
Er hat zwei, drei erstklassige Romane geschrieben, dazu ein Dutzend vorzügliche Kurzgeschichten. Zur Hochform läuft dieser Kerl vom Jahrgang 1899 jedoch auf, wenn er für Zeitungen und Zeitschriften arbeitet. Ernest Hemingway ist als Reporter große Klasse. Er gilt als Vorbild für gute Berichterstattung. In den Journalisten-Schulen wird gezeigt, wie eine reduzierte Sprache einsetzt und maximale Wirkung erzielt wird. An den Universitäten wird seine lakonische Sprachführung seziert.
Mit seinem schnörkellosen, präzisen Journalismus ist er das Vorbild für Generationen. Die besten Schreiber, weltweit. Millionen lesen und verehren ihn. Seine Depeschen aus dem Spanischen Bürgerkrieg – knapp, direkt, ohne Pathos – sind die besten Reportagen überhaupt. In diesen späten 1930er Jahren durchlebt Ernest Hemingway seinen Höhepunkt als journalistischer Schreiber. Sie töteten eine alte Frau, die vom Markt kam und nach Hause ging. Was von ihr liegen blieb, war ein Knäuel schwarzer Kleider. Ein Bein war gegen die Wand des nächsten Hauses geflogen.
Kein Flitterkram, den Text nicht aufblähen mit Adjektiven, ganz ohne Schinden von Eindruck. Dafür: einfach, klar und präzise. Die Wirkung muss sich im Nachgang der Lektüre entfalten, sie darf nicht im Artikel vorgegeben werden. Moral entsteht im Kopf des Lesers, nicht beim Journalisten. So hielt er es bei seinen Reportagen aus dem Zweiten Weltkrieg. In Hürtgen gefroren die Toten alle einfach, und es war so kalt, dass sie mit roten Gesichtern gefroren. Reine Szene, wie im Film.
Von Dezember 1921 bis März 1928 lebt Ernest Hemingway mit Ehefrau Hadley in Paris. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der Jungvermählte mit journalistischen Artikeln, er hat einen freien Vertrag mit dem Toronto Star. Von Paris aus bereist der junge Korrespondent den Kontinent, oft sieht man ihn in Italien, in der Türkei, der Schweiz, Spanien und in Deutschland. Die frühen Kabinettstückchen für die kanadische Tageszeitung, allesamt aus dem Jahr 1922, bleiben bemerkenswert. Denn sie verraten, wie der damals 23-jährige Ernest Hemingway als Schreiber funktioniert.
Der US-Amerikaner schreibt einfach und schön, ja schön einfach, aber immer voller Respekt für die Faszination des Fremden. Wenn Sie am Morgen aufwachen und über dem Goldenen Horn einen Nebel sehen, aus dem die Minarette schmal und glatt zur Sonne hochwachsen und der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft, in einer Stimme, die sich hebt und senkt wie die Arie einer russischen Oper, dann begrüßt Sie die Magie des Ostens. So beschreibt Ernest Hemingway sein Erwachen in Konstantinopel, in einem Artikel aus dem Oktober 1922.
Der junge Journalist aus einem Vorort am Michigan See besitzt eine phänomenale Beobachtungsgabe. Punktgenau wirken seine Schilderungen in Bezug auf Landschaften, auf Menschen und auf das lokale Kolorit. Wie ein Künstler malt er seine Stücke und wahrt die Harmonie von präziser Optik und subjektiver Handlung. Hemingways Credo: Mittendrin und ein Teil davon. Man muss schon nahe herangehen.
Das Verdienst des Nobelpreisträgers von 1954 ist, dem Journalismus eine andere Blickrichtung gegeben zu haben. Seine Herangehensweise verlangt, genau hinzuschauen. Bisweilen wirkt sein Ansatz sehr detailverliebt, aber eine kräftige Beobachtungsgabe ist das allerwichtigste Talent eines guten Reporters. Ernest Hemingway macht es uns vor, dieser Mann schreibt mit dem Auge.
Informationen und Gefühle gilt es zu transportieren. Nur durch Beschreibung. Die Menschen fragen mich, warum ich auf Kuba lebe, und ich sage, weil ich es mag. Ich kann natürlich auch sagen, ich lebe gerne auf Kuba, weil ich Schuhe nur anziehen muss, wenn ich in die Stadt fahre. So erklärt er seine Liebe zu seiner Wahlheimat Kuba in dem Zeitschriftenartikel The Great Blue River im Juli 1949.
Seine kühle Lakonik hat Generationen von Reportern geprägt. Bis heute. Gerade bei jenen, die ihr Metier grandios beherrschen, bemerkt man den Einfluss des Mannes aus Chicago. In seinen besten Stücken achtet er auf
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