Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Italien

Adriana – Ernest Hemingways amour fou

In ihren Memoiren La Torre Bianca schreibt Adriana über ihre Begegnungen mit Ernest Hemingway.

Anfang Dezember 1948, der Schriftsteller befindet sich mit seinem italienischen Freund Carlo Kechler auf einer Ausfahrt rund um den Landsitz des Grafen bei Latisana, da steigt ein blutjunges Mädchen, tropfnass von einem heftigen Regenschauer, in den blauen Buick. Ernest Hemingway, auf dem Beifahrersitz neben dem Chauffeur, hat einen direkten Blick auf die Rückbank, wo die junge Frau Platz genommen hat.

Sie grüßt nett, man unterhält sich und es stellt sich heraus, dass sie weder Hemingway als Person, noch seine Bücher kennt. Und prompt ist es geschehen um den armen Mann. Der Autor, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich bei diesem ersten Zusammentreffen augenblicklich in die schwarzhaarige Schönheit mit den grünen Augen und den vollen Lippen. Obwohl die junge Frau da gerade erst 18 Jahre alt geworden ist.

Marlene Dietrich hat eine amour fou berühmt gemacht, in Der Blaue Engel, dem UFA-Spielfilm des Josef von Sternberg aus dem Jahr 1930. Immanuel Rath, ein verschrobener greiser Gymnasialprofessor, der von seinen Schülern Professor Unrat gerufen wird, verliebt sich in eine blutjunge Tingelltangel-Sängerin namens Lola Lola, und wird von dieser an den Rand des Verstandes gebracht.

Ernest Hemingways Lola Lola heißt Adriana Ivancich. Der amerikanische Autor ist bis über beide Ohren verknallt in die aparte Aristokratentochter mit der markanten Nase und befördert sie zu seiner Muse. Er versucht, sie einzubinden in sein Leben. Der Autor lässt sie Grafiken für seine Bücher entwerfen, gibt ihr Manuskripte, fragt sie aus über Italien.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers im Frühjahr 1950 weicht Adriana wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und auch nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefsten Herzen, offenbart sich ihr der liebeskranke Schriftsteller, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und auch das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

Seiner jungen Muse schenkt Ernest zum Abschied seine Royal-Schreibmaschine. Liebe? Die junge Adriana vermag in dem alten Ernesto bestenfalls eine Art väterlichen Bewunderer zu sehen, sie kokettiert heftig und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es ein paar unschuldige Küsse. Mehr nicht.

Im Oktober 1950 kommt Adriana Ivancich dann mit ihrer Mutter Dora für vier Monate auf die Finca Vigía. Ernesto auf seinem tropischen Landsitz nahe Havanna wirft sich in Schale, zeigt den Ivancichs die Schönheit der Insel, rückt seine Schokoladenseite ins Licht. Jeder merkt, was los ist. Doch Mutter Dora passt auf wie ein Wachhund.

Ich liebe nur Adriana, sagt der Schriftsteller zu seinem Arzt José Luis Herrera auf Finca Vigía in einem melancholischen Anfall, ich werde mich für sie erschießen. Gut, antwortet der Doktor, der ahnt, dass er in Ernest Hemingway einen aussichtslosen Fall vor sich hat, gut, erschieß Dich nur! Wo ist das Gewehr? Sag’s mir. Ich werde es persönlich laden und dann beobachten, wie Du den Abzug drückst.

Der liebestolle Ernest balzt weiter und lässt sich

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Fedele Temperini rettet das Leben des Ernest Hemingway

Ernest Hemingway erholt sich im Hospital des American Red Cross von seiner Verwundung. Mailand, im September 1918. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1918 befindet sich der Ambulanzfahrer Ernest Hemingway auf Versorgungsfahrt in Fossalta an der Piave, einer kleinen Stadt, eine halbe Stunde nördlich von Venedig. Im Osten wird das Städtchen von der sacht dahin fließenden Piave begrenzt, die hier knapp hundert Meter breit ist und über die weit und breit keine Brücke führt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt der Feind.

Der 18-jährige Ernest passiert einen Abschnitt, den Einheimische als Buso de Burato, als das Loch des Burato, bezeichnen. Mit dem Fahrrad soll der junge Freiwillige den in Schützengräben liegenden italienischen Soldaten Lebensmittel überbringen. Und dazu ein paar kleine Annehmlichkeiten, die die Pein des Krieges ein wenig lindern sollen: Zigaretten, Schokolade, Kaffee, ein paar Frauenbildchen.

Am Westufer der Piave, am Ausläufer der kleinen Stadt, erreicht der junge Amerikaner den Damm, vor dem die Soldaten in Stellung liegen. Auf der anderen Seite der Piave, gerade einmal zweihundert Meter entfernt, lauern in den östlichen Uferauen die österreichischen Truppen, die die Italiener unter Dauerbeschuss halten.

Ernest Hemingway befindet sich gegen ein Uhr nachts auf dem Damm, er will Fedele Temperini, einem 26-jährigen italienischen Soldaten aus dem toskanischen Montalcino gerade die Mitbringsel überreichen, da schlägt nur drei Armlängen von den beiden entfernt eine Mörsergranate ein. Die Explosion mit ihrem lauten Knall und der Druckwelle reißt die beiden Burschen zu Boden.

Die hochkalibrige Granate ist von einem Minenwerfer am Ostufer abgefeuert worden und ist mit Eisenbolzen, Nieten, Stahlstiften und Metallschrott gefüllt. Kugelsplitter und Späne bohren sich tief in Hemingways rechtes Bein. Fedele Temperini, der direkt vor ihm gestanden ist, bekommt das allermeiste ab. Dem Italiener werden beide Beine zerfetzt, er überlebt die Mörsergranate nicht. Unbeabsichtigt hat der italienische Soldat mit seinem Körper den Amerikaner vor dem Beschuss abgeschirmt und ihm so das Leben gerettet.

Der junge Ernest liegt in einer dunkelroten Pfütze aus warmem Blut und Körperfetzen, um ihn herum verwundete Soldaten. Hemingways Verletzungen sind heftig, doch er befindet sich bei Bewusstsein. Wie in Trance zieht der 18-Jährige den verwundeten Soldaten Fedele vom Damm hinunter, nimmt ihn auf die Schulter und will sich in Richtung Kommandoposten schleppen. Nach wenigen Metern gerät Hemingway in eine Feuersalve von Maschinengewehren.

Trotz seiner beißenden Splitterverletzungen erreicht der US-Amerikaner mit dem getroffenen Soldaten auf der Schulter den rettenden Posten hinter der Dammsohle. Die Verletzungen von Ernest sind lebensbedrohlich, nur knapp entgeht er

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Die Geliebte Adriana Ivancich gratuliert dem noblen Ernest Hemingway mit Kisses

Lola gratuliert Professor Unrat per Telegramm zum Nobelpreis. Glücklich und stolz Deine Freundin zu sein, einst, jetzt und für ewig. Küsse. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Schriftsteller, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich gleich beim ersten Zusammentreffen im Veneto in die schwarzhaarige Adriana Ivancich. Obwohl das Mädchen mit den tiefschwarzen langen Haaren, den grünen Augen, der markanten Nase und den vollen Lippen da gerade erst 18 Jahre alt ist. Doch Ernest Hemingway gibt sich wie sein Oberst Cantwell, seine Romanfigur, die Leidenschaft flammt unlöschbar auf. Einerlei woher man kommt oder welche Jahreszahl in der Geburtsurkunde steht.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers, zusammen mit Ehefrau Miss Mary, weicht Adriana im Frühjahr 1950 wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefstem Herzen, eröffnet ihr der liebeskranke Autor, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest Hemingway blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

In Paris offenbart der Autor sich ein weiteres Mal der hübschen Venezianerin. „Aber Du hast Mary“, entgegnet Adriana halbherzig. Der unrettbare Romantiker Ernest Hemingway steckt wieder einmal tief im Gefühlssumpf. Ach ja, Mary, erwidert der vernarrte Schriftsteller, sie ist natürlich nett und solide und tapfer. Aber ein Paar kann einen Teil des Weges gemeinsam gehen und dann unterschiedliche Richtungen einschlagen. Das ist mir schon passiert.

Der 50-jährige Schriftsteller ist bereit, für Adriana alles aufzugeben. Ich liebe Dich in meinem Herzen, und ich kann nichts dagegen tun. Er habe nur beste Absichten, beteuert er. Ich weiß, was Du brauchst, um glücklich zu sein. Ich werde fortan leben, um Dich glücklich zu machen, säuselt Ernest Hemingway wie ein verknallter Oberprimaner.

Der Schriftsteller steht unter Testosteron und vermag keinen klaren Gedanken zu fassen. Ich liebe Dich mehr als den Mond und den Himmel und ich werde Dich so lieben, solange ich lebe. Selbst das Schreiben scheint ihm nebensächlich, zum Abschied lädt er sie auf seine Farm Finca Vigía nach Kuba ein und schenkt der jungen Muse seine Royal-Schreibmaschine.

Zum Nobelpreis gratuliert ihm Adriana per Telegramm Ende Oktober 1954 mit Kisses. Die italienische Lola kokettiert heftig mit dem alternden Autor und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es sogar ein paar unschuldige Küsse. Mehr wohl nicht. Doch der liebestolle Ernest hört nicht auf und

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Ein Hohelied auf Caorle

HemCaorleShirt

Photo by W. Stock

Irgendwie scheint der Mann noch da zu sein. Im Restaurant, in dem er gesessen hat, weist ein Schild stolz daraufhin, im Hafen liegt ein Motorboot, das seinen Spuren folgt und in der Boutique wird ein T-Shirt verkauft, auf dem zwei Sätze von ihm zu lesen sind.

Im Fenster des Fremdenverkehrsbüros hängt ein riesiges Poster, das ihn und seinen Freund Nanuk Franchetti bei einem Jagdausflug in der Lagune von Caorle zeigt. Caorle, ein Nest 60 Kilometer östlich von Venedig, und Ernest Hemingway aus Chicago. Eine Liebesgeschichte.

Caorle, ein pittoreskes Fleckchen Erde mit vielen bunten Häusern, hält die Erinnerung an seinen Ernest Hemingway lebendig. Der Schriftsteller scheint auf mysteriöse Art und Weise noch da zu sein, nicht nur sein Geist. Ein billiger Werbetrick mit einer Person, die sich nicht mehr wehren kann, weil sie schon so lange tot ist?

Nein, nein, die Sache liegt hier anders. Ernest Hemingway kannte Caorle, und er liebte den Ort. Der Amerikaner gerät ins Schwärmen über diese Landschaft am Meer, er ist betört von ihrer Vegetation, von ihrem Duft. Diese Gegend hier bedeutete ihm sehr viel, mehr als er je irgendwem sagen würde und konnte.

Ernest Hemingway mag die

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Hemingway vergöttert Venedig

Photo by W. Stock

Venedig. Eine Stadt, die ohne das Meer nicht zu denken ist.  Photo by W. Stock

Welche Zeit seines Lebens er nie bereut habe, ist Ernest Hemingway einmal gefragt worden. Venedig, antwortete er nach kurzem Zögern. Venedig im Winter, ohne Touristen. Dieser Stadt galt seine große Sehnsucht. Sie liegt nicht nur am Meer, das er über alles liebt.

Mehr noch, wie selbstverständlich ist sie ein Teil dieses Meeres und alles, was in dieser Stadt geschieht, ist ohne das Meer nicht zu denken. In der Tat ist Venedig am schönsten in den grauen Tagen nach dem Karnevalsrummel, wenn sie im späten Februar leise und still zwischen den Wasserkanälen liegt und die klirrende Kälte so langsam dem Frühling weichen möchte.

Am besten nähert man sich dieser Stadt vom Wasser her. Nicht über die staubige Landstrasse von Mestre und auch nicht von der dunklen Piazza Roma her. Am schönsten erobert man das Herz Venedigs, wenn man mit dem Vaporetto in die Lagune einfährt und im Osten der Piazza San Marco anlegt. Dann kann es passieren, dass man augenblicklich vom geheimnisvollen Charme dieser Stadt eingefangen wird.

Wie kann ein Mensch in New York leben, wenn es Venedig gibt?, schwärmte Ernest Hemingway, Venedig sei doch die schönste Stadt der Welt. Die Stadt besitzt von jeher etwas Magisches, einen Hauch Unergründlichkeit, wohl auch etwas Morbides. All das faszinierte Hemingway, ihn, für den der Gedanke an Tod und Vergänglichkeit ein Anziehungspunkt des Lebens und Schreibens war.

La Serenissima, die Erhabene unter den Städten, nennen

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Hemingway wird schwer verwundet

Fossalta di Piave

Das Denkmal des Ernest Hemingway in Fossalta di Piave, im September 2009: Photo by W. Stock

Dann kommt die schlimmste Nacht seines Lebens. Vom 7. auf den 8. Juli 1918 ist Ernest Hemingway auf Versorgungsfahrt in Fossalta an der Piave bei einer Stelle, die die Einheimischen als Buso de Burato, als Loch des Burato, bezeichnen.

Per Fahrrad soll er den in den Schützengräben liegenden Soldaten Lebensmittel überbringen. Und ein paar kleine Annehmlichkeiten, die die Last des Krieges mildern sollen: Zigaretten, Schokolade, Kaffee, Postkarten. Weil er nahe an der feindlichen Linie sein will, mag Hemingway diese Verpflegungsfahrten des Rolling Canteen Service.

Hemingway erreicht den nahen Damm, hinter dem italienische Soldaten in Stellung liegen. Auf der anderen Seite der Piave, in den östlichen Uferauen, liegen die österreichischen Truppen, die die Italiener unter Beschuss halten. Als Hemingway gegen ein Uhr nachts den Damm am Westufer der Piave erreicht, explodiert zwei Meter von ihm entfernt eine Mörsergranate. Plötzlich und mit einem riesigen Knall.

Die Granate, von einem Minenwerfer am Ostufer abgefeuert, ist

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