Ernest Hemingway erholt sich im Hospital des American Red Cross von seiner Verwundung. Mailand, im September 1918. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1918 befindet sich der Ambulanzfahrer Ernest Hemingway auf Versorgungsfahrt in Fossalta an der Piave, einer kleinen Stadt, eine halbe Stunde nördlich von Venedig. Im Osten wird das Städtchen von der sacht dahin fließenden Piave begrenzt, die hier knapp hundert Meter breit ist und über die weit und breit keine Brücke führt. Auf der anderen Seite des Flusses liegt der Feind.

Der 18-jährige Ernest passiert einen Abschnitt, den Einheimische als Buso de Burato, als das Loch des Burato, bezeichnen. Mit dem Fahrrad soll der junge Freiwillige den in Schützengräben liegenden italienischen Soldaten Lebensmittel überbringen. Und dazu ein paar kleine Annehmlichkeiten, die die Pein des Krieges ein wenig lindern sollen: Zigaretten, Schokolade, Kaffee, ein paar Frauenbildchen.

Am Westufer der Piave, am Ausläufer der kleinen Stadt, erreicht der junge Amerikaner den Damm, vor dem die Soldaten in Stellung liegen. Auf der anderen Seite der Piave, gerade einmal zweihundert Meter entfernt, lauern in den östlichen Uferauen die österreichischen Truppen, die die Italiener unter Dauerbeschuss halten.

Ernest Hemingway befindet sich gegen ein Uhr nachts auf dem Damm, er will Fedele Temperini, einem 26-jährigen italienischen Soldaten aus dem toskanischen Montalcino gerade die Mitbringsel überreichen, da schlägt nur drei Armlängen von den beiden entfernt eine Mörsergranate ein. Die Explosion mit ihrem lauten Knall und der Druckwelle reißt die beiden Burschen zu Boden.

Die hochkalibrige Granate ist von einem Minenwerfer am Ostufer abgefeuert worden und ist mit Eisenbolzen, Nieten, Stahlstiften und Metallschrott gefüllt. Kugelsplitter und Späne bohren sich tief in Hemingways rechtes Bein. Fedele Temperini, der direkt vor ihm gestanden ist, bekommt das allermeiste ab. Er überlebt die Mörsergranate nicht. Unbeabsichtigt hat der italienische Soldat mit seinem Körper den Amerikaner vor dem Beschuss abgeschirmt und ihm so das Leben gerettet.

Der junge Ernest liegt in einer dunkelroten Pfütze aus warmem Blut und Körperfetzen, um ihn herum tote und verwundete Soldaten. Die Verletzungen sind heftig, doch er befindet sich bei Bewusstsein. Wie in Trance zieht der 18-Jährige einen verwundeten Soldaten vom Damm hinunter, nimmt ihn auf die Schulter und will sich in Richtung Kommandoposten schleppen. Nach wenigen Metern gerät Hemingway in eine Feuersalve von Maschinengewehren.

Trotz seiner beißenden Splitter- und Schussverletzungen erreicht der US-Amerikaner mit dem getroffenen Soldaten auf der Schulter den rettenden Posten hinter der Dammsohle. Die Verletzungen sind lebensbedrohlich, nur knapp entgeht er einer Beinamputation. Von Mitte Juli bis zum 12. Dezember 1918 wird Ernest Hemingway im Hospital des American Red Cross behandelt. Nur allmählich erholt er sich von den schweren Kriegsverletzungen, selbst zurück in Chicago muss er am Stock gehen. Der Genesungsprozess dauert fast ein Jahr.

Hemingway erhält für seine Tapferkeit zwei Auszeichnungen, den italienischen Croce al Merito di Guerra und die US-amerikanische Silver Medal of Military Valor. Nichtsdestotrotz hat der blutjunge Kerl in die hässliche Fratze des Todes geblickt. Von ganz Nahem. Sein Leben hing am seidenen Faden, zum Sterben fehlten nur ganz wenige Zentimeter. Wäre nicht der Soldat Fedele Temperini als Schutzschild gewesen, Ernest wäre im Sarg nach Amerika zurückgekehrt.