Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Paris – The Greatest Luck

“Wenn du soviel Glück hattest, als junger Mensch in Paris gelebt zu haben, dann bleibt die Stadt für den Rest deines Lebens bei dir, einerlei wohin du auch gehen magst. Denn Paris ist ein Fest fürs Leben.”

Wir alle hatten gute Tage

Ernest Hemingway macht sich Notizen im Gemeinschaftsraum
des ‚Cabo Blanco Fishing Clubs‘, im April 1956.
Foto: Modeste von Unruh.

Gut 3.000 Kilometer Luftlinie entfernt, in seiner Wahlheimat Kuba, werden die Filmarbeiten am peruanischen Pazifik aufmerksam verfolgt. Der Nobelpreisträger Ernest Hemingway und der kubanische Sportfischer Elián Argüelles halten sich mit einigen Kameraleuten vor der Küste Cabo Blancos in Peru auf, um einen tausend Pfund schweren Marlin vor die Kamera zu bekommen, berichtet der Diario Nacional aus Havanna. Mehrere Kameramänner filmen die Fangversuche der beiden Männer in peruanischen Gewässern. Hemingway und Argüelles haben bereits je zwei Schwertfische gefangen. Die Kamera lief, als Hemingway seinen zweiten Marlin am Haken hatte. Aber der Fisch widersetzte sich stark und verteidigte sein Leben. Wahrscheinlich werden jene Aufnahmen, die man von seinem Überlebenskampf filmte, auch in dem Spielfilm verwendet werden.

Ernest Hemingway wirkt von der Anspannung der letzten Wochen erschöpft, das trockene Klima mit seinen sengenden Sonnenstrahlen bereitet ihm an Armen und Beinen nun Schmerzen, die Pigmentflecken auf seiner Gesichtshaut haben sich entzündet. Zudem piesackt ihn ein unverfrorenes Bataillon aus Schmeißfliegen, Mosquitos und Zancudos, die jeden Abend unerbittlich sein winziges Hotelzimmer in Beschlag nehmen und nervtötend umher surren oder schmerzhaft zustechen. Sein Wohlbefinden wird in Cabo Blanco auf eine harte Probe gestellt.

Doch im Fishing Club und an Bord der Miss Texas lässt der Nobelpreisträger sich nicht groß etwas anmerken und er beklagt sich auch nicht. Bei einer der letzten Ausfahrten nimmt Ernest Hemingway den peruanischen Bootskapitän Jesús Ruiz More kumpelhaft zur Seite. Am liebsten würde ich noch sechs Tage länger bleiben, Jesús, bedeutet der Schriftsteller dem untersetzten Bootsmann aus Cabo Blanco. Vámonos, Don Ernesto, entgegnet Jesús Ruiz, nur zu, da draußen springen so viele Marline im Wasser, die nur auf uns warten.

In den Artikeln, die er nach seiner Abreise aus Nordperu auf der Finca Vigía verfasst, zieht der amerikanische Autor ein inspirierendes Resümee seiner Expedition nach Cabo Blanco. Wir alle hatten gute Tage, weil es dort rau und stürmisch war. Diese anregende Heimeligkeit entspricht nicht ganz der Wahrheit, denn in Wirklichkeit hat

Ernest Hemingway und die Naturbilder

Ernest Hemingway veröffentlicht In einem anderen Land im Jahr 1929. Viele sagen, es sei sein bestes Werk.

Clarence Hemingway, der Vater, hat Ernest von Kindesbeinen an in die Natur mitgenommen und dem kleinen Jungen an den Bächen und Flüssen um den Lake Michigan das Fischen beigebracht. Mit drei Jahren vermag der wissbegierige Ernest eine Angel zu halten, ebenso wie ein Gewehr. Die Hemingways besitzen das Sommerhaus Windemere am Walloon Lake im Norden Michigans und die Eltern verbringen dort mit den Kindern die Sommermonate.

Durch den Vater hat Ernest auch den Respekt vor der Natur erfahren. In der unberührten Natur entdeckt der neugierige  Junge das Gerinnsel einer Quelle, das Wachsen zu einem Bachlauf, der breiter und breiter wird und schließlich in einem Fluss mündet, der dem Meer zufließt. Der Jugendliche zeigt sich früh fasziniert vom Wasser, er bestaunt die selbstverständliche Beständigkeit dieses Kreislaufes von Flora und Faune, so als sei die Tier- und Pflanzenwelt von einer unsichtbaren Hand gelenkt, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

In der Natur spürt Ernest die Momente von Einkehr, er braucht eine solche innere Harmonie, denn dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich herum. „Hemingway hat Narben vom Kopf bis zur Spitze seines rechten Fußes“, sagt der Schriftsteller und Psychologe José María Gatti aus Buenos Aires. „Man kann sagen, dass die Geschichte seines Lebens auf seinem Körper aufgemalt ist.“

Man lese zur Einstimmung Ernest Hemingways zweites Buch In einem anderen Land, im Original heißt das Werk A Farewell to Arms. Schauen wir uns gleich einmal die ersten Zeilen an, wunderbar von Werner Schmitz ins Deutsche übertragen. Was auffällt: Im ersten Abschnitt werden wir gleich mit einer Vielzahl von Naturbildern bombardiert, obwohl es Hemingway so einfühlsam macht, dass wir es kaum wahrnehmen.

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Der Beginn seines Romans In einem anderen Land. Ernest Hemingway legt mit seinen Naturbildern die Melodie für sein Werk und sein Leben.

Ernest Hemingway und die Naturbilder. Was hat es damit auf sich? Es ist die Natur, die seinen Erzählungen einen Rahmen geben, das Handeln der Protagonisten spielt sich innerhalb dieser Begrenzung ab. Die uns umgebende Schöpfung – das Meer, die Seen, die Berge und die Wälder – folgt ihren eigenen unergründlichen Regeln. Die Natur ist mächtiger als alles, was sie umschließt, mächtiger als der Mensch ohnehin. Die Menschen kommen und gehen, die Natur jedoch bleibt.

Zum Kreislauf der Natur gehören nicht nur das Sprießen und Blühen, sondern ebenso das

Heinz Helfgen – Auf dem Fahrrad zu den Hemingways

Heinz Helfgen: Ich radle um die Welt – Der Klassiker der Radtourer-Literatur, Verlag Rad und Soziales, 2014

Vor 70 Jahren lässt ein deutscher Journalist eine Schnapsidee Wirklichkeit werden: Mit seinem Patria-Fahrrad plus Camping-Ausrüstung radelt der Mann um die Welt. Von September 1951 bis Herbst 1953 hat Heinz Helfgen mit seinem Drahtesel den halben Globus umrundet, von Osteuropa, Türkei, durch den Orient, Persien, Indien, Vietnam, Thailand, Japan, USA, bis nach Venezuela und Brasilien.

Die Leser in der Heimat, sechs Jahre nach Kriegsende, nehmen gebannt teil an der abenteuerlichen Exkursion, zweimal pro Woche erscheint eine Kolumne in der Frankfurter Boulevard-Zeitung Abendpost über die Erlebnisse des Heinz Helfgen in der Ferne. Es ist noch nicht die Zeit des Massentourismus, das Ausland liegt nicht um die Ecke, sondern weit weg, noch bestaunt man das Fremde und die Exotik von Übersee. Helfgen, ein Mann vom Jahrgang 1910, kommt auf insgesamt 157 Folgen in seiner Zeitung, ein Millionenpublikum hängt an seinen Zeilen, später kommt das Radio hinzu.

In Havanna erblickt der Radler den Schriftsteller Ernest Hemingway in dessen Stammkneipe El Floridita. Helfgen ist entzückt und notiert, der berühmte Autor sehe aus wie ein normannischer Fischer. Der Reporter aus dem Saarland stellt sich ihm vor, erzählt von seiner Weltumrundung, der bärtige Amerikaner findet Gefallen an dem kauzigen Typ. Nach zwei Daiquirís steckt Papa ihm einen Zettel zu, Ernest Hemingway Tel. 154 – Finca Vigía, San Francisco de Paula.

Zwei Tage später macht Heinz Helfgen sich mit seinem Fahrrad auf zum Landgut des US-Autors. Nach den undatierten Aufzeichnungen des Journalisten kann man seinen Besuch bei den Hemingways eingrenzen zwischen Anfang Mai 1953 (Helfgen erwähnt die Verleihung des Pulitzer-Preises, der Hemingway am 4. Mai verliehen wurde) und Mitte Juni 1953 (da ging es für die Hemingways für mehrere Monate nach Europa). 

Launig wird der Radpionier von Ernest Hemingway auf der Finca Vigía empfangen. Ritter Ernst von und zu Hemingstein, stellt der Amerikaner sich blödelnd auf Deutsch vor. Ehefrau Mary zeigt sich ein wenig reserviert. Nach einem langen feuchtfröhlichem Beisammensein am Nachmittag mit

Ernest Hemingway auf ‘The Blacklist/Die Schwarze Liste’

Das Kunstwerk The Blacklist/Die Schwarze Liste von Arnold Dreyblatt erinnert seit dem 6. Mai 2021 am Münchner Königsplatz an die Bücherverbrennung. Foto: W. Stock, Mai 2021.

Auf dem Königsplatz in München fanden am 6. und am 10. Mai 1933 öffentliche Bücherverbrennungen  statt. Unter dem Gejohle völkisch-nationalistischer Studenten wurden im Rahmen einer Bücherverbrennung in vielen deutschen Städten die Werke kritischer Autoren in die lodernden Flammen geworfen und die Namen der Verfemten laut verlesen. Die Bücherverbrennungen bildeten den Auftakt zur systematischen Entfernung unliebsamer Literatur aus Bibliotheken, Buchhandlungen und dem Literaturbetrieb.

Bücher wurden von den Nationalsozialisten nicht nur verboten, sondern eben auch verbrannt. Zuerst brannten Bücher, dann die Menschen. Es muss immer und immer wieder an dieses dunkle Kapitel deutschen Geistesleben erinnert werden. Auf dem Königsplatz in München findet sich dazu nun ein würdiges Mahnmal. Der Künstler Arnold Dreyblatt übernahm für seinen Entwurf die wohl umfangreichste und bekannteste Schwarze Liste.

Der Bibliothekar und Nationalsozialist Wolfgang Herrmann hatte sie im Frühjahr 1933 im eigenen Auftrag erstellt, als Anleitung zur Säuberung von öffentlichen Büchereien. Im Frühjahr 1933 wandte sich die Deutsche Studentenschaft an Herrmann mit der Bitte, seine Liste mit der Literatur wider den undeutschen Geist als Grundlage der Bücherverbrennung benutzen zu dürfen. 

The Blacklist/Die Schwarze Liste befindet sich zentral in der halbrunden Fläche vor der Treppe der Staatlichen Antikensammlungen mit etruskischer und römischer Kunst. Die begehbare Kreisform hat einen Durchmesser von acht Metern, die Textspirale aus circa 9.600 Buchstaben ist gut lesbar in die Bodenplatte eingelassen. Alle verbotenen Bücher fließen nahtlos ineinander.

“Diese Textfragmente kollidieren und aktualisieren für uns heute neue Bedeutungen in einer spiralförmigen Komposition, die auch an die Rauchsäulen in den historischen Abbildungen der Bücherverbrennungen von 1933 erinnert”, meint der geborene New Yorker Arnold Dreyblatt, der seit 2009 als Professor für Medienkunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel lehrt.

Als Textspirale, ohne Interpunktion, werden als fortlaufender Text 310 Buchtitel von verbotenen Autoren aufgelistet. Erich Maria Remarque, John Reed, Ludwig Renn, Gustav Regler, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Walther Rathenau – es ist nur der Buchstabe R, und nur eine Auswahl. Unter den 310 Büchern befindet sich auch: In einem anderen Land. Ein Roman von Ernest Hemingway, in Deutschland im Jahr 1930 verlegt.

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Ernest Hemingways In einem anderen Land auf der Schwarzen Liste. Die Nazis haben den Roman verstanden: gegen den Krieg und für die Liebe. Foto: W. Stock, Mai 2021.

In einem anderen Land – eine weitere Übersetzung lautet In einem andern Land – ist der zweite große Roman des US-Amerikaners, er erscheint 1929 bei Scribner’s in New York unter dem Titel A Farewell to Arms. In diesem Anti-Kriegsroman, der schon alle Eigenschaften einer großen Hemingway-Erzählung besitzt, lässt

Ein deutscher Chefredakteur entdeckt den unbekannten Ernest Hemingway

Der Schwerpunkt von Der Querschnitt liegt weniger beim turbulenten Zeitgeschehen und der althergebrachten Kultur, sondern bei avantgardistischer Kunst und den modernen Autoren. 

Im Berlin der Weimarer Republik erscheint seit 1921 eine kleinformatige Kulturzeitschrift mit dem merkwürdigen Namen Der Querschnitt. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre übernimmt der renommierte Verleger Hermann Ullstein mit seinem etablierten Propyläen Verlag das Magazin, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 10.000 Exemplare.

Chefredakteur und Herausgeber wird ab 1924 der Schriftsteller und Übersetzer Hermann von Wedderkop, der einen scharfen Blick besitzt für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil. Aus Paris kommend wird das Manuskript eines gänzlich unbekannten 25-jährigen US-Amerikaners veröffentlicht. In Heft 6, dem Sommerheft des Jahres 1925, schreibt ein Ernest Hemingway über Stierkampf. Im darauf folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung.

Die Kurzgeschichte mit gut 30 Seiten, von B. Bessmertny übersetzt, handelt von dem abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Der ehemals berühmte Matador erhält das Angebot, gegen ein Gnadenbrot einen letzten Stierkampf zu bestreiten. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird Manuel Garcia von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Krankenhaus gebracht. Der Matador kommt auf den Operationstisch. Den Ausgang der Geschichte lässt Hemingway offen.

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Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Psychoanalyse, aus Boxsport und Stadtgespräch, aus Dadaismus und künstlerischen Aktfotos.

Nach Der Querschnitt tritt Hemingways Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch Der Unbesiegte) seinen Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben. Der Name Ernest Hemingway beginnt zu leuchten.

Gerade in den Jahren 1924 und 1925, es sind Ernest Hemingways mühevolle Lehrjahre in Paris, taucht der Amerikaner aus Chicago wiederholt in den Spalten der Berliner Kulturzeitschrift auf. Zwar hat er in den Monaten zuvor in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, sie gehören Expat-Freunden von ihm, in einem großen Haus wie Ullstein ist allerdings noch nichts gedruckt worden. Auch in seiner Heimat

Ernest Hemingway heiratet Mary Welsh

Mary Welsh fährt gerne mit ihrem Ehemann Ernest Hemingway auf der Pilar hinaus in den Golfstrom vor Kuba.

Ernest Hemingway und Mary Welsh lernen sich während des Zweiten Weltkriegs in London kennen. Beide sind anderweitig verheiratet, doch sogleich spüren beide Seiten eine magische Anziehung. Die Journalistin, sie arbeitet für das Nachrichtenmagazin TIME in der englischen Hauptstadt, ist eine starke Frau, die überaus erfolgreich im Berufsleben steht. Andererseits gefällt der neun Jahre jüngeren Frau das Werben des berühmten Schriftstellers.

Auch Ernest ist von der selbstbewussten blonden Frau begeistert und wirft den Flirt-Turbo an. Es dauert nicht lange und er macht ihr einen Heiratsantrag. Mary denkt im ersten Augenblick, er sei betrunken. Das ist er tatsächlich, doch der bärtige Autor meint es ernst mit seiner Heiratsabsicht. Sie ziert sich noch ein wenig, die Eskapaden des Schriftstellers sind gemeinhin bekannt, doch schon bald ist von einer gemeinsamen Zukunft auf Kuba die Rede.

Nach Ende des Krieges besucht Mary Welsh ihren Schwarm auf seinem Anwesen in San Francisco de Paula, er hat ihr zuvor fast täglich feurige Liebesbriefe geschrieben. Sie kommt in eine für sie fremde Welt, es ist ihr erster Besuch auf der karibischen Insel, sie ist des Spanischen nicht mächtig. Doch die kecke US-Amerikanerin ist sogleich angetan von Ernests kubanischem Garten Eden und von dem lässigen Leben auf der Finca Vigía.

Nach wenigen Wochen auf Kuba ist sie bereit, ihren Beruf in London aufzugeben und zu Ernest Hemingway in das tropische Abenteuerambiente zu ziehen. „Es hat viele Vorteile“, erklärt sie Lucy Moorehead, einer Freundin, „einfach eine Ehefrau zu sein und nicht eine gehetzte Karrierefrau im Konkurrenzkampf.“

Im Sommer fliegt die 37-Jährige zu ihren Eltern nach Minnesota und leitet die Scheidung von Ehemann Noel Monks ein. Das Ehe-Aus von Ernest mit Martha Gellhorn wird

‘Papa’ geht so langsam das Benzin aus

Er ist erst Mitte fünfzig, sieht aber schon aus wie ein alter Mann.
Ernest Hemingway vor Cabo Blanco, im April 1956.

Foto: Modeste von Unruh

Das Schicksal hat ihm in der letzten Zeit arg mitgespielt. Zwei Jahre vor Cabo Blanco, das Jahr 1954, es ist der Einschnitt für ihn gewesen. Im Januar hat er die beiden Flugzeugunglücke in Afrika knapp überlebt, es hat nicht viel gefehlt. Sein Körper und die Geisteskraft haben schon vorher nach und nach abgebaut, doch die starken Verbrennungen, die schweren Kopfwunden und die zahlreichen inneren Verletzungen setzen ihm heftig zu.

So ganz sollte er sich von den Flugzeugunfällen nicht mehr erholen. Und am 10. Dezember erhält er in Stockholm den Nobelpreis für Literatur verliehen. Auch davon sollte Ernest Hemingway sich nicht mehr erholen. Der entkräftete Schriftsteller in seinem tropischen Inselidyll auf Kuba kann sich nicht aufraffen, über den Atlantik in den schwedischen Winter zu fliegen. Er sieht sich körperlich und mental nicht in der Lage, überhaupt zu verreisen. Die Unfallverletzungen aus Ostafrika schmerzen noch, er fühlt sich elend und ausgebrannt. Und große Lust auf den ganzen Rummel verspürt er eh nicht.

Die Verleihung in der schwedischen Hauptstadt findet ohne ihn statt. Der US-amerikanische Botschafter in Stockholm, John M. Cabot, verliest seine kurze Dankesrede. Das Schreiben, im günstigsten Fall, ist ein einsames Geschäft. Ein Schriftsteller schreibt sein Werk zurückgezogen, und wenn er gut genug ist, muss er sich jeden Tag der Ewigkeit stellen, oder der Ermangelung davon. Das Preisgeld von 36.000 Dollar wird auf sein Konto überwiesen und die Goldmedaille nach Kuba geschickt, wo sie ihm auf der Finca Vigía vom schwedischen Geschäftsträger überreicht wird.

Kurz nach Verkündung der Nobel-Ehre kreuzt das kubanische Fernsehen auf Finca Vigía auf. Der Reporter Juan Manuel Martínez, der sich etwas windig hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, fragt im gestelzten Duktus nach dem Befinden des Schriftstellers ob der guten Neuigkeit. Und Ernest Hemingway stimmt im Sender CMQ, in den 1950er Jahren eine große Radio- und TV-Station auf der Insel, einen Lobgesang auf sein Gastland Kuba an.

Der amerikanische Autor streut in seinem auf Spanisch gebrummelten Statement gar Begriffe aus dem kubanischen Spanisch ein, er sei ein cubano sato, sagt er, er sei ein kubanischer Straßenköter, eine Promenadenmischung aus USA und Kuba. Und Cojímar, wo sein Roman Der alte Mann und das Meer spielt, sei más o menos sein pueblo, sein Dorf, sein Volk, seine Heimat. Und so erweckt der US-amerikanische Schriftsteller den Eindruck, hier habe eigentlich ein Kubaner diesen Nobelpreis erhalten. Und dann sagt Ernest Hemingway es wortwörtlich: Soy el primer cubano que consigue un Premio Nobel, ich bin der erste Kubaner, der einen Nobelpreis erhält.

Die Gratulanten stehen Schlange auf seiner Farm und in den Kneipen von Havanna. Glückwunsch-Telefonate kommen aus aller Welt, Präsidenten, Schauspieler und Kollegen freuen sich mit. Das kleine Postamt von San Francisco de Paula versinkt unter einem Berg von Briefen, mehrmals am Tag kommt der alte Postbote Mancebo mit neuen Telegrammen auf die Finca Vigía. Den schönsten Glückwunsch schickt

Weitere Pressestimmen zu ‘Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru’

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Wolfgang Stock: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. BoD über amazon.de

“In den zahlreichen einzelnen Kapiteln seines Buches setzt Wolfgang Stock ein Mosaiksteinchen an das andere. Er beschreibt und analysiert, er deutet und interpretiert, und kommt am Ende seiner ausführlichen Betrachtung zu einem überraschenden Schluß, der ein völlig neues Bild auf die üblicherweise schillernde Persönlichkeit von Ernest Hemingway wirft.

Spannend ist diese beinahe investigative Erkundungsreise in die Reise von Ernest Hemingway nach Peru allemal. Sie ist zudem unterhaltsam verfasst, und gibt mit etlichem Fotomaterial ungewöhnliche Einblicke in die vielleicht entscheidendste und bedeutsamste Periode im Leben und literarischen Wirken von Ernest Hemingway. Und das obwohl gerade diese Reise nach Peru in allen Biografien so gut wie keine Rolle spielt.” Latízon TV

“In seinem Buch Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru schildert Wolfgang Stock den Aufenthalt des Nobelpreisträgers und seiner Frau Mary in dem peruanischen Fischerdorf Cabo Blanco. Weshalb Hemingway gerade hier einen Marlin fangen wollte, das hat der Journalist Stock herausgefunden, als er sich auf die Spuren des Nobelpreisträgers begeben hat. Neben Dokumenten hat er sogar noch Zeitzeugen gefunden, die sich noch an “Ernesto” erinnerten. Das Buch konstruiert das Leben eines gealterten Abenteurers mit all seinen Träumen und Hoffnungen.”
Blinker – Europas große Angelzeitschrift, Mai 2021

“Stock hat nicht irgendeinen Text veröffentlicht, sondern ein sehr tiefgründiges Buch, eine sehr lebendige Beschreibung dieser etwas mehr als 30 Tage des Ernest Hemingway in Peru.”
Oscar Sosa, in www.hemingwayoskar.com.ar

Ein Freund ist mehr als ein Vater

The ‚Papa Pack‘ in Peru: Kip Farrington, Elicio Argüelles II, Mary Welsh Hemingway, Ellis O. Briggs, ein Marlin von 900 Pfund, Ernest Hemingway, Louis Jennings, Cloyce J. Tippett. Cabo Blanco, im Mai 1956.

Eine schöne Truppe hat der Nobelpreisträger in Cabo Blanco um sich versammelt. Nicht dass er alle eingeladen hätte, gute Freunde erscheinen einfach, sie sind plötzlich da. Wie ein Magnet zieht der Schriftsteller abenteuerliche Menschen mit spannenden Biographien an. Menschen, die etwas erreicht haben außer nur dahin zu leben, Personen, die aus dem Rahmen fallen, die unabhängig sind, nicht auf den Geldbeutel bezogen, unabhängig vor allem in der Birne.

Ernest Hemingway umgibt sich gerne mit Freunden. Um in den inneren Zirkel seines Freundeskreises vorzudringen, sind mindestens drei Voraussetzungen zu erfüllen: Zunächst muss der Kandidat verdammt gut saufen können. Dann sollte er der Jagd auf lebende Tiere etwas abgewinnen können. Und drittens, einen vollbärtigen Schriftsteller aus Chicago ein klein wenig anzuhimmeln, auch dies mag nicht ganz verkehrt sein. Einen Menschen anhimmeln, ein schönes Bild, das ausgezeichnet passt.

Manchmal, wenn die Depression ihn in Ruhe lässt, fühlt er sich wie ein kleiner Gott. Er möchte bewundert werden, gleichwohl braucht er keine Lakaien oder Stiefellecker. Leute, die anderen in den Hintern kriechen oder Menschen, die es jedermann immer und überall recht machen wollen, all das verabscheut er. Ernest Hemingway mag Mannskerle mit Mumm und auf Augenhöhe, vom Interesse, von den Vorlieben, vom Temperament. Kurz gesagt: Er will richtige Freunde.

Viejo, weißt Du, was ein richtig guter Freund ist?, fragt der Nobelpreisträger am Morgen seinen Kapitän Gregorio Fuentes. „Sie und ich, wir sind Freunde“, antwortet der einfache kubanische Fischer dem Autor. Ernest Hemingway entgegnet ihm darauf: Viejo, ein Freund ist mehr als ein Vater und mehr als ein Bruder. Eine Freundschaft gründet auf gemeinschaftliches Erleben. Du und ich sind nun zwanzig Jahre gemeinsam an Bord der ‚Pilar‘. Woher kamen wir beide denn? Scheißegal, Viejo, eines Tages haben wir zusammen gefunden, Du mit deinem Leben, und ich mit meinem. Zwei Freunde, das ist wie zwei Leben, die zusammen finden.

In Cabo Blanco findet sich Kip Farrington an seiner Seite, ein ehemaliger New Yorker Börsenmakler. Der Mann hat von heute auf morgen seinen Beruf an den Nagel gehängt und eine Menge Geld in den Wind geblasen. Jetzt ist er glücklich, weil er an Küsten wie jener vor Nordperu große Fische fangen darf. Und ein Buch nach

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