Auf den Fersen von Ernest Hemingway

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Carl Zuckmayer und Ernest Hemingway mit ‚KAT‘ im ‚Deutschen Theater‘

Das Drehbuch der Uraufführung von KAT am 1. September 1931 im Deutschen Theater. Foto: Archiv Deutsches Theater. Archivsignatur: A12-03-0044.

Carl Zuckmayer und sein Freund Heinz Hilpert machen sich im Winter 1930/31 daran, eine Bühnenfassung von Ernest Hemingways Erzählung In einem andern Land zu erstellen. In Zuckmayers Berliner Wohnzimmer beginnen die zwei mit der Umwidmung des 400 Seiten-Romans. „Mit vorsichtiger Hand wie Instrumentenbauer“, so umschreibt der 30-jährige Carl Zuckmayer das Vorgehen. Sie gehen sachte an den Text, die Dialoge und die wichtigen Sätze belassen die beiden Theaterleute wie im Original.

Der Schriftsteller Carl Zuckmayer und der Theaterregisseur Heinz Hilpert, sie gehören dem Ensemble von Max Reinhardt am Deutschen Theater an, wollen in Deutschland für den aufstrebenden Schriftsteller Ernest Hemingway ein breites Publikum gewinnen. Deshalb würzen sie den mitunter lakonischen Stoff des US-Amerikaners mit der einen oder anderen Humoreske und arbeiten die Freiheitsliebe des Protagonisten heraus. Es wird ein rundheraus pazifistisches Stück.

Die Handlung von A Farewell to Arms, 1929 bei Scribner’s in New York erschienen, spielt in Italien. In einem andern Land, so heißt der Roman ein Jahr später in Deutschland, verarbeitet Ernest Hemingway seine Erlebnisse als Sanitätsfahrer an der Front während des Ersten Weltkriegs. Vor allem seine große Liebe zur amerikanischen Krankenschwester Agnes von Kurowsky bildet den Mittelpunkt der Erzählung, auch wenn der Name der Angebeteten in der Erzählung nun anders lautet.

Der US-Sanitätsoffizier Frederic Henry wird während des Ersten Weltkrieges an der Front im Nordosten Italiens schwer verletzt und ins Lazarett nach Mailand gebracht. Zwischen ihm und der schottischen Krankenschwester Catherine, die er liebevoll Cat nennt, entsteht eine leidenschaftliche Liebe. Nach vielen Wirrungen des Krieges gelangt das Liebespaar in die Schweiz, wo der Roman tragisch ausgeht: Catherine stirbt bei der Geburt eines Kindes, das Baby ist ebenfalls tot.

Alles in allem hält das Schauspiel von Autor Zuckmayer und Regisseur Hilpert sich an die Romanvorlage und an die trockene Sprache der Übersetzerin Annemarie Horschitz. Die szenische Umsetzung fällt nicht in die Versuchung, den modischen Trends des Theaters der Weimarer Republik nachzulaufen. So wie dem sozialkritischen Schauspiel eines Bert Brechts, der mit Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Die Dreigroschenoper wenige Monate zuvor allseits für Furore gesorgt hat.

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Eine Spielszene aus KAT mit Gustav Fröhlich und Käthe Dorsch. Foto: Archiv Deutsches Theater. Archivsignatur: A12-0531-003.

Das Drama mit dem wenig aussagekräftigen Namen KAT wird am 1. September 1931 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, um 8 Uhr, wie die Werbung ankündigt. Der seltsame Kurztitel ist die Verballhornung des Namens von Catherine Barkley, der anmutigen Krankenschwester, die die weibliche Hauptrolle in der Erzählung spielt. Im Deutschen Theater läuft das Bühnenstück vom 1. bis 20. September 1931.

Das Stück kleinteilig angelegt. Die drei Akte mit ihren 22 Szenen sind nur mit dem Einsatz einer Drehbühne zu bewältigen. Die tragische Handlung zerfleddert dadurch in minutenkurze Sequenzen. Die Aufführung wird kein großer Erfolg, weder beim Publikum, noch bei der Kritik. Heute gibt es im Archiv des Deutschen Theaters noch einige wenige Unterlagen über KAT aus jener Zeit. Ein Souffleusen-Buch, sowie vier Fotografien in einem Album und eine Rezension lassen sich in der historischen Akte finden.

Die Besetzung ist hochrangig, Berühmtheiten der deutschen Bühne und des deutschen Films tragen das Drama. Den Frederic Henry gibt Gustav Fröhlich, der 1927 als Freder Fredersen in Fritz Langs Klassiker Metropolis mitgewirkt hat. Die aparte Käthe Dorsch spielt die Rolle der Catherine Barkley. Auch die Nebenrollen werden erstklassig besetzt: Paul Hörbiger, im Wechsel mit Gustaf Gründgens, als Stabsarzt Dr. Rinaldi und Brigitte Horney als Krankenschwester Helen Ferguson.

Zum ersten Mal habe sie, das 20-jährige Talent, bei KAT mit Herz und Seele den Sinn des Theaterspielens begriffen, verrät Brigitte Horney in ihren Memoiren. Gustav Fröhlich berichtet in seiner Autobiografie Waren das Zeiten – Mein Film-Heldenleben von dem Besuch Ernest Hemingways zur Premiere. Er hat den kernigen Amerikaner aus Chicago, der mittlerweile mit seiner zweiten Ehefrau Pauline und dem Sohn Patrick in Key West lebt, in guter Erinnerung.

Der damals schon berühmte Schriftsteller schenkt dem Filmstar ein Exemplar seines Romans mit einer spöttischen

Die ‚Frankfurter Zeitung‘ rettet Ernest Hemingway vor den Selbstzweifeln

Die Frankfurter Zeitung aus dem Jahr 1934. Ein noch wenig bekannter Ernest Hemingway gehörte in den Jahren 1927 und 1930 zu ihren Autoren.

Der Mittzwanziger Ernest Hemingway, der seit 1921 mit seiner Frau Hadley in Paris lebt, ist ein vielversprechender Journalist, der sich selbst in seinen Träumen jedoch als Buchautor sieht. Seine Entscheidung, den freien Korrespondentenvertrag mit dem Toronto Star zu kündigen bringt die dreiköpfige Familie im mondänen Paris mehr und mehr in Bedrängnis. Seit ich mit dem Journalismus Schluss gemacht habe, kommt kein Geld mehr rein. Voller Selbstzweifel beginnt der US-Amerikaner, sich als Autor in Frage zu stellen.

Doch die Rettung naht, wenn auch von unerwarteter Seite. Ein Chefredakteur in Berlin druckt ihn, ebenso wie die Frankfurter Zeitung. Ernest Hemingway zeigt sich verblüfft. Es ist verdammt seltsam, dass Deutschland das einzige Land ist, wo ich was verkaufen kann. An ihn und an die ‚Frankfurter Zeitung‘. So erinnert sich der Nobelpreisträger von 1954 dankbar in seinen biografischen Skizzen Paris – Ein Fest fürs Leben.

In der Tat verkauft Ernest Hemingway, er ist vom Jahrgang 1899, nach Deutschland drei Kurzgeschichten, die die Frankfurter Zeitung veröffentlicht: Indianisches Lager (10. April 1927), Der Boxer (17. April 1927) und Das Ende von etwas (22. Mai 1927). Es sind die deutschen Übersetzungen seiner Short Stories mit den Originaltiteln Indian Camp, The Battler und The End of Something.

Besonders sticht die Kurzgeschichte Indian Camp hervor. Die Erzählung ist ein frühes Meisterwerk, das bereits die Grundmotive der Hemingway’schen Weltsicht behandelt. Geburt, Tod, Selbstmord, Kampf und Geborgenheit – in der atmosphärisch dichten Geschichte um den Landarzt Doktor Adams und seinen Sohn Nick kann man deutliche semi-biografische Eigenheiten ausmachen.

Die Frankfurter Zeitung, ein Vorläufer der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gilt als eine der führenden Tageszeitungen Deutschlands. Das Journal wurde 1856 als Handelszeitung gegründet und hat sich über die Jahrzehnte zu einem bedeutenden freiheitlich-bürgerlichen Forum entwickelt. In der Weimarer Republik blieb die Frankfurter Zeitung eine der wenigen liberalen Stimmen. Vor allem ihr Feuilleton, für das fast alle Geistesgrößen der Zeit schrieben, gründete ihren guten Ruf.

Der Berliner Korrespondent der Chicago Daily News, Edgar Mowrer, hat den Kontakt zwischen Ernest Hemingway und der Frankfurter Zeitung hergestellt. Der emsige Geschichtenschreiber in Paris hat ihn gebeten, sich in Deutschland nach einer Zeitung umzusehen, to take over the whole mess, die das ganze Kuddelmuddel übernehmen kann.

Edgar A. Mowrer ist der jüngere Bruder von Paul Mowrer, der das Pariser Büro der Chicago Daily News leitet, und der ein Freund des Schriftstellers ist. Paul Mowrer sollte 1933 Hadley heiraten, die erste Mrs. Hemingway lässt sich nach sechs Ehejahren 1927 von Ernest scheiden. Aus gutem Grund. Denn die Rasanz von Hemingways Aufstiegs als Buchautor wird nur von seiner Geschwindigkeit als Schürzenjäger übertroffen.

In der Frankfurter Zeitung wird zudem Hemingways Anti-Kriegsroman A Farewell to Arms zwischen dem 8. Mai und dem 16. Juli 1930 in Fortsetzung veröffentlicht, die Übersetzung stammt von Annemarie Horschitz. Unter dem ungewöhnlichen Titel Schluss damit. Adieu Krieg! Als Buch bei seinem Verleger Ernest Rowohlt wird das Werk den Titel In einem andern Land tragen, später winzig verändert zu In einem anderen Land.

Zwei deutsche Medien verhelfen dem ehrgeizigen Autor zum Durchbruch, obwohl er ansonsten wenig Sympathie mit den Krauts verspürt. Der Frankfurter Zeitung ist es zu verdanken, dass Hemingways Name auch in Deutschland an Kontur gewinnt. Ernest Hemingways Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus. In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt.

Endlich kommt Geld in die Kasse, sein Selbstbewusstsein wächst. Durch die Frankfurter Zeitung und Der Querschnitt erfährt der US-Amerikaner zudem eine emotionale Bindung zu Deutschland und darüber hinaus einen Zugang zur deutschen Literatur. Ernest Hemingway ist ein offener und neugieriger Mensch, als Nicht-Studierter muss er sich vieles abschauen.

Nur drei Jahre nach Veröffentlichung in der Frankfurter Zeitung schlägt die dunkle Seite Deutschlands zu. Ernest Hemingways Roman findet sich

Ernest Hemingway kommt viermal nach Berlin

Ernest Hemingway steigt im Eden Hotel an der Budapester Straße 35 ab. Das Eden, im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört, ist eines der großen Luxushotels der deutschen Hauptstadt gewesen.

Dieses Berlin macht keinen guten Eindruck auf Ernest Hemingway. Kein Wunder, wenn man im quirligen Paris lebt. Zudem durchlebt Deutschland in den 1920er Jahren eine schwierige Zeit, die eine Katastrophe hat man hinter sich, die nächste wartet schon. Der verlorene Erste Weltkrieg wirft immer noch seine Schatten, die Deutschen sind verarmt und haben ihr Vermögen in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert. Der Alltag bleibt beschwerlich, Geldverfall und Reparationsleistungen drücken auf die Nation.

Soziale Konflikte entladen sich, politische Kämpfe verlagern sich gewaltsam auf die Straße – es sind grauenvolle Jahre. Für Journalisten wiederum ist es eine interessante Zeit und Berlin eine interessante Stadt. Insgesamt reist Ernest Hemingway viermal in die deutsche Hauptstadt. Der Mann aus Chicago wird allerdings nicht warm mit der Metropole an der Spree, kein Vergleich zu Paris jedenfalls, zu düster alles, zu unerfreulich.

Erster Hemingway-Besuch
Am 30. März 1923 schickt der Toronto Star seinen Paris-Korrespondenten Ernest Hemingway für zehn Tage auf Deutschland-Reise. Über Offenburg, Frankfurt am Main, Mainz, Köln, Düsseldorf nach Berlin. Berlin ist eine vulgäre, häßliche, mürrisch verfallende Stadt. Nach dem Krieg stürzte sie sich in eine Orgie, die von den Deutschen als Totentanz betitelt wird. So wird Ernest Hemingway am 15. Dezember 1923 in einem Artikel für den Toronto Star schreiben. Nichts Ansprechendes oder Vergnügtes lässt sich im Nachtleben Berlins finden. Alles ist ganz und gar abscheulich.

Während in Paris der Champagner dazu dient, den beschwingten Alltag zu krönen, wird in Berlin Kokain genommen, um das ganze Elend zu verdrängen. In manchen Lokalitäten würden die Kellner das Koks bis an den Tisch liefern. Die Fröhlichkeit im Berliner Nachtleben sei aufgesetzt, anders als in der Metropole an der Seine. Wenn es eines Nachweises bedürfe, dass Deutschland den Krieg verloren hat, in Berlin kriege man es vor Augen gehalten. Nach wenigen Tagen ist der 23-Jährige wieder in seinem Paradies mit Namen Paris.

Zweiter Hemingway-Besuch
Im November 1927 reist Ernest mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer für neun Tage nach Berlin, sie werden vom 3. bis 12. November in der deutschen Hauptstadt bleiben. Das Ehepaar übernachtet im Luxushotel Eden in der Budapester Straße. Ernest und Pauline besuchen das Sechstagerennen, er mag dieses Spektakel des Radsports, und sie treffen sich mit den Kollegen Sinclair Lewis und Ramon Guthrie. 

Ernest lernt den Galeristen Alfred Flechtheim kennen und die beiden werden Freunde. Die Zeitschrift Der Querschnitt, die von Flechtheim gegründet wurde, druckt seit 1925 Erzählungen und Gedichte des US-Amerikaners. In der Hauptstadt kauft der Kunstliebhaber Hemingway bei dem Kunsthändler eine Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis für 500 Mark, das Werk trägt den Titel Der Fußballspieler. 

Dritter Hemingway-Besuch
Am 10. November 1929 befindet sich Ernest Hemingway erneut in Berlin, er kommt mit dem Zug aus Paris. Im Schlepptau der Kollege Guy Hickok, er ist Paris-Korrespondent des Daily Eagle aus Brooklyn, und Gus Pfeiffer, Paulines steinreicher Onkel. Und wiederum sieht man den nun schon berühmten Schriftsteller beim Sechstagerennen im Berliner Sportpalast.

Hauptgrund der Reise sind diesmal Verhandlungen mit dem Verleger Ernest Rowohlt über die deutschen Rechte zu A Farewell to Arms, das auf Deutsch In einem andern Land heißen wird. Ein Hauen und Stechen entwickelt sich beim Aushandeln der Tantiemen. Rowohlt bietet einen Vorschuss von 200 Dollar, Ernest Hemingway möchte 400 Dollar.

Den Vorschuss zahlt er schließlich bei der Galerie Flechtheim an und erwirbt ein avantgardistisches Gemälde von Paul Klee. Monument in Arbeit. Am 17. November fährt das Trio zurück nach Paris.

Vierter Hemingway-Besuch
Ernest Hemingway, inzwischen in Key West ansässig und auf Stippvisite in Paris, weilt am 1. September 1931 in Berlin. Die Uraufführung von KAT, der Theaterfassung seines Bestsellers In einem andern Land, möchte er mit seiner Anwesenheit beehren. Carl Zuckmayer und Heinz Hilpert haben den Roman für die Bühne adaptiert.

Wiederum wohnt der Schriftsteller im Eden Hotel. Carl Zuckmayer schreibt in seinen Memoiren Als wär’s ein Stück von mir über Hemingway: „Er war schon bei der Ankunft betrunken, trug eine flache Whiskyflasche in der Rocktasche.“ Von der Aufführung kriegt er

Ernest Hemingway und München

Der Brunnen auf dem Marienplatz. München, im April 2022.
Foto: W. Stock

Zum wiederholten Male stolpere ich über einen Ausspruch aus der gewaltigen Zitatentruhe des Ernest Hemingway: Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sag‘ es Ihnen, es geht nichts über München. Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung. Schriftsteller Ernest Hemingway (1899-1961).

So lauten berühmte Sätze, die seit Jahren durch die Gazetten und die Zitatenwelt rauschen. Ernest Hemingway und seine fabelhafte Lobpreisung Münchens. Der spätere Literaturnobelpreisträger sei gefragt worden, so lese ich woanders, welche deutsche Stadt am schönsten sei. München, so die Antwort, es gehe nichts über München. Wow!

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Sogar? Ernest Hemingways berühmtes Zitat über München – leider mit einem kleinen Schönheitsfehler.

Im englischen Original lautet die Textstelle: Let me tell you. Do not go anywhere else. Anywhere else in Germany is a waste of time. There is only Munich. Diese honigsüßen Streicheleinheiten besitzen leider einen kleinen Schönheitsfehler. Die Worte gehen zwar auf Ernest Hemingway zurück, jedoch kommen sie nicht aus seinem Mund.

Am 2. Mai 1923 veröffentlicht Hemingway im Toronto Daily Star unter der Überschrift Getting into Germany einen langen Artikel aus Offenburg über seine Reise ins von Inflation und Wirtschaftskrisen geplagte Nachkriegs-Deutschland. Das ganze Land sehe nicht gerade fröhlich aus, so der Eindruck des Europa-Korrespondenten, Germany did not look very cheerful.

Als der junge Journalist im Bahnhof von Kehl auf seinen Zug nach Offenburg wartet, hilft er einer Frau beim Tragen von Paketen mit Hüten. Wörtlich schreibt Ernest Hemingway dann in seinem Artikel:
Geht es auch nach München?, fragte die Dame und puderte sich die Nase.
– Nein. Nur Offenburg.
– Oh, wie schade. München ist einzigartig. Sind Sie nie da gewesen?
– Nein, bisher nicht.
– Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sag‘ es Ihnen. Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung. Es geht nichts über München.

Im Dialog mit dem 23-jährigen US-Amerikaner kommt die Würdigung Münchens aus dem Mund der Frau mit den Hut-Paketen. Insofern fällt das Zitat dieser namentlich unbekannten Dame zu, nicht Ernest Hemingway.

München kommt im Leben des späteren Nobelpreisträgers des öfteren vor, obwohl er, so wie es aussieht, niemals dort gewesen ist. In einem Brief an Howell G. Jenkins verrät Ernest Hemingway am 2. Februar 1925, dass er aus der Bergwelt im österreichischen Schruns ohne Visa mit den Ski nach Bayern herunterfahren könne. I’m going up to Munich to do some work, blickt er voraus.

Am 14. Dezember 1925 schreibt er aus dem Hotel Taube in Schruns an seine Mutter Grace in Chicago, man werde sich nach München aufmachen, dort einen Privatflieger mieten, und sich über die Alpen zum Hochplateau der Silvretta fliegen lassen. Das Flugzeug werde von einem berühmten deutschen Jagdflieger geflogen, der Spaß koste 75 Mark. Von oben gehe es dann auf Skiern ins Tal.

Schon als junger Kerl zeigt sich Ernest als ein Meister im Aufplustern und im geografischen Namedropping. Obwohl, wo er recht hat, da hat er recht. München ist die beste deutsche Großstadt. Ein Zugereister, der viel von der Welt gesehen hat, mag es beurteilen können. Und Ernest Hemingway, gerade er, besitzt ein feines Gespür für interessante Orte. Paris, Venedig, Pamplona, Ronda, Key West, Havanna. Willkommen in Hemingways Welt! 

Und schließlich München. Ziemlich viel München jedenfalls bei einem, der niemals dort gewesen ist. Seine Faszination zur bayerischen Metropole bleibt lebendig, vielleicht hat die Zeit gefehlt. Möglicherweise lag die bayerische Metropole ein wenig abseits seiner üblichen Routen.

Ein letzter Versuch, Hemingway und München zusammenzubringen. Wenn er in die großen Städte kommt, so

Ernest Hemingway – am Nullpunkt in Paris

Ernest Hemingway lebte sieben Jahre in Paris. Die Stadt hat den Autor aus Chicago nicht vergessen.

Seit Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Stadt an der Seine, es sind mühevolle Lehrjahre. Paris ist in jenen Jahren eine Metropole im Aufbruch. Autoren, Maler und Komponisten auf der Suche nach neuen Ideen zieht es in die Quartiers der Intellektuellen, zudem inspiriert die Lebenslust der Franzosen einen mit den puritanischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsenen Amerikaner. Doch materiell reiht sich der Mann aus einem Vorort von Chicago ein in das Heer mittelloser Schriftsteller aus aller Welt, meist verkrachte Existenzen, die nicht wissen, woher sie das Geld für die nächste Miete nehmen sollen.

Zwar hat der ehrgeizige Mittzwanziger bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, doch diese Schriften sind wenig mehr als Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems befinden sich 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Ernest Hemingway träumt von einem zahlungskräftigen Verlag, doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.

Der junge Familienvater, Sohn John wird 1923 geboren, erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Absage nach der anderen. Damit hat er nicht gerechnet, den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen in Paris die Depressionsschübe. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. Voller Zweifel beginnt er, sich als Autor in Frage zu stellen.

In seinem Heimatland hat Hemingway kein Periodikum gefunden, das seine Kurzgeschichte über Spanien drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei zu hart für die Leser.

 Nach all den Tiefschlägen erreicht ihn eine Zusage, überraschenderweise aus Deutschland. Der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt will ihn veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug werde demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Hermann von Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Ernest Hemingway zeigt sich angetan von dem 24 Jahre älteren Deutschen. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Die Kulturzeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Querschnitt erscheint seit 1921 in Berlin. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre reiht der Großverleger Hermann Ullstein das Magazin in seinen etablierten Propyläen Verlag ein, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 20.000 Exemplare.

Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als eine Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Modernismus, aus Boxsport und Metropolenklatsch, aus Dadaismus und pikanten Aktfotos. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet Hermann von Wedderkop ab 1924 die redaktionelle Linie, der Schriftsteller und Übersetzer besitzt einen klaren Blick für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil.

Der Querschnitt druckt zunächst einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. Der US-Amerikaner zeigt sich begeistert von dem Berliner Zeitgeist-Magazin. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus den Winterferien in Schruns am 9. Januar 1925.

Ernest Hemingways Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus: In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Seine wachsende Selbstsicherheit verdankt der Mann aus Chicago

Wedderkop ist verrückt, schreibt Ernest Hemingway

Ernest Hemingway vor seiner Wohnung in der Rue Notre-Dame-des-Champs, Nummer 13; Paris, ca. 1924. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dieses Land zu hassen, dafür gäbe es in Ernest Hemingway Biografie genug Anlässe. In Fossalta di Piave, zu Ende des Ersten Weltkriegs, wird der junge US-Amerikaner von einer Mörsergranate fast ums Leben gebracht. Ein halbes Jahr muss er im Lazarett in Mailand zusammengeflickt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg erlebt er das brutale Bombardement der Legion Condor gegen die Republik. Und im Zweiten Weltkrieg kauert er nur weniger Kilometer hinter der Frontlinie im Hürtgenwald, einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Kaiser Wilhelm, Hitler, die Nazis – Deutschland zu hassen, müsste ihm leicht fallen. Doch der US-Amerikaner hasst Deutschland und die Deutschen nicht. Vor allem aus einem Grund, ein Mann ist da vor. Sein Name: Hermann von Wedderkop. Heute fast vergessen. Wedderkop ist wunderbar, schreibt Ernest Hemingway. Sie zahlen mir 550 Francs, jubelt er im Januar 1925, der junge Amerikaner hat es in jenen Jahren nicht dicke.

Der unbekannte Ernest Hemingway bietet seine Geschichten wie sauer Bier an. Im seinem Heimatland findet sich kein Periodikum, das die Stories des Newcomer drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber wir können sie nicht veröffentlichen, zeigt er sich resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei für die Leser zu hart.

Ganz anders das Urteil des Hermann von Wedderkop. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er im Januar 1924 stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug wird demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Hemingway und Wedderkop finden einen guten Draht zueinander.

Der Chefredakteur stellt die redaktionelle Linie des Querschnitt vor. Ernest Hemingway fasst Wedderkop Credo zusammen: Zum Teufel mit all der Vornehmtuerei und den Kirmesbuden der Eitelkeit. Gebt dem Leser die volle Dröhnung. Er veröffentlicht großartige Boxfotos und Fotos von all den schicken Frauenzimmern in Europa. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Von Wedderkop ist Chefredakteur der Monatszeitschrift Der Querschnitt, die Gedichte und eine zweiteilige Stierkampf-Story im Sommer 1925 von im abdruckt. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus Schruns am 9. Januar 1925 an William Smith.

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Ernest Hemingway ist begeistert von der Januar-Ausgabe des Querschnitt im Jahr 1925.

Der Amerikaner in Paris ist ganz vernarrt in Der Querschnitt aus Berlin. Seine Mentorin Gertrude Stein fragt Ernest Hemingway am 20. Januar 1925 aus dem österreichischen Schruns, wo er mit seiner Frau Hadley und dem einjährigen Sohn John die Winterferien verbringt: Habt Ihr die Januar-Ausgabe vom Querschnitt gesehen? Mit der berühmten Rede von Juan Gris und vielen Abdrucken von Gris. Ich habe die Ausgabe heute erhalten. Sie sieht sehr seriös aus, aber immer noch lebhaft. Wunderschön umgesetzt. Was habt Ihr von Wedderkop gehört? 

Der aufstrebende Schriftsteller begeistert sich immer mehr an dem Monatsmagazin. An Jane Heap schreibt er am 5. April 1925: Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Kaum ein Verleger, den Hemingway so ins Herz geschlossen wie den Deutschen. Der Amerikaner macht sich lustig über ihn, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Ernest seinen Verleger, den Wedderschnitt vom Querkopf.

Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Mecklenburg

Ernest Hemingway und die Nürnberger Prozesse

Ernest Hemingway 1944 im Zweiten Weltkrieg als Korrespondent mit der US-Army. Er bauscht gerne auf: Gibt sich wie ein General, ist jedoch nur Presseberichterstatter. Credit Line: Ernest Hemingway Collection at the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wir besitzen es schwarz auf weiß. „Schriftsteller und Journalisten aus aller Welt wurden während der Nürnberger Prozesse auf Schloss Stein untergebracht. Ernest Hemingway und John Steinbeck lebten auf dem Sitz der Faber-Castells monatelang mit Kollegen aus aller Welt zusammen.“ So steht es im SPIEGEL. Und auch DIE ZEIT lässt Ernest Hemingway nach Nürnberg anreisen: „Ernest Hemingway, John Steinbeck und John Dos Passos reisten an. Sie wohnten etwas außerhalb auf Schloss Stein, dem Sitz der Faber-Castells.“

Egal, wo man hinschaut, Ernest Hemingway war Kriegsberichterstatter als den verantwortlichen Nazi-Verbrechern in Nürnberg der Prozeß gemacht wurde. Und munter werden ziemlich bunte Geschichten erzählt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt gar, Hemingway habe sich über die mangelnde Qualität der fränkische Weine ausgelassen. Dabei sei der berühmte Amerikaner, nur mit einem Frottiertuch um die Hüften, im Hotelzimmer, das mit Kollegen geteilt wurde, herumgelaufen.

Wikipedia, Radio, Bücher – für alle war Ernest Hemingway in Nürnberg. Dort, wo zwischen dem 20. November 1945 und dem 1. Oktober 1946, als die Urteile verkündete wurden, die Nazis-Oberen vor dem Gericht der freien Welt zur Verantwortung gezogen wurden. Angeklagt wurden insgesamt 24 Personen als Hauptkriegsverbrecher, unter anderen Hermann Göring, der Chef der Luftwaffe, Rudolf Hess, Hitlers Stellvertreter, die Generäle Jodl und Keitel.

Und Ernest Hemingway sitzt auf der Pressebank und berichtet. Das Ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Es stimmt nicht. Während den Nazis in Nürnberg der Prozess gemacht wurde, befindet sich Ernest Hemingway auf

Ernest Hemingway in Köln

Die Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I an der südlichen rechtsrheinischen Rampe zur Hohenzollernbrücke in Köln.
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ernest Hemingway ist gut unterwegs in Europa. In einem Brief an William D. Horne vom 17. Juli 1923 blickt er zurück: Und wir flogen (von Paris, W.S.) nach Straßburg, und wir wanderten durch den gesamten Schwarzwald und fischten Forellen, wir fingen viele, und wohnten in kleinen Gasthäusern, und wir machten miteinander Liebe, und wir fuhren dann den Rhein entlang von Frankfurt nach Köln und besuchten Chink.

Nach ihrem Schwarzwaldurlaub unternehmen Ernest und Hadley Ende August 1922 von Mainz aus eine lange Schiffsfahrt durch das Rheintal. Und im Frühjahr kann man am Rhein sehr gut Enten jagen. Als wir im vorigen Frühjahr auf dem Rhein von Mainz hinunter nach Köln reisten, begegneten wir Enten in rauen Mengen, schreibt Ernest Hemingway in seinem Artikel Game-Shooting in Europe für den Toronto Star am 3. November 1923. Hemingways Reise fand zwar nicht im Frühjahr statt, sondern tatsächlich im Spätsommer, wir wollen jedoch nicht kleinlich sein, kreative Freiheit.

Die Hemingways passieren den Abschnitt, den die Bewohner als Romantischen Rhein bezeichnen, Rüdesheim, die Burg Katz, den Loreley-Felsen, schließlich erreicht das Ehepaar Koblenz. Von dort geht es weiter, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins wie Linz und Unkel, bis die beiden Amerikaner schließlich in Köln eintreffen.

Wegen seiner zentralen Lage ist Köln ein Drehkreuz zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd. Über das Rheinland sind die Soldaten an die Westfront marschiert, hierher kommt die geschlagene Armee nach der Niederlage 1918 wieder zurück. Köln wird zur Lazarettstadt, Zerstörung, Not und Hunger beherrschen die Stadt. Der Journalist, der für eine kanadische Tageszeitung schreibt, wäre am liebsten im Grandhotel Excelsior Ernst direkt am Bahnhof untergekommen, dort allerdings haben die britischen Besatzungstruppen ihr Quartier aufgeschlagen. 

Wirtschaftlich und moralisch liegt das Rheinland am Boden. Von der Lebenszugewandtheit seiner Bürger bekommt Ernest Hemingway wenig mit. Land und Region befinden sich in Unruhe, auf die Hohenzollern entlädt sich die Wut der Bevölkerung. Wilhelm I und II haben unsägliches Elend über Deutschland gebracht. Das Vermögen der Deutschen ist in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, das Land liegt in Trümmern, man hat sie in eine Schlacht geschickt, die noch sinnloser war als die meisten Kriege.

Der 23-jährige Hemingway kann als Vertreter der Siegermacht die angenehmen Seiten des Währungsverfalls ausleben. An die Familie in Chicago schreibt er am 25. August 1922 einen enthusiastischen Brief: Mit 62 Mark kann man sechs Bier im Krug kaufen. Zehn Tageszeitungen. Fünf Pfund Speiseäpfel, oder eine Eintrittskarte fürs Theater. Ich versuche, Euch das nächste Mal etwas von dem schmucken Geld zu schicken. Die Deutschen haben einige Geldscheine, die sehr schön sind. Ich habe ein paar für Euch zurückgehalten, musste sie dann aber doch ausgeben. Ernie.

Die Rampen der Dombrücke werden von Monumenten preußischer Könige und deutscher Kaiser flankiert. Die rechtsrheinische Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. und das linksrheinische Reiterstandbild von Wilhelm II. symbolisieren das Zeitalter der verhassten Hohenzollern-Herrscher in der Rheinprovinz. Ernest Hemingway informiert darüber im Toronto Star Weekly am 30. September 1922 aus der Domstadt. Riots are Frequent Throughout Germany lautet die Überschrift seines Artikels.

Ein paar Tage vor Hemingways Ankunft haben die Kölner ihren ehemaligen Kaiser vom Sockel stürzen wollen. Die riesige Reiterstatue von Kaiser Wilhelm, die auf der Kölner Seite der schönen Hohenzollernbrücke über den Rhein steht, weist alle Spuren eines kürzlichen Vorfalls auf, als Deutsche zeigten, was noch in ihnen steckte. Die beiden Mauervorsprünge an Wilhelms mächtigen Eisenstiefeln waren abgebrochen und die Klinge seines Schwertes ist verschwunden. All das wurde zerschlagen, als einige Kölner versuchten, die gewaltige Statue umzustürzen. Es war ein Handgemenge, das als Revolution angelegt war und als kleiner Tumult endete.

Ein Polizist, der versucht die Verwüstung des Denkmals zu stoppen, wird von der Menge ohne lange zu fackeln in

Ein deutscher Chefredakteur entdeckt den unbekannten Ernest Hemingway

Der Schwerpunkt von Der Querschnitt liegt weniger beim turbulenten Zeitgeschehen und der althergebrachten Kultur, sondern bei avantgardistischer Kunst und den modernen Autoren. 

Im Berlin der Weimarer Republik erscheint seit 1921 eine kleinformatige Kulturzeitschrift mit dem merkwürdigen Namen Der Querschnitt. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre übernimmt der renommierte Verleger Hermann Ullstein mit seinem etablierten Propyläen Verlag das Magazin, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 10.000 Exemplare.

Chefredakteur und Herausgeber wird ab 1924 der Schriftsteller und Übersetzer Hermann von Wedderkop, der einen scharfen Blick besitzt für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil. Aus Paris angeboten wird das Manuskript eines gänzlich unbekannten 25-jährigen US-Amerikaners veröffentlicht. In Heft 6, dem Sommerheft des Jahres 1925, schreibt ein Ernest Hemingway über Stierkampf. Im darauf folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung.

Die Kurzgeschichte mit gut 30 Seiten, von B. Bessmertny übersetzt, handelt von dem abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Der ehemals berühmte Matador erhält das Angebot, gegen ein Gnadenbrot einen letzten Stierkampf zu bestreiten. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird Manuel Garcia von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Krankenhaus gebracht. Der Matador kommt auf den Operationstisch. Den Ausgang der Geschichte lässt Hemingway offen.

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Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Zeitgeist, aus Boxsport und Metropolenklatsch, aus Dadaismus und künstlerischen Aktfotos.

Nach Der Querschnitt tritt Hemingways Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben. Der Name Ernest Hemingway beginnt zu leuchten.

Gerade in den Jahren 1924 und 1925, es sind Ernest Hemingways mühevolle Lehrjahre in Paris, taucht der Amerikaner aus Chicago wiederholt in den Spalten der Berliner Kulturzeitschrift auf. Zwar hat er in den Monaten zuvor in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, sie gehören Expat-Freunden von ihm, in einem großen Haus wie Ullstein ist allerdings noch nichts gedruckt worden. Auch in seiner Heimat

Im Hürtgenwald verzweifelt Ernest Hemingway am Krieg

Mit der Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway hat es ein Ende nach dem Abschlachten im Hürtgenwald bei Aachen.

Für das amerikanische Wochenmagazin Collier’s hat Ernest Hemingway von der Landung in der Normandie berichtet und über die Befreiung von Paris geschrieben. Nun steht der berühmte Kriegskorrespondent an der deutschen Westfront, wo die US-Truppen vom heftigen Widerstand der Wehrmacht überrascht werden. Die Siegfried-Linie ist überwunden, doch der Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren wird im Winter 1944/1945 eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs erleben.

Die Verluste auf beiden Seiten sind erschreckend, in dem unübersichtlichen Waldgebiet fallen die Soldaten zu Tausenden. Wir bekamen Ersatz, aber ich kann mich erinnern, dass ich dachte, es wäre einfacher und zweckdienlicher, sie direkt in der Gegend zu erschießen, wo man sie auslud, anstatt den Versuch zu machen, sie von dort, wo sie getötet werden würden, zurückzuschaffen und zu begraben. Die Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway weicht im Hürtgenwald zunächst einem kalten Zynismus.

Nach achtzehn Tagen an der Front des Hürtgenwaldes kehrt der Schriftsteller Anfang Dezember 1944 zurück nach Paris, desillusioniert und krank, eine Lungenentzündung plagt ihn, er macht sich schnell auf in die USA, von dort zu seinem Wohnort Finca Vigía. In Kuba angekommen, fällt Ernest Hemingway in eine tiefe Depression. Der Hürtgenwald ist das nackte Grauen gewesen, weit jenseits der Grenze dessen, was der Mensch dem Menschen antun darf. Wenn für die Brutalität, weil sie jede menschliche Vorstellungskraft sprengt, auch die Worte fehlen, dann braucht es einen literarischen Großmeister, um das Geschehen für die Nachwelt in Sätze zu fassen. 

Und so erwartet nun alle Welt von Ernest Hemingway den großen Anti-Kriegsroman, einen Roman, in dem er abrechnet mit all dem Terror und Völkermord. Doch von Ernest Hemingway kommt nichts. Im Jahr 1950 erscheint eine nette Erzählung, Across the River and into the Trees, in dessen Mittelpunkt der amerikanische Kriegsveteran Richard Cantwell steht. Colonel Cantwell, der beide Weltkriege mitgemacht hat, trifft im Gritti seine junge Geliebte, die wunderschöne Venezianerin Contessa Renata. Der Colonel ist krank, verbittert und kriegsmüde. 

Als Über den Fluss und in die Wälder erscheint, da halten nur wenige Literaturkritiker das Werk für gelungen. John Dos Passos, der Freund, schreibt ernüchtert über das Werk: „Wie kann ein einfühlsamer Mann wie er nur solch einen Scheißdreck zu Papier bringen?“ Dos ist nicht der einzige, der mit dem Roman über Venedig und die Lagune wenig anfangen kann. Der Geschichte um den Oberst Cantwell und die Contessa Renata wird bei Kritik und Lesern als zu geschwätzig und zu gekünstelt abgetan. Seine Leser nehmen die Erzählung als Enttäuschung wahr, Ernest zeigt sich gekränkt.

Trotz einiger Schwächen besitzt

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