Hemingways Welt

Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Ernest Hemingways Leseliste für große Literatur

Ernest Hemingway
Leseliste
Dies ist Ernest Hemingways Leseliste für seinen Schüler Arnold Samuelson.

Im April 1934 trampt Arnold Samuelson, ein junge Journalistik-Absolvent der University of Minnesota, nach Key West. In der Hoffnung, seinem Idol Ernest Hemingway zu begegnen. Auch möchte der Nachwuchsschreiber den einen oder anderen Ratschlage von dem prominenten Autor einholen. Der junge Mann vom Jahrgang 1912 sollte nicht enttäuscht werden. 

Tatsächlich gelingt es ihm, das Haus der Hemingways ausfindig zu machen. Er klopft an das Tor des herrschaftlichen Anwesens in der Whitehead Street 907. Der Schriftsteller wohnt mit seiner zweiten Frau Pauline seit 1928 im tropischen Key West an der Südspitze der USA. Vor Aufregung bringt der junge Arnold keinen geraden Satz heraus.

Beim ersten Treffen wird er barsch abgewiesen und auf den nächsten Tag vertröstet. Dann kann er das Wohlwollen des Mittdreißigers Hemingway erobern. Er freundet sich an mit dem damals bereits berühmten Buchautor, der so etwas wie ein väterlicher Mentor für den 22-jährigen Schreiber wird. Das Ziel des jungen Mannes ist, ebenfalls Schriftsteller zu werden.

Schon bei der ersten Begegnung überreicht Ernest Hemingway dem unbedarften Samuelson eine handgeschriebene Aufstellung mit den Worten: Hier ist eine Liste von Büchern, die jeder junge Schriftsteller als Teil seiner Bildung gelesen haben sollte. Wenn nicht, dann sind Sie einfach nicht gebildet. Die aufgeführten Schriftsteller repräsentieren unterschiedliche Arten des Schreibens.

Der Mann aus Key West weiß, manches wird keine leichte Kost für einen jungen Eleven sein. Es sind nicht die Zeitgenossen, die Hemingway empfiehlt, sondern eher die modernen Klassiker. Einige Stücke mögen Sie langweilen, andere könnten Sie inspirieren. Und wieder andere sind so wunderschön geschrieben, dass Sie das Gefühl überkommen wird, der Versuch so zu schreiben, sei hoffnungslos.

Nachstehend die Meisterwerke der Weltliteratur, die Ernest Hemingway dem jungen Samuelson als Liste überreicht:

Ernest Hemingway – ein Kundschafter Gottes

Unter dem Titel Papa – A Personal Memoir erinnert sich Gregory, der jüngste Sohn Ernest Hemingways an den Vater.

My father was a poet, one of God’s spies. He always had a marvelous ear for words. They flowed through him as through a purifying filter, the distillation seeming more true and beautiful than the world itself, words simple and complicated as autumn or spring.

Mein Vater war ein Dichter, einer der Kundschafter Gottes. Er hatte immer ein wunderbares Ohr für Worte. Sie flossen durch ihn wie durch einen reinigenden Filter, das Destillat schien wahrer und schöner als die Welt selbst. Worte, einfach und vielschichtig, wie der Herbst oder der Frühling.

Gregory H. Hemingway
Papa – A Personal Memoir

 

Ernest Hemingway, der Rastlose

Ernest Hemingway und Lauren Bacall in Bayonne, im August 1959.
Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Suche des Ernest Hemingway nach der reinen Liebe hätte möglicherweise bereits bei Hadley, seiner ersten Ehefrau, enden können. Doch zu häufig hat er betrogen und gelogen in Sachen Liebe, ist die Zuneigung erstorben im Gemenge seiner Wutausbrüche und seines Narzissmus, zu oft hat er die Liebe erdrosselt im Gewimmel seiner Liebschaften und Seitensprünge.

Ernesto ist in Sachen Liebe über die Jahre zum Zyniker geworden. Vielleicht ist es auch das Feld, auf dem er krachend gescheitert ist. Denn die große, die absolute Liebe im Leben hat er nicht finden können. Weder bei seinen vier Ehefrauen, noch bei seinen Liebschaften und schon gar nicht bei den schnellen Nummern. Liebe ist ein Misthaufen, klagt Harry in Schnee auf dem Kilimandscharo bitter, und ich bin der Hahn, der draufsteigt und kräht.

In der hoffnungslosen Lebensbeichte des sterbenden Schriftstellers Harry in Schnee auf dem Kilimandscharo, unschwer vermag man Züge und Lebensstationen des Ernest Hemingway ausmachen, geht er besonders mit der Liebe hart ins Gericht. Die Liebe, bloß ein Gespinst aus galanter Schwindelei und gefühlsduseligem Hokuspokus? Als er nicht mehr meinte, was er sagte, hatte er mit seinen Lügen bei Frauen mehr Erfolg als früher, wenn er ihnen die Wahrheit gesagt hatte.

Etliche Frauen schwirren um ihn herum. Ehefrauen, Freundinnen, Verehrerinnen, Musen, Mätressen. Er selbst ist kein Kind von Traurigkeit, unzähligen Frauen macht Ernest Hemingway den Hof. An manchen Tagen kommt er mit drei Frauen zusammen. Ernesto, die Berühmtheit, braucht nur mit dem Finger zu schnippen.

Dennoch sucht er bei anderen Partnerinnen weniger das Körperliche, sondern eher das Spirituelle. Die bestmögliche Mischung aus körperlicher Befriedigung und spiritueller Beglückung erlebt er ironischerweise am intensivsten bei seiner kubanischen Mätresse Leopoldina. Deshalb erstaunt nicht groß, dass Ernest ihr länger verbunden bleibt als mit den meisten seiner Ehefrauen.

Die Sehnsucht nach der umfassend erfüllten Liebe quält ihn jedenfalls sein ganzes Leben. Seine Rastlosigkeit vernebelt wohl einen Mangel an seelischer Erfüllung. Weil er die reine Liebe nicht gefunden hat, weil er keinen tiefen Glauben empfinden kann, weil er vom Paradies träumt und dennoch immer wieder auf dem Hosenboden landet.

Sein körperlicher Appetit bleibt bis in seine 1950er enorm, befindet sich eine attraktive Frau in seiner Nähe, gerät dieser Ernest Hemingway postwendend unter Starkstrom. Eléctrico. Der Schriftsteller in seinem kubanischen Refugium stachelt die Frauen mit seiner Aura an und fängt die armen Geschöpfe flugs und unrettbar ein wie in einem Spinnennetz.

Und nun als Höhepunkt jenes Schauspiels, das die Sehnsucht nach der großen Liebe schreibt, fügt er am Ende seiner Suche noch die eine oder andere alberne Klamotte an. Etwas Gutes hat dieses Possenspiel mit Adriana und Valerie vielleicht. Er merkt in letzter Konsequenz wohl, dass er in Sachen Liebe ein Gescheiterter ist.

Trotzdem – als Romantiker durch und durch – hört er nicht auf, an das reine Gefühl zu glauben, an die vollkommene Liebe. Auch wenn er es zum wiederholten Male verbockt hat oder sich vor aller Welt affig aufführt, er jagt seinem Ideal über alle Konventionen und über alle Vernunft hinweg nach. Vier Ehefrauen, unzählige Liebschaften, er macht das alles nicht aus Spaß.

Denn die Liebe erscheint ihm als

Rekord durch Günther Jauch

RTL
5 gegen Jauch
Am Abend der Ausstrahlung von 5 gegen Jauch auf RTL schoßen die Zugriffszahlen von Hemingways Welt in die Höhe.

Dieses Portal Hemingways Welt ist ein Liebhaber-Projekt. Nichts für die breite Masse, sondern für die Anhängerschaft von Ernest Hemingway. Sein Leben und seine Literatur. Ein Nischen-Medium also. Mit überschaubarem Zuspruch.

Trotzdem bin ich stets bemüht, neue Leser und Leserinnen für meine inzwischen über 500 Hemingway-Artikel zu gewinnen. Dies gelingt mal besser, mal schlechter. So im Durchschnitt tummeln sich pro Tag 100 bis 120 User auf dieser Website und klicken rund 300 bis 400 Posts an. Im Monats kommt man da auf gut 3.000 Besucher. Das ist nicht übel für eine solch begrenzte Zielgruppe. 

Ausrutscher nach unten und Glücksfälle nach oben – auch damit kann Hemingways Welt dienen. Und manchmal gar explodieren die Zugriffszahlen. So geschehen Mitte Mai 2021. Ich wurde selbst überrascht. Zufällig schaue ich am Abend auf die Statistik und bin sprachlos, wie die Zahl der User hochschießt. 

Was ist denn da passiert? Technischer Defekt? Finstere Hacker? Nein, die Zugriffszahlen über ganz Deutschland hinweg sind real. Mit etwas Tüfteln komme ich der Aufklärung näher. Diesen absoluten Tagesrekord mit insgesamt über 10.000 Besuchern habe ich Günther Jauch zu verdanken. Und das kam so.

In seiner Fernsehsendung 5 gegen Jauch ist, zur besten Sendezeit, just an diesem Samstagabend eine Quizfrage im Zusammenhang mit Ernest Hemingway gestellt worden. Die Frage lautete: Wessen älteste Kinder erhielten von ihrem Vater die Spitznamen Dot und Dash – Punkt und Strich? A: Winston Churchill, B: Ernest Hemingway, C: Thomas Edison, D: Prinz Philip. Günther Jauch entschied sich für C: Thomas Edison. Das war

Adriana – Ernest Hemingways amour fou

In ihren Memoiren La Torre Bianca schreibt Adriana über ihre Begegnungen mit Ernest Hemingway.

Anfang Dezember 1948, der Schriftsteller befindet sich mit seinem italienischen Freund Carlo Kechler auf einer Ausfahrt rund um den Landsitz des Grafen bei Latisana, da steigt ein blutjunges Mädchen, tropfnass von einem heftigen Regenschauer, in den blauen Buick. Ernest Hemingway, auf dem Beifahrersitz neben dem Chauffeur, hat einen direkten Blick auf die Rückbank, wo die junge Frau Platz genommen hat.

Sie grüßt nett, man unterhält sich und es stellt sich heraus, dass sie weder Hemingway als Person, noch seine Bücher kennt. Und prompt ist es geschehen um den armen Mann. Der Autor, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich bei diesem ersten Zusammentreffen augenblicklich in die schwarzhaarige Schönheit mit den grünen Augen und den vollen Lippen. Obwohl die junge Frau da gerade erst 18 Jahre alt geworden ist.

Marlene Dietrich hat eine amour fou berühmt gemacht, in Der Blaue Engel, dem UFA-Spielfilm des Josef von Sternberg aus dem Jahr 1930. Immanuel Rath, ein verschrobener greiser Gymnasialprofessor, der von seinen Schülern Professor Unrat gerufen wird, verliebt sich in eine blutjunge Tingelltangel-Sängerin namens Lola Lola, und wird von dieser an den Rand des Verstandes gebracht.

Ernest Hemingways Lola Lola heißt Adriana Ivancich. Der amerikanische Autor ist bis über beide Ohren verknallt in die aparte Aristokratentochter mit der markanten Nase und befördert sie zu seiner Muse. Er versucht, sie einzubinden in sein Leben. Der Autor lässt sie Grafiken für seine Bücher entwerfen, gibt ihr Manuskripte, fragt sie aus über Italien.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers im Frühjahr 1950 weicht Adriana wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und auch nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefsten Herzen, offenbart sich ihr der liebeskranke Schriftsteller, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und auch das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

Seiner jungen Muse schenkt Ernest zum Abschied seine Royal-Schreibmaschine. Liebe? Die junge Adriana vermag in dem alten Ernesto bestenfalls eine Art väterlichen Bewunderer zu sehen, sie kokettiert heftig und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es ein paar unschuldige Küsse. Mehr nicht.

Im Oktober 1950 kommt Adriana Ivancich dann mit ihrer Mutter Dora für vier Monate auf die Finca Vigía. Ernesto auf seinem tropischen Landsitz nahe Havanna wirft sich in Schale, zeigt den Ivancichs die Schönheit der Insel, rückt seine Schokoladenseite ins Licht. Jeder merkt, was los ist. Doch Mutter Dora passt auf wie ein Wachhund.

Ich liebe nur Adriana, sagt der Schriftsteller zu seinem Arzt José Luis Herrera auf Finca Vigía in einem melancholischen Anfall, ich werde mich für sie erschießen. Gut, antwortet der Doktor, der ahnt, dass er in Ernest Hemingway einen aussichtslosen Fall vor sich hat, gut, erschieß Dich nur! Wo ist das Gewehr? Sag’s mir. Ich werde es persönlich laden und dann beobachten, wie Du den Abzug drückst.

Der liebestolle Ernest balzt weiter und lässt sich

Der schönste Hemingway-Satz: unverwundbar in Paris

Ernest Hemingway Paris
Paris hat nie ein Ende, aber vielleicht vermittelt Ihnen dieses Buch etwas Wahres über die Menschen und Orte und das Land zu der Zeit, als Hadley und ich uns für unverwundbar hielten. Aber wir waren nicht unverwundbar…
Ernest Hemingway: Paris – Ein Fest fürs Leben.

Als Ernest Hemingway in Mexiko sich durch Ciudad Juárez säuft

Das Online-Medium Hilo Directo aus Ciudad Juárez veröffentlicht eine merkwürdige Episode aus dem Leben des Ernest Hemingway.

Vor kurzem habe ich per Zufall eine wunderbare Geschichte in dem Medienportal Hilo Directo aus Ciudad Juárez entdeckt. In dieser mexikanischen Online-Zeitung erzählt der Schriftsteller Miguel Ángel Chávez Díaz De León von einer Begebenheit aus dem Leben des Ernest Hemingway.

Der Club 15, eine kleine Kneipe in der Avenida Juárez, erlebte im Jahr 1959 den Besuch von Ernest Hemingway und des Toreros Luis Miguel Dominguín. Im Monat Juli hatten die beiden Freunde eine Unterkunft im ‚San Antonio‘ durchgebucht, einem Hotel in der Straße ’16. September‘, direkt gegenüber vom Juárez-Markt. Der spanische Torero und der amerikanische Schriftsteller verfolgten einen Plan: Den Geburtstag Numero 60 von Papa Hemingway derart zu feiern, indem sie sich weltweit durch etliche Städte saufen.

So unbekümmert beginnt die Geschichte von Chávez Díaz, und sie geht ebenso vorwitzig weiter. In einer von mir gefertigten freien Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche.

Als sie in Ciudad Juárez ankamen, lag eine dichte Hitzeglocke über der Stadt, und es blieb den zwei keine andere Wahl, als sich das ‚Cruz Blanca‘-Bier im Dutzendpack hinter die Binde zu kippen und dazu einige Flaschen ‚Juarez Whisky Straight American‘. Die Wochen zuvor hatten sie sich bereits in so mancher Kaschemme und Bar voll zugedröhnt, in Madrid, Lissabon, Paris, Havanna, im Sun Valley, Idaho und in San Antonio, Texas. Nun kreuzten sie in El Paso auf und überquerten den Río Bravo.

Und die Erzählung geht munter weiter: Im Schlepptau des Schriftstellers befinden sich Maritrini y Jova, zwei blutjunge Tänzerinnen aus dem Tropicana in Havanna. Hemingway, Dominguín und die zwei Frauen bechern sich kräftig durch das mexikanische Nachtleben. Der Nobelpreisträger achtet darauf, unerkannt zu bleiben. Doch der Journalist Polo Ochoa von der Tageszeitung El Fronterizo erkennt den bärtigen Autor und vermeldet den prominenten Besucher in seiner Kolumne Trik-Trak am 22. Juli 1959.

Ernest Hemingway und Begleitung saufen sich weiter durch die einschlägigen Etablissements von Ciudad Juárez. Das Kentucky, der Tivoli, die Villa Española, das Charmant, das Fiesta, El Recreo, La Cucaracha – keine Kneipe, in der die Prozente über die Schanktheke geschoben werden, lässt der berühmte Amerikaner aus.

Irgendwann sind die Sauforgien vorbei und Ernest Hemingway kehrt Mexiko den Rücken. Die beiden kubanischen Tänzerinnen entschließen sich, in Ciudad Juárez zu bleiben. Dort leben sie noch heute, im Stadtteil Margaritas, in der Nähe des Parque Hermanos Escobar. Die beiden älteren Damen sind umgeben von Erinnerungen und Fotos an die Sause mit dem gefeierten Autor.

Ciudad Juárez ist eine Stadt im Bundesstaat Chihuahua und stößt an die stark gesicherte Grenze zu den Vereinigten Staaten. Im Westen des Río Bravo liegt Ciudad Juárez, im Osten das US-amerikanische El Paso. Der Grenzfluss trennt nicht nur Mexiko und Texas, sondern zugleich die Verzweiflung von der Hoffnung. Eine Millionenstadt wie Ciudad Juárez durchlebt wie unter einem Brennglas all die Probleme Mexikos: illegale Migration, Schmuggel, Kriminalität, Rauschgift und schlimmste Gewalt.

Den Großmeister Hemingway in einen solchen Vorhof der Bedrücktheit einfallen zu lassen, bleibt eine reizvolle Idee. Und so liest der Hemingway-Aficionado die kurze Story mit heiterem Vergnügen. Bei aller Liebe muss man jedoch eines festhalten: Die ganze Geschichte stimmt von vorne bis hinten nicht. Alles um Ernest Hemingway ist erfunden. Vom ersten bis zum letzten Satz aus den Fingern gesogen. 

Allerdings nicht als Lügenmärchen, der Autor redet ganz offen über sein Konzept. Mit voller Absicht will er eine Geschichte spinnen, die Realität und Imagination bewusst vermengt. Dies ist die schrullige Eigenart des Erzählers Miguel Ángel Chávez Díaz De León. So lässt der mexikanische Münchhausen in anderen Episoden den Sänger Jim Morrison in Ciudad Juárez auflaufen. Und auch Pablo Picasso hat schon einmal am Río Bravo vorbei geschaut.

Der augenzwinkernde Kniff des Mexikaners besteht darin, dass er die frei erfundenen Stippvisiten der Prominenz mit historischen Fakten und genauen Belegen zu Unterkunft, Straßen und Uhrzeiten anreichert. Er macht das stilistisch so gekonnt, dass der geneigte Leser irgendwann die Phantasiegebilde des Mannes aus Ciudad Juárez dann auch wirklich glauben will. Crónicas Descarriadas nennt Chávez Díaz, ein Autor vom Jahrgang 1962, seine Erzählweise. Versprengte Berichte. 

Durch das vermeintliche Aufkreuzen der Berühmtheiten in seiner Heimat gelingt es dem Autor, ein wenig

Valerie – der letzte Schwarm des Ernest Hemingway

Die Erinnerungen von Valerie an Ernest Hemingway werden auf Englisch und Spanisch veröffentlicht.

Als es mit Ernest Hemingways Lebensenergie steil bergab geht, trifft er auf Valerie. Und Valerie wird sein Schwarm, sein letzter. Valerie Danby-Smith, so der Mädchenname der Irin vom Jahrgang 1940, kommt aus Dublin und lernt den Schriftsteller im Mai 1959 in Madrid kennen, während des San Isidro Festivals.

In Spanien arbeitet die 19-Jährige als Kindermädchen und freie Journalistin und will nun den Nobelpreisträger für die Irish Times interviewen. Ernest Hemingway bittet ins Hotel Suecia, Suite 809, wo er mit Mary residiert. Der 59-jährige Ernest wird im Nu von dem herben Charme der jungen Frau entflammt. Auch wenn ein Altersunterschied von 40 Jahre zwischen den Beiden liegen.

Ernesto bittet Valerie, ihn zu begleiten. Er lädt sie ein zum Encierro nach Pamplona. Kurz darauf stellt er sie als seine Sekretärin ein, für 250 Dollar im Monat. Die blutjunge Valerie weicht nicht mehr von Hemingways Seite. Beide fahren nach Málaga, zum Landgut La Cónsula, in die Provence, nach Paris. Und im Januar 1960 zieht Valerie Danby-Smith in die Gästewohnung der Finca Vigía ein.

Auf Kuba erhält die junge Frau tiefen Einblick in das Spätwerk des Schriftstellers, in seine Briefe und seine Manuskripte. Valerie wird zur engen Vertrauten des hinfälligen Nobelpreisträgers, Ernestos Augen funkeln in Anwesenheit der jungen Frau. Ob er sie noch liebe, fragt die verzweifelte Mary in einer ruhigen Minute ihren Ehemann, ihr bleiben die Avancen des Gatten nicht verborgen. Was sie als Paar denn noch zusammen halte? Ja, antwortet Ernest dann glaubhaft, er liebe Mary sehr.

Doch er kann auch als gebrechlicher Mann nicht die Augen lassen von anderen Frauen, die Ehe von Ernest und Mary schlittert mehr und mehr dem Abgrund zu. Vielleicht merkt er, dass ihm etwas fehlt, um loszulassen vom Leben. Möglicherweise wird ihm bewußt, dass er gescheitert ist an der Liebe. Er klammert sich an jeden Strohhalm und er klammert sich an Spanien.

España es el último buen país, diktiert Ernest Hemingway einem Reporter der Tageszeitung Dario de Navarra ins Notizbuch. Spanien sei das letzte gute Land weit und breit. Vermutlich meint der Schriftsteller damit, Spanien sei ein gutes Land, um zu sterben. Spanien kann ihm Trost geben und auch die Erinnerung an die jungen Tagen. 

Ernest Hemingway möchte in Spanien bleiben, immer öfter träumt er vom Tod. Unter dem Himmel stelle ich mir eine große Stierkampfarena vor, mit zwei ständig für mich reservierten Plätzen an der Barrera, während draußen ein Forellenbach vorbei rauscht, in dem ich und meine Freunde angeln dürfen. Ein leiser Tod in der weißen Stadt Andalusiens, man wünscht es auch dieser verzweifelten Seele. Doch das Schicksal will es nicht leise.

Nach Hemingways Selbsttötung wird es Valerie zufallen, zusammen mit der Witwe Mary nach Kuba zu fahren und auf Finca Vigía die literarische Hinterlassenschaft des Nobelpreisträgers zu sichten. In den folgenden vier Jahren wird Valerie dann jeden Brief und jede Aufzeichnung in die Hand nehmen und lesen, in einem von Scribner’s eigens zur Verfügung gestellten Büro im New Yorker Verlagsgebäude an der Fifth Avenue.

Fotos sortieren, Notizen entziffern, Manuskripte ordnen, Artikel aufbereiten – es gibt keine andere Person, die sich so verdient gemacht hat um den literarischen Nachlass des Nobelpreisträgers wie Valerie Hemingway. Den Nachnamen Hemingway erhält Valerie übrigens

Ernest Hemingway – der wahre Popstar unter den Autoren

Ernest Hemingway – Painting by Raúl Villarreal (1964-2019), Gainesville, Florida.

Der Mann ist ein Popstar gewesen, lange vor Yellow Press, vor den Influencern und vor Instagram. Dieser Schriftsteller konnte die Klaviatur der Medien perfekt spielen. Die berühmtesten Fotografen seiner Zeit – von Robert Capa über Alfred Eisenstaedt bis zu Yousuf Karsh – haben ihn abgelichtet. Seine weiten Reisen und das heimische Privatleben finden ausführlich auch in den Spalten der Zeitungen und Zeitschriften statt.

Dass der Spanische Bürgerkrieg zum ersten Medienkrieg überhaupt wurde, ist zu einem großen Teil ihm zu verdanken. Großartig seine Depeschen aus dem belagerten Madrid an die Leserschaft in der Heimat. Allein seine Reportage über den pfiffigen Chauffeur Hipolito, der Ernest Hemingway wohlbehalten durch das Madrider Granatengewitter kutschiert, verdient fünf Sterne: Sie können natürlich Ihr Geld auf Franco setzen, wenn Sie wollen, oder auf Mussolini oder Hitler. Ich setze auf Hipolito.

Wie kein anderer Schriftsteller ist er in der Öffentlichkeit präsent gewesen. Fleißig hat er an seinem Image gefeilt. Er hat das Fenster zu seinem Haus geöffnet, ebenso wie das Fenster zu seiner Seele. Als Abenteurer, als Schürzenjäger, als Schnapsbruder – die ganze Welt durfte teilhaben an seinen Tollheiten. Ohne Schleier und ohne Nachbesserung. So wurde sichergestellt, dass aus dem Image von damals ein Denkmal von heute wurde.

Obwohl vom Naturell den Genüssen dieser Welt zugetan, ist Ernest Hemingway Zeit seines Lebens ein fleissiger und ehrgeiziger Schreiber gewesen. Seine Werke gehören mit zum Besten, was im 20. Jahrhundert zu Papier gebracht worden ist. Von Fiesta, seinem Erstling aus dem Jahr 1926, bis zu seiner letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählung Der alte Mann und das Meer von 1952 hat dieser amerikanische Autor die Moderne mitbegründet und wie kein anderer geprägt.

Er lebt sieben wunderbare Jahre in Paris, nach einem Intermezzo in Key West, dann die längste Zeit seines Lebens in einem tropischen Refugium im Süden von Havanna. Er ist in Chicago geboren, erfährt aber erst in der Fremde seine Bodenständigkeit. Die kubanischen Fischer und Händler kennen ihn persönlich, es ist ihr Ernesto, der die Türen zu seiner Finca Vigía offen lässt. Der Literaturprofessor in Princeton und die Feuilletonisten in Manhattan allerdings müssen auf ihn verzichten.

In der Altstadt von Havanna, in seinem Wohnort San Francisco de Paula oder in Cojímar am Meer ist der bärtige Autor bekannt wie ein bunter Hund. Leicht kann er Menschen für sich gewinnen, gerade einfache und normale Männer und Frauen. Wenn der hochgewachsene Ernest Hemingway auf der Insel irgendwo auftaucht, wird er rasch von einer Menschentraube umringt. Und man hört die Kubaner laut und heiter Papa, Papa rufen. 

Dieser Ernest Hemingway ist nie ein Parteigänger der gestrengen Kultur-Elite gewesen, eine Universität hat er nie von innen gesehen. Ihm fehle die intellektuelle Tiefenschärfe, so mancher Vorwurf. Er drehe sich nur um sich. Die Probleme der Arbeiterklasse, zum Beispiel, lasse ihn kalt. Doch gerade dieser Anti-Intellektualismus hat ihn in von Alaska bis Feuerland, von Australien bis nach Italien weit über literaturgeneigte Kreise hinaus populär gemacht.

Authentizität heißt das Zauberwort. Er hat keinem etwas vorgemacht. Sein Lebenswandel hat seinem Naturell entsprochen. Sein Leben – alles in echt und alles unverfälscht. Keine Show, keine Inszenierung und keine Überhöhung. Ein Alltag ohne Schminke und Retuschen. Was ist daran verwerflich? Ein kerniger Mann springt mitten ins Leben, ins herrliche Leben. Ein Leben mit allen Fehlern, Irrungen und Wirrungen. Es ist das Holz aus dem Popstars geschnitzt sind.

Auf der einen Seite mit Leistung überzeugen, auf der anderen Seite als Mensch trotz allen Ruhms nahbar bleiben. Und wenn man dann in die Fallen hinein tapst, die so ein kleiner Mensch schnell übersieht, es macht ihn sympathisch. Sicher, zu viele

Der schlaue Hemingway-Kniff: Show – don’t tell!

Ernest Hemingway im peruanischen Cabo Blanco, April 1956.
Foto: Modeste von Unruh. Collection Dr. Stock.

Wie wird man ein wirklich guter Schreiber? Mehr als einmal ist Ernest Hemingway dies gefragt worden. Von Journalisten, von Bewunderern, von Lesern. Auch wenn er das Schreib-Credo anders nennt, so hat der Nobelpreisträger einen Hinweis als Antwort ein jedes Mal parat: Show – don’t tell!

In der Tat ist das Prinzip Show – don’t tell! ein stilistischer Kniff, den Ernest Hemingway oft anwendet und in seinen besten Werken zur Perfektion gebracht hat. Show the readers everything, tell them nothing. So umschreibt der Nobelpreisträger von 1954 seine Herangehensweise. Zeig den Lesern alles, verrate ihnen nichts.

Erzähl mir nicht, dass der Mond scheint, zeig mir das Glitzern des Lichts auf zerbrochenem Glas, meint Anton Tschechow. Dieses Schreibprinzip geht nicht auf Ernest Hemingway zurück, vielen vor ihm ist das klar gewesen. Der Amerikaner aus Chicago entpuppt sich jedoch als ein Meister in dieser Fertigkeit. 

Es ist wohl eine der wichtigsten stilistischen Grundfertigkeiten für einen Autor. Show – don’t tell! Wo liegen die Unterschiede? Ein einfaches Beispiel:

Tell: Jack ist nervös.
Show: Jack rutscht auf seinem Sitz hin und her, er schaut nach rechts und nach links. 

Show bedeutet, eine Szene sachlich und ohne Wertung zu beschreiben. Bei Show wird der Leser gezwungen, mit allen Sinnen hinzuhören und hinzusehen. Das Denken nimmt ihm keiner ab, die Interpretation der Handlung bleibt dem Leser überlassen. Das Tell-Prinzip hingegen nimmt die Deutung des Geschehens vorweg. Die Auslegung beansprucht der Autor für sich, Intelligenz und Einfühlungsvermögen des Lesers bleiben außen vor.  

Im Gespräch mit seinem Mentee Arnold Samuelson konkretisiert Ernest Hemingway seine Arbeitsweise. Das wichtigste ist, deine Augen und Ohren müssen immerfort tätig sein. Die Prosa sollte nicht aus dir kommen, sondern aus der Unterhaltung, der du lauschst. Hemingway hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er eine gute Beobachtungsgabe für die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers hält.

Mit Show kann ein Schreiber besser Spannung aufbauen. So wie dies Alfred Hitchcock in seinen Filmen vorgemacht hat. Das Geschehen spielt sich vor dem Auge des Lesers ab. Auch Show folgt einer filmischen Erzählweise, der Leser wird in die Szene hineingeworfen, anstatt bloßer Empfänger des dominanten Autors zu sein. Durch ein gutes Show – don’t tell! wird der Leser einbezogen in die Entwicklung des Plots.

Tell hingegen bleibt einfach gestrickt und bequem. Es zeugt von schlichter Autorenschaft, zu schreiben: Jack ist ein liebevoller Mann. Vielmehr ist die Aufgabe eines Autors, das Portrait eines liebevollen Mannes auszubreiten, zu erzählen, wie er sich verhält, wie er kommuniziert, wie er andere Menschen behandelt. Show bedeutet als Arbeitsauftrag, eine Charaktere im Laufe der Erzählung zu entwickeln.

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