Hemingways Welt

Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Die Hölle von Hürtgen: Wie der Zweite Weltkrieg Ernest Hemingway desillusioniert

Hürtgenwald
Hürtgen ist ein blutiges Gemetzel, wo es Pferdescheiße satt zu essen gab. Foto: W. Stock, August 2026.

Im Hürtgenwald bekommt Ernest Hemingway Dutzende gefallene Soldaten zu Gesicht. Heranwachsende Kerle, so alt wie sein von der Wehrmacht inhaftierter Sohn Jack. Blutjunge Burschen, die ihr ganzes Leben vor sich gehabt hätten. Und nun liegen sie wie Eisblöcke auf dem Frostboden der Nordeifel. Entstellt, verstümmelt, gefroren. Tot in einem Krieg, mehr als 8.000 Kilometer fern der Heimat. Auf das schreckliche körperliche und mentale Leid vermag Ernest anfänglich nur mit Zynismus zu reagieren.

Wir bekamen viel Ersatz, aber ich dachte, es sei einfacher, sie dort, wo man sie auslud, zu erschießen, anstatt dass man später versuchen musste, sie von dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren.

Der Schriftsteller, der den Krieg bislang mit romantischer Verklärung betrachtet, gerät im Angesicht der brutalen Realität ins Wanken. Bis zu diesem Moment ist Ernest fest von der Existenz eines „guten Krieges“ überzeugt – von einem Kampf, der zwar hart, aber kurz, gerecht und von bedingungsloser Kameradschaft geprägt ist.

Die Schlacht in der Nordeifel bricht ganz und gar mit jedem seiner Idealbilder. Die schiere Wucht dieses endlosen Gemetzels hinterlässt bei ihm eine tief sitzende Abscheu vor den Absurditäten des Krieges. Die Kampfhandlungen um die Siegfried-Linie sind ein monatelanges Blutbad im frostigen Wald, nur um ein paar Quadratkilometer Bäume unter Kontrolle zu bringen. Hürtgen ist ein tiefblutiges Gemetzel, wo es Pferdescheiße satt zu essen gab, bis man schwer verwundet ist oder getötet wird oder verrückt.

Erst Mitte Januar 1945 gewinnen die US-Truppen merklich an Boden. In der Ardennenoffensive, von deutscher Seite als Entlastung angelegt, verliert die Wehrmacht zahlreiche Soldaten und schwere Geländefahrzeuge, die für die Unterstützung der Westfront fehlen. Den GIs gelingt es daraufhin, den Hürtgenwald zu durchqueren. Nach erneuten heftigen Kämpfen fällt die Ortschaft Schmidt Anfang Februar 1945 endgültig an die US-Truppen.

Im weiteren Verlauf brechen die Stellungen der Wehrmacht nacheinander ein, woraufhin den alliierten Kräften der Durchbruch bis kurz vor Schleiden gelingt. Am 4. Februar fällt die Urfttalsperre in amerikanische Hand. Die Schwammenauel-Talsperre, die große Rurtalsperre, wird sechs Tage später erreicht und eingenommen. Damit ist der deutsche Widerstand in diesem Abschnitt endgültig gebrochen.

Die erbitterten Kämpfe um den Westwall haben fast ein halbes Jahr gedauert, bis Februar 1945 wird in der Nordeifel gefochten. Acht Infanterie-Divisionen und zwei Panzer-Divisionen werden im Hürtgenwald aufgerieben. Die amerikanischen Truppen verlieren 24.000 Soldaten, auf deutscher Seite fallen 13.000 Wehrmachtsangehörige.

In der Nordeifel bleibt ein riesiges Trümmerfeld zurück. Jülich und Düren liegen in Schutt und Asche, ebenso wie die kleinen Dörfer in der Umgebung. In den Hürtgenwald haben sich Schneisen aus Brandbomben und Sprengkörpern eingekerbt, Tausende Tote sind zu bergen. In den USA hat sich die Schlacht im Hurtgen Forest viel stärker ins Bewusstsein gepresst als in Deutschland. Für die Amerikaner sind die Kämpfe im Hürtgenwald die längste und verlustreichste Schlacht auf deutschem Boden.

Fast einen ganzen Monat hat der Schriftsteller die Schlacht rund um Hürtgen im Winter 1944 beobachtet. Am 4. Dezember kehrt Ernest Hemingway, erschöpft und niedergedrückt, nach Paris zurück. Der 45-Jährige hat sich in der frostklirrenden Winterlandschaft der Eifel eine schwere Lungenentzündung eingefangen, dazu plagen ihn andauernde Kopfschmerzen.

Hemingway ist nach dem 4. Dezember nicht endgültig aus dem Kriegsgeschehen heraus. Am 17. Dezember 1944 fährt er nach Luxemburg, um über die Ardennenoffensive zu berichten. Doch er ist

Loading

Das ‚Hotel Zwicker‘ in der Eifel: Ernest Hemingways Feldküche an der Westfront

Hotel Zwicker
Etappenziel Bleialf: Das Hotel Zwicker diente im Herbst 1944 als Herz der US-Versorgung in der Schnee-Eifel. Nach dem Krieg wurde das Anwesen neu gebaut. Foto: W. Stock, August 2026.

Die Wehrmacht will die Front am Westwall halten, den die Alliierten Siegfried Line nennen. Zwischen Aachen und Prüm plant die US-Army, einen Teil dieser Schutzmauer aus Bunkern und Sperren zu überwinden, um bis zum Rhein vorstoßen zu können. Strategisch würde der Verlust des Rheinlandes die deutsche Abwehr entscheidend schwächen und das Ende der NS-Diktatur beschleunigen.

Am 8. September 1944 reist Ernest Hemingway über den belgischen Ort Sankt Vith und das nahegelegene Dorf Ouren an die Grenzlinie. Der Kriegsberichterstatter ist voller Erwartung, denn für seine Reportagen und den geplanten Roman benötigt er möglichst viele Eindrücke aus erster Hand. Er muss die Kampfhandlungen miterleben, um anschaulich darüber schreiben zu können. Ganz nah herangehen, nur so funktioniert seine Prosa. 

Zwei Tage zuvor, am letzten Tag vor dem Einbruch des Schlechtwetters, waren wir am Ziel des Rattenrennens angelangt. Es war eine schöne Rattenjagd von Paris bis nach Le Cateau, mit erbitterten Kämpfen bei Landrecies, die nur wenige gesehen haben und an die sich noch weniger erinnern können. Dann waren die Pässe des Ardennenwaldes bezwungen worden, in einer Landschaft, die den Illustrationen zu Grimms Märchen glich, nur viel grimmiger.

Hemingway begibt sich zunächst nicht an die Frontlinie im Norden bei Aachen, sondern beginnt 80 Kilometer weiter südlich, mitten in der Schnee-Eifel. Ziel der US-Army ist es, von Belgien aus in der Westeifel die Siegfried-Linie aufzubrechen, um den Bodentruppen den Weg nach Köln und Koblenz zu ebnen. Im Grenzgebiet herrscht im Herbst ein raues und feuchtes Klima. In höheren Lagen ist es meist noch einige Grad kälter als im Flachland. 

Mit der Frontverschiebung erreicht auch das Pressekorps das Territorium der Schnee-Eifel. Es ist Dienstag, der 12. September 1944. Um 04.27 Uhr setzt der Kriegsreporter seinen Fuß in das Land der Nazis. Das Dorf heißt Hemmeres, es ist die erste deutsche Ortschaft, die Hemingway im Zweiten Weltkrieg betritt. In dem winzigen Fleckchen, direkt am Grenzfluss Our, leben nur ein paar Dutzend Menschen, die ihre Bauernhöfe bewirtschaften.

Es wird Hemingways erste Begegnung mit den Deutschen während des Krieges. Alte Frauen und greise Männer laufen auf die Soldaten zu. Sie bringen Schnaps und trinken selbst aus den Flaschen, um zu zeigen, dass der Fusel nicht vergiftet ist. Andere kommen mit weißen Fahnen und erhobenen Händen. Die Wehrmacht hat sich nach Osten abgesetzt und zerstört auf dem Rückzug die noch intakte Infrastruktur.

Ein uraltes Bauernhaus in Schweiler wird zum ersten Quartier Hemingways auf deutschem Boden. Das Haus verfügt über kein fließendes Wasser, kein Badezimmer, keinen Strom, keine Heizung. Überstürzt haben Soldaten der Wehrmacht das trostlose Gebäude verlassen. Der US-Trupp richtet sich behelfsmäßig ein, unter dem Lichtschein einer Öllampe geht es am Abend feuchtfröhlich zu. Es gibt ein gutes Essen, das die verbliebenen Bauern der Umgebung auftreiben. Auch Wein und Cognac werden den Amerikanern aufgetischt.

In Schweiler stoßen die Soldaten auf Eifel-Bewohner, die nicht geflohen sind. Greise Männer und Frauen, kleine Kinder. Und Ernest wundert sich. Diese Nazi-Deutschen sehen seinem Großvater oder anderen Großvätern gar nicht so unähnlich. Und auch die Kinder sind Kinder wie in sonstigen Ecken der Welt.

Im drei Kilometer entfernten Bleialf richtet die Army Dienstleistungen ein, die auch im Krieg vonnöten sind. Am Bahnhof bietet der Zahnarzt der Einheiten seine Dienste an und in der Pfarrkirche hält der Truppen-Geistliche für die GIs Messen ab. Das Hotel Zwicker wird zur Feldküche hergerichtet. Im Hinterhof des Gasthauses werden von den Soldaten die Mahlzeiten eingenommen. Ernest Hemingway kommt

Loading

God Was Always There: The Spiritual Life of Ernest Hemingway

Hemingway
Bill Fleck’s new book explores how Ernest Hemingway found his way to Catholicism. Photo: Dr. Stock Archive, 2026

The public image of the writer Ernest Hemingway is clearly defined: an adventurer, a man who enjoyed life’s pleasures, a womanizer, and a man of action. A rough-and-tumble brawler—whether at war, on safari, or at a bar counter. Yet this superficial view falls short, overlooking his inner self — the contemplative and spiritual Hemingway.

Bill Fleck’s book, Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism, fills precisely this gap. Originally written as a master’s thesis under the guidance of renowned Hemingway scholar H. R. Stoneback, the work thankfully sheds light on the Nobel laureate’s life of faith.

Ernest Hemingway – born in 1899 in Oak Park, near Chicago – grew up in a household shaped by Congregationalism. This faith community originated in the English Puritan movement and is deeply rooted in the Calvinist tradition, characterized by a strict belief in God, ambition, and industriousness. As the years went by, the young Hemingway found the rigid principles of his Protestant suburban family stifling. Once he left home, he turned away from that moral world.

A severe wound sustained on the Venetian front during World War I eventually drew him closer to Catholicism: while in an Italian field hospital in July 1918, he received the Anointing of the Sick and was baptized into the Catholic faith. His marriage in May 1927 to his second wife, Pauline Pfeiffer — who came from a devoutly Catholic family – initially strengthened his religious ties.

During the Spanish Civil War, however, Ernest distanced himself from the faith – largely due to the Spanish Catholic Church’s support for the coup leader General Franco. During World War II, following the brutal Battle of Hürtgen Forest, Hemingway once again sought solace in faith. The horrors of war on the German Western Front near Aachen during the winter of 1944–45 ultimately led him back to the world of the Catholic faith.

After 1945, a quiet Catholicism shaped Hemingway’s daily life – not in an ostentatious way, but rather privately and inwardly. At his Cuban estate, Finca Vigía, the tradition of eating fish on Fridays was observed. It went beyond mere outward observances: the exiled Basque priest Father Andrés Untzaín became a close friend, confessor, and spiritual guide to him in Cuba. During his many travels, Hemingway regularly visited cathedrals – often to light candles for deceased friends and relatives.

Ernest did not make a public show of his Catholicism, preferring instead to cultivate his image as a rough-and-tumble brawler. Yet, correspondence with colleagues and priests bears witness to the true state of Hemingway’s spiritual life. It is no coincidence, then, that the American felt most at home in staunchly Catholic countries like Italy, Spain, and Cuba.

Bill Fleck deserves credit for having examined and compiled these biographical traces. In the final third of his book, the American educator explores

Loading

Gott war immer da: Die spirituelle Seite des Ernest Hemingway

Bill Fleck
Bill Flecks Neuerscheinung zeigt, wie Ernest Hemingway den Weg zum Katholizismus fand. Foto: Archiv Dr. Stock, 2026.

Das Bild des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Öffentlichkeit ist klar umrissen: ein Abenteurer, ein Genießer, ein Frauenheld und ein Mann der Tat. Ein wilder Haudrauf – im Krieg, auf Safari und am Tresen einer Kneipe. Doch diese oberflächliche Sichtweise greift zu kurz und blendet das Innere aus – den nachdenklichen und spirituellen Hemingway.

Bill Flecks Buch Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism schließt genau diese Lücke. Die Arbeit, die ursprünglich als Masterarbeit bei dem renommierten Hemingway-Forscher H. R. Stoneback entstand, wirft dankenswerterweise ein helles Licht auf das Glaubensleben des Nobelpreisträgers.

Ernest Hemingway – geboren 1899 in Oak Park bei Chicago – wächst in einem von den Kongregationalisten geprägten Elternhaus auf. Diese Glaubensgemeinschaft entstammt der puritanischen Bewegung Englands und ist tief in der calvinistischen Tradition verwurzelt, die von einem strengen Gottesglauben, Ehrgeiz und Fleiß geprägt ist. Die starren Prinzipien seiner protestantischen Vorstadt-Familie empfindet der junge Hemingway mit den Jahren als einengend. Kaum aus dem Elternhaus heraus, wendet er sich von dieser Moralwelt ab.

Eine schwere Verwundung an der Veneto-Front des Ersten Weltkriegs bringt ihn schließlich dem Katholizismus näher: Im Lazarett in Italien empfängt er im Juli 1918 die Krankensalbung und wird bei dieser Gelegenheit katholisch getauft. Die Hochzeit im Mai 1927 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, festigt zunächst die Glaubensbindung.

Während des Spanischen Bürgerkriegs geht Ernest dann auf Distanz zum Glauben – besonders wegen der Unterstützung der katholischen Kirche Spaniens für den Putschisten General Franco. Im Zweiten Weltkrieg, nach der brutalen Schlacht im Hürtgenwald, sucht Hemingway erneut Trost im Glauben. Die Gräuel des Krieges im Winter 1944/45 an der deutschen Westfront bei Aachen führen ihn schließlich zurück zur katholischen Glaubenswelt.

Nach 1945 prägt ein leichter Katholizismus Hemingways Alltag – nicht demonstrativ, sondern still und nach innen gekehrt. Auf seinem kubanischen Anwesen Finca Vigía wird freitags traditionell Fisch gegessen. Es bleibt nicht nur bei Äußerlichkeiten: Der baskische Exilpriester Pater Andrés Untzaín wird ihm zum engen Freund, Beichtvater und spirituellen Begleiter auf Kuba. Bei seinen vielen Reisen besucht Hemingway regelmäßig Kathedralen, nicht zuletzt um Kerzen für verstorbene Freunde und Angehörige anzuzünden.

Ernest hängt seinen Katholizismus nicht an die große Glocke, sondern pflegt lieber sein Image eines Rabauken. Doch Briefe mit Kollegen und Priestern legen Zeugnis ab, wie es um die spirituelle Verfassung Hemingways in Wirklichkeit aussieht. So bleibt es kein Zufall, dass der US-Amerikaner sich

Loading

Hemingway im Hürtgenwald: Die blutige Schlacht um Großhau und Schmidt

Hemingway Trail
Wo früher eine blutige Schlacht stattfand, ist heute ein Wanderweg auf den Spuren Hemingways im Hürtgenwald eingerichtet. Foto: W. Stock, August 2026.

Am 15. November befindet sich Hemingway im Hauptquartier bei seinem Freund Colonel Buck Lanham. Der Zeitpunkt könnte nicht dramatischer sein: Schon am folgenden Tag beginnt für die 3.200 Soldaten des Regiments die Operation Queen. Der Auftrag lautet, das von der Wehrmacht fanatisch verteidigte Großhau einzunehmen, um den Weg in Richtung Rur zu ebnen. Hemingway ist an Lanhams Seite, als dieser vor der Offensive seine Einheiten inspiziert.

Nach vierzehntägigen Kämpfen fällt das kleine Dorf am 29. November 1944. Als Ernest die Ruinen besichtigt, liegt der Ort noch immer unter deutschem Artilleriefeuer. Der Preis für den Geländegewinn ist extrem hoch: Das 22. Infanterieregiment verliert 2.773 Mann – Tote, Verwundete und Vermisste.

Der Winter 1944/1945 ist in der Eifel einer der kältesten seit Jahrzehnten. Die US-Soldaten sind in Kleidung und Ausrüstung nicht auf Kämpfe in Schnee und Frost vorbereitet. Alles ist neu für sie, die Amerikaner haben bisher nie in einer solch harschen Winterlandschaft gekämpft. Selbst am Tag bleibt es bitterkalt und bei Nachttemperaturen von minus 20 Grad erfrieren den Infanteristen in den Stellungen die Arme und Beine.

Die US-Truppen stecken in der Eiseskälte fest; jeder Meter Boden muss unter schwersten Verlusten abgerungen werden. Seit Wochen ist die Frontlinie zwischen Vossenack und dem auf einem Plateau gelegenen Kommerscheidt wie eingefroren. Bei eisigen Temperaturen, dichtem Nebel und zerklüftetem Gelände liefern sich beide Seiten einen erbitterten Abnutzungskampf, bei dem keiner der Kriegsparteien ein entscheidender Durchbruch gelingt – ein zermürbender Stillstand, der den Soldaten auf beiden Seiten das Letzte abverlangt.

Seit Wochen schon zieht sich die Allerseelenschlacht, auch bekannt als die Battle for Schmidt. Das Dorf bei Nideggen ist der Kreuzungspunkt vieler Wege und durch seine Lage auf einer Anhöhe im so genannten Stolberg-Korridor operativ von Gewicht. Ab dem 2. November ringen die US-Armee und die Wehrmacht um jede Straße und jedes Gebäude.

Die amerikanischen Verbände versuchen, den Ort zu erobern, während die deutsche Seite in einem Häuserkampf mit aller Kraft Widerstand leistet. Die US-Truppen nehmen Schmidt schließlich ein. Wenig später müssen sie den kleinen Ort aber nach deutschen Gegenangriffen wieder aufgeben.

Wegen der zahlreichen Erdhügel und Waldungen ist das Gelände um die Eifeldörfer in hohem Grade unübersichtlich. Tagelang fechten die US-Truppen am Ochsenkopf und am weiter östlich gelegenen Burgberg gegen einen fast unsichtbaren Feind. Die Wehrmacht hat sich in den Bergbunkern verschanzt und feuert ihre Gewehrsalven auf die überlasteten Angreifer. Erst am 7. Dezember 1944 erobern die Amerikaner die strategisch wichtige Anhöhe.

Im westlichen Hürtgenwald bewegt sich Ernest nur wenige Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt. Aufenthalte so nahe der Front bleiben mit Risiken verbunden. Auch Hemingway selbst gerät in Gefahr.

Auf einer Ausfahrt am 3. Dezember brüllt er den

Loading

Werner Kleeman mit Salinger und Hemingway in Zweifall

Zweifall
In der Jägerhausstraße des Eifeldorfs Zweifall findet im November 1944 die Begegnung von Ernest Hemingway und J. D. Salinger statt. Foto: W. Stock, August 2026.

Mitte November 1944 erlebt das kleine Dorf Zweifall eine stille Sensation. Zwei der bekanntesten Schriftsteller des Jahrhunderts treffen in diesem Eifelort bei Stolberg aufeinander. Es ist Werner Kleeman, der die Erinnerung an das Treffen in seinen Erzählungen und Briefen lebendig hält. J. D. Salinger, Ernest Hemingway und er sind einen ganzen Abend zusammen gewesen. Heute erinnert wenig an die berühmten Gäste.

Das ehemalige Büro des PRO, in dem militärischen Nachrichtenbüro fand die Begegnung statt, ist heute ein normales Wohnhaus. Es gehört einer alteingesessenen Familie aus Zweifall. Werner Kleeman beschreibt das Brick House in der Jägerhausstraße 87 deutlich in seinen Memoiren. In dem Wohnzimmer in Parterre haben Hemingway, Salinger und Kleeman stundenlang über Literatur und den Krieg gesprochen.

Zwei Giganten der Weltliteratur in Zweifall. Kein Schild und keine Gedenktafel weisen in diesen Tagen auf die historische Begegnung hin. Dennoch weiß die Enkelgeneration der Hauseigentümer um den bedeutenden Besuch. Ebenso wie der eine oder andere Ältere in dem Eifeldorf sich erinnern kann.

So hat Hubert Ramers mit den Eltern und Geschwistern auf der gegenüberliegenden Straßenseite gewohnt, wenige Meter unterhalb der Nummer 87. Der Zweifaller hat Ernest Hemingway noch gut im Gedächtnis. Er sei der einzige Amerikaner gewesen, der ständig eine Kamera vor der Brust getragen habe. Nun hat der Kriegsreporter eigentlich keinen Fotoapparat bei sich, aber mit seinem Feldstecher hat er sich schon von gewöhnlichen Soldaten abgehoben.

Nach dem Krieg sind Ernest Hemingway und J. D. Salinger kein großes Thema in Zweifall. Für die katholische Pfarrbibliothek, anderes hat es in den Adenauer-Jahren nicht gegeben, war der bärtige Nobelpreisträger von 1954 zu unfromm, erzählen Einheimische. Und der Autor von Der Fänger im Roggen ist noch zu unbekannt. Auf das Stolberger Gymnasium gingen Schüler aus dem Dorf erst in den 1950er Jahren, angelsächsische Literatur interessierte damals nicht groß.

Unteroffizier Werner Kleeman, der bei der Begegnung Hemingways mit Salinger in Zweifall die ganze Zeit anwesend ist, entstammt einer gutsituierten jüdischen Familie aus Gaukönigshofen in Unterfranken. In dem idyllischen Bauerndorf mit 600 Bewohnern wird Werner im September 1919 geboren. Der Vater Louis ist Getreidebauer und im Dorf als Händler angesehen. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechtern sich die Lebensbedingungen der Kleemanns. Dem Schüler Werner wird verboten, weiterhin die Oberrealschule in Würzburg zu besuchen.

Bei den Novemberpogromen 1938 verwüsten Nazis das Haus der Familie, der Getreidehandel endet im Ruin. Ende desselben Jahres wird Werner von dem Gaukönigshofener Gastwirt, einem NSDAP-Mitglied, denunziert und daraufhin ins KZ Dachau verschleppt. Mit Hilfe eines Vetters aus Nebraska als Bürgen kann sich der 19-jährige Häftling freikaufen. Er flieht nach London und emigriert im November 1939 in die USA. Dort ändert er seinen Namen, streicht das letzte ‚n‘ im Nachnamen, kommt bei Verwandten in Queens unter und arbeitet in einem Kaufhaus.

Im Frühjahr 1945, die Wehrmacht steht vor der Kapitulation, fährt Werner Kleeman nach Gaukönigshofen, um die Nationalsozialisten in seinem Ort zur Rede zu stellen. Er findet die Synagoge als Schuppen für die Feuerwehr entehrt, die jüdischen Friedhöfe zerstört, das Elternhaus als Gefängnis für 50 französische Kriegsgefangene missbraucht. Der US-Militärpolizei nennt er die Namen der Dorfbewohner, die an den Pogromen beteiligt waren.

Der Mann, der ihn sieben Jahre zuvor verhaften ließ, wird nun selbst festgenommen. Es ist ein Plot wie aus einem Hollywood-Film: Ein ehemaliger KZ-Häftling lässt jenen Nazi internieren, der ihn einst verraten hat. Werner trifft in seinem Heimatdorf auch anständige Deutsche. So einen Nachbarn, der einige jüdische zeremonielle Gegenstände in einem Koffer versteckt und verwahrt hat.

Mit Deutschland hat Werner Kleeman abgeschlossen. Er geht zurück nach New York, heiratet, wird Vater zweier Töchter und baut eine kleine Firma für Innendekoration auf. Die Familie wohnt in einem bescheidenen Haus im Stadtteil Queens. Sein Leben lang lehnt er es ab, Deutsch zu sprechen. Die Freundschaft zu Salinger, eine der wenigen des Schriftstellers, hält bis zu dessen Lebensende. Im Juli 2018 stirbt Werner Kleeman mit 98 Jahren in New York.

Die Begegnung zwischen ihm, Salinger und Hemingway im kleinen Eifelort Zweifall im November 1944 bleibt ein Höhepunkt im Leben von Werner Kleeman. Auch wenn das illustre Trio weitgehend

Loading

Vorstoß ins Grauen: Ernest Hemingway kommt an die Hürtgenwald-Front

Hürtgenwald
Die amerikanischen Soldaten nennen den Hürtgenwald Death Factory, die Toten-Fabrik. Foto: Der Soldaten-Friedhof in Hürtgen. © W. Stock, August 2026.

Im Herbst 1944 tritt der Zweite Weltkrieg in die blutige Phase seiner Entscheidung ein. Anfang Oktober rückt die US-Armee auf Aachen vor. Die deutschen Truppen leisten erbitterten Widerstand, es kommt zu heftigen Kämpfen im Stadtgebiet. Die Kapitulation der Wehrmacht unter Oberst Wilck am 21. Oktober markiert das Ende der NS-Herrschaft in Aachen. Die alte Kaiserstadt ist damit die erste Großstadt, die von den Alliierten erobert wird.

Ende Oktober erreichen die US-Bodentruppen den Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren, wo der Vormarsch der Amerikaner zum Stehen kommt. Militärisch ist das unebene Gelände mit den dichten Wäldern und den zahlreichen Hügeln und Tälern schwer zu nehmen. Nur langsam kann die US-Army Dorf für Dorf vorrücken. Der Widerstand der Wehrmacht ist heftig, die Kämpfe in der Südeifel münden an vielen Abschnitten in brutale Stellungskämpfe.

Am 9. November 1944 bricht Hemingway vom Pariser Hotel Ritz Richtung Nordeifel auf. In Begleitung seines Fahrers und Bodyguards Jean Décan sowie des TIME-Korrespondenten William Walton erreicht er sechs Tage später das Quartier des 22. Infanterieregiments. Wo er sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hat, behält er für sich. Dank seines Prominentenstatus genießt der Starreporter narrenfreie Privilegien – den Rest nimmt er sich einfach. Völlig ungebunden bewegt er sich hinter den Linien und pendelt bis Ende 1944 regelmäßig zwischen der Front und dem Luxus von Paris.

Die Gefechte im Hürtgenwald – Mann gegen Mann – haben sich verstärkt und sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Death Factory nennen die amerikanischen Soldaten die Gegend um die Kleinstadt Hürtgen, die Toten-Fabrik. Ernest Hemingway kann nichts Gutes berichten in die Heimat. Der Schriftsteller veröffentlicht seine Front-Impressionen in dem Artikel Krieg an der Siegfried-Linie für Collier’s am 18. November 1944.

Auf dem ersten Hügel hatten die Deutschen eine Aussichtsplattform gebaut für hohe Offiziere. Diese diente zur Beobachtung der Manöver, die belegen sollten, dass der Westwall undurchdringbar war. Wir hatten genau jene Barrikadenlinie zertrümmert, mit der die Deutschen in Probeschlachten die Uneinnehmbarkeit des Walls beweisen wollten.

Das Gedröhne der Gewehrsalven hört man bis in das Quartier der Pressevertreter. I’m right back where I was in 1918, schreibt er in Hochstimmung am 18. November 1944 in einem Brief an seine neue Geliebte Mary Welsh. Er sei wieder da, wo er sich zu Ende des Ersten Weltkriegs befunden habe. Damals, als der junge Ambulanz-Fahrer in den letzten Kriegsmonaten an der Piave-Front schwer verwundet wurde.

Doch Ernest irrt. Die Gefechte im Hürtgenwald werden barbarischer ausfallen als die eh schon grausamen Grabenkämpfe in Italien. Der Hürtgenwald war eine Gegend, in der es äußerst schwierig war, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein. Die heranrückenden US-Amerikaner sind den deutschen Truppen zwar materiell und personell überlegen. Das zerklüftete Gelände lässt den Einsatz von Panzertruppen jedoch nicht zu. Ebenso sinnlos ist es, die US-Luftwaffe über den dichten Wäldern einzusetzen.

Das 22. Regiment, das sein Freund Colonel Charles Buck Lanham kommandiert, versucht die winzigen Orte wie Großhau, Gey und Rabenheck unter seine Kontrolle zu bringen. Der Widerstand der Wehrmacht ist enorm. Kurz vor Großhau liegt eine kleine Senke mit einer Erhebung, die Hemingway als arschnackten Hügel beschreibt. Aus den verdeckten Stellungen im Wald feuert die deutsche Artillerie unablässig auf alles, was sich bewegt.

Die Wehrmacht hat sich in ihren Bunkern verbarrikadiert. Von wo aus, wie Hemingway schreibt, sie

Loading

Ernest Hemingway bleibt tagelang vor Ort in Zweifall

Zweifall
In Zweifall ist es wohl dieses Haus in der heutigen Jägerhausstraße 87 gewesen, in dem Ernest Hemingway Mitte November 1944 logiert und seine Artikel in die Heimatredaktion übermittelt hat. Foto: W. Stock, August 2026.

Nachdem die US-Truppen die belgisch-deutsche Grenze bei Roetgen überquert haben, sprengen Einheiten der Wehrmacht auf ihrem Rückzug im Hinterland alle Brücken über die Vicht und den Hasselbach. Es hält die GIs nicht auf, in der Nacht vom 13. auf den 14. September 1944 erobern amerikanische Soldaten Zweifall kampflos.

Der Ort ist eine katholisch geprägte Gemeinde mit 850 Einwohnern, nahe am Hürtgenwald, südlich von Aachen und Düren gelegen. Es gibt eine evangelische und eine katholische Kirche, dazu drei Gastwirtschaften. Zwei Wasserläufe – der Hasselbach und der Vichtbach – durchfließen den Ort. Zweifall ist ein Dorf, wie viele andere in der Umgebung. Man hat den Nazi-Oberen nicht gerade zugejubelt, und doch hat man sich irgendwie arrangiert. 

Seit der Einnahme des kleinen Eifeldorfes Mitte September 1944 haben die US-Streitkräfte in Zweifall eine Einheit für Presse und Film eingerichtet. Nicht als stationäre Dienststelle wie in größeren Städten, sondern als mobile Stabsabteilung, die dem Frontverlauf nachrückt. Das PRO-Office dient als Anlaufpunkt für die 10 bis 20 US-Journalisten, die über die Schlacht im Hürtgenwald berichten. Hier werden die Presseleute von Führungsoffizieren gebrieft und können zudem kurzzeitig Quartier finden.

Aus Paris kommt Ernest Hemingway Mitte November 1944 in die Gegend um Zweifall und nutzt zwischen dem 10. und dem 15. November die Fernmeldeleitungen der PRO-Verwaltung, um sich mit seinem Auftraggeber in den USA abzusprechen. Und er übernachtet mehrmals in dem Anwesen, das in der heutigen Jägerhausstraße 87 liegt.

Die Elektrizität fällt in dem ganzen Ort oft aus, doch das Büro des PRO besitzt einen Generator zur Notstromversorgung, damit die Reporter dort telefonieren und ihre Depeschen absetzen können. So wird in Zweifall für das Truppenblatt Stars and Stripes geschrieben, ebenso wie die Motion Picture Unit die Rückkehr der Bevölkerung in ihr Dorf für die Wochenschauen in den USA filmt.

In dem Ort treffen im Kriegswinter 1944 zwei der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zusammen. Hauptmann Marcus Stevenson, der die PRO-Niederlassung leitet, begrüßt an diesem Abend zwei Neuankömmlinge, die beiden Soldaten J. D. Salinger und Werner Kleeman. Die einzige weitere Person im Raum ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann in Uniform, allerdings ohne Waffe. Auf seiner Armeejacke steckt das „C“ für Correspondent – Kriegsberichterstatter – gut sichtbar.

Der bullige Mittvierziger hat sich auf dem Sofa breitgemacht, eine Schirmmütze über Stirn und Kopf gezogen und schreibt eifrig Notizen in einen gelben Block. Ernest Hemingway schaut auf, erhebt sich von der Couch und geht auf die zwei Besucher zu. Der Schriftsteller lächelt sanft, umarmt beide herzlich und schenkt dann allen einen Begrüßungsdrink ein.

Seit seinen Romanerfolgen Fiesta und Wem die Stunde schlägt sowie den Reportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg gilt der draufgängerische Amerikaner als ikonische Leitfigur der modernen US-Literatur. Der spätere Nobelpreisträger ist dem 22. Infanterie-Regiment zugeteilt, es steht unter dem Kommando von Oberst Charles Lanham, den Ernest Buck ruft. Der Starschreiber berichtet als akkreditierter Korrespondent für das Wochenmagazin Collier’s aus dem Krieg gegen Hitler.

Selbstbewusste wie er auftritt, wird der prominente Reporter von den Militärbehörden behandelt wie eine Diva. Ihm werden Privilegien zuteil wie keinem anderen Kollegen. Der Autor kann über einen Jeep mit persönlichem Chauffeur verfügen, zudem wird er manchmal von einer Ordonnanz begleitet. Gerne nutzt Ernest seine Sonderrechte, um sich hinter den Kampflinien nach eigenem Gutdünken von seiner Einheit abzusetzen.

Doch ist der berühmte Kriegsreporter in der Nordeifel gesundheitlich angeschlagen, die Nachwirkungen eines Bronchialkatarrhs, den er sich in den eisigen Gefilden eingefangen hat, machen ihm zu schaffen. Später werden sich die Beschwerden zu einer heftigen Lungenentzündung auswachsen, mehrmals muss er einen Armee-Arzt konsultieren.

Nachts ist Zweifall ohne Elektrizität stockfinster, über dem Flecken liegt die Dunkelheit der nahen Front. Denn nur einen zweistündigen Fußmarsch entfernt tobt eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der Einsatz von Panzern und Luftwaffe ist in dem waldbedeckten Gelände unmöglich, die Soldaten stürmen im dichten Unterholz mit Handgranaten und Flammenwerfern aufeinander zu.

Adolf Hitler in der Berliner Reichskanzlei hat den Befehl ausgegeben, jeden Meter Boden zu halten, um den Vorstoß der Amerikaner zum Rhein zu verhindern. Die Verluste auf beiden Seiten sind enorm. Der nasskalte Spätherbst 1944 verwandelt

Loading

Dem ‚Schloss Hemingstein‘ in Buchet droht der Verfall

Buchet
Dunkle Wolken über Schloß Hemingstein in der Eifel. Das Gehöft in Buchet ist unbewohnt und erinnert mehr und mehr an eine Ruine. Foto: W. Stock, August 2026.

Ernest Hemingway rückt nach der Befreiung von Paris mit den US-Truppen vor in Richtung Osten bis zur Schnee-Eifel. Zwei Wochen verbringt der Amerikaner in Buchet, das keine zehn Kilometer hinter der belgischen Grenze liegt.

Schloss Hemingstein nennt Ernest in Buchet seine Unterkunft am Ortsrand. Es ist feine Ironie, denn wenig erinnert an einen Feudalsitz. Offiziell heißt das schlichte Quartier Haus Frames, es beherbergt in der zweiten Septemberhälfte 1944 den Kommandostab des 22. Infanterie-Regiments. Ein halbes Dutzend Männer hat sich in Schloss Hemingstein verschanzt, in dem Bauernhaus mit Gastwirtschaft, das In der Jennenbach 5 gelegen ist.

Der Schriftsteller aus Oak Park ist in Buchet eine Berühmtheit. Besucher machen in Schloss Hemingstein ihre Aufwartung. Ein Gast kündigt sich für einen Tag an, bleibt dann aber zwei Wochen. Es ist der 36-jährige Autor und Grafiker John Groth. Have a drink, begrüßt Ernest den Kollegen aus Chicago. 

Im Schloss Hemingstein will John Groth sich zur Nachtruhe in ein Schlafzimmer im Obergeschoss zurückziehen. Ernest gibt ihm zwei Handgranaten mit und meint: Leg sie auf deinen Nachttisch, damit Du schnell an sie rankommst. Groth erwidert, er habe noch nie eine Granate in der Hand gehalten. Und der Schriftsteller zeigt ihm, wie man den Splint zieht, bis zwei zählt und dann den Sprengkörper wirft. Hemingway fügt hinzu, Groth solle angekleidet im Bett liegen, die Lage sei ernst.

Die Lage ist in der Tat ernst. Und trotzdem wird kräftig gebechert in Schloss Hemingstein. Die meisten GIs kennen den Schriftsteller nicht. „Wer ist dieser Hemingway“, fragt ein Soldat. „Keine Ahnung“, antwortet ein anderer, „aber er ist ein prima Kerl.“ Ein Artillerist mischt sich ein: „Er muss ein hohes Tier sein. Seit einem Monat bin ich in seiner Nähe, wir trinken häufig, aber ich weiß immer noch nicht, was dieser Hemingway beruflich macht.“ 

Ernest ist hin- und hergerissen vom Krieg. Er sieht ihn als Kreuzzug gegen den Diktator, aber er selbst wirkt zunehmend müde. Der Widerstand der Wehrmacht ist heftig, die amerikanischen Soldaten können den Abwehrriegel an der Siegfried-Linie nicht knacken. Die Schlacht ist blutig, ohne jeden von ihm literarisch gepflegten Romantizismus. Überhaupt ist Ernest Hemingway in keiner guten körperlichen und mentalen Verfassung.

Der prominente Schriftsteller vermisst sein tropisches Kuba, seine Ehe mit klugen Martha Gellhorn liegt zudem in Trümmern, gesundheitliche Beschwerden plagen ihn in der Kälte. Beständig zieht er sich in der beißenden Kälte des Eifelwinters Atemwegserkrankungen zu, bis hin zu einer verschleppten Lungenentzündung. Oft muss dieses eigentlich kernige Mannsbild den Truppenarzt aufsuchen.

Was ist von Ernest Hemingway aus seinen Tagen in Buchet übrig geblieben? Lange Zeit blieb an der Mauer des Anwesens Haus Frames eine Gedenktafel ins Mauerwerk gebohrt.

Hier im „Schloß Hemingstein“
(Frammes-Haus Nr. 5) wohnte
Ernest Hemingway
beim ersten Vormarsch der Amerikaner
im September 1944.
Ernest Hemingway  * 1899 – † 1961
1954 Nobelpreis für Literatur
für seine Erzählung:
„Der alte Mann und das Meer“

Die kleine Ortsgemeinde Buchet mit nur 250 Einwohnern hat 1994 – zum 50. Jahrestag des D-Day – die schwarze Gedenkplatte am Anwesen anbringen lassen. Mit dem kleinen Rechtschreibfehler bei Haus Frames. Auf der Tafel steht fälschlicherweise Frammes.

Im rechten Flügel des Erdgeschosses ist 1944 die Dorfkneipe gewesen, gegenüber die Küche, im ersten Obergeschoss die privaten Räume der Wirtsfamilie. Nach Kriegsende führen die Hausbesitzer die Schankwirtschaft noch eine Zeit lang weiter. Apollonia Fuchs, die Eigentümerin von Haus Frames, vermietet das Gehöft danach als Dauerferienwohnung. Heute ist jedes Leben aus dem Haus entschwunden.

Das Anwesen ist schon länger unbewohnt und

Loading

J. D. Salinger mit Ernest Hemingway in dem kleinen Eifeldorf Zweifall

Ernest Hemingway
J. D. Salinger
Von dem historischen Treffen Ernest Hemingways mit J. D. Salinger existieren keine Fotos. In unseren Tagen kann die KI aushelfen. AI-Foto: Gemini.

In dicke Jacken eingepackt, die M1-Karabiner über der Schulter, stapfen zwei junge Soldaten durch die kalte Novembernacht der Nordeifel. Mit Taschenlampen leuchten sie ihren Weg durch das stockfinstere Dorf, seit Tagen ist in allen Gebäuden die Elektrizität ausgefallen. Die beiden Amerikaner durchqueren den menschenleeren Ortskern von Zweifall, vorbei an der Gastwirtschaft und den Schieferhäusern, die so typisch sind für die Siedlung mit den umliegenden Steingruben.

Schließlich biegen die Soldaten, parallel zum Hasselbach, in die leicht ansteigende Hauptstraße ab. Der Staff Sergeant Jerome David Salinger wird begleitet von dem Unteroffizier Werner Kleeman, beide sind dem Stab der 4. Infanteriedivision zugeteilt. Salinger arbeitet für die Abwehr und Kleeman, ein US-Bürger deutscher Abstammung, ist Dolmetscher der Division. Gemeinsam sind beide Kameraden am D-Day in der Normandie gelandet und später ins befreite Paris eingerückt.

Nun stecken ihre Verbände seit Wochen östlich von Aachen fest, an der Siegfried-Linie mit ihren unzähligen Bunkern, Stollen und Panzersperren erlahmt der Vormarsch der US-Truppen. Salinger und Kleeman ziehen in dem kleinen Ort der nördlichen Eifel an der Hausnummer 14 vorbei. In dem Braunen Haus, dem ehemaligen Sitz der NSDAP-Verwaltung, hat sich nun der Führungsstab der 4. US-Infanteriedivision eingerichtet.

Am Ortsausgang von Zweifall bleiben die beiden Mittzwanziger vor einem zweistöckigen Gebäude mit dem Schild PRO stehen. Das militärische Public Relations Office hat in der damaligen Adolf-Hitler-Straße – heute: Jägerhausstraße 87 – einen Stützpunkt aufgebaut. Gegen acht Uhr abends steigen die zwei Soldaten das Dutzend Stufen der Außentreppe hinauf, passieren die Wache und treten links durch den Haupteingang des höher gelegenen Gebäudes ein.

In Zweifall sind die beiden jungen Amerikaner mit einem Bekannten verabredet. Einem weltberühmten Kriegsreporter, den Salinger vor zehn Wochen in Paris kennengelernt hat. Sein Name: Ernest Hemingway. An der American Bar des Ritz in Paris sind Ernest Hemingway und Salinger zwei Tage nach der Befreiung der Stadt erstmals aufeinander getroffen. In dem Pariser Grandhotel an der Place Vendôme erzählt Hemingway dem Neuling, dass er sich an eine seiner Storys im Monatsmagazin Esquire erinnere. Ob es mehr gäbe?

Salinger gibt dem arrivierten Kollegen seine Kurzgeschichte Last Day of the Last Furlough, die von der Saturday Evening Post einen Monat zuvor veröffentlicht worden ist. Er habe die Lektüre genossen, meint der Mann aus Oak Park nach der Lektüre. Jesus, he has a hell of a talent, soll Ernest in Hochstimmung ausgerufen haben. Gleichermaßen zeigt sich Salinger von seinem weltbekannten Kollegen begeistert. Hemingway sei großzügig, freundlich und ganz ohne Starallüren.

In dem winzigen Eifeldorf Zweifall sitzen nun Mitte November 1944 zwei Giganten der Weltliteratur zusammen und trinken Champagner aus Aluminiumtassen. Auch in Zweifall, in dem spartanischen Kontor des PRO, verstehen sich der Nachwuchsschreiber und der Starreporter prächtig. Obwohl sie vom Temperament so grundverschieden sind. Hier der breitbeinige und ungehobelte Naturbursche vom Michigan-See, dort der schlaksige und zurückhaltende Kopfmensch aus der Großstadt.

Vier Stunden, bis kurz vor Mitternacht, bleiben die drei Amerikaner an diesem Abend im PRO-Büro beisammen und reden. Ernest Hemingway und der zwanzig Jahre jüngere J. D. Salinger plaudern über Bücher und Schreibtechniken. Der Neuling spitzt die Ohren, der Einfluss des berühmten Kollegen auf den Novizen wird von nun an zunehmen. Beide Autoren sollten Zeit ihres Lebens freundschaftlichen Kontakt halten.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitet Jerome Salinger, der vorzüglich Deutsch spricht, zunächst als Zivilist für eine Abteilung des US-Nachrichtendienstes im fränkischen Gunzenhausen. Er heiratet, später siedelt er in die USA über. Der Kontakt zu Hemingway reißt indes nicht ab. Er sei ein wirklich guter Schreiber, lässt Ernest des Öfteren verlauten. Seine Familie möge ihn und schicke ihm häufig Zeitschriften nach Kuba.

Die Bewunderung des bärtigen Nobelpreisträgers für den Kollegen ist grundehrlich. Als Hemingway 1959 in Madrid eine neue Sekretärin engagiert, kauft er ihr sogleich ein Exemplar von The Catcher in the Rye. In ihren Memoiren Running With the Bulls verrät Valerie, die zeitgenössischen Autoren, die Hemingway am meisten bewunderte, sind J. D. Salinger, Carson McCullers und Truman Capote. Eine signierte

Loading

Seite 1 von 74

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Neuerscheinung:
364 Seiten, BoD-Verlag
12,99 € (Paperback),
8,99 € (E-Book)
ISBN: 9783751972567
zu beziehen über jede Buchhandlung
oder online bei
amazon (hier klicken)