Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Frankreich

Ernest Hemingway in Paris – Abschied aus dem Paradies

Der Mann geht, sein Mythos bleibt. Im Le Pré aux Clercs, seinem Lieblingslokal in den ersten Wochen, erhalten die Bücher eine Ehrenreihe oberhalb der Schanktheke. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

In den Vereinigten Staaten zeigen sich die Leser verstört, als sie sich 1926 durch die Seiten seines in Paris geschriebenen Romans The Sun Also Rises arbeiten. Ernest Hemingways unverhohlene Schilderung der sexuellen Laxheit in den französischen Künstlerkreisen und die Zechtouren in Paris und Spanien wirken Mitte der 1920er Jahre auf das biedere Publikum – es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA – wie ein Horrortrip durch das Reich des Satans.

Der beschwingte Alltag in Paris inspiriert den jungen Amerikaner, ebenso wie die zahlreichen Museen und Galerien seinen Horizont erweitern. Auch das freie Leben weiß er, der in der freudlosen Bigotterie der Vorstadt aufgewachsen ist, zu schätzen. Die Leidtragende ist Hadley. Denn mit der ehelichen Treue hält er es von Beginn an locker bis oberlocker.

Mit der acht Jahre älteren Hadley Richardson hat er einen mütterlichen Frauentyp geheiratet. Ernest ist glücklich, auch weil er geliebt wird, ebenso wie die Geburt des Sohnes John im Oktober 1923 ihn erfreut. Aber es reicht ihm nicht, sein Nachholbedarf scheint enorm. Es ist fast so, als sei er von der Obsession befallen, etwas zu verpassen im Leben.

Auf ein Experiment lässt Ernest sich mit der androgyn auftretenden Pauline Pfeiffer ein. Die Modejournalistin ist klein, dünn, flachbrüstig, ganz und gar nicht sein Beuteschema, doch irgendetwas zieht ihn an. Die lebhafte Pauline tritt so ganz anders auf als die fürsorgliche Hadley. Pauline passt in die damalige Zeit und sie passt zu Paris. Aber passt sie auch zu dem Schriftsteller?

Ernest Hemingway hängt einem traditionellen Rollenverständnis zwischen Mann und Frau nach, er bewundert Hadley als verständnisvolle Ehefrau und aufopfernde Mutter. Einerseits braucht er dieses althergebrachte Muster als Fundament für seinen Alltag, doch andererseits verliert er schnell die Lust am konventionellen Idyll. Ernest will in Paris ausprobieren, er will sich heraus trauen aus der heilen Welt der Kirchgänge und Hauskonzerte in Oak Park.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist MuseeOrsay1-768x1024.jpg

Verneigung vor einer Stadt, die aus einem alten Bahnhof ein wunderbares Museum machen kann. Musée d’Orsay. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

Bei seiner Abnabelung in Paris stellt sich heraus: Er ist ein lausiger Ehepartner. Dabei überraschen weniger seine Seitensprünge, schlimm genug, vielmehr verstört die Rücksichtslosigkeit mit der Ernest Hemingway die Partnerschaft mit seiner großen Liebe abhakt. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jedes Schuldgefühl wendet er sich von Hadley ab. Freundschaften kann er hegen und pflegen, doch seine wunderbare Ehefrau hintergeht er auf charakterlose Art und Weise.

Diese emotionale Skrupellosigkeit wird man zukünftig als Schablone auf sein Verhalten gegenüber Frauen und Partnerinnen legen können. Die Bewunderung anderer Frauen tut ihm gut, die sexuellen Eroberungen plustern sein Selbstwertgefühl auf. Sein Durchbruch als Schriftsteller Mitte der 1920er Jahre setzt ihn zusätzlich unter Strom. Quasi parallel zum Erfolg als Autor läuft seine Karriere nun auch als Schürzenjäger peu à peu zu Hochtouren.

Doch je mehr die Kerben in seinem Revolver zunehmen, desto dünnhäutiger wird er. Weil er in seinem Wertegerüst nicht stabil ist und auch, weil seine Persönlichkeit in Sachen Liebe emotional nicht mitwächst. Wenn er das Gefühl hat, von einem Menschen gekränkt zu werden oder in seinen Empfindungen verletzt zu sein, dann reagiert er wie ein angeschossenes Raubtier. Er kontert dann mit offener Aggression, mit kaum verborgenem Hass, er verhöhnt die betreffende Person lang und breit in seinen Werken.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Pantheon1-1024x797.jpg

Im Panthéon, der Ruhmeshalle der Nation, sind von Voltaire über Émile Zola bis André Malraux die großen Schriftsteller Frankreichs bestattet. Mit Josephine Baker wird auch eine US-Amerikanerin geehrt. Wenn er nicht falsch abgebogen wäre, möglicherweise wäre noch Platz für einen weiteren Amerikaner gewesen. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

Am schlimmsten ist es, wenn er nicht genug beachtet wird. Dann entlädt sich umgehend seine Wut. Gerade auf Frauen. Wenn er sich wieder einigermaßen beruhigt hat, dann merkt er schon, dass eine abermalige Niederlage dazu gekommen ist. Und er selbst es gewesen ist, der sich eine weitere Narbe in seine Seele eingeritzt hat. Und bittere Niederlagen gibt es zuhauf.

Warum vermag Ernest nicht, die rückhaltlose Liebe seiner Ehefrau wertzuschätzen? Am Ende steht die bittere Scheidung. Wer eine solch wunderbare Frau wie Hadley ablegen kann, der wird auch Paris ablegen. Ernest reitet sich immer tiefer ins Desaster. Denn Paris kann man nicht ablegen, so wie man eine alte Jacke in die Kleidersammlung gibt. Und auch Hadley zu verlassen, ist ein schwerer Fehler. Er wird seine Riesendummheit einsehen, spät, sehr spät. 

In seinen letzten Lebenstagen in den Bergen Idahos kreisen seine Gedanken oft um Hadley und Paris. Er telefoniert mit ihr, es erinnert ihn an die schöne Zeit in der Stadt an der Seine. Wenn Du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann bleibt die Stadt bei Dir, einerlei wohin Du in Deinen Leben noch gehen wirst, denn Paris ist ein Fest fürs Leben.

Wie kein anderer Ort hat Paris, nur drei Buchstaben vom Paradies entfernt, diesen garstigen Romantiker aus dem Norden Amerikas geprägt. Hemingway und Paris – es hat wunderbar gepasst. Er lebt in der lässigen Ungezwungenheit von Paris, weiß im Grunde aber nicht,

Ernest Hemingway in Paris: Schreiben wie Gott in Frankreich

Seit 1889 steht der Eiffelturm an der Seine in Paris. Zu Anfang umstritten, ist er seit Jahrzehnten das Wahrzeichen der Stadt. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

Als Korrespondent des Toronto Star wird Ernest Hemingway im Dezember 1921 hineingeworfen in diese quirlige Stadt. Er taucht ein, er lernt schnell und genießt die Unbeschwertheit und das Wohlbehagen an der Seine. Der junge Mann aus einem Vorort von Chicago merkt, wie dieses Flair von Paris ihn als Schreiber ermutigt. Da stehe ich und blicke über die Dächer von Paris und denke: Mach dir keine Sorgen. Du hast immer geschrieben und du wirst auch jetzt schreiben.

Der ehrgeizige US-Amerikaner vom Jahrgang 1899 ist genau jener Typus, der wunderbar zu dieser Stadt passt: bullig von der Figur, breitschultrig, ein kantiges Gesicht, im Kontrast dazu mit sanften braunen Augen und mit einer einfühlsamen Stimme. In den Künstlerkreisen von Paris macht der gut aussehende Journalist in kurzer Zeit mit seiner Persönlichkeit und seiner schreiberischen Begabung auf sich aufmerksam.

Am liebsten sitzt der Mann aus Oak Park alleine an einem Tisch, mit freiem Blick auf die Besucher und geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Er beobachtet. Einem neugierigen Schreiber wie Ernest Hemingway fliegen in den Pariser Bistros die Themen nur so zu. Wenn er in den Cafés sitzt und seine Eindrücke in seinem Notizbuch festhält, dann wirkt er tief in sich versunken. Als ein Nachbar, Monsieur Lavigne, ihn eines Vormittags auf der Terrasse der Closerie erblickt, traut sich der Franzose nicht, den Autor anzusprechen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist CloserieGarten1-1024x818.jpg

Das grün umrankte Gartenrestaurant der La Closerie des Lilas am Boulevard du Montparnasse wird seine Schreibstube. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

„Sie sahen aus wie ein Mann, der alleine im Dschungel ist“, sagte er.
„Ich bin wie ein blindes Schwein, wenn ich arbeite.“
„Aber Sie waren nicht im Dschungel, Monsieur?“
„Im Busch“, sagte ich.

Nicht wenige Kollegen bewundern seine literarische Begabung, Hemingways lakonische Art zu schreiben, wirkt unverbraucht, seine Sätze klingen frisch und voller Laune. Gertrude Stein, seine einflußreiche Mentorin, erkennt die innovative Qualität von Ernests Schreibweise auf Anhieb. Er könne vielleicht irgendeine neue Art von Schriftsteller werden, meint die Autorin, als sie im Frühjahr 1922 seine ersten Texte liest.

Trotz mancher Reiberei entpuppt sich Gertrude Stein als eine kluge Lehrmeisterin. Sie liest seine Entwürfe, korrigiert, regt Verbesserungen an. Sie hält vor allem Hemingways Schauplätze für passé, das meiste spielt sich im Hinterland um den heimatlichen Michigan-See ab. Er möge doch nicht über Themen schreiben, die keiner lesen will. Vielmehr solle er sich mit dem Neuen befassen, mit all dem Faszinierenden und dem Verstörenden, das er im lebhaften Paris und im wankenden Europa vorfinde.

Klar und deutlich erkennt die scharfsinnige Gertrude Stein das Potential von Ernest Hemingway als Romancier und als Schreiber von Kurzgeschichten. Einen Zeitungsreporter sieht sie in ihm nicht, verschwendetes Talent. Als der Mittzwanziger, die nicht einfache Entscheidung treffen muss, mit dem Journalismus aufzuhören und seinen auskömmlichen Vertrag als Korrespondent der kanadischen Zeitung zu kündigen, bestärkt sie ihn. 

Die Schriftstellerin und Kunstsammlerin aus Pittsburgh wird über die Monate zur akribischen Ausbilderin des späteren Nobelpreisträgers: Vor allem erläutert Gertrude Stein dem jungen Autor das Konzept des le mot juste und erklärt ihm die Wichtigkeit des treffenden Wortes. Sie zeigt ihm die Wirkung von Wortwiederholungen und sensibilisiert ihn für den Rhythmus der Sätze. Als Sohn einer Opernsängerin versteht Ernest die Wichtigkeit der Sprachmelodie.

Es ist Gertrude Stein, die Hemingway zu einer minimalistischen Erzählweise ermuntert, die Nüchternheit seiner Sätze zeigen ihren Einfluss. Der angehende Schriftsteller, gerade mal Anfang 20, akzeptiert Gertrude Stein als Ratgeberin. Ernest erweist sich als ein aufmerksamer Zuhörer und eifriger Schüler. Der junge Schreiber lernt so schnell, dass er ab 1924 nicht mehr auf die Ratschläge der Frau Stein angewiesen ist. Hemingways Sicht der Dinge, seine Themenkreise und sein Schreibstil beginnen

Ernest Hemingway in Paris – Ein Wahnsinn namens Leben

Das Le Pré aux Clercs, schräg gegenüber von ihrem Hotel, wird zur Küche und zum Esszimmer der Hemingways. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

In der Rue Bonaparte, direkt an der Ecke vom Hôtel Jacob et d’Angleterre entdecken Ernest und Hadley ein neues Lieblingsrestaurant. Das Paradies der Hemingways ist erschwinglich: Im Le Pré aux Clercs bekommt das Ehepaar ein Abendessen für 12 Francs und eine Flasche guten Pinard-Wein für nur 60 Centimes. Hadley entpuppt sich als Naschkatze, die das französische Gebäck und den köstlichen Kuchen nur so verschlingt.

Auch Ernest wirkt, als sei er in den siebten Himmel aufgestiegen. Für einen jungen Mann, der dieser nüchternen Enge des amerikanischen Mittelwestens entflohen ist, gleicht das Paris der 1920er Jahre in der Tat einem Himmelreich. Der Journalist begegnet in der Stadt an der Seine anregenden Frauen und Männern, er steht direkt neben der Wiege neuartiger Ideen und kühner Anschauungen in Literatur, Musik und Malerei.

Mit dem Surrealismus, dem Dadaismus und dem Kubismus versuchen die Künstler jener Tage in Paris, althergebrachte Wege zu verlassen. Bei der Familie Hemingway in Oak Park, einem Vorort von Chicago, wird die traditionelle Kultur geschätzt, der Vater ist Arzt, die Mutter Opernsängerin. Es herrschen zudem die rigiden Vorgaben einer calvinistischen Freudlosigkeit. Strebsamkeit, Arbeitseifer und ein tiefer Gottesglaube prägen das strenge Elternhaus.

In Frankreich wird der junge Hemingway in einen Kontrastkosmos hinein geschleudert. Schon nach den ersten Tagen in Saint-Germain-des-Prés verwandelt sich Ernest in einen Bonvivant, er genießt die angenehmen Seiten seines Lebens als Reporter und Mann. Während in der Heimat Wirtschaftskrisen, Mafia und Prohibition die gute Laune verderben, hocken die aus dem Land Vertriebenen im Café de Flore vor einem café noir und palavern.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist FloreCafe2-1-1024x803.jpg

Im Café de Flore am Boulevard Saint-Germain finden Genießer ihr Paradies. Foto: W. Stock, Oktober 2022.

Paris, es ist ganz und gar seine Stadt. Weil sie seinen intellektuellen und emotionalen Horizont erweitert und auch weil die Stadt jene dunklen Winkel des Lebens ausleuchtet, die in der biederen Welt der Hauskonzerte und Kirchgänge im heimatlichen Illinois nicht vorkommen. Gerade das Verbotene und das bisher Ausgegrenzte locken den jungen Mann.

Solch ein freizügiges Denken und das offene Experimentieren mit neuen Lebensformen kennt Ernest aus seiner Heimat nicht, ein neuer Horizont an Selbstverwirklichung und Lebensfreude eröffnet sich ihm in Paris. Gerade auch in Sachen Sexualität. Das Spektrum erweitert sich in der französischen Metropole. Hetero, homo, bi, in allen Ausprägungen und Zwischenstufen, offen und freizügig.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist ThreeStories-637x1024.jpeg

Als Clarence Hemingway 1923 das Debüt seines Sohnes – Three Stories & Ten Poems – durchgelesen hat, schickt er das Buch erbost zurück nach Paris.

Die braven Eltern, die seinen Erzählungen lauschen, fallen vor Schreck vom Stuhl. Der junge Hemingway erzählt von Saufgelagen und Müßiggang, von Lesben und freier Liebe, extremely shocking. Für die bigotten Mittelstandsbürger vom Michigan See muss Paris wie das nachtschwarze Hinterzimmer einer Opiumhöhle erscheinen. Ernest amüsiert sich köstlich.

Der junge Mann, in der Schlafmützigkeit der dörflichen Vorstadt aufgewachsen, genießt die Aufbruchstimmung in den Pariser Künstlerkreisen. Der kernige Bursche birst vor Tatendrang, er tritt hungrig und viril auf, er saugt das Unbekannte nur so auf. Als Schreiber beflügeln ihn die neuen Ideen und Anregungen, die er bei den Kollegen und Freunden kennenlernt. Persönlich und als Ehemann jedoch ist der 22-Jährige in dieser ausgelassenen Welt überfordert.

Denn in Paris sieht sich der junge Hemingway einem breiten Panorama sexueller Verlockungen ausgesetzt. Er zieht Frauen an und Frauen ziehen ihn an. Er spielt mit den Reizen, fühlt sich zu lesbischen und bisexuellen Frauen hingezogen. Zu Sylvia Beach, der Buchhändlerin, zu seiner Mentorin Gertrude Stein, die mit ihrer Gefährtin Alice Toklas in der Rue de Fleurus lebt, auch Virginia Pfeiffer, Paulines Schwester, ist lesbisch.

Das alles ist neu und spannend für ihn, er scheint wie aufgedreht. Seine Ehefrau wirkt

Ernest Hemingway: sechs Handgranaten für Pablo Picasso

Die Messlatte für alle bildenden Künstler nach ihm: Das Genie Pablo Picasso wird 1881 in Málaga geboren. Foto: W. Stock, April 2019.

Die französische Hauptstadt zieht in den 1920 Jahren jene jungen Frauen und Männer an, die auf Neues aus sind. Schriftsteller mit rasanten Texten, Komponisten, denen die acht Töne einer Tonleiter nicht genügen. Maler mit revolutionären Stilformen, jenseits von Impressionismus und Expressionismus. Es ist in Paris, wo diese verwegenen Innovationen entstehen, wie der Surrealismus in der Malerei, wie Kubismus und Dadaismus.

Der US-Amerikaner Ernest Hemingway, der sieben Jahre in Paris leben wird, sieht sich hineingeworfen in diese quirlige Welt, er taucht ein, er staunt und er lernt schnell. Und er genießt die Unbeschwertheit in den Cafés und den frischen Wind in den Kulturzirkeln. Bei dieser Gelegenheit lernt der junge Mann aus Chicago, er ist Anfang 20, die Avantgarde jener neuen Zeitepoche persönlich kennen.

Besonders die Maler haben es diesem Augen-Menschen angetan, die Spanier vor allem. Der Katalane Joan Miró und Juan Gris aus Madrid, er mag ihr Werk sehr. Einer dritter ragt heraus: Pablo Picasso. Man läuft sich über den Weg, sieht sich im Literarischen Salon der Gertrude Stein in der Rue de Fleurus. Zum ersten Mal trifft Hemingway im Jahr 1922 auf Picasso, man mag sich, ohne dass man fortan dicke Freunde wird.

Pablo Picasso, 1881 in Málaga geboren, ist ein ungemein produktiver Maler, Grafiker und Bildhauer. Am Ende seines Lebens, er stirbt 1973 im französischen Mougins, wird die Gesamtzahl seiner Werke auf 50.000 geschätzt. Der Andalusier, der in Paris lebt, prägt das ganze Genre. Seine künstlerischen Techniken und die vielfältigen Ausdrucksformen werden zum Maßstab in der Malerei. Keiner vermag mitzuhalten.

Der spanische Maler bleibt während des Zweiten Weltkriegs in Paris, auch nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, meist zieht er sich in sein Landhaus nach Südfrankreich an der Côte d’Azur zurück. Die Nazis belegen ihn mit Ausstellungsverbot, aber alles in allem lässt man ihn unbehelligt. Unter den Deutschen ist die Lebenslust der Stadt perdu, es herrschen Hunger und Angst. Die Lebensmittel sind rationiert, Zigaretten und Schokolade ein Luxusgut.

Dunkle Schatten ziehen sich in jenen Monaten durch die Gemälde des Künstlers. Totenköpfe, kahle Knochen und Tierschädel tauchen auf der Leinwand auf, ausgemergelte und entstellte Körper sind Picassos Motive. Alles in düsteren Farben, die nach Leid und Tod riechen. Das übergroße Guernica aus dem Jahr 1937 wird zu einem künstlerischen Hilfeschrei einer durch die Legion Condor bombardierten Zivilbevölkerung während des Spanischen Bürgerkriegs im Baskenland.

Als Ernest Hemingway im August 1944 mit den US-Truppen ins befreite Paris einzieht, da führt ihn sein erster Weg ins Ritz, in sein Luxushotel an der Place Vendôme. Anschließend schaut er bei der Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de l’Odéon, um seine Bekannte Sylvia Beach zu treffen. Und schließlich zieht es den Amerikaner zu Pablo Picasso. Das Atelier des damals schon berühmten Künstlers befindet sich in der Rue des Grands-Augustins, in der Nummer 7, im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés.

Doch der Concierge bedeutet dem Schriftsteller, Picasso sei nicht anwesend, er könne eine Notiz hinterlassen, und übrigens, ein Mitbringsel wie Zigaretten würde den Maestro sicherlich erfreuen. Der Nichtraucher Hemingway geht zu seinem Militärjeep, holt eine

Ernest Hemingway – am Nullpunkt in Paris

Ernest Hemingway lebte sieben Jahre in Paris. Die Stadt hat den Autor aus Chicago nicht vergessen.

Seit Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Stadt an der Seine, es sind mühevolle Lehrjahre. Paris ist in jenen Jahren eine Metropole im Aufbruch. Autoren, Maler und Komponisten auf der Suche nach neuen Ideen zieht es in die Quartiers der Intellektuellen, zudem inspiriert die Lebenslust der Franzosen einen mit den puritanischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsenen Amerikaner. Doch materiell reiht sich der Mann aus einem Vorort von Chicago ein in das Heer mittelloser Schriftsteller aus aller Welt, meist verkrachte Existenzen, die nicht wissen, woher sie das Geld für die nächste Miete nehmen sollen.

Zwar hat der ehrgeizige Mittzwanziger bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, doch diese Schriften sind wenig mehr als Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems befinden sich 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Ernest Hemingway träumt von einem zahlungskräftigen Verlag, doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.

Der junge Familienvater, Sohn John wird 1923 geboren, erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Absage nach der anderen. Damit hat er nicht gerechnet, den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen in Paris die Depressionsschübe. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. Voller Zweifel beginnt er, sich als Autor in Frage zu stellen.

In seinem Heimatland hat Hemingway kein Periodikum gefunden, das seine Kurzgeschichte über Spanien drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei zu hart für die Leser.

 Nach all den Tiefschlägen erreicht ihn eine Zusage, überraschenderweise aus Deutschland. Der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt will ihn veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug werde demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Hermann von Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Ernest Hemingway zeigt sich angetan von dem 24 Jahre älteren Deutschen. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Die Kulturzeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Querschnitt erscheint seit 1921 in Berlin. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre reiht der Großverleger Hermann Ullstein das Magazin in seinen etablierten Propyläen Verlag ein, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 20.000 Exemplare.

Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als eine Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Modernismus, aus Boxsport und Metropolenklatsch, aus Dadaismus und pikanten Aktfotos. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet Hermann von Wedderkop ab 1924 die redaktionelle Linie, der Schriftsteller und Übersetzer besitzt einen klaren Blick für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil.

Der Querschnitt druckt zunächst einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. Der US-Amerikaner zeigt sich begeistert von dem Berliner Zeitgeist-Magazin. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus den Winterferien in Schruns am 9. Januar 1925.

Ernest Hemingways Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus: In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Seine wachsende Selbstsicherheit verdankt der Mann aus Chicago

Paris – The Greatest Luck

„Wenn du soviel Glück hattest, als junger Mensch in Paris gelebt zu haben, dann bleibt die Stadt für den Rest deines Lebens bei dir, einerlei wohin du auch gehen magst. Denn Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén