Hemingways Welt

Großmaul, Schnapsnase, Schürzenjäger – an den Fersen eines Jahrhundertautors

Manuel Jesús Orbegozo himmelt Ernest Hemingway an

Manuel Jesús Orbegozo himmelt Ernest Hemingway an
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Manuel Jesús Orbegozo, der Reporter aus Lima, empfängt Ernest Hemingway auf dem Flughafen von Talara.
Talara/Peru, am 16. April 1956. Foto: Guillermo Alias

Unter den Journalisten, die Ernest Hemingway am Flughafen von Talara erwarten, befindet sich auch Manuel Jesús Orbegozo. Der Reporter, der eigens aus Lima in den Norden Perus angereist ist, wirkt an diesem Montagmorgen reichlich aufgekratzt, einem Nobelpreisträger begegnet man nicht alle Tage. Doch Ernest Hemingway versteht sich auf Anhieb mit dem Mann von La Crónica. Der prominente Autor jedenfalls drückt den Journalisten an seine breite Brust, so als würde er ihn bereits ein halbes Leben kennen.

„Er hat ständig seine Hamsterbacken aufgeblasen und hat wieder und wieder gelächelt“, erinnert sich Manuel Jesús Orbegozo, der an diesem Morgen lautstark Ernest, Ernest gebrüllt hat, als der Schriftsteller dem Flugzeug aus Miami entstieg. Alle Umstehenden bemerken sogleich, welch geheimnisvolle Aura den bärtigen Amerikaner umgibt. „Alles um ihn herum war ein Lächeln.“

Manuel Jesús Orbegozo, ein durch seine breite schwarze Hornbrille jovial dreinschauender Peruaner aus Otuzco, der einen guten Kopf kleiner ist als Ernest Hemingway, ist nach der Umarmung durch Hemingway wie aufgedreht. Der Redakteur aus Lima, er ist mit einem luftig weißen Hemd gekleidet und trägt eine helle Kappe aus Baumwolle, zeigt sich beeindruckt von der Offenheit und der Umgänglichkeit des Nobelpreisträgers.

Mehr als von den Romanen schwärmt der 33-jährige Orbegozo vom journalistischen Stil Hemingways. Diese Kürze und Klarheit, und besonders die Genauigkeit in den Dialogen, das macht dem US-Amerikaner weit und breit so schnell keiner nach. Auch als Abenteurer schätzt Manuel Jesús Orbegozo den Schriftsteller. Er sei ein Mann von Welt halt, im besten Sinne des Wortes. Und dass der Amerikaner so ziemlich jedem Rock hinterherläuft, reicht ihm in diesen Breiten auch nicht gerade zum Nachteil.

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In der Zeitschrift ‚Cultura Peruana‘ Nr. 94 schreibt Manuel Jesús Orbegozo launig über seine Begegnung mit Ernest Hemingway.

Manuel Jesús Orbegozo kann sich nicht einkriegen vor Begeisterung. „Hemingway ist großartig“, wird er seinen Artikel in La Crónica beginnen, „ganz gegen alle Vorurteile. Er begegnete uns leutselig und ohnegleichen. Das lässt die Waage hin zur totalen Sympathie ausschlagen.“ Auch in der Zeitschrift Cultura Peruana wird Manuel Jesús Orbegozo einen launigen Artikel über seine Begegnung mit dem Nobelpreisträger veröffentlichen, ein wenig spöttisch geschrieben, in Wirklichkeit jedoch

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Im Montafon begeht Ernest Hemingway den schwersten Fehler seines Lebens

Im Montafon begeht Ernest Hemingway den schwersten Fehler seines Lebens
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Im idyllischen Schruns, in den österreichischen Alpen, verpasst der Hallodri Ernest Hemingway seiner Ehe mit der patenten Hadley den Todesstoss.
Foto: W. Stock, Juni 2019

Die Jahre von 1924 bis 1926 werden zu einer ausgelassenen Zeit für Ernest Hemingway. Er lebt in Paris, wo er in den avantgardistischen Künstlerkreisen als schreiberisches Talent auf sich aufmerksam macht. Er ist arm, aber glücklich und voller Träume. Die Liebe zu seiner Ehefrau Hadley erfüllt ihn, ebenso die Geburt des ersten Sohnes John. Und zu den Glücksmomenten gehören auch die beiden langen Winterurlaube im Montafon. Doch er selbst wird es sein, der dieses wunderbare Glück zerstört, bei seinem zweiten Aufenthalt in Schruns, er wird die Torheit bis an sein Lebensende bereuen.

Dem ersten Aufenthalt im Vorarlberg schließt sich im darauf folgenden Winter ein zweiter an. Am 11. Dezember 1925 nehmen die Hemingways vom Gare de l’Est den Nachtzug nach Österreich und fahren wiederum ins Montafon. Die dreiköpfige Familie Hemingway kommt zurück nach Schruns und quartiert sich abermals im Hotel Taube ein. Das Glück scheint aufs Neue perfekt.

Das Tal war weit und offen, sodass man viel Sonne hatte, schreibt Ernest Hemingway in Paris – Ein Fest fürs Leben. Man trifft sich in Schruns wieder als gute Freunde und sieht in vertraute Gesichter. Es werden zunächst unbeschwerte Tage für die kleine Familie, doch über dem Glück des jungen Ehepaares ziehen an Weihnachten 1925 dunkle Wolken auf. Ihr Name lautet Pauline.

Am 24. Dezember kommt die gertenschlanke Pauline Pfeiffer nach Schruns, eine gute Freundin von Hadley, die alle Fife rufen. Die 30-jährige Millionärstochter aus Piggott in Arkansas, auch sie lebt in Paris, ist eine lebenshungrige, lockere Frau, die keinem Abenteuer aus dem Weg geht. Fife wirft die Köder aus und lockt den armen Ernest, er braucht nur zuzubeißen. Dass ihr Opfer der Ehemann ihrer guten Freundin ist, scheint der flotten Pauline egal zu sein. 

Zunächst merkt die brave Hadley nichts. Sowohl im Hotel Taube als auch im Posthotel Rössle in Gaschurn weilen alle drei – nicht im selben Zimmer, so doch unter einem gemeinsamen Dach. Und es gibt den einen oder anderen, der behauptet, der von Gefühlswallungen übermannte Ernest Hemingway habe des abends gar beide Zimmer, das der Ehefrau und auch jenes der Geliebten, aufgesucht. Hadley merkt immer noch nichts.

In den nächsten Tagen gestaltet Ernest Hemingway die Dreiecksbeziehung mehr und mehr unverfroren, er ist von

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Ernest Hemingway fremdelt kein bißchen mit dem Vorarlberg

Ernest Hemingway fremdelt kein bißchen mit dem Vorarlberg
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Durch Tschagguns, das direkt an Schruns grenzt, fließt das wilde Quellwasser der Ill.
Foto: W. Stock, Juni 2019

Ernest und Hadley Hemingway, das junge Ehepaar aus Paris, machen in ihrem Winterurlaub im Montafon zahlreiche Ausflüge in die Berge. Die Landstrasse hoch nach Gaschurn, wo das Skigebiet erst richtig anfängt, zum Madlenerhaus unterhalb der Bieler Höhe und auch zur Wiesbadener Hütte beim Piz Buin, der mit über 3.300 Metern höchsten Erhebung im Vorarlberg. Skilifte wie heute gibt es Mitte der 1920er Jahre noch nicht. Man muss als Tourengeher über eine robuste Kondition verfügen, um den stundenlangen kräftezehrenden Aufstieg mit schwerem Gepäck zu bewältigen.

Zum Aufstieg braucht es zudem ein gutes Wetter und vor allem ein wenig Glück, denn oft werden durch Lawinenabgang oder Gletscherbruch die Routen im Gebirge unpassierbar und es kommt vor, dass man in den Berghütten tagelang von der Außenwelt abgeschnitten bleibt. Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten bessert sich Ernest Hemingways Kondition und er kommt wunderbar im rauen Bergwinter des Vorarlbergs zurecht.

In der örtlichen Skischule von Walter Lent nimmt der US-Amerikaner Unterricht, und der junge Ernest wird im Montafon alsbald zum begeisterten Pistenfahrer. Als es dem Frühling zuging, gab es die große Gletscherabfahrt, glatt und gerade, endlos gerade, wenn unsere Beine es durchhalten konnten. Die Knöchel aneinander gedrückt, liefen wir ganz tiefgeduckt, überließen uns der Geschwindigkeit und glitten endlos, im stillen Zischen des körnigen Pulverschnees.

Der Schriftsteller wird das Montafon mit den kleinen Gemeinden Schruns, Gaschurn und Tschagguns, mit der Silvretta und dem Gauertal in seinen späteren literarischen Welterfolgen wie Schnee auf dem Kilimandscharo und besonders in Paris – Ein Fest fürs Leben als winterliche Tourismusregion weltbekannt machen. Dabei fällt der liebevolle Tonfall, ja, dieser fast familiäre Zungenschlag auf, in dem Ernest Hemingway von seiner Gastregion in den Westalpen erzählt.

Irgendwie erscheint der Schreiber aus den fernen USA nicht wie ein distanzierter Beobachter, sondern als einer, der wie selbstverständlich

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Ernest Hemingway in Schruns

Ernest Hemingway in Schruns
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Im österreichischen Schruns steigt die dreiköpfige Familie im Hotel Taube ab, das direkt am zentralen Kirchplatz liegt. Zwei Zimmer sind dort für die Hemingways reserviert.
Foto: W. Stock, Juni 2019

Am 19. Dezember 1924 nehmen Ernest Hemingway, seine Ehefrau Hadley Richardson und der kleine Sohn John vom Gare de l’Est den Nachtzug nach Österreich, nach dem östlichen Königreich, wie Ernest sich über das Land lustig macht. Im Vorarlberg will die junge Familie einige Wochen Winterferien machen. Als junger Journalist von Mitte Zwanzig verfügt Ernest Hemingway im mondänen Paris jedoch über nur wenig Geld.

Im Dezember 1923 hat der Amerikaner seine Stelle als Korrespondent beim Toronto Star gekündigt, um sich ganz der Schriftstellerei widmen zu können. Seitdem besitzt die Familie kein regelmäßiges Einkommen, man lebt in Paris mehr schlecht als recht von einer kleinen Erbschaft Hadleys. Um in den angesagten Skiorten der Schweiz oder Frankreichs zu urlauben, reichen die Mittel jedenfalls nicht. Ernest wählt das Montafon, weil Österreich wegen der Währungsreform und der Inflation für einen Amerikaner mit Dollars in der Tasche eine spottbillige Feriendestination darstellt.

Das Montafon ist ein 39 km langes Tal in Vorarlberg östlich von Liechtenstein. Das Tal, es wird von der Ill durchflossen, grenzt im Norden an die Verwallgruppe und im Süden an das Rätikon und die Silvretta. Das Montafon reicht von der Bielerhöhe bis hinunter nach Bludenz, die höchste Erhebung ist der Piz Buin im Silvretta-Massiv. Schruns, ein kleines Dorf von damals 1.600 Bewohnern, liegt auf 700 Metern Höhe.

In Schruns steigen die Hemingways im Posthotel Taube in der Silvrettastraße 1 ab, einem Mittelklasse-Hotel, wo sie zwei Zimmer reserviert haben. Die Taube, direkt am zentralen Kirchplatz gelegen, wird seit Jahren von der Familie Nels geführt. Ernest Hemingway, schreibt der junge Journalist seinen Namen ins Gästebuch, 4 Place de la Concorde, Paris. Darunter setzt er den Namen seiner Frau, Hadley R. Hemingway. In der dritten Zeile folgt der Sohn, John Hadley Nicanor Hemingway. „Zwei Jahre, fünf Monate“, hat die Wirtsfamilie ergänzend dahinter gesetzt.

Im Hotel Taube findet sich noch immer der Stammtisch, der auch als Hemingway Ecke mit Fotos des jungen Journalisten und seiner Familie in Schruns dient. Das Gästebuch von damals, in dem sich Ernest Hemingway verewigt hat, konnte all die Jahre unbeschadet überstehen, und wenn man den Besitzer der Taube freundlich fragt, das Haus befindet sich immer noch im Besitz der Familie Nels, dann darf man auch einen Blick darauf werfen.

Die junge Familie Hemingway wird drei Monate in den Zimmern 21 und 22 logieren, in Vollpension, für

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Der schönste Hemingway-Satz IV

Der schönste Hemingway-Satz IV

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Quiero comprender la mar. (Ich will das Meer verstehen.)
Ernest Hemingway im Interview mit dem kubanischen TV-Reporter Juan Manuel Martínez, im  Oktober 1954

Lou Jennings will schöne Bilder einfangen

Lou Jennings will schöne Bilder einfangen
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Ernest Hemingway und sein Freund Lou Jennings freuen sich auf dem Landungssteg von Cabo Blanco über einen prächtigen Fang.
Cabo Blanco, im Mai 1956

Die Filmleute, die Der alte Mann und das Meer drehen sollen, sind schon zwei Tage vor dem Schriftsteller in Cabo Blanco eingetroffen. Neben dem Produktionsleiter Allen Miner gehören zur Film-Crew William Classen, ein bekannter Grip-Aufbautechniker, die Kameraleute und Tontechniker Joseph Barry, Louis Jennings, Stuart Higgs und John Dany. Allen Miner, der den Dokumentarstreifen The Naked Sea gedreht hat, gilt als Fachmann für Filmaufnahmen auf hoher See.

Die Filmleute gehören zu jener Abteilung, die man in Hollywood Second Unit nennt. Damit ist jene schlagkräftige zweite Garnitur gemeint, die parallel zur First Unit dreht und der die besonders kniffligen Szenen aufgebrummt werden. Am peruanischen Pazifik sollen die Filmleute die Aufnahmen auf dem Meer vor Cabo Blanco drehen, gekrönt durch den Fang von ein paar eindrucksvollen Großfischen.

Nachdem die Hollywood-Leute bereits in Cabo Blanco weilen und dort die Dreharbeiten vorbereiten, ist als letzter auch Ernest Hemingway auf peruanischem Boden eingetroffen. Der Schriftsteller wird von einem halben Dutzend Personen begleitet, alle Besucher der Expedition eint ein Ziel. Sie möchten in Cabo Blanco einen mindestens tausend Pfund schweren Black Marlin fangen und die tollkühne Jagd nach dem Monsterfisch soll für die ganze Welt auf Zelluloid gebannt werden.

Einen Fisch solchen Ausmaßes hat Ernest Hemingway noch nie mit eigenen Augen gesehen. Weder vor der Küste Kubas, noch bei den Bahamas und auch nicht im Meer um Florida, die allesamt zu seinen bevorzugten Angelrevieren gehören. In Cojímar auf Kuba läuft sowieso nicht alles zum Besten, die dortigen Dreharbeiten der First Unit stocken und müssen mehrmals unterbrochen werden, der Regisseur wird ausgetauscht.

So kommt Ernest Hemingway mit der Erwartung nach Peru, dass wenigstens die

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Mariel Hemingway, dem Großvater so nah

Mariel Hemingway, dem Großvater so nah
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Mariel Hemingway, die Tochter von Jack Hemingway, ist die Enkelin des Nobelpreisträgers. Sie wird in dem Jahr geboren, in dem ihr Großvater seinem Leben ein Ende setzt. Mariel heißt auch ein Hafen auf Kuba. Von Mariel aus, einer Stadt 50 Kilometer westlich von Havanna, startet der Nobelpreisträger ab und an seine Angeltouren. So wird Mariel Hemingway an den Großvater Ernest tagtäglich sogar im Namen erinnert. 

Die junge Frau hat es schlau angestellt und sich von Anfang an ein eigenes Leben aufgebaut, anstatt auf der Fahrkarte des Großvaters zu fahren. Mariel Hemingway wird eine formidable Schauspielerin in Hollywood, eine gefeierte Buchautorin, ein anerkannter Gesundheits-Coach und eine gute Geschäftsfrau obendrein. Ihre Themen als Coach sind Mental Health, True Wellness, Empowerment und Life Balance – also alles, was mit einem gesunden und erfüllten Leben zu tun hat.

Über ihre Arbeit kann man sich einen Eindruck verschaffen auf ihrer Website Mariel oder auf Instagram marielhemingway für die kleineren Happen. Finding My Balance heißt einer ihrer Bestseller und Mariel Hemingway spannt hier und in den anderen Büchern den großen Bogen von gesunder Ernährung über innere Stärke bis zu kraftvollem Auftreten. Denn Gesundheit und Wohlergehen fasst sie ganzheitlich auf, körperlich wie mental. Selbstverständlich ist dies alles nicht.

Denn wer den Namen Hemingway trägt, der trägt zugleich einen schweren Rucksack. „Meine Familie gehört zu den bekanntesten in den USA, vielleicht sogar auf der Welt. Man möge deshalb nicht meinen, wir hätten keine eigenen Probleme und keine Existenzkämpfe“, schreibt sie. „Mein Großvater brachte sich um, dessen Vater sich auch, der Vater meiner Großmutter Hadley ebenso, wie auch andere Familienmitglieder, auch meine Schwester Margaux. Alle waren sie schöne, kluge und lebhafte Menschen, die allerdings von Sucht, Depression, Bulimie oder Zwangsstörungen befallen waren. Gleichzeitig aber über eine unermeßliche geniale Kreativität verfügten.“ 

Mariel Hemingway möchte es besser machen, sie weiß, dass der Mensch auch die Wahl hat, glücklich oder unglücklich zu sein. Jedem Menschen wohnt die willentliche Entscheidung inne, Zufriedenheit zu finden. Auch Mariels Großvater hätte

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Ernest Hemingway, der rastlose Jäger, auf der Pirsch

Ernest Hemingway, der rastlose Jäger, auf der Pirsch
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Der unersättliche Jäger und das zarte Reh: Ernest Hemingway und das Model Jean Patchett. Auf Finca Vigia, im Frühjahr 1950.

In Sachen Liebe ist Ernest Hemingway über die Jahre zum Zyniker geworden. Denn die große, die absolute Liebe im Leben hat er nicht finden können. Weder bei seinen vier Ehefrauen, noch bei seinen zahlreichen Liebschaften und schon gar nicht bei den schnellen Nummern. Liebe ist ein Misthaufen, klagt sein Alter Ego Harry in Schnee auf dem Kilimandscharo verbittert, und ich bin der Hahn, der drauf steigt und kräht.

Etliche Frauen schwirren um ihn herum. Ehefrauen, Freundinnen, Verehrerinnen, Musen, Mätressen. Man mag sie seinen zweiten Zirkelkreis nennen, denn sie erfüllen eine andere Aufgabe als der erste Zirkel seiner männlichen Freunde. Frauen sind für ihn Wesen, die erobert werden wollen, die zum Mann gehören, jedoch nicht unbedingt beim Saufen und beim Jagen. Hemingways Frauen sind zarte Rehe auf der Lichtung, sie begründen das Verlangen des Jägers. Der gierige Jäger, das ist er.

Neben seinen Ehefrauen hält sich der Autor ein Bataillon an Liebschaften. In Havanna wartet seine Gespielin Leopoldina jeden Tag auf ihn. Was ihn nicht abhält, jedem Besuch mit blonden Haaren und langen Beinen den Schreibturm – vulgo: sein Liebesnest – auf Finca Vigía zu zeigen. So wie diesem Vogue-Model Jean Patchett, das er im Frühjahr 1950 als Pascha prompt halbnackt empfängt.

Ernest Hemingway und Jean Patchett sitzen sich im Wohnzimmer der Finca Vigía auf dem Sofa gegenüber. Zu Hemingways Füssen liegt Black Dog und mit der rechten Hand krault er Ecstacy, eine seiner vielen Katzen. In der anderen Hand hält der Schriftsteller ein Glas voll mit Daiquirí. Ernest Hemingway begegnet dem zarten Model mit seinem nackten wuchtigen Oberkörper, mit kurzer Hose und barfuss. Spannung knistert in der Luft.

Natürlich verletzt es Miss Mary, wie angriffslustig ihr Ehemann fremde Frauen bezirzt. Und was er in Havanna so treibt, wenn sie nicht dabei ist, sie will es erst gar nicht wissen. Die Liste seiner Seitensprünge, das weiß Ehefrau Mary nur zu gut, ist ellenlang. Es gibt Tage, da ist er mit

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Niemand in Peru kennt Ernest Hemingway so gut wie Mario Saavedra

Niemand in Peru kennt Ernest Hemingway so gut wie Mario Saavedra
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Im Cabo Blanco Fishing Club laufen sich Ernest Hemingway und Mario Saavedra häufig über den Weg. Begegnungen, die oft an der Bartheke des Klubs münden.
Cabo Blanco, im April 1956. Foto: Guillermo Alias

In Cabo Blanco kriegt der 27-jährige Mario Saavedra-Pinón vom feinen El Comercio sogleich einen guten Draht zu dem berühmten Schriftsteller. Saavedra ist trotz seiner jungen Jahre bereits Jefe de Información bei seiner Zeitung, was in etwa einem Ressortleiter entspricht. Der junge Mario ist vom Nobelpreisträger hin und weg und schreibt in seiner Zeitung: „Ernest Hemingway strahlt eine kraftvolle außergewöhnliche Sympathie aus. Wenn man sich mit ihm unterhält, meint man, ihn schon das ganze Leben lang zu kennen.“

Mario Saavedra schafft es sogar, für ein paar Tage im Fishing Club unterzukommen, der junge Redakteur aus Lima kann ein Zimmer auf der unteren Etage des Klubhauses ergattern, nur wenige Türen von den Hemingways entfernt. So lässt es sich kaum vermeiden, dass sich der Nobelpreisträger und Mario Saavedra im Klubhaus des Öfteren über den Weg laufen, von dem berühmten Schriftsteller kommt dann ein freundliches Hola Mario, meist verbunden mit der Einladung auf einen Whiskey.

Mario Saavedra bleibt mit den Hemingways acht Tage im Fishing Club, rechnet man sein frühes Eintreffen am 13. April mit ein, dann werden es elf Tage. In El Comercio erscheinen in jenen Tagen insgesamt knapp 30 Berichte über Ernest Hemingway in Cabo Blanco, Interviews, größere und kürzere Meldungen, allesamt aus Marios Feder. „Hemingway llegó a Talara con su esposa“ – Hemingway kam mit seiner Ehefrau in Talara an – so überschreibt Mario Saavedra-Pinón seinen ersten Artikel in El Comercio vom 17. April 1956.

Dann kann man in Limas wichtigster Tageszeitung Folgendes lesen: „Ernest Hemingway, der berühmte US-Schriftsteller, kam heute Morgen um 7,25 Uhr in dieser Stadt an, begleitet von seiner Ehefrau Mary, dem Bootskapitän Gregorio Fuentes, der Hemingways Yacht Pilar betreut, und in Begleitung des Sportsmannes Elicin Argüelles.“ Und stolz berichtet Mario Saavedra seinen Lesern in ganz Peru dann von seinem ersten Husarenstreich: „Der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 1954, und einer der berühmtesten Schriftsteller Nordamerikas unserer Zeit, gewährte El Comercio ein Interview, keine halbe Stunde, nachdem er in Cabo Blanco angekommen war“.

Es ist gegen zehn Uhr am Vormittag, der junge Redakteur und der weltberühmte Schriftsteller unterhalten sich eine gute Stunde. „Der Autor von Der alte Mann und das Meer, er ist etwa sechs Feet groß,“ – das sind knapp 1,83 Meter – „er zeigt sich sehr vital und seine Gesichtszüge werden von einem Lächeln gezeichnet. Er hat eine von der Sonne gebräunte Haut. Und er spricht ein fast perfektes Spanisch“, so leitet Mario Saavedra-Pinón sein Interview für El Comercio ein, das sich dann über ganze drei Zeitungsseiten erstreckt.

Ein wahrer Coup, der Mario mit dem Interview gelungen ist, so nah und so oft kommt man selten an den Schriftsteller. Südamerikanische Journalisten pflegen in ihren Artikeln meist eine blumige Sprache. „Hemingway sieht aus wie ein alter Seebär, mit einem breiten Lächeln und einem kräftigen Händedruck“, fährt Mario Saavedra in seiner Zeitung fort, bevor er dann mit seinen Fragen loslegt.

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Mario Saavedra ist einer der großen Journalisten Perus. Für ihn, so erzählt er mit knapp 90 Jahren, sei die Begegnung mit Ernest Hemingway mit die wichtigste seines Lebens gewesen. Lima Miraflores, im März 2017. Foto: R. Stock

Mario Saavedra zeigt sich begeistert von dem Interview und dem amerikanischen Schriftsteller. „Hemingway ist unerschöpflich und es ist ganz einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Er ist stets neugierig, immer wieder stellt er Fragen zu unserem Land, zu Peru.“ Der junge Journalist merkt, er befindet sich in einer Glanzstunde seines beruflichen Lebens. Und möglicherweise

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Paul Radkai und das Raubein, das eine Katze krault

Paul Radkai und das Raubein, das eine Katze krault
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Paul Radkai, auf Finca Vigía im Herbst 1949, fotografiert Ernest Hemingway.
Foto: Karen Radkai

Paul Radkai, als Pal Laszlo Ratkai 1915 in Budapest geboren, reiht sich ein in die Riege erstklassiger ungarischer Fotografen wie Robert und Cornell Capa, Brassaï oder André Kertész. Wie die meisten seiner Kollegen findet er sein künstlerisches Glück jedoch erst in der Ferne. Als 19-Jähriger wandert Radkai in die USA aus, wo er sich als Journalist und insbesondere als Fotograf einen guten Namen macht.

Zusammen mit seiner Ehefrau Karen schaut Paul Radkai im Herbst 1949 bei den Hemingways auf Kuba vorbei. Eigentlich arbeitet Radkai überwiegend in der Modefotografie, er hat aber auch mit einer Artikelserie für Furore gesorgt, in der er Berühmtheiten wie Virgil Thomson, José Limón oder Rex Harrison in deren Domizil porträtiert. Nun kommt also Ernest Hemingway an die Reihe. Die Chemie zwischen dem Ungar und dem Schriftsteller stimmt von Anfang an.

You have the only lens that shows how many times my nose was broken. Also you have a lovely wife, dankt Hemingway in einem Brief dem Fotografen. Radkais Leica sei so fein, das nur deren Linse zeige, wie oft seine Nase gebrochen worden sei. Und, übrigens, er habe eine liebenswerte Frau. So ist es: Karen Radkai, 1919 geboren und ebenfalls eine bekannte Modefotografin, in den 1950er Jahren für Vogue, beeindruckt als fachkundige und aparte Frau neben ihrem Ehemann.

Ernest Hemingway weiß die Arbeit von Paul und Karen Radkai zu schätzen und er stapelt mal wieder tief. I am not fascinated by my own face but I love to look at Mary’s, schreibt Ernest Tage nach ihrem Treffen an den Fotografen. Von seinem eigenen Gesicht sei er nicht groß fasziniert, aber er schaue jenes von Miss Mary gerne an. Der Artikel mit den Fotos erscheint in Harper’s Bazaar im März 1950 unter dem Titel The Hemingways in Cuba auf den Seiten 172 und 173.

Paul Radkai kitzelt auf seinen Fotografien besonders Ernest Hemingways liebevoller Umgang mit seinen Katzen und den Hunden heraus. An seinem Hund Black Dog hängt Ernests Herz. Der schwarzzottelige Spaniel Black Dog ist ihm zugelaufen in einer Skihütte im Sun Valley in Idaho, halb verhungert und menschenscheu. Der Schriftsteller hat sich des malträtierten Tieres angenommen, den Jagdhund aufgepäppelt und ihn dann mit nach Kuba genommen.

Black Dog kratzt sich, hat der grauhaarige Schriftsteller im September 1956 zu einem Foto in der Zeitschrift LOOK räsoniert, das ihn und seinen schwarzen Hund zeigt, er ist alt geworden und kann weder gut sehen noch gut hören. Aber er hat einen gesunden Appetit und liebt das Leben. Der treue Freund weicht nicht mehr von seiner Seite.

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Den Umschlag von Across the River and into the Trees hat Hemingways Schwarm, die junge Italienerin Adriana Ivancich, gestaltet. Auf dem Rückumschlag findet sich ein Foto von Paul Radkai. Das Raubein Hemingway mit einer kleinen Katze im Arm.

Die Hunde liebt Ernest Hemingway abgöttisch. Als im Jahr 1958 ein Militärkommando des Diktators Batista mitten in der Nacht die Finca Vigía durchkämmt, auf der Suche nach Waffen der Rebellen, und sein Hund Machakos am Tor Wache hält, da wird der gutmütige Hund von einem Soldaten mit dem Gewehrkolben erschlagen. Der Verlust von Machakos trifft den Schriftsteller tief, er fällt in eine schwere Depression.

Wie keinem anderen Fotografen gelingt es Paul Radkai, die Liebe des Ernest Hemingway zu seinen Tieren festzuhalten. Dieser Charakterzug ist

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