Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Ernest Hemingway auf dem Weg nach Cabo Blanco

Mr. und Mrs. Hemingway in aufgeräumter Stimmung; Es geht in die Ferne.
Miami international Airport, am 15. April 1956
. Foto: PanAm

Sanft umfasst die kräftige Hand des Nobelpreisträgers den zierlichen Oberarm seiner Ehefrau. Und Miss Mary schaut liebevoll auf zu ihm, während sie seine Krawatte zurecht zupft. Ernest trägt selten Schlips, höchstens bei offiziellen Anlässen oder auf Reisen. Der Schriftsteller hat seine blaue Krawatte mal wieder viel zu kurz gebunden, trostlos baumelt das gute Stück vor seinem karierten Tweed-Jackett.

Auch Mrs. Hemingway kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das Ehepaar Hemingway wirkt an diesem Abend wie aufgekratzt, die beiden zieht es von Neuem hinaus in die Welt. An diesem Sonntagabend legen Ernest Hemingway und seine Frau Mary Welsh einen Zwischenstopp auf dem Miami International Airport ein. Das Ehepaar ist aus Kuba, wo die Hemingways auf Finca Vigía, in der Nähe von Havanna, ihren Wohnsitz halten, herüber nach Florida geflogen.

Smiling Ernest Hemingway gets a final touch-up from his wife Mary, just before leaving Miami Sunday night for Talara, Peru wird die lokale Tageszeitung, der Miami Herald, unter das Foto schreiben, das den Schriftsteller in bester Laune zeigt. Ein lächelnder Ernest Hemingway erhält von seiner Frau Mary eine letzte Nachbesserung, kurz bevor sie Sonntagabend Miami verlassen, Richtung Talara in Peru.

Der hübsche Schnappschuss im Flughafen von Miami strahlt eine warmherzige Vertrautheit aus, vielleicht ist die Liebe des Ehepaares ja doch nicht ganz und gar aufgebraucht. Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren verheiratet und bislang sind keine unschönen Meldungen aus ihrem Ehealltag nach außen gedrungen, höchstens ein paar boshafte Gerüchte, doch wie sollte es anders sein, wenn ein Mann zum vierten Mal verheiratet ist.

Immer wenn es ans Meer geht, hellt sich die Gemütslage des Nobelpreisträgers auf. Der Kalender zeigt den 15. April des Jahres 1956. Aus dem Lautsprecher der Airport-Lounge tönt der Sänger Perry Como mit einem ungewohnt hämmernden Rhythmus, Oh! Jukebox Baby, my Jukebox Baby. Diese neuartige Musik, die mit dem ruppigen Beat des Rock ‚n‘ Roll gegen die alte Spießigkeit aufbegehrt, verkörpert ein neues Lebensgefühl, das Ernest Hemingway jedoch irgendwie fremd geblieben ist.

Auch im Kino hat James Dean vor einigen Monaten in dem Filmstreifen Rebel Without a Cause den Protest der Halbstarken gegen die biedere Welt der Eltern in das brave Amerika hinausgebrüllt. All dies ist an den Hemingways mehr oder weniger vorbei gegangen, weil sie zurückgezogen auf einer tropischen Farm im kubanischen Dorf San Francisco de Paula weitab von Gut und Böse leben.

Mr. und Mrs. Hemingway steigen

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Ernest Hemingways Vorwort zu Gustav Reglers ‚The Great Crusade‘

The Great Crusade wurde zuerst in den USA veröffentlicht, in der Übersetzung von Whittaker Chambers und Barrows Mussey.

Gustav Reglers beeindruckender Roman über den Spanischen Bürgerkrieg erscheint im Jahr 1940 im New Yorker Verlag Longmans, Green and Company. Der damals überzeugte Kommunist nennt seine Erzählung The Great Crusade. Der große Kreuzzug. Das Buch erhält einen Ritterschlag: Sein Freund Ernest Hemingway wird das Vorwort zu Das große Beispiel, so heißt das Original schließlich auf Deutsch, schreiben.

Im August 1939 bekommt Ernest Hemingway das dicke Manuskript von The Great Crusade auf seine Farm Finca Vigía bei Havanna übersandt. Der bärtige Amerikaner muss 4,32 Dollar Einfuhrgebühr bei der kubanischen Zollbehörde für die Sendung aus New York zahlen. Sogleich macht sich der prominente Autor in seiner tropischen Wahlheimat an die Lektüre des Textes.

Alsdann schreibt der damals schon weltbekannte Schriftsteller in aller Ausführlichkeit sein Vorwort. Es lohnt, diesen launigen Prolog ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Denn er zeigt einerseits die Haltung Ernest Hemingways zu diesem grausamen Bürgerkrieg auf, und er verrät andererseits auch einiges über den Charakter und über die Persönlichkeit des späteren Nobelpreisträgers.

In einem Krieg sollte man aber die Niederlage nicht zugeben – nicht einmal vor sich selbst, schreibt Ernest Hemingway zu Beginn seines fünfseitigen Vorwortes. Wer sie eingesteht, ist endgültig geschlagen. Das ist nicht weit von seinem Lebensmotto A man can be destroyed, but not defeated. Ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt. Er wird sein Credo von Tapferkeit und Resilienz in seinen Veröffentlichungen noch häufig in den verschiedensten Tonarten durchkomponieren.

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Eine vorbildlich editierte Ausgabe von Gustav Reglers Das große Beispiel auf Deutsch ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

In seinem Geleitwort erzählt der US-Amerikaner jene Begebenheiten über die Spanienkämpfer, die auch für seine Zeitungsreportagen aus dem Bürgerkrieg so typisch sind. Es gab keinen Mann unter ihnen, der nicht trotz der ständigen Todesgefahr Witze gerissen und zur Bekräftigung darauf gespuckt hätte. Wir hatten den Spucktest eingeführt, als ich mich einer Kindheitserfahrung erinnerte: Wenn man wirklich Angst hat, kann man nicht spucken. In Spanien fehlte mir sehr oft die Spucke, und war der Witz auch noch so gut.

Ernest Hemingway zeigt sich von The Great Crusade angetan. Vor allem lobt er die literarische Aufrichtigkeit des deutschen Autors. Es gibt Ereignisse, die so  groß sind, dass ein Schriftsteller, der sie miterlebt hat, moralisch verpflichtet ist, sie so wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten, ohne sich anzumaßen, sie durch Erfindungen zu verändern. Diese Redlichkeit zeichne Gustav Reglers Buch aus. Es kommt selten vor, dass Hemingway einen Maßstab, den er an das eigene Werk anlegt, auch bei einem Kollegen als erfüllt ansieht.

Das Vorwort zu Das große Beispiel spart einen heiklen Punkt nicht aus: das

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Ernest Hemingway und Gustav Regler

Ernest Hemingway mit dem Schriftsteller Gustav Regler (rechts) und dem russischen Autor Ilja Ehrenburg (links) Anfang April 1937 an der Front bei Guadalajara. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Im Spanischen Bürgerkrieg freundet sich Ernest Hemingway mit dem deutschen Schriftsteller Gustav Regler an. Der Sohn eines Buchhändlers aus dem saarländischen Merzig, ein Mann vom Jahrgang 1898 und damit ein Jahr älter als der Amerikaner, ist als Politkommissar der XII. Internationalen Brigade zugeteilt. Sympathisch und klug charakterisiert Gustav Regler den berühmten Kollegen aus Übersee nach einem Zusammentreffen an der Guadalajara-Front im April 1937: „Genauso verachtete er [Ernest Hemingway] Literaten und Intellektuelle, es haftete das Parfüm der Feigheit an ihnen; Mut aber war der Maßstab, den Hemingway zuerst an den Menschen anlegte.“

Als im Juni 1937 bei Huesca eine Granate der Franquisten das Auto trifft, in dem auch Gustav Regler sitzt, wird der deutsche Spanienkämpfer schwer verwundet. Nach langer Rekonvaleszenz, als Soldat fortan untauglich, schickt die spanische Regierung den mehrsprachigen Regler in die USA, um für das republikanische Sanitätswesen in Spanien Spenden zu sammeln. Regler, er trifft auch Albert Einstein, gelingt es, eine ansehnliche Summe zusammenzutragen.

Am 7. Februar 1938 kommen Gustav Regler und seine Ehefrau Marieluise Vogeler dann nach Key West. Ernest und Pauline Hemingway empfangen die Reglers mit offenen Armen in ihrem herrschaftlichen Haus. Der Deutsche wird überwältigt von der Wohlhabenheit der Hemingways. Er staunt nicht schlecht über das üppige Anwesen mit Swimmingpool und über den Diener, der zu den Mahlzeiten die Speisen aufträgt. Sein Bild eines Schriftstellers ist bisher ein ganz anderes gewesen, das eines armen Schluckers und Überlebenskünstlers. 

Das deutsche Ehepaar wohnt für einige Wochen im Gästetrakt des Hemingway-Hauses an der Whitehead Street. Gustav Regler reist auf einem spanischen Diplomatenpass, für Marieluise Vogeler hat Hemingway persönlich bei den US-Behörden gebürgt und ihre Reisekosten bezahlt. Der Ortswechsel vom Elend des Bürgerkrieges in den vergnüglichen Alltag Amerikas wirkt wie ein Schock. „Wir waren ohne Geld. Ohne Freund. (Hemingway war da, ein Fels, eine Treue, aber gerade der eine Fels zeigte die Wüste um uns her noch deutlicher.)“, schreibt Regler über den USA-Besuch.

Zurück in Europa wird Gustav Regler bei Kriegsausbruch 1939 in Frankreich im Pyrenäenlager Le Vernet interniert. Ernest Hemingway und andere Freunde lassen ihre Beziehungen spielen. In Paris, an Weihnachten 1939, setzt sich Martha Gellhorn, Ernest Hemingways neue Flamme, persönlich bei den Behörden für Regler ein. Nach seiner Freilassung im März 1940 nehmen Gustav Regler und seine Frau dann ein Schiff nach New York.

Ihr endgültiges Exil finden Gustav Regler und Marieluise Vogeler dann in Mexiko, zunächst in Ajusco, südlich der Hauptstadt, später in Coyoacán, einem pittoresken Vorort vom Mexiko-Stadt. Mit Verkäufen von Mieke Vogelers Bildern, sie ist die Tochter des Worpswedener Malers Heinrich Vogeler, hält das Ehepaar sich über Wasser. Über die Jahre, desillusioniert von seinen Jugendidealen, setzt sich Regler auch öffentlich von der kommunistischen Bewegung ab. Unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes bricht er Anfang der 1940er Jahre endgültig mit der Kommunistischen Partei. Üble Nachreden und bösartige Schmähungen durch ehemalige Gesinnungsgenossen folgen stehenden Fusses.

Die Pleite im Spanischen Bürgerkrieg lastet schwer auf Hemingways Gemüt. Gustav Regler berichtet von einer verstörenden Begegnung. Der berühmte Kollege ist im Frühjahr 1942 zu Besuch bei den Reglers in Mexiko, man verlässt gerade den Tampico-Club, da drückt der Amerikaner unvermittelt seinen Freund

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Ernest Hemingway lässt nichts anbrennen

Ernest Hemingway fühlt sich wohl in weiblicher Gesellschaft.
Havanna, Kuba, im Jahr 1954

Der Mann hat einen Schlag bei den Frauen. Neben dem Schreiben und den hohen Prozenten beherrscht die Faszination für das weibliche Geschlecht den Alltag des Ernest Hemingway. The Sun Also Rises wird er im Jahr 1926 sein Erstlingswerk nennen, so lautet eigentlich ein hehres Bibelzitat, aber wenn er auf den Buchtitel zu sprechen kommt, fügt er oft an, like my cock. Nicht nur die Sonne steht hoch bei Ernest Hemingway.

Als Mann lässt er so schnell nichts anbrennen. Gerade auf Kuba setzt er sich immer wieder mit seiner Körperlichkeit angriffslustig in Szene. Hinter der aktionistischen Oberfläche fällt er als Mann auf, der auch emotional nach Liebe sucht. Jedoch er selbst versagt auf ganzer Linie in einem Ehebund, oder in der festen Partnerschaft mit einer Frau, nicht nur einmal, sondern ständig. Vier Ehen und drei Scheidungen bilden da nur die Spitze des Eisbergs ab.

Mit der ehelichen Treue hält er es, weshalb auch immer, zeitlebens locker bis oberlocker. Alle vier Ehefrauen betrügt er ohne schlechtes Gewissen nach Strich und Faden. Ehefrauen, Freundinnen, Gespielinnen, sein Durst auf Liebesabenteuer kennt keine Grenzen, der Frauenverschleiß dieses Nobelpreisträgers für Literatur ist enorm. Ernest Hemingway scheint als Liebhaber mindestens genauso erfolgreich wie als Literat.

Es gibt Tage auf Kuba, da ist er vormittags auf der Finca Vigía mit seiner Ehefrau Mary zusammen, dann nachmittags in Havanna mit der festen Geliebten Leopoldina und hernach kann am Abend noch eine Zufallsnummer dazu kommen. Drei Frauen, bei anderen reicht es fürs ganze Leben, Ernest Hemingway braucht

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Der schönste Hemingway-Satz: Spanien

Es war seltsam, wieder nach Spanien zu kommen. Ich hatte nie erwartet, in das Land zurückkehren zu dürfen, das ich außer meine Heimat mehr als jedes andere liebe, und ich wollte nicht zurückkehren, solange dort noch einer von meinen Freunden in Haft war.
Ernest Hemingway

Die Orient Bar – ein Hauch von Konstantinopel in Istanbul

Wo westliche Gaumenfreude und orientalische Gastfreundschaft aufeinander treffen. Die Orient Bar in Istanbul. Foto: W. Stock, Februar 2020

Als Reporter des Toronto Daily Star kommt der Amerikaner Ernest Hemingway Ende September 1922 von Paris nach Istanbul, das damals noch Konstantinopel heißt. Er soll für seine Zeitung Artikel über die Friedensverhandlungen zwischen Türken und Griechen schreiben. Mit den Friedensverhandlungen läuft es gut, mit dem Schreiben weniger.

Hemingway ist krank, die Malaria hat ihn angefallen, und er fühlt sich mies, Trost bereit ihm wie immer Hochprozentiges. In Konstantinopel kommt er mit dem Absinth in Berührung, einer Alkoholrakete aus Wermut, Anis und Fenchel, mit einer Flughöhe von bis zu 85 Prozent Volumenprozent. Sein Stammplatz wird, natürlich, die Orient Bar im Erdgeschoss des Pera Palace Hotels.

Den Absinth findet man nicht mehr auf der Getränkekarte, dafür reichlich jene modischen Mix-Drinks mit trendigen Bezeichnungen wie South Pole, White Lotus oder Lemon Drop. Vodka, Gin, Rum, Tequila – in hundert Jahren hat sich nicht viel daran geändert, was einen Mann wie Ernest Hemingway glücklich machen kann. Die Orient Bar hat angenehmerweise etwas von Wohnzimmer-Atmosphäre, sie fällt ein wenig plüschig aus, geradezu familiär, und diese Tradition hat sicherlich nicht nur der Bar gutgetan. 

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Die Theke der Orient Bar in Istanbul. Hier werden Geschäfte gemacht und Politikerkarrieren ausgeklüngelt. Und Schriftsteller lassen sich inspirieren. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Konstantinopel, diese Metropole zwischen Europa und Asien, hat schon immer zwischen Tradition und Modernität gekippelt, und selbst heute weiß sie nicht so recht, wohin. Der alte Geist von Konstantinopel weht noch lau durch die Orient Bar, dessen geistiges Augen viel vom Zerfall und Aufbruch der Nation gesehen hat. Konstantinopels Stadtteil Pera, heute Beyoğlu genannt, wird nach dem Ersten Weltkrieg zum Schmelztiegel der Glücksritter aus aller Welt.

Rumänen, Armenier, Griechen und Levantiner zieht es magisch hierher. Ebenso wie italienische, britische, französische und amerikanische Soldaten, die nach der Besetzung im Jahr 1918 durch die Straßen der Altstadt patrouillieren und die im flüchtigen Amüsement doch nur den grausamen Krieg vergessen wollen.

Wohlhabende Russen, die vor der Oktoberrevolution geflohen sind, hoffen in Konstantinopel auf eine neue Chance. Streuner, Heimatlose, Kriegsgewinnler, Spione, Lebemänner und gefallene Seelen – alle kommen mit Hoffnung und Absichten in diese lebhafte Kapitale am Bosporus.

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Zur Tea Time spielt der famose 93-jährige Ilham Gencer jeden Nachmittag Jazzballaden in der angrenzenden Lounge. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Mit all den Neubürgern erreichen auch der Jazz und der Tango, der Jugendstil und die Lebenslust der Roaring Twenties diese putzmuntere Metropole an der Grenzlinie von Orient und Okzident. Alles potenziert sich, wenn man denn will, mit Opium und Kokain, das in jenen Jahren in den Rauschgifthöhlen der Stadt serviert wird, als sei es ein harmloses Brausepülverchen.

Man soll nicht denken, Jazz und ähnlich lasterhafte Eskapaden des Westen fänden nicht ihre Anhänger in der Türkei. Einen Raum weiter spielt der 93-jährige Ilham Gencer jeden Nachmittag von 15 bis 18 Uhr wunderbare amerikanische Jazzballaden zur Tea Time. Ein Privileg Istanbuls kann sein, westliche Lebensfreude mit orientalischer Gastfreundschaft zusammenzuführen.

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Ernest Hemingway an der Wand der Orient Bar. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Die Lebenslust ist groß im Konstantinopel jener Zeit, die Nacht wird zum Tag gemacht. Das Nachtleben stellt in den 1920er Jahren jenes von Berlin oder Paris locker in den Schatten. Dies ist auch Ernest Hemingway in seinen Depeschen nicht entgangen. Hier hat niemand den Anspruch, sich vor neun Uhr abends an die üblichen Gepflogenheiten zu halten. Die Theater öffnen um zehn, die Nachtclubs öffnen um zwei, die verruchten Nachtclubs um vier.

Die Orient Bar öffnet um 18 Uhr. So mancher Schriftsteller hat versucht, sich hier seine Stimulanzien zu holen, in welcher Form auch immer. Ian Fleming, der Vater von James Bond, ist hier gewesen, Agatha Christie hat an dieser Stelle den Mord im Orient-Express geplant und der Franzose Pierre Loti tüftelt an seinen exotischen Reise-Stories. Der aller berühmteste Gast ist ein

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In Konstantinopel entfernt sich Ernest Hemingway vom Journalismus

Ernest Hemingway tut sich schwer mit der ihm fremden Welt des Orients. Eingang zur Eyüp-Sultan-Moschee in Istanbul. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Es ist Herbst 1922, Ernest Hemingway gefällt sich als ein Reporter mit Haut und Haaren, neugierig und abenteuerlustig. Doch sein Aufenthalt in Konstantinopel wird seine beruflichen Prioritäten gehörig durcheinander wirbeln. Seine Depeschen für den Toronto Daily Star über den griechisch-türkischen Krieg tragen maßgeblich dazu bei, dass er sich dem Journalismus entfremdet und der Schriftstellerei nähert.

Er möchte in der Welt umherreisen und darüber schreiben, so hat es der 17-jährige Ernest Hemingway in der Chronik seiner Schule verlauten lassen. Und der Dickkopf aus Oak Park setzt seinen Wunsch durch. Er hatte gesehen, wie die Welt sich veränderte; nicht nur die großen Ereignisse; obwohl er viele davon miterlebt und die Menschen beobachtet hatte, aber er hatte die feineren Veränderungen gesehen, erinnert er sich 1936 in seiner Kurzgeschichte Schnee auf dem Kilimandscharo und zieht für sich das Resümee. Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Pflicht, darüber zu schreiben.

Seine Pflicht? Dies hört sich schon weniger nach einer Berufung an, eher nach einem Muss an, im Zweifel nach einer lästigen Verpflichtung, jedenfalls fehlt irgendwie die Lockerheit, die diesen kraftvollen Mann so auszeichnet. Dabei vermag Ernest Hemingway wunderbar zu schreiben, so packend, so kurzweilig, so anschaulich. Und so lässig.

In seinem Artikel Hamid Bey für The Toronto Daily Star, der am 9. Oktober 1922 veröffentlicht wird, reportiert Ernest Hemingway launig aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul: Bismarck meinte, alle Männer, die im Balkan ihre Hemden in die Hose stecken, sind Ganoven. Die Hemden der Landarbeiter, natürlich, hängen heraus. Die hohen Funktionäre der Kemal-Bewegung, denen der Amerikaner begegnet, tragen, wenig überraschend, das Hemd in ihre feine Anzugshose gesteckt.

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Neben anderen illustren Gästen ziert Ernest Hemingways Portrait die Wand des Restaurant Agatha im Pera Palace Hotel von Istanbul. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Ernest Hemingway ist blutjung, ein Bursche ohne Hochschulstudium und fern der Familie, als er mit 23 Jahren in die ihm unbekannte Welt des Orients geschmissen wird. Er kommt aus der behüteten Oberschicht des Mittelwestens bei Chicago und findet sich mit einem Mal in der wild umher schlingernden Exotik Konstantinopels wieder. Dieser quirlige Alltag, ebenso wie die osmanische Kultur, erst recht dieser brutale Krieg müssen dem Europa-Korrespondenten des Toronto Daily Star mehr als sperrig vorkommen. Ob im Journalismus wirklich seine Passion liegt?

Der Krieg zwischen Türken und Griechen, der von 1919 bis 1922 gedauert hat, ist nun vorüber, die Friedensgespräche beginnen. In seinen Artikeln für die kanadische Tageszeitung offenbart Ernest Hemingway mehr seine persönlichen Eindrücke über die Sitten und Gebräuche des Orients, es fehlt fast vollständig die politische Analyse. Wenn er mal über Politik schreibt, dann geht er nicht in die Tiefe, er beschreibt die Oberfläche und begnügt sich damit, diese in sein humanistisches Weltbild einzuordnen. Aus Unsicherheit jedoch traut er sich nur ins flache Wasser.

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In Konstantinopel vollzieht sich der Wandel vom Journalisten zum Schriftsteller. Das Portrait Ernest Hemingways im Schlafzimmer der Suite 220 des Pera Palace. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Die drei Wochen seiner Türkei-Reise legen die Stärken und Schwächen dieses amerikanischen Auslandskorrespondenten schonungslos offen. Er ist ein bärenstarker Abenteurer, einer, der bereit ist, dorthin zu gehen, wo der Pulverdampf schwelt. Vor allem kommt in den Artikeln sein großes Talent zur Geltung: Ernest besitzt ein waches Auge, er vermag schnell und präzise zu beobachten. Und – es ist eine Gottesgabe – er kann einzigartig formulieren.

Wenn es allerdings darum geht, historische Begebenheiten und aktuelle Ereignisse zu durchdringen und einzuordnen, dann kommt Ernest Hemingway schnell an seine Grenzen. Diese analytischen Mängel stehen in krassem Gegensatz zu seiner begnadeten Schreibe. Wahrscheinlich hat er diese Schwachstelle selber bemerkt.

Prompt liegt der Amerikaner in seiner politischen Beurteilung oft daneben. Die Depeschen aus Konstantinopel aus dem Oktober 1922 machen dies deutlich. So kanzelt er

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Ernest Hemingway – leer und elend in Istanbul

Das Grand Hôtel de Londres an der Asmalı Mescit hat die besseren Tage Konstantinopels miterlebt. Heute erinnert in dem Hotel nichts mehr an den Gast Ernest Hemingway. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Am 29. September 1922 kommt Ernest Hemingway nach Istanbul, nach Konstantinopel, wie die türkische Metropole damals hieß, er soll für den Toronto Daily Star über die Friedensgespräche nach dem griechisch-türkischen Krieg schreiben. John Bone, der Chefredakteur des Star, hat seinen Paris-Korrespondenten an die Schnittstelle zwischen Orient und Okzident geschickt, weil in der Türkei die westliche Einflusssphäre verschoben wird.

Der 23-jährige Hemingway kommt mit dem Simplon-Orient-Express vom Pariser Gare de Lyon über das bulgarische Sofia nach Konstantinopel. Neben dem Toronto Star verdient sich Ernest etwas dazu, indem er unter Pseudonym die Hearst INS-Nachrichtenagentur von Frank Mason beliefert. Als John Hadley bessert er so mit Nachrichten für den amerikanischen International News Service sein spärliches Korrespondenten-Honorar auf.

Nach der Ankunft in der Türkei gerät Ernest Hemingway alsbald in Zwiespalt. Constantinople is noisy, hot, hilly, dirty, and beautiful. Die Stadt sei laut, heiß, hügelig, verschmutzt und wunderschön. Ankara ist wie eine Ehefrau, sagen die Einheimischen, Istanbul wie eine Geliebte. Kleine Cafés, winzige Läden, vor den Geschäften sitzen die Männer auf Holzkisten, rauchen viel und reden noch mehr, an den Zeitungskiosken wird lautstark die politische Lage diskutiert.

Zuerst steigt Ernest Hemingway im Grand Hôtel de Londres im europäischen Stadtteil Pera ab, fünf Tage später siedelt er in das Hôtel Montreal über. Mehrmals wird er die Unterkunft wechseln, der Mann aus Chicago ist nicht zufrieden mit dem Standard im alten Konstantinopel. Die Mücken beißen ihn, die Bettflöhe stechen, die Wanzen piesacken.

Kurz nach seiner Ankunft erkrankt Ernest Hemingway schwer. Mit hohem Fieber lässt er sich zur britischen Klinik fahren, in der er als Notfall behandelt wird. Eine Malaria wird von den Ärzten diagnostiziert, er bekommt Chinin und Aspirin. Der Journalist lässt sich bei einem türkischen Barbier die Haare vom Schädel rasieren, um den Läusen beizukommen. Seine Krankheit hält ihn nicht davon ab, die Stadt unsicher zu machen, auch bei den Bordellen im Galata-Viertel schaut er rein. Seine Artikel für den Toronto Star bilden keine große Herausforderung für ihn, er speist sie überwiegend aus den westlichen Quellen vor Ort.

Doch irgendwie erscheint Ernest Hemingway verloren in dieser ihm unbekannten Welt. Er ist kein Kind von Traurigkeit, er in Konstantinopel, die Ehefrau Hadley in Paris. Und an diesem Abend, als er sich vor Sehnsucht nach ihr innerlich ganz leer und elend fühlte, ging er am Maxim vorbei, las ein Mädchen auf und lud sie zum Essen ein. Hinterher nahm er sie in ein Tanzlokal mit, aber sie tanzte schlecht, und er tauschte sie gegen eine scharfe armenische Nutte, die ihren Bauch so heftig an ihm rieb, dass sie ihn beinahe versengte. 

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Im Pera Palace Hotel, dem ersten Haus am Platz, findet Ernest Hemingway im Oktober 1922 schließlich eine angemessene Unterkunft. Foto: W. Stock, Februar 1922.

Ernest Hemingway spricht in seinen Artikeln offen über seine Befindlichkeit und auch über seine Gefühle, einerlei ob er sich selbst damit in ein schlechtes Licht stellt. Diese Subjektivität ist neu im Journalismus jener Tage und auch bei den Buchautoren. Wenn man seine Zeilen richtig deutet, so merkt man, er fühlt sich einsam und alleine, trotz der quirligen Welt da draußen.

Sein erster Artikel lautet

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Ernest Hemingway über den griechisch-türkischen Krieg

Der Befreiungskrieg und die Gründung der Republik haben sich tief in das Bewusstsein der Nation gebrannt. Im Jahr 1928 wurde Cumhuriyet Anıtı, das Denkmal der Republik, auf dem Taksim-Platz errichtet. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Von Ende September bis Mitte Oktober 1922 weilt Ernest Hemingway in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Er bleibt lange in seinem Hotelzimmer, denn er ist an Malaria erkrankt, und er nimmt nur wenige Pressetermine wahr. Der amerikanische Korrespondent für den Toronto Daily Star schreibt in der Metropole am Bosporus zudem wenig. Zwei Artikel in den ersten zehn Tagen, das ist schwach für Ernest Hemingway. All die Widrigkeiten in der Grenzlage zwischen Morgen- und Abendland werden zu einer unerwarteten Herausforderung für den Amerikaner.

Später, als er in Ostthrakien, dem europäischen Teil der Türkei, umherreist, wird er zu altem Fleiß zurückfinden. Das war der Tag, an dem er zum ersten Mal tote Männer in weißen Ballettröckchen und mit Pompons geschmückten Schnabelschuhen gesehen hatte. Die Türken waren pausenlos in kleinen Haufen vorgerückt, und er hatte die berockten Männer laufen und die Offiziere in sie hinein feuern und sie dann selbst davonlaufen sehen, und er und der britische Beobachter waren auch gelaufen, bis seine Lungen schmerzten und er einen Geschmack im Mund hatte wie von Kupfermünzen, und als sie sich hinter ein paar Felsen ausruhen wollten, rückten die Türken immer noch weiter in kleinen Haufen nach. 

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Die Verehrung für Kemal Atatürk, den Gründungsvater der modernen Türkei, ist allerorten groß. Portraits von ihm lassen sich an jeder Straßenecke finden. Jedoch Ernest Hemingway liegt mit seinem Urteil falsch. Foto: W. Stock, Februar 2020

Mustafa Kemal, dem Oberbefehlshaber der türkischen Befreiungstruppen, ist es im August 1922 in der Schlacht bei Dumlupinar gelungen, die griechischen Truppen in die Flucht zu schlagen. Am 11. Oktober schließen Türken und Griechen einen Waffenstillstand. Griechenland, das auf der Seite der Entente gegen das Osmanische Reich gekämpft hat, muss die besetzen Teile Kleinasiens und das europäische Gebiet der Türkei räumen, inklusive der Hauptstadt Konstantinopel.

Ernest Hemingway bekommt keinen Zugang zu diesem Konflikt. Er sieht ihn aus seiner westlichen, christlichen und griechenfreundlichen Perspektive. Dass eine Reform der osmanischen Tradition eingeläutet werden wird, dafür fehlen dem Amerikaner die Antennen. Seine Reportagen sind deshalb mehr als ein Faszinosum aus einer fremdartigen Welt angelegt, die Distanz und manchmal auch die Sprachlosigkeit bleiben spürbar. So schnell sich beispielsweise Spanien ihm erschließt, so unvertraut bleibt ihm der Orient.

Nur schwer findet der Korrespondent sich zurecht in diesem unübersichtlichen Durcheinander. Sein Ausblick bleibt pessimistisch. Ein Mitglied der anatolischen Regierung sagt mir, Konstantinopel werde so dröge sein wie die asiatische Türkei, wo Alkohol nicht importiert werden darf, hergestellt oder verkauft werden darf. Kemal hat auch das Kartenspiel verboten und das Backgammon und die Cafés in Bursa sind um acht Uhr abends dunkel. Diese Hingabe zu den Gesetzen des Propheten hält Kemal nicht davon ab, ihn persönlich wie seine Mitarbeiter, ihren Alkohol so zu mögen wie ein Amerikaner.

Mustafa Kemal Pascha, der später Kemal Atatürk genannt wird, wird zum Begründer der Republik Türkei, zu deren ersten Präsidenten von 1923 bis 1938 und zum Architekten einer modernen westlich orientierten säkularen Gesellschaft. Der Korrespondent Ernest Hemingway wird vollkommen schief liegen mit seiner Einschätzung dieses türkischen Politikers.

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Das Zimmer 101 des Pera Palace, in dem Kemal Atatürk gewohnt hat, ist heute ein Museum. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Fünfzehn Tage wird der griechischen Bevölkerung eingeräumt, Ostthrakien zu verlassen. Die griechischen Truppen zerstören auf ihrem Rückzug zahlreiche türkische Städte und Dörfer. Es kommt zu Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und zu Massakern auf beiden Seiten. Zehntausende von Griechen verlassen Ostthrakien, Tausende sterben auf der Flucht. Das Griechentum in Kleinasien mit einer über 2.500 Jahre alten Tradition wird beendet, ebenso wie das Osmanische Reich nun Geschichte ist.

Wegen seiner Krankheit fährt Hemingway nicht nach Mudanya am Marmarameer, in jene Stadt, in der das Waffenstillstands-Abkommen beschlossen wird. Er besucht stattdessen Muratli, wo er bedrückt ist über die endlosen Flüchtlingszüge der Griechen durch Ostthrakien nach Westthrakien und Mazedonien. Das Elend der Flüchtlinge lässt ihn am Krieg zweifeln, der bis dahin für ihn immer ein glorreicher Kampf gegen das Böse gewesen ist. Doch nun sieht er die verheerenden Folgen eines Krieges erstmals mit eigenen Augen.

In einem atemlosen nie endenden Marsch frisst sich die christliche Bevölkerung von Ostthrakien über die Straßen in Richtung Mazedonien. Die größte Menschenschlange, die bei Adrianopel den Maritza-Fluss überquert, ist zwanzig Meilen lang. Zwanzig Meilen von Karren, die von Kühen, Ochsen und schlammigen Wasserbüffeln gezogen werden, mit erschöpften, taumelnden Männern, Frauen und Kindern, Decken über den Köpfen, die blind im Regen neben ihren weltlichen Gütern entlang stampfen.

Niedergeschlagen reist er ins Dreiländereck der Türkei mit Griechenland und Bulgarien. Am 18. Oktober 1922, in der Nacht, besteigt er im Karaağaç-Bahnhof von Edirne, das früher Adrianopel hieß, den Orient-Express nach Frankreich. Jetzt sah er vor seinem inneren Auge einen Bahnhof in Karaağaç, und er stand da mit seinem Bündel, und jetzt zerschnitt der Scheinwerfer des Simplon-Orient-Express die Dunkelheit, und er ließ Thrakien nach dem Rückzug hinter sich. Und Ernest Hemingway fährt, immer noch fiebrig von der Malaria und verlaust, zurück zu seiner Ehefrau nach Paris.

Ernest Hemingway fährt durch Osteuropa in die Türkei

Der Sirkeci Gari im europäischen Teil Konstantinopels, dem heutigen Istanbul, ist der Zielbahnhof des Orient-Express gewesen. Foto: W. Stock. Februar 2020.

Nachdem er im August ausgiebig den Schwarzwald und anschließend von dort Deutschland bis nach Köln bereist hat, steht im Herbst 1922 ein anderer spektakulärer Auslandaufenthalt an. Ernest Hemingway kommt zum ersten Mal in Kontakt mit dem Orient. Zunächst nähert er sich dem Morgenland in seiner luxuriösen Ausprägung. Im Gare de Lyon besteigt Ernest Hemingway am Abend des 25. September den Orient-Express, einen Luxus-Zug aus Schlaf- und Speisewagen, der seit 1883 Paris mit Konstantinopel verbindet.

In Europa wird mehr gereist, komfortable Verbindungen ohne lästiges Umsteigen werden von der anspruchsvollen Kundschaft verlangt. Gerade der Orient-Express steht für diesen Fortschritt in der abendländischen Zivilisation. Nach dem Ersten Weltkrieg fährt der Simplon-Orient-Express täglich die Route über Lausanne, durch den Simplon-Tunnel von der Schweiz nach Italien, dann Mailand, Venedig, Triest nach Zagreb, Belgrad, Sofia bis nach Konstantinopel.

In Paris hat Ernest Hemingway gehörigen Krach mir seiner Hadley. Sie findet es nicht gut, dass ihr Ehemann neben seinem exklusiven Auftraggeber Toronto Star verdeckt für die Nachrichtenagentur International News Service der Hearst Gruppe schreibt, sie erwartet Aufrichtigkeit. Noch weniger Gefallen findet Ernest Hemingways Ehefrau daran, dass er in ein Kriegsgebiet reist. Das Ehepaar schweigt sich an.

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Vom Gare de Lyon, mit einem Zubringer von London, fährt der Simplon-Orient-Express über Italien und Osteuropa nach Konstantinopel.

Doch der junge Journalist setzt sich durch. Es wird eine abenteuerliche Zugfahrt durch den Balkan, wie er in Schnee auf dem Kilimandscharo sein Alter Ego, den Schriftsteller Harry, rückblicken lässt. Es ist eine Welt, die ihm nicht nur unvertraut vorkommt, sondern zudem für eine gehörige Verunsicherung des jungen Amerikaners sorgt.

Noch am Abend dieses Tages reiste er nach Anatolien ab, und er erinnerte sich, wie er dann den ganzen Tag durch Mohnfelder fuhr, aus denen man Opium gewann, und wie seltsam man sich davon am Ende fühlte und alle Entfernungen einem falsch vorkamen, dorthin, wo sie mit den frisch aus Konstantinopel eingetroffenen, vollkommen ahnungslosen Offizieren den Angriff gestartet hatten, und wie die Artillerie in ihre Reihen gefeuert und der britische Beobachter geweint hatte wie ein Kind.

Am 27. September erreicht der amerikanische Korrespondent als Zwischenstation das bulgarische Sofia, er nutzt die Zeit, Postkarten in die Heimat zu schicken und einen ersten Artikel an den Toronto Daily Star. Handgeschrieben, denn ein betrunkener Taxifahrer hat in Sofia seinen Koffer mit der Corona-Schreibmaschine auf den Bürgersteig fallen lassen, so unglücklich, dass sie nun nicht mehr funktionstüchtig ist. Im Hotel in Konstantinopel lässt Hemingway die Schreibmaschine dann reparieren.

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Sirkeci Garı, der Zielbahnhof des Orient-Express in Konstantinopel, hat noch viel von seinem orientalischen Jugendstil-Charme bewahren können. Foto: W. Stock, Februar 2020.

Der Zielbahnhof des Orient-Express heißt Sirkeci Garı und liegt im europäischen Teil Konstantinopels, in Sirkeci, einem Stadtviertel direkt am Bosporus. Noch heute findet der Besucher zahlreiche Überbleibsel des Jugendstil-Charmes in diesem Bahnhof-Gebäude. Wartesäle mit Fenstern im Modernisme, ein Restaurant aus dem Jahr 1890 in Art déco, alles ein wenig in die Jahre geraten, aber man bekommt eine Ahnung, wie es hier vor hundert Jahren ausgesehen haben mag.

Von Sirkeci Garı geht es drei Wochen später dann auch zurück in Richtung Paris. In Schnee auf dem Kilimandscharo hält Ernest Hemingway ebenfalls die Eindrücke seiner Rückreise fest. Die Erleichterung ist ihm anzumerken. Dies war eins der Dinge, über die zu schreiben er sich aufgespart hatte: Wie er morgens beim Frühstück aus dem Fenster schaute und Schnee auf den bulgarischen Bergen sah und Nansens Sekretärin den alten Mann fragte, ob das Schnee sei, und der alte Mann da hinblickte und sagte: Nein, das ist kein Schnee. Für Schnee ist es noch zu früh.

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