Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

TV-Interview zu ‘Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru’

Latizón TV strahlt ein TV- Programm zu Lateinamerika auf Deutsch aus.

Ein Interview über 20-Minuten zum Buch Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Die aktuelle Ausstrahlung erfolgt täglich, später dann in der Mediathek unter der Rubrik Literatur und Film. Oder alles direkt zu finden auf Latizón TV.

Ernest Hemingway liebt Afrika

Ernest Hemingway mit einem Massai in Ostafrika, im Jahr 1953. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Der amerikanische Schriftsteller braucht die Zurückgezogenheit auf seiner Finca Vigía in San Francisco de Paula. Von seinem kubanischen Refugium aus bereist Ernest Hemingway die Welt. Es war lange Zeit ein schönes Leben, und es ist immer noch eine schöne Zeit, wenn man uns in Ruhe lässt. Wir werden immer hierher zurückkehren, wohin wir auch gehen mögen. Das hier ist unser Zuhause. Und du lässt dein Zuhause niemals im Stich, du kämpfst darum. Spanien und Afrika sind gute Länder, aber sie sind von Touristen überlaufen.

Der Autor aus Chicago fürchtet, dass auch sein Afrika von der Moderne überrollt wird. In Afrika findet er seine Welt wieder, ursprünglich, unverfälscht, fokussiert. Die Jagd nach den Antilopen und den Büffeltieren während der wochenlangen Safaris elektrisiert ihn. Warum habe ich so viele Tiere getötet, fragt der passionierte Jäger in Die grünen Hügel Afrikas, als er wiederum über das Sterben nachdenkt. Vielleicht war es nicht richtig, die Tiere zu töten. Aber wenn ich sie nicht getötet hätte, hätte ich mich wahrscheinlich selber getötet.

Im Jahr 1933 nehmen Hemingway und seine Ehefrau Pauline Pfeiffer an einer zehnwöchigen Safari in Ostafrika teil. Uncle Gus, der reiche Bruder von Paulines Vater, zückt sein Portemonnaie. Der US-Autor mit Wohnsitz Südflorida lässt sich von der afrikanischen Steppe inspirieren für seine neuen Buchprojekte, für Die grünen Hügel Afrikas, ebenso wie für seine beiden Kurzgeschichten Schnee auf dem Kilimandscharo und Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber.

Das Ehepaar besucht die Städte Mombasa, Nairobi und Machakos in Kenia, danach brechen Ernest und Pauline in der Serengeti und in den Tarangire-Nationalpark von Tansania auf, zur Jagd auf die Wildtiere. Ihr Guide in der endlosen Steppe wird der berühmte englische Wildschütz Philip Percival, der legendäre weiße Jäger, der schon den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt auf dessen Safari, im Jahr 1909, begleitet hat.

Die aufregende Zeit in Ostafrika wird von einer ernsthaften Erkrankung getrübt: Ernest Hemingway zieht sich

Ernest Hemingway hat sich viel vorgenommen

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This Fish was caught by Elicio Argüelles

Das ikonische Foto der Modeste von Unruh, ein Original aus dem Archiv der Fotografin: Elicio Argüelles II, der Marlin von 730 Pfund und Ernest Hemingway. Im Hintergrund rechts, die Ehefrau von Kip Farrington.
Cabo Blanco, am 27. April 1956.

In Cabo Blanco kommen die Kinder des Dorfes zur Pier gelaufen, um das Schauspiel zu beobachten. Und auch die Frauen aus dem Fishing Club haben sich neugierig zum Landungssteg aufgemacht, nachdem die roten Fähnchen auf der Miss Texas den kapitalen Fang angekündigt haben. Von einer einfachen Kranhütte aus Sperrholz wird eine Ladewinde per Hand gesteuert und der leblose Monsterfisch von der Miss Texas auf die Landungsbrücke herübergezogen. Ein Riesenfisch – ein schwarzer Marlin – ist zur Strecke gebracht worden.

Im Hafen von Cabo Blanco wird am späten Nachmittag dieses 27. April 1956 der erlegte Monstermarlin kopfüber mit einem festen Seemannstau an den Querhaken der Stahlwinde aufgeknüpft, die fünf Meter hoch in den azurblauen Himmel Perus ragt. Und nun baumelt der tote König des Meeres an einem verrosteten Spreizhaken regungslos über den Planken der abgenutzten Pier herunter. Der schwarze Marlin wird jetzt gewogen, Ernest und die Freunde schauen voller Erwartung auf die Hängewaage. Die Messingnadel schlägt bei 730 Pfund aus.

Der bisher beste Fang, nicht nur für die US-Amerikaner, seit Wochen ist kein Fisch eines solchen Gewichtes in Cabo Blanco und Umgebung gefangen worden. Auch für den Nobelpreisträger stellt dieser Riesenfang einen persönlichen Rekord dar, niemals zuvor hat er einen größeren Fisch aus dem Wasser gezogen. Nach all den erfolglosen Ausfahrten, nach den Fehlschlägen und Enttäuschungen, steht der Schriftsteller am zwölften Tag auf der Pier in Cabo Blanco endlich neben der begehrten Beute.

Der einheimische Maat Máximo Jacinto Fiestas bindet das Maul des Schwarzmarlins mit einer dünnen Kordel zusammen, die Knopfaugen des toten Tieres haben sich geweitet und stechen hervor. Das Auge des Fisches blickte so starr wie die Spiegel in einem Periskop oder wie ein Heiliger in einer Prozession. Der Monsterfisch hängt mit dem Kopf voran an der Seilwinde nach unten, mit seiner spitzen Lanze eine Hand breit über den Holzbohlen der Landungsbrücke. Auf der Mole ist ein Schienenpaar eingelassen, das eine flache Lore mit Gütern zwischen Hafenkai und den Anlegeplätzen der Boote hin und her transportiert.

Auf dem langen Landungssteg, der auf Holzpfählen über hundert Meter in den Pazifik hinein ragt, schießt Modeste von Unruh nun ein Foto nach dem anderen. Die Fotografin wählt für ihre Fotos meist die Land-Perspektive und stellt sich für ihre Aufnahmen mit dem Rücken zum Meer. Das untergehende Sonnenlicht sorgt dafür, dass der tote Marlin auf den Bildern kraftvoll und kontrastreich vor den grauen Wüstenhügeln Nordperus baumelt. Es ist ein milder Spätnachmittag in Cabo Blanco, die Sonne neigt sich im Westen, ein dünner Wolkenteppich taucht das satte Blau des Himmels über dem Pazifik in ein mattes Licht.

Die beiden Männer stellen sich – erschöpft und voller Stolz – in das Fotomotiv, der erlegte Monsterfisch wird in die Mitte genommen. Ernest Hemingway platziert sich links des Marlins und packt den toten Fisch bei der dünnen Bauchflosse. Und Elicio Argüelles bringt sich rechts neben den kapitalen Fang in Positur, eine Hand ruht fest auf der mächtigen Rückenflosse des Tieres. Die Frauen der Amerikaner, zahlreiche Einheimische und die vielen Kinder schauen dem Spektakel voller Staunen zu. Modeste von Unruh schießt mehrere Dutzend Fotos des erlegten Marlins mit dessen beiden Bezwingern.

Ein solches Siegerfoto besitzt eine lange Tradition in Cabo Blanco. Das Ritual läuft immer gleich ab: An der Seilwinde wird der tote Fisch an der Schwanzflosse emporgezogen, anschließend wird er gewogen und dann baumelt er, Schwert und Kopf voran, nach unten über der Landungsbrücke. Der leblose Körper des Fisches muss sodann für die Statistik herhalten. In weißer Farbe wird das Gewicht aufgepinselt, hierauf das Datum, dann der Fangort Cabo Blanco. Und zum guten Schluss werden die Schnappschüsse für die Nachwelt geschossen.

Ernest Hemingway ist froh, eine professionelle Fotografin in Cabo Blanco an seiner Seite zu wissen. In den Tagen der Fehlschläge hat es nichts zu reportieren gegeben, der gescheiterte Versuch gleicht für ihn einer Niederlage. Nach einem Erfolg allerdings sorgt er dafür, dass die Menschen auf dem Globus die richtigen Bilder aus seiner Macho-Sphäre zu Gesicht bekommen. Die Kultfigur, zu der er sich über die Jahre aufgebaut hat, ist nicht zuletzt all den ikonischen Darstellungen zu verdanken, die von Top-Fotografen aufgenommen worden sind…(Anfang von Kapitel 18 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Warum Ernest Hemingway auf Kuba heute so lebendig ist

Ein Gringo auf Kuba. Bis heute ist Ernest Hemingway in Havanna allgegenwärtig. Grafik: Filippo Imbrighi, Roma

Von 1939 bis 1960 hat Ernest Hemingway auf Kuba gelebt, auf der Finca Vigía in San Francisco de Paula, seinem privaten Paradies, wie er jedem Besucher zu sagen pflegt. Es ist ein glückliche Zeit gewesen, nach Paris wahrscheinlich die glücklichste in seinem Leben. Für seine letzten beiden Jahre ist der Nobelpreisträger dann in die USA zurückgekehrt, nach Ketchum, in die Berge Idahos, es hat vornehmlich medizinische Gründe. Ernest hat körperlich und mental abgebaut, das Ende naht, und Ehefrau Miss Mary will, dass er in den USA behandelt wird.

Nach seiner Selbsttötung im Juli 1961 gerät Ernest Hemingway auf Kuba mehr oder weniger in Vergessenheit. Die Insulaner kämpfen an anderen Fronten, russische Raketen, Söldnerinvasionen, Wirtschaftsembargo und Machtkämpfe innerhalb des Regimes. Das tagtägliche Ringen ums Überleben ist für die Kubaner eh beschwerlich genug. So verfällt über die Jahre die Finca Vigía, die Erinnerung an Don Ernesto verblasst.

Erst Mitte der 1980er Jahre rückt Ernest Hemingway auf Kuba wieder ins öffentliche Bewusstsein. Norberto Fuentes, zu diesem Zeitpunkt ein junger Schriftsteller mit Nähe zu den Castristen, publiziert eine detailgenau recherchierte Chronik der kubanische Jahre des US-amerikanischen Nobelpreisträgers. Sein Buch Hemingway en Cuba wird zum internationalen Bestseller.

Norberto Fuentes Fleißarbeit von über 700 Seiten markiert den Beginn einer Renaissance des Ernest Hemingways auf Kuba. Die Finca Vigía wird jahrelang renoviert und zum Museum ausgebaut. Ihr Inventar – Hunderte Manuskriptseiten, 9.000 Bücher, unzählige Fotos und Dokumente – wird mit Hilfe von US-Universitäten gründlich katalogisiert und digitalisiert. Wissenschaftliche Symposien werden regelmäßig in Havanna abgehalten. Zart werden Verbindungen zwischen kubanischen und US-amerikanischen Institutionen geknüpft.

Die Kultur – neben Ernest Hemingway übrigens auch die Musik, in Gestalt von Dizzy Gillespie über Chucho Valdés bis zu den alten Knaben des Buena Vista Social Clubs – sorgt dafür, was die Politik nicht hinbekommt. Eine neue Milde zieht auf im kalten Krieg zwischen den verfeindeten Nachbarn. Trotz Wirtschaftsboykott und Sanktionen lässt die Kultur in jenen Jahren des Ronald Reagan das Einfallstor für Verständigung und Zusammenarbeit nun einen Spalt weit offen.

Die kubanische Tourismusagentur spielt den Joker Hemingway. Ab jenen Jahren begegnet man dem US-Amerikaner an jeder Ecke in Havanna. Im El Floridita, im Ambos Mundos, in der Bodeguita del Medio, in San Francisco de Paula oder in Cojímar. Ein Hafen wird auf Kuba nach Ernest Hemingway benannt, auch ein Angelwettbewerb, Daiquirí-Drinks ohnehin. So putzmunter wie ab den 1990er Jahren ist Ernest Hemingway auf Kuba zu Lebzeiten nie gewesen.

Während der Nobelpreisträger friedlich auf dem Friedhof von Ketchum in den Rocky Mountains ruht, erkennt der schlaue Fidel Castro in Havanna, wie nützlich El Americano dem revolutionären Regime sein kann. Ab Mitte der 1980er Jahre hat Castro sein klammes Land behutsam dem devisenstarken Tourismus geöffnet. Ernest Hemingway dient dabei als Zugpferd, Spanien und Kanada investieren massiv in die touristische Infrastruktur der Insel. Der US-Nobelpreisträger wird sozusagen als eine vertrauensbildende Klammer benutzt bei dieser Öffnung gen Kapitalismus.

Zugleich will Fidel Castro mit der Verehrung Hemingways eine versteckte Botschaft an die USA und ihre verschreckten Bürger schicken. So schlimm, so die Intention des bärtigen Máximo Líder, kann unser Sozialismus doch nicht sein, wenn wir euren größten Schriftsteller so verehren. Und er – der große Hemingway – hat ja uns Kubaner ebenfalls gemocht.

Fidel Castros Kalkül geht voll auf: Nordamerikanische und europäische Touristen reisen in Scharen an und werden verzückt von dem Kommunismus unter tropischen Palmen, ein paar doppelte Daiquirís im El Floridita erledigen den Rest. Und flugs ist der große Ernest Hemingway auf Kuba mehr als ein Schriftsteller, der Gringo aus Chicago avanciert zur Person der Zeitgeschichte.

In den neoliberalen 1980er Jahren lässt sich historisch eine Zeitspanne ausmachen, in der Ernest Hemingway die vielleicht letzte sichtbare Brücke zwischen beiden ideologisch so verfeindeten Staaten gebildet hat. Der tote Nobelpreisträger ist aus diesem Grunde noch heute in Havanna überpräsent, diese Aufmerksamkeit ist politisch gewollt.

Es gibt allerdings noch einen anderen Grund, weshalb der bärtige US-Amerikaner auf der Insel so bewundert wird. Die Kubaner, insbesondere die normalen Menschen, sie mögen ihn einfach, ihren Don Ernesto. Die Fischer aus Cojímar, die kleinen Händler in der Altstadt, die Taxifahrer in Havanna, die Privatvermieter der Casas Particulares, sie alle verehren ihn wirklich, von Herzen, als einer der ihren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Latízón TV über ‘Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru’

Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

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Rote Wimpel vor Cabo Blanco

Modeste von Unruh mit Ernest Hemingway auf der ‚Miss Texas‘.
Cabo Blanco, am 27. April 1956.

Der Fotografin ist die Verärgerung anzumerken. Modeste von Unruh legt in Chaclacayo bei Lima die Ausgabe La Prensa vom 17. April 1956 aus der Hand. Zum wiederholten Male hat sie bei sich zu Hause Jorge Donayres Artikel über Ernest Hemingway und dessen Eintreffen in Cabo Blanco durchgelesen. Die Deutsche, die seit über einem Jahr in Peru lebt, empfindet die verunglimpfende Berichterstattung der Tageszeitung als massive Zumutung.

Alleine die abfällige Überschrift ärgert sie mächtig. Er ist ein bekennender Trinker, Sportfischer und Abenteurer, liest sie in fetten Lettern als Kopfzeile der Reportage auf Seite eins. Bekennender Trinker, es hört sich ähnlich an wie bekennender Katholik, so als wäre das Saufen eine Religion. Der Bericht in La Prensa, einer Zeitung, der in jenen Jahren fast stärkerer Einfluss zukommt als dem elitären El Comercio, stellt den US-Schriftsteller vor allem als Lebemann und Trunkenbold dar. Von Literatur ist nur am Rande die Rede, umso mehr von Whiskey und anderem Alkohol.

Zwei Tage später setzt La Prensa noch eins drauf. Asi es un Dia de Hemingway a las orillas de Cabo Blanco, wird ein Zweispalter von Jorge Donayre am 19. April überschrieben. So verläuft ein Tag von Ernest Hemingway an den Gestaden von Cabo Blanco. Und nicht weniger als fünfmal kommt in der knappen Abhandlung das Wort Whiskey vor. Aufstehen, Whiskey. Auf dem Boot, Whiskey. Beim Mittagessen, wiederum Whiskey – und so weiter. Auf 56 Zeilen fast ein halbes Dutzend Mal den Alkohol unterzubringen, auch dies ist eine Kunst.

Jorge Donayres boshaftes Portrait in der massentauglichen La Prensa passt so ganz zu der anti-amerikanischen Stimmung in Peru in jenen Tagen. Diese Art der Hassliebe gegenüber dem schwerreichen Bruder im Norden zieht sich durch die gesamte Geschichte des verarmten Andenlandes. Es ist ein hochgekochter Mix, angerührt aus Neid, Minderwertigkeitsgefühl und echtem Unmut.

Pobre México, tan lejos de Dios y tan cerca de Estados Unidos!, hat der mexikanische Präsident Porfirio Díaz vor über hundert Jahren wehmütig ausgerufen und sein Lamento macht sich der ganze Subkontinent zu eigen. Armes Mexiko, so weit entfernt von Gott und so nahe an den Vereinigten Staaten. Mit ihrem wirtschaftlichen und kulturellen Hegemonialanspruch machen sich die gringos aus dem Norden jedenfalls nicht besonders viele Freunde in Lateinamerika.

Mit Ernest Hemingway schlägt man allerdings den falschen Sack auf dem richtigen Esel. Wie auch immer, die junge Frau aus der Nähe von Lima beurteilt die Berichte aus Cabo Blanco als geringschätzig im Inhalt und wertet sie journalistisch als herbe Enttäuschung. Wie nur kann man derart respektlos und unfein mit diesem bedeutenden Schriftsteller umspringen? Ein Säufer, der den Nobelpreis bekommen hat, so liest Modeste von Unruh zwischen den Zeilen.

Ihr scheint all dies ein krudes Zerrbild, ein schiefer Eindruck, den La Prensa von Ernest Hemingway in den Zeitungsspalten zeichnet. Für Modeste von Unruh, sie ist im November 1927 geboren, ist dieser Autor ein ganz anderer. Die Novelle Der alte Mann und das Meer und das Bürgerkriegsepos Wem die Stunde schlägt stehen im Bücherschrank der jungen Frau. Sie hat diese Romane, wie auch andere Erzählungen von ihm gelesen und als packende und ungewöhnlich einfühlsame Literatur in Erinnerung.

Sie verspürt, wie diesem Ausnahme-Schriftsteller, aus welchen Gründen auch immer, hundsgemein mitgespielt wird. Ihr journalistischer Ehrgeiz wird durch die unfaire Darstellung geweckt… (Anfang von Kapitel 17 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Interview mit Holger Ehrsam über Ernest Hemingway in Peru

Miss Mary rackert wie eine Ziege

Mary Welsh, eine bezaubernde und selbstbewusste Mrs. Hemingway, in Cabo Blanco, Ende April 1956. Foto: Modeste von Unruh.

Die burschikose Mary Welsh in ihrem kurzärmeligen Hemd beeindruckt ihre Umgebung als kultivierte und patente Frau gleichermaßen. Die Ehepartnerin des Nobelpreisträgers weiß als Grande Dame mit betont guten Manieren zu überzeugen, gleichgültig an welchem Punkt dieses Erdballs. Die elegante Lady mit der kurzen Blondhaar-Frisur, die selbst in der Einöde von Cabo Blanco auf feinen Schmuck nicht verzichten mag, jedoch dezent getragen, wirkt bisweilen wie das glatte Gegenbild zu ihrem eher großkotzig auftretenden Ehemann.

Wenn Mary Welsh ihre Wayfarer-Sonnenbrille aufsetzt und sich auf der Terrasse des Cabo Blanco Fishing Clubs sonnt, dann steht die Ausstrahlung dieser aparten Frau in einem merkwürdigen Kontrast zu dem grauen und schroffen Landstrich Nordperus. Doch wenn man sie eine Weile beobachtet, fällt auf, wie wissbegierig und geradeheraus sich Mrs. Hemingway auf das Fremde einlässt.

Es ist vor allem Miss Mary zu verdanken, dass ihr Ehemann leidlich durch den Tag kommt, dass Ernest es mit dem Saufen nicht übertreibt und dass er zumindest ein wenig auf gesundes Essen achtet. Mary Welsh schützt ihren sprunghaften Gatten, auch wenn dieser es nicht so sehen wird, sie schirmt ihn ab vor den Widrigkeiten des Alltags und hauptsächlich schützt sie ihn vor sich selbst. Als Universaltalent beeindruckt sie den Schriftsteller immer wieder.

Miss Mary ist hartnäckig, verrät ein ausgelassener Ernest Hemingway freimütig in der US-Zeitschrift LOOK vom September 1956 über seine Ehefrau, sie ist darüber hinaus tapfer, charmant, witzig, es ist aufregend, sie anzusehen, ein Vergnügen mit ihr zu leben und sie ist eine gute Frau. Auch ist sie eine großartige Anglerin, ein anständiger Tonscheiben-Schütze, eine starke Schwimmerin, eine verdammt gute Köchin, sie hat viel Ahnung von Wein, ist eine exzellente Gärtnerin, eine Amateur-Astronomin, eine Studentin der Kunst, der Politik, des Suaheli, des Französischen und der italienischen Sprache. Und sie kann ein Boot auf Spanisch befehligen und einen Haushalt. Sie kann auch gut singen, mit einer klaren und reinen Stimme, sie kennt mehr Generäle, Admirale, Flugzeugmarschälle, Politiker und Berühmtheiten.

Die Lobeshymne mit der endlosen Aufzählung fällt denn doch ein wenig aus dem üblichen Stilduktus des Ernest Hemingway. Sei‘s drum, wenn er Gelegenheit findet, dann stimmt der Schriftsteller zumindest in der Öffentlichkeit das Hohelied auf seine Miss Mary an. Doch ganz so rosig sieht der Ehealltag hinter der Fassade nicht aus. Beide leiden. Ernest unter ihrer rigorosen Fuchtel und Mary unter seinen Alkoholexzessen und den unzähligen Seitensprüngen.

Drei turbulente Ehen hat Ernest Hemingway schon hinter sich. Das ist meine vierte und letzte Ehefrau, so stellt er die bezaubernde Blondine im Cabo Blanco Fishing Club vor. Der Nobelpreisträger lächelt dabei schelmisch und man darf raten, was er mit dem humorvollen Hinweis auf Mary als seine letzte Ehefrau denn meint. Ob er seiner Ehe eine lange Dauer gibt oder seinem Leben eine kurze.

Mary Welsh selbst findet rasch Gefallen an Cabo Blanco und an der harschen Gegend am peruanischen Pazifik. Sie bewegt sich selbstsicher auf dem ungewohnten Terrain und ist diejenige der amerikanischen Gäste, die am meisten mit den Einheimischen kommuniziert. Mrs. Hemingway interessiert sich für die regionalen Gepflogenheiten, für die Küche oder auch für die Geschichte ihres Gastlandes.

Dabei verreist Mary höchst ungern in die Ferne. Denn Ernest Hemingways Ehefrau leidet seit langem an…  (Anfang von Kapitel 16 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Ein Hemingway-Zwilling auf Facebook

Die launige Huldigung des Wayne Collins an Ernest Hemingway ist auf Facebook zu bestaunen.

Die Vergötterung des Ernest Hemingway nimmt nicht selten ausgelassene Züge an. Wer beispielsweise auf Facebook einen wachen Blick auf die Hemingway-Verehrung lenkt, der kommt aus dem Staunen und dem Amüsement nicht mehr heraus. Da findet sich zum Beispiel Wayne Collins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte Fotomotive des Nobelpreisträgers möglichst realistisch nachzustellen.

Ernest Hemingway in Afrika, der Schriftsteller in Spanien oder auf dem Meer vor Kuba, sein Zwilling aus heutiger Zeit folgt ihm, stellt ihm nach und stellt ihn nach. Ein wenig hilft, dass dieser Wayne Collins dem Schriftsteller-Genie aus Chicago in Statur und Antlitz nicht ganz unähnlich wirkt.

“Als wir vor ein paar Jahren auf Trip in der Karibik waren, und mit den Jahren, hatte ich einen grauen Bart, der länger und länger wurde”, erzählt Wayne Collins über seine Anfänge als Hemingway. “Am Strand meinte meine Tochter dann, ich sähe Ernest immer ähnlicher.” 

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Ernest Hemingway boxt in Afrika, Wayne Collins in seinem Garten.

Wayne, ein Mann aus North Carolina, ist Hemingway-Fan seit er denken kann. In Key West, Hemingways hometown in den 1930er Jahren, mischt er jedes Mal mit beim look-a-like contest, der seit 1981 jedes Jahr im Juli um die Kneipe Sloppy Joe’s herum veranstaltet wird.

“Wir haben da einen Wettbewerb, an dem ich und andere look-a-likes teilnehmen. Wir tummeln uns fröhlich auf der Bühne, kleiden uns wie er, reden über ihn, trinken wie er und veranstalten ein Bullenrennen durch Key West, mit falschen Stieren natürlich.” Sein Traum ist, diesen Wettbewerb zu gewinnen.

Noch ist Wayne bei der Gaudi im Sloppy Joe’s ein wannabe. Erst wenn man den Wettbewerb gewinnt, gilt man als Papa, wie der Kosename des Schriftstellers lautet. “Wir freuen uns jedes Jahr auf die Reise nach Key West. Mit dem Auto die Florida Keys hinabzufahren ist etwas, das man in seinem Leben einmal getan haben muss.” Ein bucket list item, das jeder auf seiner Lebensliste haben sollte.

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In ‘La Cónsula’, im andalusischen Churriana, steht der Nobelpreisträger am Schreibpult. Und Wayne kopiert Jahrzehnte später Habitus und Kleidungsstil.

Man schaut auf die Replik-Fotos des Wayne Collins mit Heiterkeit und Vergnügen. Das Augenzwinkern, das bei diesem skurrilen  Steckenpferd regiert, ist nicht zu übersehen. Und auch der Nicht-Aficionado beginnt zu ahnen, welch ein Gigant dieser Autor sein muss, wenn ihn 60 Jahre nach seinem Ableben Dutzende gestandener Mannskerle voller Enthusiasmus nachstellen.

Zudem begreift man, dass die Verehrung dieses Nobelpreisträgers weit über das Literarische der Romane und Erzählungen hinausgeht. Die Verneigung erfolgt nicht nur vor dem Autor, sondern zudem vor dem Menschen und seiner ausgeprägten Lebenszugewandtheit. “It is a really great time!”, Wayne Collins lächelt.

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