Hemingways Welt

Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Nicht nur Ernest Hemingway. Kein Tag an einer Universität – trotzdem Literatur-Nobelpreis

Stanford University
Palo Alto
Die Spitze. Campus der Stanford University in Palo Alto/California. Foto: W. Stock, 2005.

Es ist eine interessante Tatsache, dass einige der bedeutendsten Schriftsteller der Literaturgeschichte nie eine Universität besucht haben. Oder ihr Studium frühzeitig abgebrochen haben. Auch wenn es wenige sind, es gibt sie. Kein Akademiker, trotzdem Literatur-Nobelpreis. 

Die meisten Preisträger hatten zumindest irgendeine Form von Hochschulbildung (auch wenn sie abbrachen oder nie abschlossen). Bei anderen jedoch steht kein einziger Tag an einer Universität zu Buche. Diese Schriftsteller bildeten sich meist als Autodidakten in Bibliotheken, auf Reisen oder durch handwerkliche Berufe weiter.

Hier eine Auswahl bekannter Literatur-Nobelpreisträger, die ohne akademischen Grad blieben:

Rudyard Kipling (Nobelpreis 1907) besuchte nur Schulen, ein Stipendium für eine Universität wurde ihm nicht zugeteilt. Der in Bombay geborene Brite fing als Journalist in Indien an.

Knut Hamsun (Nobelpreis 1920): Der Norweger wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und arbeitete als Gemeindeschreiber und Straßenbahnschaffner, bevor er als Schriftsteller bekannt wurde.

George Bernard Shaw (Nobelpreis 1925) hasste das formale Ausbildungssystem und verließ die Schule mit 15 Jahren. Der aus Dublin stammende Brite bildete sich selbst in der British Museum Library weiter und bezeichnete Schulen später als „Gefängnisse“.

Grazia Deledda (Nobelpreis 1926): In ihrer Heimat Sardinien war für Mädchen damals nach der Grundschule Schluss. Sie bildete sich privat weiter und wurde als erste Italienerin mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.

Harry Martinson (Nobelpreis 1974): Der Schwede wuchs als Waisenkind auf, das mit 16 Jahren zur See fuhr und jahrelang als Heizer und Matrose arbeitete. Seine Universität war der Ozean.

Joseph Brodsky (Nobelpreis 1987) verließ die Schule mit 15 Jahren in der Sowjetunion und arbeitete in verschiedensten Berufen (u. a. im Leichenschauhaus und in Fabriken), während er sich selbst Literatur und Sprachen beibrachte.

José Saramago (Nobelpreis 1998): Aufgrund der Armut seiner Familie konnte er kein Gymnasium besuchen und machte stattdessen eine Ausbildung zum Schlosser. Der Portugiese war ein klassischer Autodidakt.

Doris Lessing (Nobelpreis 2007) verließ mit 14 Jahren die Schule. Nach harter und schwieriger Jugend ergab sich für die Britin kein Studium.

Ernest Hemingway (Nobelpreis 1954): Der Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin ging direkt nach der High School als Lokalreporter zur Zeitung Kansas City Star. Ein Studium war nicht sein Ding, der im Mittelwesten der USA aufgewachsene Naturbursche suchte die Ausbildung im „echten Leben“.

Jetzt gibt es doch noch eine Überraschung. Der mit akademischer Aura auftretende Kaufmannssohn Thomas Mann (Nobelpreis 1929) galt als mäßiger Schüler. Der Lübecker verließ das Gymnasium vorzeitig ohne Abitur und besuchte später lediglich als Gasthörer einige Vorlesungen an der TH München, ohne ein ordentliches Studium abzuschließen.

Diese Beispiele – die Liste ist nicht vollständig – zeigen, dass akademische Bildung nicht selbstverständlich ist. Selbst für Nobelpreisträger. Für die höchste literarische Auszeichnung bleiben

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Die Augen wollen Sonne – Charles Bukowski für Ernest Hemingway

Bukowski
San Fermín in Pamplona – ein tief verankertes Volksfest zwischen Andacht und Radau. Foto: W. Stock, 2024.

The Fighter
Hemingway feels it from the grave
every time the bulls run through the streets of
Pamplona
again
he sits up
the skeleton rattles
the skull wants a drink
the eyeholes want sunlight
the young bulls are beautiful,
Ernest
and you were
too
no matter
what they say
now.

Dieses kraftvolle Gedicht von Charles Bukowski lässt Ernest Hemingway für einen Moment wieder auferstehen: Mitten im Juli, wenn in Pamplona das berühmte Encierro die Altstadt erschüttert. Die Sanfermines, die Hemingway zu Weltruhm verhalf, sind tief in der Seele des Nobelpreisträgers verwurzelt. Bukowski zeichnet diese metaphysische Verbindung auf meisterhafte Weise nach.

Obwohl das Gedicht vor Hochachtung und kühler Sympathie sprudelt, war Bukowskis Beziehung zu seinem literarischen Vorgänger keineswegs frei von Reibung. Anfänglich beäugte er Hemingways inszenierte Männlichkeit und dessen betont lakonischen, hartgesottenen Schreibstil mit einer gewissen Skepsis. Erst mit den Jahren wandelte sich dieser Vorbehalt in eine tiefe und ehrfurchtsvolle Bewunderung.

Bukowski erkannte unter der rauen Oberfläche die schonungslose Ehrlichkeit und eine poetische Radikalität, die seiner eigenen Ästhetik näher war, als er es sich lange eingestehen wollte. Am Ende erweist hier ein literarischer Außenseiter dem anderen die Ehre.

Bukowski zeichnet das Bild zweier geistesverwandter Seelen: Zwei kompromisslose Giganten des US-amerikanischen Realismus, die das Leben

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Der falsche Oberst: Wie Ernest Hemingway seinen eigenen Krieg erfand

Rambouillet
‚Oberst‘ Ernest Hemingway bei Rambouillet, August 1944. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Erst sechs Wochen nach der Invasion in der Normandie wird Ernest Hemingway im Zweiten Weltkrieg seinen Fuß auf französischen Boden setzen. Mit einem Truppentransport über den Ärmelkanal nach Néhou. Dort schließt sich Ernest Hemingway Ende Juli 1944 amerikanischen Bodentruppen an, die sich auf die französische Hauptstadt zubewegen. Der berühmte Reporter erhält einen eigenen Jeep mit persönlichem Fahrer.

Mehr als einmal setzt sich der Kriegskorrespondent mit seinem Chauffeur Archie Pelkey von den Einheiten ab, um eigenmächtig die Gegend auszukundschaften. Als Berühmtheit kann er sich einiges herausnehmen, doch er treibt seine Dreistigkeit auf die Spitze. Frech bittet der Reporter, angeblich mit Unterstützung von General Patton, den französischen Kommandeur Jacques-Philippe Leclerc im Gespräch um ein paar Soldaten. Mit diesen will Ernest in Paris zum Ritz an der Place Vendôme vorstoßen und das weitläufige Luxushotel freikämpfen. Genervt schlägt der General den Wunsch des Zivilisten ab.

In dem Sektor, in dem Hemingway operiert, stoßen die Amerikaner bei ihrem Vorrücken auf wenig Widerstand. Der berühmte Kriegsreporter plustert sich weiterhin auf und will nach eigenem Gutdünken militärische Aufklärungsarbeit leisten. Gegen alle Vorschriften beschlagnahmt der selbstherrliche Autor ein deutsches Militärkrad mit Beiwagen sowie ein Mercedes-Kabriolett.

Mitte August, nur 60 Kilometer vor Paris, bringt es Ernest Hemingway fertig, dass sich ihm eine versprengte Gruppe von Résistance-Kämpfern anschließt. Der bullige Kriegsreporter dreht jetzt voll auf: Er lässt sich mit Colonel anreden und trägt eine Uniform ohne Rangabzeichen. Ernest und sein Trupp beziehen das Hôtel du Grand Veneur in Rambouillet und lagern dort Vorräte, Waffen, Handgranaten und große Mengen Alkohol. 

Natürlich ist es einem offiziellen Kriegskorrespondenten streng verboten, aktiv Soldaten zu führen, taktische Befehle zu erteilen oder selbst Waffen zu tragen. Ernest ist in seinem unbändigen Übermut kaum zu bremsen. „Er hat von nichts anderem geredet“, erinnert sich ein Widerstandskämpfer, „als davon, der erste Amerikaner in Paris zu sein und das Ritz zu befreien.“ Ernest gefällt sich in seiner Rolle als Colonel. Zum Glück geraten ‚Oberst Hemingway‘ und seine Kämpen in keine Gefechtssituation.

Andere akkreditierte Reporter werden zunehmend wütend, weil Hemingway mit seinen Eskapaden die Sicherheit, Unabhängigkeit und weltweite Neutralität sämtlicher Kriegsberichterstatter aufs Spiel setzt. Kurz vor der Einnahme der französischen Hauptstadt durch die Truppen der Alliierten zeigen ihn Kollegen schließlich direkt bei der Stabsführung an. Sie bezichtigen den prominenten Schriftsteller offen, auf eigene Faust eine bewaffnete Gruppe französischer Partisanen befehligt und somit vorsätzlich gegen die strengen Regeln der US-Army verstoßen zu haben.

Am 5. Oktober 1944 wird es in Nancy zur Anhörung vor einer US-Militärbehörde kommen. Ernest Hemingway wird beschuldigt, seine Korrespondentenkennung entfernt und sich als Oberst ausgegeben zu haben. Weiterhin sei er vorschriftswidrig mit Waffen gesehen worden. Eine Verurteilung hätte den sofortigen Entzug der Akkreditierung bedeutet, einschließlich einer prompten Abschiebung in die Heimat. Ernest Hemingway – unter Eid – streitet alle Vorwürfe ab. Die Anschuldigungen verlaufen im Sande.

William Walton, der Korrespondent für Time-Life, erinnert sich an den namhaften Kollegen: „Ernest war ein Geschichtenerzähler. Er wusste nicht, wo die Wahrheit aufhörte und die Dichtung anfing. Und immer wieder, wenn wir zusammen waren, erzählte er mir eine Geschichte und dann schaute ich ihn befremdet an und er sagte: Du glaubst mir nicht, oder?“

Wenn Ernest Hemingway über die Stränge schlägt oder sich aufbläst, dann spielen

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Der schönste Hemingway-Satz: Über der Sägemühle

Ernest Hemingway
Art by Raúl Villarreal.

Ich machte in der ‚Closerie‘ halt, um der Statue Gesellschaft zu leisten und trank ein kaltes Bier, ehe ich nach Hause in die Wohnung über der Sägemühle ging.

Ernest Hemingway: 
Paris – Ein Fest fürs Leben, 1964.

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J. D. Salinger: Vom Hürtgenwald zur Weltliteratur

Der Fänger im Roggen
Eines der schönsten Werke der Weltliteratur. Der Fänger im Roggen. Von J. D. Salinger. Foto: Archiv Dr. Stock.

Dieser Weltliterat hat eine abenteuerliche Biografie. Jerome David Salinger wird am 1. Januar 1919 als Sohn einer jüdisch-litauischen Familie in New York geboren. Mit dem Verfasser von Filmkritiken verdient er erstes Geld. Danach geht er zur Armee. Wegen seiner guten Fremdsprachen-Kenntnisse wird er im Anschluss an die Grundausbildung 1943 dem Counter Intelligence Corps – dem militärischen Abwehrdienst – zugeteilt und bricht nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in Richtung Europa auf.

Die brutalen Kämpfe im Hürtgenwald werden gerade für den feinsinnigen Salinger zum Wendepunkt seines Lebens. In den Schützengräben der Nordeifel erkennt der Mittzwanziger, dass er für den Krieg nicht gemacht ist. Vielmehr möchte Jerry sich der Literatur und den Künsten widmen. Auch an der Front schreibt er, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergibt. In den Gefechtspausen wird er die ersten Kapitel seiner grandiosen Erzählung The Catcher in the Rye verfassen.

Ein persönlicher Lichtblick im Krieg: Der Nachwuchsautor trifft zweimal auf den schon arrivierten Ernest In Paris und in dem kleinen Eifeldorf Zweifall unterhalten sie sich stundenlang. Nach dem Krieg wird Salinger in einem Brief an Ernest offenbaren: Die Gespräche mit Dir im Hürtgenwald waren die einzigen hoffnungsvollen Momente in diesem ganzen Irrsinn. Der Idealtypus eines ungebundenen Schriftstellers, den Hemingway für den ehrgeizigen Neuling wie aus dem Lehrbuch verkörpert, gibt Salinger in den schweren Stunden an der Westfront Kraft und Hoffnung.

In der bitterkalten Nordeifel ist der empfindsame J. D. von Schreck und Elend nur so umgeben. Sein Vorgesetzter, ein in der Kompanie gefürchteter Bluthund und Säufer, hat es besonders auf den zarten Salinger abgesehen. Ohne Sinn befiehlt er dem Feldwebel, über Nacht eine Schützenmulde zu halten, obwohl Salinger nicht die richtige Kleidung für die klirrend kalte Winternacht dabei hat. Werner Kleeman, in Angst um das Leben des Freundes, findet J. D. in einem Drecksloch voller Eis und Schnee. Er steckt ihm eine Decke und ein Paar von seiner Mutter gestrickte Wollsocken zu.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs besucht Salinger das Konzentrationslager Kaufering IV-Hurlach, das kurz zuvor im April 1945 befreit worden ist. Der Hürtgenwald ist schon schrecklich gewesen, doch den Horror, den er in Oberbayern zu Gesicht bekommt, lässt sein Blut in den Adern gefrieren. Niemals hat er sich J. D. Salinger öffentlich zu seinen Erlebnissen in Deutschland geäußert.

Doch seine Tochter Margaret erinnert sich an eine Bemerkung ihres Vaters: You never really get the smell of burning flesh out of your nose entirely, no matter how long you live. Du bekommst nie wirklich den Geruch von brennendem Fleisch aus deiner Nase, egal wie lange du lebst. Vor dem Eintreffen der alliierten Streitkräfte sind geschwächte Häftlinge, die nicht auf einen Todesmarsch geschickt werden konnten, im KZ bei lebendigem Leib verbrannt worden.

The Catcher in the Rye, 1951 erstmals erschienen, ist Salingers Meisterwerk. Dieser einzige veröffentlichte Roman von ihm erreicht eine Auflage von über 65 Millionen Exemplaren. In Amerika kennt jedes Schulkind diese Erzählung um den 16-jährigen Holden Caulfield. Es ist ein Entwicklungsroman hin zum Erwachsenwerden. Der Protagonist schildert die zwiespältige Gefühlslage der Jugend und den schwierigen Weg, das eigene Ich zu finden.

Und auch hier findet sich ein Verbindung zur Nordeifel. Die erste deutsche Übersetzung von Der Fänger im Roggen stammt von Heinrich Böll, der bis zu seinem Tod in Langenbroich gewohnt hat, knapp dreißig Kilometer von Zweifall entfernt. So oder so, die blutigen Gefechte an der Siegfried-Linie haben Salinger zugesetzt.

Die Unbarmherzigkeit, die Jerome David Salinger im Hürtgenwald erlebt hat, führt zu

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Die Hölle von Hürtgen: Wie der Zweite Weltkrieg Ernest Hemingway desillusioniert

Hürtgenwald
Hürtgen ist ein blutiges Gemetzel, wo es Pferdescheiße satt zu essen gab. Foto: W. Stock, August 2026.

Im Hürtgenwald bekommt Ernest Hemingway Dutzende gefallene Soldaten zu Gesicht. Heranwachsende Kerle, so alt wie sein von der Wehrmacht inhaftierter Sohn Jack. Blutjunge Burschen, die ihr ganzes Leben vor sich gehabt hätten. Und nun liegen sie wie Eisblöcke auf dem Frostboden der Nordeifel. Entstellt, verstümmelt, gefroren. Tot in einem Krieg, mehr als 8.000 Kilometer fern der Heimat. Auf das schreckliche körperliche und mentale Leid vermag Ernest anfänglich nur mit Zynismus zu reagieren.

Wir bekamen viel Ersatz, aber ich dachte, es sei einfacher, sie dort, wo man sie auslud, zu erschießen, anstatt dass man später versuchen musste, sie von dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren.

Der Schriftsteller, der den Krieg bislang mit romantischer Verklärung betrachtet, gerät im Angesicht der brutalen Realität ins Wanken. Bis zu diesem Moment ist Ernest fest von der Existenz eines „guten Krieges“ überzeugt – von einem Kampf, der zwar hart, aber kurz, gerecht und von bedingungsloser Kameradschaft geprägt ist.

Die Schlacht in der Nordeifel bricht ganz und gar mit jedem seiner Idealbilder. Die schiere Wucht dieses endlosen Gemetzels hinterlässt bei ihm eine tief sitzende Abscheu vor den Absurditäten des Krieges. Die Kampfhandlungen um die Siegfried-Linie sind ein monatelanges Blutbad im frostigen Wald, nur um ein paar Quadratkilometer Bäume unter Kontrolle zu bringen. Hürtgen ist ein tiefblutiges Gemetzel, wo es Pferdescheiße satt zu essen gab, bis man schwer verwundet ist oder getötet wird oder verrückt.

Erst Mitte Januar 1945 gewinnen die US-Truppen merklich an Boden. In der Ardennenoffensive, von deutscher Seite als Entlastung angelegt, verliert die Wehrmacht zahlreiche Soldaten und schwere Geländefahrzeuge, die für die Unterstützung der Westfront fehlen. Den GIs gelingt es daraufhin, den Hürtgenwald zu durchqueren. Nach erneuten heftigen Kämpfen fällt die Ortschaft Schmidt Anfang Februar 1945 endgültig an die US-Truppen.

Im weiteren Verlauf brechen die Stellungen der Wehrmacht nacheinander ein, woraufhin den alliierten Kräften der Durchbruch bis kurz vor Schleiden gelingt. Am 4. Februar fällt die Urfttalsperre in amerikanische Hand. Die Schwammenauel-Talsperre, die große Rurtalsperre, wird sechs Tage später erreicht und eingenommen. Damit ist der deutsche Widerstand in diesem Abschnitt endgültig gebrochen.

Die erbitterten Kämpfe um den Westwall haben fast ein halbes Jahr gedauert, bis Februar 1945 wird in der Nordeifel gefochten. Acht Infanterie-Divisionen und zwei Panzer-Divisionen werden im Hürtgenwald aufgerieben. Die amerikanischen Truppen verlieren 24.000 Soldaten, auf deutscher Seite fallen 13.000 Wehrmachtsangehörige.

In der Nordeifel bleibt ein riesiges Trümmerfeld zurück. Jülich und Düren liegen in Schutt und Asche, ebenso wie die kleinen Dörfer in der Umgebung. In den Hürtgenwald haben sich Schneisen aus Brandbomben und Sprengkörpern eingekerbt, Tausende Tote sind zu bergen. In den USA hat sich die Schlacht im Hurtgen Forest viel stärker ins Bewusstsein gepresst als in Deutschland. Für die Amerikaner sind die Kämpfe im Hürtgenwald die längste und verlustreichste Schlacht auf deutschem Boden.

Fast einen ganzen Monat hat der Schriftsteller die Schlacht rund um Hürtgen im Winter 1944 beobachtet. Am 4. Dezember kehrt Ernest Hemingway, erschöpft und niedergedrückt, nach Paris zurück. Der 45-Jährige hat sich in der frostklirrenden Winterlandschaft der Eifel eine schwere Lungenentzündung eingefangen, dazu plagen ihn andauernde Kopfschmerzen.

Hemingway ist nach dem 4. Dezember nicht endgültig aus dem Kriegsgeschehen heraus. Am 17. Dezember 1944 fährt er nach Luxemburg, um über die Ardennenoffensive zu berichten. Doch er ist

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Das ‚Hotel Zwicker‘ in der Eifel: Ernest Hemingways Feldküche an der Westfront

Hotel Zwicker
Etappenziel Bleialf: Das Hotel Zwicker diente im Herbst 1944 als Herz der US-Versorgung in der Schnee-Eifel. Nach dem Krieg wurde das Anwesen neu gebaut. Foto: W. Stock, August 2026.

Die Wehrmacht will die Front am Westwall halten, den die Alliierten Siegfried Line nennen. Zwischen Aachen und Prüm plant die US-Army, einen Teil dieser Schutzmauer aus Bunkern und Sperren zu überwinden, um bis zum Rhein vorstoßen zu können. Strategisch würde der Verlust des Rheinlandes die deutsche Abwehr entscheidend schwächen und das Ende der NS-Diktatur beschleunigen.

Am 8. September 1944 reist Ernest Hemingway über den belgischen Ort Sankt Vith und das nahegelegene Dorf Ouren an die Grenzlinie. Der Kriegsberichterstatter ist voller Erwartung, denn für seine Reportagen und den geplanten Roman benötigt er möglichst viele Eindrücke aus erster Hand. Er muss die Kampfhandlungen miterleben, um anschaulich darüber schreiben zu können. Ganz nah herangehen, nur so funktioniert seine Prosa. 

Zwei Tage zuvor, am letzten Tag vor dem Einbruch des Schlechtwetters, waren wir am Ziel des Rattenrennens angelangt. Es war eine schöne Rattenjagd von Paris bis nach Le Cateau, mit erbitterten Kämpfen bei Landrecies, die nur wenige gesehen haben und an die sich noch weniger erinnern können. Dann waren die Pässe des Ardennenwaldes bezwungen worden, in einer Landschaft, die den Illustrationen zu Grimms Märchen glich, nur viel grimmiger.

Hemingway begibt sich zunächst nicht an die Frontlinie im Norden bei Aachen, sondern beginnt 80 Kilometer weiter südlich, mitten in der Schnee-Eifel. Ziel der US-Army ist es, von Belgien aus in der Westeifel die Siegfried-Linie aufzubrechen, um den Bodentruppen den Weg nach Köln und Koblenz zu ebnen. Im Grenzgebiet herrscht im Herbst ein raues und feuchtes Klima. In höheren Lagen ist es meist noch einige Grad kälter als im Flachland. 

Mit der Frontverschiebung erreicht auch das Pressekorps das Territorium der Schnee-Eifel. Es ist Dienstag, der 12. September 1944. Um 04.27 Uhr setzt der Kriegsreporter seinen Fuß in das Land der Nazis. Das Dorf heißt Hemmeres, es ist die erste deutsche Ortschaft, die Hemingway im Zweiten Weltkrieg betritt. In dem winzigen Fleckchen, direkt am Grenzfluss Our, leben nur ein paar Dutzend Menschen, die ihre Bauernhöfe bewirtschaften.

Es wird Hemingways erste Begegnung mit den Deutschen während des Krieges. Alte Frauen und greise Männer laufen auf die Soldaten zu. Sie bringen Schnaps und trinken selbst aus den Flaschen, um zu zeigen, dass der Fusel nicht vergiftet ist. Andere kommen mit weißen Fahnen und erhobenen Händen. Die Wehrmacht hat sich nach Osten abgesetzt und zerstört auf dem Rückzug die noch intakte Infrastruktur.

Ein uraltes Bauernhaus in Schweiler wird zum ersten Quartier Hemingways auf deutschem Boden. Das Haus verfügt über kein fließendes Wasser, kein Badezimmer, keinen Strom, keine Heizung. Überstürzt haben Soldaten der Wehrmacht das trostlose Gebäude verlassen. Der US-Trupp richtet sich behelfsmäßig ein, unter dem Lichtschein einer Öllampe geht es am Abend feuchtfröhlich zu. Es gibt ein gutes Essen, das die verbliebenen Bauern der Umgebung auftreiben. Auch Wein und Cognac werden den Amerikanern aufgetischt.

In Schweiler stoßen die Soldaten auf Eifel-Bewohner, die nicht geflohen sind. Greise Männer und Frauen, kleine Kinder. Und Ernest wundert sich. Diese Nazi-Deutschen sehen seinem Großvater oder anderen Großvätern gar nicht so unähnlich. Und auch die Kinder sind Kinder wie in sonstigen Ecken der Welt.

Im drei Kilometer entfernten Bleialf richtet die Army Dienstleistungen ein, die auch im Krieg vonnöten sind. Am Bahnhof bietet der Zahnarzt der Einheiten seine Dienste an und in der Pfarrkirche hält der Truppen-Geistliche für die GIs Messen ab. Das Hotel Zwicker wird zur Feldküche hergerichtet. Im Hinterhof des Gasthauses werden von den Soldaten die Mahlzeiten eingenommen. Ernest Hemingway kommt

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God Was Always There: The Spiritual Life of Ernest Hemingway

Hemingway
Bill Fleck’s new book explores how Ernest Hemingway found his way to Catholicism. Photo: Dr. Stock Archive, 2026

The public image of the writer Ernest Hemingway is clearly defined: an adventurer, a man who enjoyed life’s pleasures, a womanizer, and a man of action. A rough-and-tumble brawler—whether at war, on safari, or at a bar counter. Yet this superficial view falls short, overlooking his inner self — the contemplative and spiritual Hemingway.

Bill Fleck’s book, Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism, fills precisely this gap. Originally written as a master’s thesis under the guidance of renowned Hemingway scholar H. R. Stoneback, the work thankfully sheds light on the Nobel laureate’s life of faith.

Ernest Hemingway – born in 1899 in Oak Park, near Chicago – grew up in a household shaped by Congregationalism. This faith community originated in the English Puritan movement and is deeply rooted in the Calvinist tradition, characterized by a strict belief in God, ambition, and industriousness. As the years went by, the young Hemingway found the rigid principles of his Protestant suburban family stifling. Once he left home, he turned away from that moral world.

A severe wound sustained on the Venetian front during World War I eventually drew him closer to Catholicism: while in an Italian field hospital in July 1918, he received the Anointing of the Sick and was baptized into the Catholic faith. His marriage in May 1927 to his second wife, Pauline Pfeiffer — who came from a devoutly Catholic family – initially strengthened his religious ties.

During the Spanish Civil War, however, Ernest distanced himself from the faith – largely due to the Spanish Catholic Church’s support for the coup leader General Franco. During World War II, following the brutal Battle of Hürtgen Forest, Hemingway once again sought solace in faith. The horrors of war on the German Western Front near Aachen during the winter of 1944–45 ultimately led him back to the world of the Catholic faith.

After 1945, a quiet Catholicism shaped Hemingway’s daily life – not in an ostentatious way, but rather privately and inwardly. At his Cuban estate, Finca Vigía, the tradition of eating fish on Fridays was observed. It went beyond mere outward observances: the exiled Basque priest Father Andrés Untzaín became a close friend, confessor, and spiritual guide to him in Cuba. During his many travels, Hemingway regularly visited cathedrals – often to light candles for deceased friends and relatives.

Ernest did not make a public show of his Catholicism, preferring instead to cultivate his image as a rough-and-tumble brawler. Yet, correspondence with colleagues and priests bears witness to the true state of Hemingway’s spiritual life. It is no coincidence, then, that the American felt most at home in staunchly Catholic countries like Italy, Spain, and Cuba.

Bill Fleck deserves credit for having examined and compiled these biographical traces. In the final third of his book, the American educator explores

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Gott war immer da: Die spirituelle Seite des Ernest Hemingway

Bill Fleck
Bill Flecks Neuerscheinung zeigt, wie Ernest Hemingway den Weg zum Katholizismus fand. Foto: Archiv Dr. Stock, 2026.

Das Bild des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Öffentlichkeit ist klar umrissen: ein Abenteurer, ein Genießer, ein Frauenheld und ein Mann der Tat. Ein wilder Haudrauf – im Krieg, auf Safari und am Tresen einer Kneipe. Doch diese oberflächliche Sichtweise greift zu kurz und blendet das Innere aus – den nachdenklichen und spirituellen Hemingway.

Bill Flecks Buch Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism schließt genau diese Lücke. Die Arbeit, die ursprünglich als Masterarbeit bei dem renommierten Hemingway-Forscher H. R. Stoneback entstand, wirft dankenswerterweise ein helles Licht auf das Glaubensleben des Nobelpreisträgers.

Ernest Hemingway – geboren 1899 in Oak Park bei Chicago – wächst in einem von den Kongregationalisten geprägten Elternhaus auf. Diese Glaubensgemeinschaft entstammt der puritanischen Bewegung Englands und ist tief in der calvinistischen Tradition verwurzelt, die von einem strengen Gottesglauben, Ehrgeiz und Fleiß geprägt ist. Die starren Prinzipien seiner protestantischen Vorstadt-Familie empfindet der junge Hemingway mit den Jahren als einengend. Kaum aus dem Elternhaus heraus, wendet er sich von dieser Moralwelt ab.

Eine schwere Verwundung an der Veneto-Front des Ersten Weltkriegs bringt ihn schließlich dem Katholizismus näher: Im Lazarett in Italien empfängt er im Juli 1918 die Krankensalbung und wird bei dieser Gelegenheit katholisch getauft. Die Hochzeit im Mai 1927 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, festigt zunächst die Glaubensbindung.

Während des Spanischen Bürgerkriegs geht Ernest dann auf Distanz zum Glauben – besonders wegen der Unterstützung der katholischen Kirche Spaniens für den Putschisten General Franco. Im Zweiten Weltkrieg, nach der brutalen Schlacht im Hürtgenwald, sucht Hemingway erneut Trost im Glauben. Die Gräuel des Krieges im Winter 1944/45 an der deutschen Westfront bei Aachen führen ihn schließlich zurück zur katholischen Glaubenswelt.

Nach 1945 prägt ein leichter Katholizismus Hemingways Alltag – nicht demonstrativ, sondern still und nach innen gekehrt. Auf seinem kubanischen Anwesen Finca Vigía wird freitags traditionell Fisch gegessen. Es bleibt nicht nur bei Äußerlichkeiten: Der baskische Exilpriester Pater Andrés Untzaín wird ihm zum engen Freund, Beichtvater und spirituellen Begleiter auf Kuba. Bei seinen vielen Reisen besucht Hemingway regelmäßig Kathedralen, nicht zuletzt um Kerzen für verstorbene Freunde und Angehörige anzuzünden.

Ernest hängt seinen Katholizismus nicht an die große Glocke, sondern pflegt lieber sein Image eines Rabauken. Doch Briefe mit Kollegen und Priestern legen Zeugnis ab, wie es um die spirituelle Verfassung Hemingways in Wirklichkeit aussieht. So bleibt es kein Zufall, dass der US-Amerikaner sich

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Hemingway im Hürtgenwald: Die blutige Schlacht um Großhau und Schmidt

Hemingway Trail
Wo früher eine blutige Schlacht stattfand, ist heute ein Wanderweg auf den Spuren Hemingways im Hürtgenwald eingerichtet. Foto: W. Stock, August 2026.

Am 15. November befindet sich Hemingway im Hauptquartier bei seinem Freund Colonel Buck Lanham. Der Zeitpunkt könnte nicht dramatischer sein: Schon am folgenden Tag beginnt für die 3.200 Soldaten des Regiments die Operation Queen. Der Auftrag lautet, das von der Wehrmacht fanatisch verteidigte Großhau einzunehmen, um den Weg in Richtung Rur zu ebnen. Hemingway ist an Lanhams Seite, als dieser vor der Offensive seine Einheiten inspiziert.

Nach vierzehntägigen Kämpfen fällt das kleine Dorf am 29. November 1944. Als Ernest die Ruinen besichtigt, liegt der Ort noch immer unter deutschem Artilleriefeuer. Der Preis für den Geländegewinn ist extrem hoch: Das 22. Infanterieregiment verliert 2.773 Mann – Tote, Verwundete und Vermisste.

Der Winter 1944/1945 ist in der Eifel einer der kältesten seit Jahrzehnten. Die US-Soldaten sind in Kleidung und Ausrüstung nicht auf Kämpfe in Schnee und Frost vorbereitet. Alles ist neu für sie, die Amerikaner haben bisher nie in einer solch harschen Winterlandschaft gekämpft. Selbst am Tag bleibt es bitterkalt und bei Nachttemperaturen von minus 20 Grad erfrieren den Infanteristen in den Stellungen die Arme und Beine.

Die US-Truppen stecken in der Eiseskälte fest; jeder Meter Boden muss unter schwersten Verlusten abgerungen werden. Seit Wochen ist die Frontlinie zwischen Vossenack und dem auf einem Plateau gelegenen Kommerscheidt wie eingefroren. Bei eisigen Temperaturen, dichtem Nebel und zerklüftetem Gelände liefern sich beide Seiten einen erbitterten Abnutzungskampf, bei dem keiner der Kriegsparteien ein entscheidender Durchbruch gelingt – ein zermürbender Stillstand, der den Soldaten auf beiden Seiten das Letzte abverlangt.

Seit Wochen schon zieht sich die Allerseelenschlacht, auch bekannt als die Battle for Schmidt. Das Dorf bei Nideggen ist der Kreuzungspunkt vieler Wege und durch seine Lage auf einer Anhöhe im so genannten Stolberg-Korridor operativ von Gewicht. Ab dem 2. November ringen die US-Armee und die Wehrmacht um jede Straße und jedes Gebäude.

Die amerikanischen Verbände versuchen, den Ort zu erobern, während die deutsche Seite in einem Häuserkampf mit aller Kraft Widerstand leistet. Die US-Truppen nehmen Schmidt schließlich ein. Wenig später müssen sie den kleinen Ort aber nach deutschen Gegenangriffen wieder aufgeben.

Wegen der zahlreichen Erdhügel und Waldungen ist das Gelände um die Eifeldörfer in hohem Grade unübersichtlich. Tagelang fechten die US-Truppen am Ochsenkopf und am weiter östlich gelegenen Burgberg gegen einen fast unsichtbaren Feind. Die Wehrmacht hat sich in den Bergbunkern verschanzt und feuert ihre Gewehrsalven auf die überlasteten Angreifer. Erst am 7. Dezember 1944 erobern die Amerikaner die strategisch wichtige Anhöhe.

Im westlichen Hürtgenwald bewegt sich Ernest nur wenige Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt. Aufenthalte so nahe der Front bleiben mit Risiken verbunden. Auch Hemingway selbst gerät in Gefahr.

Auf einer Ausfahrt am 3. Dezember brüllt er den

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