Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Stierkampf

Warum liebt Ernest Hemingway den Stierkampf?

Ernest Hemingways Original-Eintrittskarte zur Plaza de Toros in Valencia vom 27. Juli 1959. Barrera Número 34, dies sind die vorderen Plätze, direkt vor dem Callejón. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Amerikaner Ernest Hemingway hat in Europa immer dem Tod ins Auge gesehen. Im Ersten Weltkrieg, im Spanischen Bürgerkrieg, im Zweiten Weltkrieg. Auch liebt er seither jene Sportarten, bei denen es um Leben und Tod geht oder wo zumindest das Blut in rauen Mengen fließt: den Stierkampf, das Boxen, den Kampf der Hähne, die Entenjagd, das Angeln großer Fische. Um Leben und Tod – es ist sein Thema.

Death in the Afternoon, in der deutschen Ausgabe als Tod am Nachmittag, erscheint im Jahr 1932, dies ist ein Essay über den Stierkampf und dessen Tradition auf der iberischen Halbinsel. In Spanien zeigt man sich überrascht, wie tiefsinnig sich ein Außenstehender in die Philosophie der arte torear à caballo y à pie, in die Kunst des Kampfes gegen den Stier, zu Pferd oder zu Fuß, einzufühlen vermag. Ernests Schilderungen von den Plazas de Toros und aus der Welt des Stierkampfes tragen in Spanien maßgeblich zur Popularität des Mannes aus Chicago bei.

Das Mysterium von Leben und Tod beschäftigt den Schriftsteller Tag und Nacht. Es fasziniert den US-Amerikaner, wie beim Stierkampf in Spanien mit dem Tod gespielt wird, wie der bunte Torero den wilden schwarzen Bullen neckt und vorführt, um ihm am Ende dann unter dem Gejohle der Zuschauer den Todesstoß zu verpassen.

Ernest Hemingway mag ein solches Spektakel, bei dem der Mensch als Todesbote auftritt, die Kollegen Dramatiker haben es allegorisch viele Jahrhunderte auf der Theaterbühne aufführen lassen. Doch Hemingways Tod kommt ohne lang gestrecktes Gewand und ohne dunkle Maske daher, im Stierkampf tritt der richtige Tod in die Arena und am Ende des dritten Tercios wird jemand wirklich tot sein.

Ernest Hemingway selbst tötet die wilden und schönen Tiere mit eigener Hand. Beim Hochseeangeln, auf seinen Safari-Reisen oder beim Schießen der Wildvögel im Sun Valley. Es macht ihm nichts aus, im Gegenteil, er empfindet Freude daran. Dabei liebt der Schriftsteller den Fisch, den er jagt und den er abschlachtet. Doch er kann nicht anders, denn ihn berauscht die Rolle des Jägers, der für einen Moment die Macht über Leben und Tod besitzt.

Das Tier ist sein Freund, doch die Entscheidung über sein Überleben oder über sein Sterben liegt beim Menschen. Darin besteht Hemingways Irrglaube und seine Verblendung: der Mensch als

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All thinking men are…

Die Penitentes, die barfüssigen Büßer im anonymen Kapuzengewand mit Spitzhaube über dem Kopf und einer Kerze in der Hand, gehören zum selbstverständlichen Bild in den andalusischen Karprozessionen der Semana Santa.
Foto by W. Stock, 2019

Jetzt wird es interessant. All thinking men are atheists. Alle denkenden Menschen sind Atheisten. So hat es Ernest Hemingway beiläufig geschrieben, in seinem Frühwerk A Farewell to Arms, im zweiten Kapitel. Im Jahr 1929 ist dieser Roman erschienen, auf Deutsch heißt er In einem andern Land. Jeder, der denken kann, ist Atheist. Das ist mal ein Aufschlag. Merkwürdig nur: Ernest Hemingway selbst war ja kein denkender Mensch, kein Intellektueller oder Räsonierer. Sonder ein Gefühlsmensch, jemand, der aus dem Bauch heraus lebte.

Und merkwürdig auch: Sein bestes Werk – Der alte Mann und das Meer – ist eine Erzählung von alttestamentarischer Kraft. Eigentlich ist diese Novelle der Versuch einer Zwiesprache mit Gott. All dies scheint merkwürdig für einen Atheisten. Auch hat Hemingway immer abgestritten, an Gott zu glauben, er hat sich vielmehr lustig gemacht über ihn. Aber irgendwie, je länger man seine Zeilen liest, kommen sie einem vor, wie ein Hilferuf an eine höhere Macht und wie eine Sehnsucht nach Behütung durch diese höhere Macht. Ernest Hemingway lebte merkwürdigerweise auch gerne in erzkatholischen Ländern. Auf Kuba und in Südspanien.

Die strengen Gebräuche in Andalusien übten eine Faszination auf ihn aus. So die Penitentes – jene Kapuzenmänner, die in der Karwoche als namenlose Büßer auftreten, weil ein Papst im 14. Jahrhundert die öffentliche Buße untersagt hatte. Oder denken wir an die übersteigerte Marienverehrung oder den blutigen Stierkampf. Ernest fühlte sich von solch archaischen Riten angezogen. Auch wenn er eine andere Begrifflichkeit verwendet, katholische Rituale wie Buße, Sünde, Selbstkasteiung, Vergebung, Sakrament oder Pilgertum bleiben ihm nicht fremd.

Über die Grenzen des Individuums hat er viel geschrieben. Ein Mystiker würde nun vielleicht versuchen, das Mysterium des Lebens und Ablebens mit Hilfe des Glaubens oder der Existenz eines allmächtigen Gottes zu enträtseln. Und möglicherweise ist so etwas wie Gott ja der Schlüssel für all dies, was sich dem Verstand nicht erschließt. Doch diesen letzten Schritt wollte – oder konnte – Ernest Hemingway nicht gehen.

Obwohl, möglicherweise benutzt dieser Ernest Hemingway für Gott ja bloß

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Ernest Hemingway, der Stierkampf und das moderne Spanien

Die Plaza de Toros in Ronda, eine der ältesten Stierkampf-Arenen der Welt, bildet noch heute das Zentrum der weißen Stadt in den Bergen Andalusiens. Der Sandsteinbau mit der auf Säulen ruhenden Arkadengalerie ist eine architektonische Augenweide.
Foto by W. Stock, 2019

Gut 6.000 Besucher kann die Plaza de Toros in Ronda fassen, bei einer Stadt mit nur 30.000 Bewohnern bleibt es da nicht einfach, die Arena vollzukriegen. Sie gilt als eine der ältesten und auch eine der schönsten ihrer Art, die kreisrunde Anlage wird zum Vorbild für zahlreiche Stierkampf-Arenen in der Welt. Außer an Tagen, an denen eine Corrida stattfindet, ist die Plaza de Toros im Zentrum von Ronda täglich für Besucher geöffnet.

Die Plaza de Toros de Ronda wurde in den Jahren von 1783 bis 1789 von dem Architekten José Martin de Aldehuela erbaut. Die Plaza hat über zwei Jahrhunderte den Puls der Stadt bestimmt. Es war in Ronda, wo der Matador Pedro Romero vor zweihundert Jahren, zusammen mit seinem Kollegen José Delgado – genannt Pepe Hillo – aus Sevilla, die heute geltenden Stierkampf-Regeln festlegte. Die Tauromaquia o arte torear à caballo y à pie gilt als Beginn des neuzeitlichen Stierkampfes.

Neben den Romeros stammt auch die Torero-Dynastie der Ordoñez aus Ronda, Vater Cayetano und Sohn Antonio. Hemingway-Kenner wissen Bescheid. Die Rivalität mit Sevilla ist immer groß gewesen. Und noch heute kann man in Ronda den Stierkampf erleben, andere Landstriche, wie Katalonien, haben das Spektakel längst mit einem Verbot belegt. In Barcelona wurde aus der Stierkampfarena eine Shopping Mall.

Zwar gibt es heutzutage in Ronda nicht allzu viele Corridas, jedoch jedes Jahr in der ersten Septemberwoche feiern die Andalusier ihre Corrida Goyesca, einen Stierkampf im Goya-Stil. Toreros aus der ganzen Welt kommen dazu nach Ronda, um diesem einzigartigen Spektakel, einer Idee von Antonio Ordóñez, beizuwohnen. Die Stierkämpfer, als auch Teile des Publikums, verkleiden sich in traditionellen Goya-Kostümen im Stil des 18. Jahrhunderts. 

Spanien, das ist spätestens seit dem blutigen Bürgerkrieg in den 1930er Jahren klar geworden, ist in zwei Spanien zerfallen. Dabei ist nicht nur das politisch linke und das rechte Spanien gemeint, sondern auch das moderne und traditionelle Spanien. Der Bruch Spaniens mit der bigotten Diktator des General Francos nach 1975 fiel radikal aus, der Wandel zur modernen Gesellschaft bleibt tief zu spüren. Francisco Franco, der bekanntlich hochbetagt im Bett starb, dient über die Jahre der Transición und noch heute als Antipode.

Die Abkehr vom Althergebrachten, vom Paternalismus, von den alten Traditionen und von den Glaubenssätzen wurde gleichgesetzt mit der Abkehr von der Despotie. Das war nicht falsch, denn den Franquismus kann man durchaus als Herrschaft des Militärs, des Katholizismus und der andalusischen Latifundistas sehen.

Das Pendel schlug in Spanien kräftig in die andere Richtung aus. Der Abschied von den Überlieferungen der Väter und Großväter ging einher mit

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Ernest Hemingway in Ronda

Oberhalb der Schlucht zum El Tajo liegt der schmale ‚Paseo de E Hemingway‘, der am Parador vorbei führt bis zu den Klippen. Foto by W. Stock, 2019

Man weilt erst seit wenigen Minuten in Ronda und prompt läuft man zwei bekannten Amerikanern in die Arme, beide allerdings schon vor Jahrzehnten verstorben. Die weiße Stadt in den andalusischen Bergen hat den Schriftsteller Ernest Hemingway und den Regisseur Orson Welles sichtbar im Stadtbild verewigt, jeder als Namensgeber einer eigenen Promenade oder in Form von mannshohen Skulpturen. Ein Hotel, gleich das Palacio de Hemingway, vier Sterne, und ein Café sind nach dem Autor benannt, Fotos und Postkarten von beiden finden sich zuhauf in den Andenkenshops.

Manchmal kann man sie leicht verwechseln, US-Amerikaner, ähnliche Physiognomie, stämmiger Körperbau, dichter Bart, selbstbewusstes Auftreten. Und beide eint die Liebe zu dieser einzigartigen Stadt von 30.000 Bewohnern. Zwei Stunden von der Küste entfernt liegt Ronda im Gebirge, auf einem Fels, eingebettet von blühender Vegetation, soweit das Auge reicht, ein Ort wie gemalt für ein pittoreskes Großgemälde.

In der Tat ist dieser Ort ein seltenes Juwel. Umgeben von einem Teppich grüner Olivenhaine, riesigen Farmen mit freilaufenden Rindern und eindrucksvollen Weingütern bleibt die Natur in diesem abgelegenen Landstrich allgewaltig. Ronda liegt abseitig, noch heute etwas abgeschieden von der Welt, die sich so gern modern nennen lässt. Oben in den Bergen stört nicht das Brummen der Laster oder quält der Gestank der Fabrikschlote, man hört vielmehr das Rauschen der Pinien im Wind und das ausgelassene Zwitschern der Vögel – und sonst hört man nichts. Man wird kaum etwas Besseres für den Seelenfrieden finden als Ronda, Ernest Hemingway hat darauf aufmerksam gemacht.

Der bärtige Schriftsteller hat Ronda über alles geliebt. Besuchen Sie Ronda, wenn Sie wieder mal nach Spanien kommen sollten. Für eine Hochzeitsreise oder mit Ihrer Freundin. Die ganze Stadt und ihre Umgebung gleichen einem romantischen Bühnenbild. Die Stadt liegt 720 Meter über El Tajo, einer steilen Schlucht, Ronda wird architektonisch geprägt von der westgotischen, der maurischen und von der christlichen Tradition. Weiße Häuser stehen direkt an der Klippe, die halbe Stadt balanciert am Abgrund.

Im Mai 1923 besucht Ernest  mit seinen Freunden William Bird und seinem Pariser Verleger Robert McAlmon zu ersten Mal Spanien, es geht auch in den Süden, nach Sevilla, Granada, nach Toledo, Aranjuez und eben auch Ronda. Der Stierkämpfe wegen. Ende der 1950er Jahre kommt er zurück nach Andalusien, zum Abschied, zwei Jahre vor seinem Tod in den Rocky Mountains.

In Ronda, in dieser eindrucksvollen Stierkampfarena, einer der ältesten Spaniens, wohnt er oft

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Der gefährliche Sommer

Im Sommer 1959 schickt das Magazin LIFE Ernest Hemingway nach Spanien, auf eine lange Reise. Eine große Reportage über 10.000 Wörter ist ausgemacht. Der Nobelpreisträger soll über Spanien, den Stierkampf und vor allem die Rivalität der beiden großen Stierkämpfer Antonio Ordóñez und Luis Miguel Dominguín berichten.

„In dieser Woche sind wir alle glücklich“, schreibt die hochformatige Zeitschrift im Editorial, „einen alten Freund und Mitarbeiter auf den Seiten von LIFE wieder begrüßen zu dürfen. Es ist acht Jahre her, dass Ernest Hemingway ein großes Werk veröffentlicht hat. Und nun veröffentlichen wir die erste Folge seines neuen großartigen Buches The Dangerous Summer.“

Am 13. Mai 1959 macht sich Ernest Hemingway auf nach Madrid, in der Hauptstadt beginnt er seine Stierkampf-Tour, die den Schriftsteller kreuz und quer durch Spanien führen wird. Er fährt nach Sevilla, nach Córdoba und Ronda, nach Aranjuez, nach Alicante, dann Algeciras am 21. Juni, nach Saragossa, natürlich nach Barcelona, dann nach Burgos, am 7. Juli sodann nach Pamplona, auch nach Valencia, wo er gleich zweimal einer Corrida beiwohnt, am 25. und am 27. Juli 1959. Seine Reise führt ihn

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