet das Bild zweier geistesverwandter Seelen: Zwei kompromisslose Giganten des US-amerikanischen Realismus, die das Leben

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Warum ‚Fiesta‘ ein Juwel der Weltliteratur ist

Fiesta
The Sun Also Rises
So kündigt der Verlag Charles Scribner’s Sons aus New York das Debüt seines Autors Ernest Hemingway für den 22. Oktober 1926 an. Es ist ein Freitag.

Es brauchte seine Zeit, bis ich mit diesem Roman so richtig warm wurde. Als ich das erste Mal Fiesta las, da fand ich die Erzählung lau, bisweilen gar langatmig. Bei der nochmaligen Lektüre, Jahre später, da erlebte ich das Sittengemälde aus den 1920ern durchaus anregend. Und wenn ich heute Ernest Hemingways Debüt zur Hand nehme, dann streckt es mich jedes Mal nieder.

Denn Fiesta – im amerikanischen Original heißt das Werk The Sun Also Rises – ist hohe Kunst. Es vergeht kein Wiederlesen, bei dem ich nicht neue Schmucksteine und Kleinode entdecke. Besonders, wenn es gelingt, sich in den historischen Kontext der Geschichte einzufühlen. Es geht um die taumelnde Zeit zwischen den beiden schrecklichen Weltkriegen.

Ernest Hemingways Fiesta fällt im Oktober 1926 in die Welt der Literatur ein wie einst die Jakobiner in die Paläste der Aristokratie. In der Sprache einfach und volksnah, in Botschaft und Wirkung brachial. Der Erste Weltkrieg hat auch die Kultur zerstört. Es braucht etwas Neues, von Tradition gespeist, ein Neustart mit frischen Werten und Idealen. Ebenso sollte das Themen-Panorama sich öffnen und weiten. Und so geht es in Fiesta um die durch den Krieg verlorenen Sicherheiten und um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Allein der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, alles weit weg von jedem viktorianischen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird vielmehr durch persönliches Erleben des Autors verbrieft, auch deshalb passt das Werk zum Autor. Es ist ein glaubwürdiger Blick durchs Schlüsselloch in die unbekannte Welt hinter den Bergen. Die geschwätzige Blümchen-Prosa der Vätergeneration à la Charles Dickens ist mit einem Schlag passé.

Wie geschickt Ernest Hemingway seine Erzähl-Perspektive anlegt, mag man zu Anfang des 12. Kapitels von Fiesta erkennen. Man liest schnell über diese Passage hinweg und bemerkt dadurch die Finesse des Textes nicht.

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So – scheinbar – harmlos fängt das Kapitel 12 von Fiesta an.

Ernesto nimmt uns mit in eine fremde Welt – das wann und wo verrät er hier nicht – und so müssen wir uns selber hineinfinden. Es ist die Zeit nach der Postkutsche und während des Aufkommens der Motorbusse. Wir befinden uns in einem Land am Fuße eines Gebirges, das Ambiente ist bäuerlich, der Ziegenbock springt umher. Der Protagonist steht auf und öffnet das Fenster seines Zimmers, so wie wir nun durch das geöffnete Fenster in die Handlung hinausgeworfen werden. Keine Gefühlsregung wird geäußert, wir müssen uns selber ein Reim auf das Ganze machen.

Unsere Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der 27-jährige Hemingway seinen Erstling überwiegend spielen. Mit einem Mal werden die Sanfermines, bis dahin ein lokales Ereignis in einem weitgehend unbekannten Land, mit seinen Stieraufläufen, den Prozessionen und Tänzen ins Bewusstsein der Welt katapultieren. Um die blutige Fiesta herum entwirft der junge Novize ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen.

Die amerikanischen Protagonisten auf Entdeckungsreise in Pamplona lassen kein Laster aus: Abenteuer, Stierkampf, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol. Fiesta ist ein grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, ein Blick auf die Verlorenheit, die mit viel Schnaps weggetrunken werden möchte. Themen wie Liebe, Sex, Männlichkeit, Exzess und die Suche nach der eigenen Rolle im Leben spielen in dem Roman eine zentrale Rolle.

Durch den Weltkrieg sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der Belle Époque perdu. Denn die Schlacht ist abscheulich gewesen. Alle Kriege sind grauenhaft, aber dieser war es besonders, wegen seiner Sinnlosigkeit. Wer ist Gegner, wer der Freund? In der Katastrophe zwischen 1914 und 1918 sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück ist man in das Inferno hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie es der australische Historiker Christopher Clark treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird. Prohibition, Wirtschaftsdepression und die aufkommende Mafia lassen die Zeiten auch in den USA trostlos erscheinen. Die Welt wird in den Abgrund gezogen, es ist eine leidvolle Dekade allerorten. 

Und so wird in The Sun Also Rises aka Fiesta nichts ausgelassen, was zwischen erwachsenen Menschen so passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Obsessionen, Schlägereien, Saufgelage. Hemingway selbst umschreibt seinen Roman als eine verdammt traurige Geschichte, in der aufgezeigt wird, wie Menschen zugrunde gehen. Ich vermute, Ernesto will eigentlich eins draufsetzen und sagen, wie die ‚Menschheit‘ zugrunde gehen kann.

The Sun Also Rises

The Sun Also Rises heißt das Original. In Europa wird säkular der Titel Fiesta daraus.

Doch wo bleibt die Hoffnung? Der Autor, der in Paris lebt, deutet sie im biblischen Vor-Zitat gleich zu Beginn seines Buches an. Ein Motto des Predigers Salomo als Denkspruch, es wird zum Leitgedanken von Fiesta. Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich. Dieser Rabauke, der nichts auslässt im Leben, liegt in dieser Hinsicht goldrichtig: Eine Generation geht, eine andere kommt. Das Wesen von Blühen und Vergehen. Hier findet man Trost: Auch das Schlechte wird verblühen, so wie das Gute neu gedeiht.

Das Schöne an Hemingways The Sun Also Rises ist, dass er nicht nur die Orientierungslosigkeit und die Dekadenz des Zeitalters beschreibt, sondern zugleich auch einen Lösungsansatz andeutet. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die Unerschrockenheit und die Entdeckerfreude, die Neugier auf eine neue Kultur. Sich das Andersartige und das Fremde anzuschauen. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten wertzuschätzen.

Und darüber hinaus – wo auch immer – die Stille der Natur zu suchen. Ernest beschreibt, wie er seine äußere und innere Ruhe findet in den Ausläufern der Pyrenäen, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles. Durch den Kontrast zur lärmenden Fiesta unten im Pamplona geht der Blick nach oben, in die Berge, in die Ruhe und den Frieden. Möglicherweise ganz in der Höhe.

Abermals bestaunen wir den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch ist. Auf der einen Seite das desillusionierte Karussell von Laster und Eitelkeiten, das sich um Saufen, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die anmutigen Bäche in den Pyrenäen-Tälern, wo Jake Barnes, der Protagonist, angelt und Erdverbundenheit sucht.

The Sun Also Rises. Die Fiesta findet irgendwann ihr Ende. Das Blut des Spektakels ist noch

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Ernest Hemingway und der Torero Antonio Ordóñez

Ernest Hemingway
Antonio Ordóñez
Sevilla
Der junge Antonio Ordóñez und ein gealterter Ernest Hemingway freizügig auf La Cónsula, Málaga, im Sommer 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Der Nobelpreisträger aus Chicago ist ganz vernarrt in diesen Torero. An dem jungen Matador, er ist vom Jahrgang 1932, bewundert Ernest Hemingway vor allem dessen Draufgängertum, sein Geschick und die Grazie. „Antonio erinnert mich sehr an seinen Vater“, verkündet der Schriftsteller seinem Freund José Luis Castillo-Puche. „Nur, dass er in jeder Hinsicht besser ist als Cayetano: Er ist ein besserer Stierkämpfer und ein besserer Mensch. Und außerdem ist er überaus attraktiv.“

Oh lala. Überaus attraktiv. Die Freundschaft zwischen dem Torero aus Ronda und dem bärtigen Autor aus Übersee gibt hier und da Anlass zu überspannten Gerüchten und pikantem Geflüster. Der Kolumnist einer spanischen Tageszeitung hat Antonio Ordóñez gar als die „Liebe des senilen Hemingway“ bezeichnet. In der Tat wird der Schriftsteller von Antonios Ausstrahlung magisch angezogen.

Ernest besucht ihn während der Temporada im Hotel Yoldi von Pamplona, der Matador ist ausgelaugt nach einem aufreibendem Stierkampf. Antonio lag nackt auf dem Bett; ein Handtuch diente ihm als Feigenblatt. Als erstes fielen mir seine Augen auf, die dunkelsten, glänzendsten, heitersten Augen, in die ich je geblickt hatte. 

Kommt da wirklich Homo-Erotik ins Spiel bei Hemingway? José Luis Castillo-Puche, ein enger Gefährte in Spanien, ist sich sicher: Da ist nichts gewesen. Für den Schriftsteller ist der Bezwinger der Bullen keine Liebelei oder das Objekt irgendeiner sinnlichen Begierde. Zuallererst ist der Matador aus Ronda für Ernest eine literarische Ambition. Sein ganzes Leben lang hat der Amerikaner nach dem perfekten Stierkämpfer gesucht und ihn letzten Endes in Südspanien gefunden: Antonio Ordóñez.

Wenn im Gespräch die Toreros verglichen werden, gibt sich Hemingway apodiktisch. „Er ist besser“, antwortet der Schriftsteller kurz. Er, das ist natürlich Antonio Ordóñez. Der junge Andalusier ist eine Person ganz nach Hemingways Gusto. Ein gut aussehender Kerl, jemand, der vor Publikum tapfer dem Tod ins Auge sieht und aus dem Kampf als Sieger hervorgeht.

„Ich werde von der Vorstellung gequält, dass Antonio etwas Schreckliches zustoßen wird“, gesteht Hemingway gegenüber Castillo-Puche. „Ich habe schreckliche Albträume, dämonische Träume, in denen ein Stier ihn in der Stierkampfarena tötet. Aber das kann Antonio doch nicht passieren, oder?“ Und der US-Amerikaner wartet darauf, dass jemand, in diesem Fall Castillo-Puche, ihm zusichert, Antonio werde niemals sterben. Weder im noch außerhalb des Rings.

Im Laufe der Jahre vertieft Ernest Hemingway die Freundschaft mit der Familie Ordóñez. Oft weilt er zu Besuch auf deren Hacienda bei Medina-Sidonia. Andalusien verbirgt für den Nobelpreisträger etwas ganz besonderes. Es ist sein Freund Antonio Ordóñez, der den US-Amerikaner für die Schönheit und Eigenheit Südspaniens sensibilisiert. Als er starb, meint der Stierkämpfer, hat Hemingway etwas von uns mitgenommen.

Castillo-Puche beschreibt Antonio als einen Mann, der durch den Verlust seines Freundes am Boden zerstört ist, zumal der Vater im gleichen Jahr stirbt, nur drei Monate nach dem Schriftsteller. Häufig bricht Antonio in Tränen aus und will das Wort Selbstmord nicht aussprechen. „Ich werde nicht zu seiner Beerdigung gehen“, antwortet der Stierkämpfer im Juli 1961 trotzig. „Die Saison geht weiter, und ich fahre nach Pamplona“. Papa habe dies so gewollt.

Im November 1962, sechzehn Monate nach Hemingways Suizid, zieht sich Antonio Ordóñez von allen Corridas zurück. Obwohl er 1965 als Stierkämpfer zurückkehrt, tritt er erst zwei Jahre später, während der Feria im April, in der Plaza de Toros de la Real Maestranza auf. Über ein halbes Jahrzehnt ist vergangen, seit er in Sevilla letztmalig unter Hemingways wachem und erbaulichem Blick gekämpft hat.

Doch nun ist der Schriftsteller nicht mehr auf seinem Platz an der Barrera. Er fehlt und nichts ist so, wie es einmal gewesen ist. An seinen zwei Nachmittagen in Sevilla liefert Antonio eindrucksvolle Kämpfe ab und darf

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Der schönste Hemingway-Satz: Ziegen in Pamplona

Ernest Hemingway Pamplona

„Als ich am Morgen aufwachte, ging ich ans Fenster und schaute hinaus. Es hatte aufgeklart, und auf den Bergen waren keine Wolken. Draußen unter dem Fenster standen ein paar Karren und eine alte Postkutsche, deren hölzernes Verdeck verwittert und rissig war. Sie musste noch aus den Tagen vor den Motorbussen stammen. Ein Ziegenbock sprang auf einen der Karren und von dort aufs Dach der Postkutsche. Er nickte den anderen Ziegen unten heftig zu, und als ich winkte, sprang er wieder herunter.“

Ernest Hemingway: Fiesta, 1926

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Der schönste Hemingway-Satz: Die Fiesta explodiert

„Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Den ganzen Tag waren Leute vom Land in die Stadt gekommen, aber sie wurden von der Stadt absorbiert und fielen nicht weiter auf. Der Platz lag so still in der heißen Sonne wie an jedem anderen Tag. Die Bauern waren in den Weinläden der Außenbezirke. Dort tranken sie und machten sich für die Fiesta bereit. “

Ernest Hemingway: Fiesta, 1926

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Wie Ernest Hemingway die Sanfermines von Pamplona erfand

Pamplona
Sanfermines
Ernest Hemingway
Die Sanfermines sind ein wilder Mix aus christlichem Fest und weltlichem Spektakel. Foto: W. Stock, April 2024.

Wenn man sich unter den Bewohnern von Pamplona umhört und den Namen Ernest Hemingway fallen lässt, so bekommt man allerlei zu Ohren. Ich hege gespaltene Gefühle in Bezug auf diesen Herrn, pikiert sich ein Mann. Ein anderer Pamplonese meint, der Amerikaner habe viel für die Stadt getan, nicht immer zum Guten. Dass der Nobelpreisträger von 1954 die Sanfermines weltweit populär gemacht hat, es ist ein Fakt, dieser Umstand stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung. 

Von Gertrude Stein, seiner Mentorin in Paris, erhält Ernest den Tipp, den Encierro zu besuchen. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel bereits seit 1915. Zu dem Zeitpunkt ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis, ein Geheimtipp für neugierige Weltenbummler. Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona, insgesamt wird er die Hauptstadt Navarras zehn Mal besuchen. Der Journalist aus Chicago zeigt sich bei seinem Trip ins Baskenland im Nu elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel, so etwas findet man in seiner Heimat nicht.

Sein Erstlingswerk Fiesta, dieses erscheint im Jahr 1926, lässt Ernest Hemingway überwiegend in Pamplona spielen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, er wird auf Anhieb zu einem Riesenerfolg. Mit einem Mal werden die Sanfermines mit den Stieraufläufen, den Prozessionen und Tänzen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit katapultiert. In seiner epischen Erzählung schreibt der Debütant ausführlich über das Großereignis in der nordspanischen Stadt mit damals 35.000 Einwohnern. 

Seit fast 600 Jahren wird das Großereignis mit dem religiösen Ursprung aufgeführt. Gefeiert wird zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden von Frankreich nach Pamplona überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das in Pamplona zum Fest getragen wird – erinnert an sein unseliges Schicksal.

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Beim Encierro werden die Stiere aus den Corrales durch die Altstadt von Pamplona zur Plaza de Toros getrieben. Foto: W. Stock, April 2024.

Die Sanfermines beginnen alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zur Mittagszeit, wenn 12 Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Und endet nach acht Tagen, immer am 14. Juli um Mitternacht, mit dem Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Fest zahlreiche Veränderungen durchlaufen. So eine Terminverschiebung von Herbst auf Sommer oder die Hinzunahme des Chupinazo-Rituals, das erst seit 1941 offizieller Bestandteil der Feierlichkeiten ist.

Der bekannteste Teil des Festes bleibt der Encierro. Um acht Uhr morgens findet der Auflauf der schwarzen Kampfstiere mit einem Gewicht von 600 Kilo statt. Der Trubel beginnt in den Stallungen im Norden und endet nach einer Hatz von 826 Metern durch die engen Gassen der Altstadt in der Plaza de Toros. Hunderte von Teufelskerlen – Einheimische wie Touristen – rennen bis zur Arena vor den Bullen her, manche werden von den Stieren zu Fall gebracht oder gar aufgespießt. Jeder Mozo, so werden die tollkühnen Läufer genannt, trägt ein weißes Hemd und eine weiße Hose sowie das rote Halstuch und eine rote Schärpe.

Um die archaische Feier herum entwirft Ernest Hemingway in Fiesta ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Die amerikanischen Protagonisten Jake Barnes, Robert Cohn und Lady Brett Ashley auf Entdeckungsreise in Pamplona lassen nichts aus: Abenteuer, Raufereien, Stierkampf, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA. Das ungehemmte Fest muss im Land der erzwungenen Abstinenz und des freudlosen Puritanismus wie ein Schreckensgemälde aus der Vorhölle gewirkt haben. 

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Blutrot und stierschwarz sind die Farben der Sanfermines. Für die Stiere endet der Encierro bei der Corrida am Abend, derweil so mancher Mozo als Alkoholleiche unterm Tisch einer Kneipe in der Altstadt liegt. Foto: W. Stock, April 2024.

Wie eine Mischung aus christlicher Tradition und überdrehter Volksfeier kommen die Sanfermines daher. Die sommerliche Vorführung in der Kleinstadt wird dank Hemingway und dank Fiesta – als Buch und später als Hollywood-Verfilmung – zu einem kosmopolitischen Radau-Magneten. Wohl als Ventil für die unterdrückten und eingezäunten Bedürfnisse der Feierwütigen, wo auch immer auf diesem Globus. Die unbekümmerte Mischung aus religiöser Wehmut und sakraler Ausgelassenheit faszinieren – pars pro toto – den Mann aus der bigotten Vorstadt wie kaum etwas anderes.

Denn es ist nicht nur das Saufen. Der Autor aus Oak Park entdeckt in Pamplona, beim Fest des Heiligen Firminus, noch etwas. Tief in der Seele des Spektakels werden jene Tugenden gefeiert, die dem Schriftsteller auf seinem Lebensweg wichtig sind: Tapferkeit, Furchtlosigkeit, Stolz und Würde. Und hinter allem Budenzauber erkennt Ernest einen weiteren schwarzen Stier. Den

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Ein Tisch im Paradies: Das Café Iruña von Pamplona

Café Iruña Pamplona
Der technische Fortschritt der Belle Époque geht einher mit wachsendem Wohlstand. Im Café Iruña findet dieser Aufstieg des Bürgertums seine gute Stube. Foto: W. Stock, 2024.

Hier sitzt Ernest Hemingway mit am Tisch. Die extravagante Ausstattung entspringt der Belle Époque. So nennt man die lange Phase des Friedens und Fortschritts in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Der Esprit dieser goldenen Jahrzehnte wird bewahrt in einem Bistro an der Plaza del Castillo, mitten im Herzen von Pamplona. Mit Fiesta hat der bärtige Amerikaner aus Chicago ein dickes Buch um das Café Iruña herum geschrieben.

Man tritt durch das wuchtige Portal und wird hineingeworfen in eine muntere Pracht aus Kunst und Kultur. Das Interieur des Café Iruña ist bemüht, die Vergangenheit mit Stilanleihen aus Barock und Gotik zu achten, zugleich will es neue Wege gehen mit dem Modernisme, wie der Jugendstil in Spanien bezeichnet wird. Die Einrichtung fällt entsprechend üppig aus. Die ornamentierten Säulen und die riesigen Spiegel vermitteln das Gefühl, in einem Wiener Kaffeehaus zu weilen. Unter feinen Leuchten laden Bistro-Tische und bequeme Lehnstühle ein zum Verweilen und Debattieren. 

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Elektrifizierung in Pamplona einzieht, da ist das Cafe Iruña das erste Gebäude der Stadt mit elektrischem Licht. Neue Ideen in Kunst, Wissenschaft und Technik kommen aus Paris und New York nach Spanien. Innovationen wie Ozeandampfer, Eisenbahnen, Automobile, Staubsauger und Waschmaschinen werden wie ein Wunder bestaunt. Der rasante Siegeszug der Modernität sollte das Althergebrachte wenn möglich nicht beiseite schieben. Die bewährte Tradition möge vielmehr den Neuerungen als emotionales Fundament dienen. Dies sind die Leitplanken, die dem Café Iruña vorgegeben werden. 

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Hinter dem Portal zum Café Iruña wartet der Genuß. Unsere Stadt heißt Pamplona.  Foto: W. Stock, 2024.

Aus der Mitte des aufstrebenden Bürgertums wird das Café Iruña entworfen. Über 800 Einwohner aus Pamplona erwerben Anteile an der Sociedad Iruña S.A., um das Projekt zu ermöglichen. Treibende Kraft hinter der Aktiengesellschaft wird Serafín Mata y Oneca, ein Geschäftsmann und Stadtrat in Pamplona. Am 2. Juli 1888, wenige Tage vor den Sanfermines eröffnet die Lokalität an der großen Plaza. In kurzer Zeit wird sie zur guten Stube der Stadt. Viel geändert hat sich nichts in den letzten 130 Jahren.

Wenn man heute das Iruña besucht, muss man als Westeuropäer aufpassen, die richtige Zeit zu erwischen. Wer für das Mittagessen zu früh kommt, der darf mit den köstlichen Pintxos, den kleinen Appetithäppchen, vorliebnehmen. Und wer zu spät erscheint, der kriegt knapp zu hören: Die Küche ist geschlossen. Ideal fürs Mittagsmahl ist, wir sind in Spanien, die Zeit zwischen 14 und 15 Uhr. Dann wird das Menu del Dia serviert.

Erst einmal wird Brot, eine Flasche roter Hauswein aus Navarra und Wasser auf den Tisch gestellt. Das Tagesmenü besteht aus drei Gängen mit der Wahl zwischen jeweils 6 bis 8 verschiedenen Speisen. So gibt es eine Crema de Marisco y Merluza oder die Alcachofas de Tudela als Primer Plato. Eine Fischsuppe mit Seehecht oder Artischocken-Salat mit Serrano-Schinken zur Vorspeise. Im Segundo Plato, der Hauptspeise, hat man unter anderem die Auswahl zwischen der Lubina al Horno oder der Paletilla de Cordero Asada, einem gebackenen Wolfsbarsch oder der gegrillten Lammschulter. 

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Mitten im Norden der zentralen Plaza del Castillo von Pamplona thront das Café Iruña. Breit und stolz, aber ohne jeden Dünkel. Foto: W. Stock, 2024.

Und zum Nachtisch, dem Postre, wird Tarta de Queso con Confitura de Arándanos, ein Käsekuchen mit Blaubeer-Mus, serviert. Oder die göttliche Torrija de Vainilla, eine Tunkschnitte in hausgemachter Vanillesauce. Die erste Güte der deftigen baskischen Küche wird flott und freundlich dargereicht. Überaus frisch in den Zutaten, wie selten erlebt. Und dies zu einem Preis, den man in den besseren Häusern Münchens als Trinkgeld erwartet.

Dem Café Iruña gelingt eine meisterhafte Balance. Es ist selbstbewusst, aber nicht versnobt. Nicht zu gewöhnlich, aber auch nicht abgehoben. Die Lokalität ist nicht zu teuer und nicht zu billig. Das Restaurant kommt vielmehr daher wie der Treffpunkt einer geerdeten Gutbürgerlichkeit, die dem Einheimischen wohltut und den Fremden auf der Stelle annimmt.

Das Café Iruña wird zu einem Ruhepol, bei dem Tradition und Moderne zu neuer Blüte zusammentreffen. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich selbstvergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. Genau so hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt. Mit den desperaten Protagonisten Jake Barnes, Robert Cohn und Lady Ashley, die um die großartige Trutzburg Café Iruña herumwuseln.

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Ein roter Tempranillo – Príncipe de Viana, Jahrgang 2022 aus Navarra – auf das Haus. Und auf das gute Leben. Im Café Iruña von Pamplona. Foto: W. Stock, 2024.

Ein Platz wie das Café Iruña kitzelt Gaumen und Seele. Die Magie von bald 140 Jahren springt, wenn man alle fünf Sinne noch einigermaßen beisammen hat, im Nu auf den Gast über. Lässt man sich in diesen Zauber fallen, so geschieht wie durch Wunderhand etwas Überraschendes. Der Besucher

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Ernest Hemingways Kneipen-König: Wo steckt der edelmütige Rey Carlos III?

Der noble König von Navarra, nicht mehr als Restaurant, aber trotzdem präsent in Pamplona. Foto: W. Stock, 2024.

Während der Sanfermines in Pamplona eilt Ernest Hemingway zum Paseo de Sarasate, einer breiten mit Bäumen gesäumten Allee, dort zur Hausnummer 6, gegenüber vom Monumento a los Fueros. Der US-Autor öffnet die Tür des Las Pocholas, tritt ein und setzt sich im Gasthaus an den gleichen Tisch wie immer, direkt neben dem Eingang, unter die Büste des Namensgebers, des Rey Carlos III El Noble.

In Wirklichkeit heißt das Restaurant an der Prachtstrasse Hostal del Rey Noble, aber jedermann in Pamplona kennt es als Las Pocholas. Seit der Amerikaner aus Chicago das Las Pocholas während seiner zweiten oder den dritten Sanfermines entdeckt hat, ist es neben dem Café Iruña seine Lieblingslokalität in der baskischen Metropole.

Der Schriftsteller setzt sich immer an den Tisch mit der internen Nummerierung 1. Er beobachtete gerne die Leute, die eintraten, erinnern sich die Besitzer Josefina und Conchita Guerendiáin an den berühmten Gast. Ansonsten machte er nicht viel Aufhebens um seine Person, jedenfalls wenn er alleine kam.

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Ein anderer Nobler, jener von 1954, fällt in Pamplona noch ein wenig stärker ins Auge als der König. Foto: W. Stock, 2024.

Ein Lokal für besondere Anlässe. Der Schriftsteller und der Stierkämpfer Antonio Ordóñez feiern im Las Pocholas am 10. Juli 1953 bei einem Abendessen einen grandiosen Sieg. Der Torero aus dem andalusischen Ronda hat seinen erlegten Bullen vier Ohren abscheiden dürfen, ein denkwürdiger Tag für einen Matador.

Im Jahr 2000 schließt das Las Pocholas, doch das Luxushotel La Perla schnappt sich kurzerhand die Büste von Carlos III und was sonst nicht niet- und nagelfest ist und lässt es ins Hotel schleppen. Und so darf

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Auf der Suche nach der versunkenen Welt des Ernest Hemingway in Pamplona

Banken Pamplona Spanien
Die austauschbaren Bankhäuser machen sich auch in Pamplona breit und drücken die Tradition zur Seite. Foto: W. Stock, 2024.

Hundert Jahre sind eine lange Zeit! Vieles aus der Welt des Ernest Hemingways in Pamplona kann noch heute bestaunt werden. Das Café Iruña, das Bistro Txoko, die Plaza de Toros. Ihnen allen sei ein langes Leben gewünscht. Für viele Mitstreiter kommen die guten Wünsche zu spät. 

So für das Café Kutz, einst zwischen dem Iruña und dem Pasaje de la Jacoba gelegen. Die Lokalität gibt es nicht mehr. Oft hat Hemingway auf der Terrasse des Kutz gesessen. Luis Kutz, der Sohn eines Bierbrauers aus Ulm, der nach Pamplona ausgewandert ist, hat die Bar 1912 gegründet. Ernest erwähnt sie in Tod am Nachmittag.

Auch ein anderer Nobelpreisträger lässt sich oft im Kutz blicken, Camilo José Cela. Er ist Schulfreund des Besitzersohnes José Luis Kutz gewesen. 1961 wird kein gutes Jahr. Die Bar schließt ihre Pforten im gleichen Jahr, in dem sich Ernest Hemingway in Ketchum entscheidet, aus dem Leben zu treten. Statt auf das Café Kutz treffen wir heute auf eine Bank, die sich dort breitgemacht hat, die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria.

Die Bar Torino an der Ecke vom Hotel La Perla, auf der Plaza del Castillo Nummer 3, ist ebenfalls Geschichte. Ernest Hemingway nennt die Lokalität Bar Milano in seinem Debütroman Fiesta, leicht abgewandelt. Da ist die Kneipe, sagte Mike. Es war die Bar Milano, eine kleine ungemütliche Bar, wo man essen konnte und wo im Hinterzimmer getanzt wurde. Wir setzten uns an einen Tisch und bestellten eine Flasche Fundador. Die Bar war nicht voll. Es war nichts los.

Ernest Hemingway kommt oft hierher, in den den Julitagen der Sanfermines der Jahre 1953 und 1959. Halb Bar, halb Bierschänke. Heute findet sich dort ebenfalls ein Bankhaus, die Caja Navarra. Geld statt Saufen, im Jahr 1971 muss die Bar Torino zumachen.

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Solange in Pamplona noch ein paar Verrückte aus den Peñas herumlaufen, solange sollte uns nicht bange sein um die Zukunft. Foto: W. Stock, 2024.

Das Café Suizo, Hausnummer 37 auf der Plaza del Castillo, hat es seit 1844 gegeben, gegründet von zwei Schweizern, Matossi und Fanconi. Es ist die  älteste Bar von Pamplona. Hemingway erwähnt das Café Suizo in The Sun Also Rises – so heißt die amerikanische Originalausgabe von Fiesta – gleich zweimal. Als die Lokalität, deren Inhaber Deutsch und Englisch spricht.

– Wo wart ihr?
– Hier. Und als hier zugemacht wurde, sind wir in dieses andere Café gegangen. Der alte Mann da spricht Deutsch und Englisch.
– Das Café Suizo.
– Richtig. Scheint ein netter Bursche zu sein. Das Café gefällt mir besser als das hier.
– Tags über ist es nicht so gut, sagte ich. Zu heiß.

Mit 108 Jahren geht dem Café Suizo die Puste aus, 1952 zwängt sich ein Bankhaus in das Gebäude. Die Banco de Bilbao, bis auch diese weggedrückt wird, von einer anderen Bank. Heute findet man dort die Banco de Comercio. Und den Orfeón Pamplonés, den Gesangsverein der Stadt. Heiliger Gesangsverein!, möchte man ausrufen, ist der Bankenboom jene kreative Zerstörung von der die Volkswirtschaftslehre so stolz kündet?

Ein Hoch den Banken? Es scheint wie in anderen Orten. Die Geldhäuser schieben die Historie weg. Möglicherweise ist dies der Preis, den ein Land für

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