Auf den Fersen von Ernest Hemingway

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Wedderkop ist verrückt, schreibt Ernest Hemingway

Ernest Hemingway vor seiner Wohnung in der Rue Notre-Dame-des-Champs, Nummer 13; Paris, ca. 1924. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dieses Land zu hassen, dafür gäbe es in Ernest Hemingway Biografie genug Anlässe. In Fossalta di Piave, zu Ende des Ersten Weltkriegs, wird der junge US-Amerikaner von einer Mörsergranate fast ums Leben gebracht. Ein halbes Jahr muss er im Lazarett in Mailand zusammengeflickt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg erlebt er das brutale Bombardement der Legion Condor gegen die Republik. Und im Zweiten Weltkrieg kauert er nur weniger Kilometer hinter der Frontlinie im Hürtgenwald, einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Kaiser Wilhelm, Hitler, die Nazis – Deutschland zu hassen, müsste ihm leicht fallen. Doch der US-Amerikaner hasst Deutschland und die Deutschen nicht. Vor allem aus einem Grund, ein Mann ist da vor. Sein Name: Hermann von Wedderkop. Heute fast vergessen. Wedderkop ist wunderbar, schreibt Ernest Hemingway. Sie zahlen mir 550 Francs, jubelt er im Januar 1925, der junge Amerikaner hat es in jenen Jahren nicht dicke.

Der unbekannte Ernest Hemingway bietet seine Geschichten wie sauer Bier an. Im seinem Heimatland findet sich kein Periodikum, das die Stories des Newcomer drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber wir können sie nicht veröffentlichen, zeigt er sich resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei für die Leser zu hart.

Ganz anders das Urteil des Hermann von Wedderkop. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er im Januar 1924 stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug wird demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Hemingway und Wedderkop finden einen guten Draht zueinander.

Der Chefredakteur stellt die redaktionelle Linie des Querschnitt vor. Ernest Hemingway fasst Wedderkop Credo zusammen: Zum Teufel mit all der Vornehmtuerei und den Kirmesbuden der Eitelkeit. Gebt dem Leser die volle Dröhnung. Er veröffentlicht großartige Boxfotos und Fotos von all den schicken Frauenzimmern in Europa. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Von Wedderkop ist Chefredakteur der Monatszeitschrift Der Querschnitt, die Gedichte und eine zweiteilige Stierkampf-Story im Sommer 1925 von im abdruckt. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus Schruns am 9. Januar 1925 an William Smith.

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Ernest Hemingway ist begeistert von der Januar-Ausgabe des Querschnitt im Jahr 1925.

Der Amerikaner in Paris ist ganz vernarrt in Der Querschnitt aus Berlin. Seine Mentorin Gertrude Stein fragt Ernest Hemingway am 20. Januar 1925 aus dem österreichischen Schruns, wo er mit seiner Frau Hadley und dem einjährigen Sohn John die Winterferien verbringt: Habt Ihr die Januar-Ausgabe vom Querschnitt gesehen? Mit der berühmten Rede von Juan Gris und vielen Abdrucken von Gris. Ich habe die Ausgabe heute erhalten. Sie sieht sehr seriös aus, aber immer noch lebhaft. Wunderschön umgesetzt. Was habt Ihr von Wedderkop gehört? 

Der aufstrebende Schriftsteller begeistert sich immer mehr an dem Monatsmagazin. An Jane Heap schreibt er am 5. April 1925: Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Kaum ein Verleger, den Hemingway so ins Herz geschlossen wie den Deutschen. Der Amerikaner macht sich lustig über ihn, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Ernest seinen Verleger, den Wedderschnitt vom Querkopf.

Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Mecklenburg

Ernest Hemingway und die Nürnberger Prozesse

Ernest Hemingway 1944 im Zweiten Weltkrieg als Korrespondent mit der US-Army. Er bauscht gerne auf: Gibt sich wie ein General, ist jedoch nur Presseberichterstatter. Credit Line: Ernest Hemingway Collection at the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wir besitzen es schwarz auf weiß. „Schriftsteller und Journalisten aus aller Welt wurden während der Nürnberger Prozesse auf Schloss Stein untergebracht. Ernest Hemingway und John Steinbeck lebten auf dem Sitz der Faber-Castells monatelang mit Kollegen aus aller Welt zusammen.“ So steht es im SPIEGEL. Und auch DIE ZEIT lässt Ernest Hemingway nach Nürnberg anreisen: „Ernest Hemingway, John Steinbeck und John Dos Passos reisten an. Sie wohnten etwas außerhalb auf Schloss Stein, dem Sitz der Faber-Castells.“

Egal, wo man hinschaut, Ernest Hemingway war Kriegsberichterstatter als den verantwortlichen Nazi-Verbrechern in Nürnberg der Prozeß gemacht wurde. Und munter werden ziemlich bunte Geschichten erzählt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt gar, Hemingway habe sich über die mangelnde Qualität der fränkische Weine ausgelassen. Dabei sei der berühmte Amerikaner, nur mit einem Frottiertuch um die Hüften, im Hotelzimmer, das mit Kollegen geteilt wurde, herumgelaufen.

Wikipedia, Radio, Bücher – für alle war Ernest Hemingway in Nürnberg. Dort, wo zwischen dem 20. November 1945 und dem 1. Oktober 1946, als die Urteile verkündete wurden, die Nazis-Oberen vor dem Gericht der freien Welt zur Verantwortung gezogen wurden. Angeklagt wurden insgesamt 24 Personen als Hauptkriegsverbrecher, unter anderen Hermann Göring, der Chef der Luftwaffe, Rudolf Hess, Hitlers Stellvertreter, die Generäle Jodl und Keitel.

Und Ernest Hemingway sitzt auf der Pressebank und berichtet. Das Ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Es stimmt nicht. Während den Nazis in Nürnberg der Prozess gemacht wurde, befindet sich Ernest Hemingway auf

Ernest Hemingway in Köln

Die Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I an der südlichen rechtsrheinischen Rampe zur Hohenzollernbrücke in Köln.
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ernest Hemingway ist gut unterwegs in Europa. In einem Brief an William D. Horne vom 17. Juli 1923 blickt er zurück: Und wir flogen (von Paris, W.S.) nach Straßburg, und wir wanderten durch den gesamten Schwarzwald und fischten Forellen, wir fingen viele, und wohnten in kleinen Gasthäusern, und wir machten miteinander Liebe, und wir fuhren dann den Rhein entlang von Frankfurt nach Köln und besuchten Chink.

Nach ihrem Schwarzwaldurlaub unternehmen Ernest und Hadley Ende August 1922 von Mainz aus eine lange Schiffsfahrt durch das Rheintal. Und im Frühjahr kann man am Rhein sehr gut Enten jagen. Als wir im vorigen Frühjahr auf dem Rhein von Mainz hinunter nach Köln reisten, begegneten wir Enten in rauen Mengen, schreibt Ernest Hemingway in seinem Artikel Game-Shooting in Europe für den Toronto Star am 3. November 1923. Hemingways Reise fand zwar nicht im Frühjahr statt, sondern tatsächlich im Spätsommer, wir wollen jedoch nicht kleinlich sein, kreative Freiheit.

Die Hemingways passieren den Abschnitt, den die Bewohner als Romantischen Rhein bezeichnen, Rüdesheim, die Burg Katz, den Loreley-Felsen, schließlich erreicht das Ehepaar Koblenz. Von dort geht es weiter, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins wie Linz und Unkel, bis die beiden Amerikaner schließlich in Köln eintreffen.

Wegen seiner zentralen Lage ist Köln ein Drehkreuz zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd. Über das Rheinland sind die Soldaten an die Westfront marschiert, hierher kommt die geschlagene Armee nach der Niederlage 1918 wieder zurück. Köln wird zur Lazarettstadt, Zerstörung, Not und Hunger beherrschen die Stadt. Der Journalist, der für eine kanadische Tageszeitung schreibt, wäre am liebsten im Grandhotel Excelsior Ernst direkt am Bahnhof untergekommen, dort allerdings haben die britischen Besatzungstruppen ihr Quartier aufgeschlagen. 

Wirtschaftlich und moralisch liegt das Rheinland am Boden. Von der Lebenszugewandtheit seiner Bürger bekommt Ernest Hemingway wenig mit. Land und Region befinden sich in Unruhe, auf die Hohenzollern entlädt sich die Wut der Bevölkerung. Wilhelm I und II haben unsägliches Elend über Deutschland gebracht. Das Vermögen der Deutschen ist in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, das Land liegt in Trümmern, man hat sie in eine Schlacht geschickt, die noch sinnloser war als die meisten Kriege.

Der 23-jährige Hemingway kann als Vertreter der Siegermacht die angenehmen Seiten des Währungsverfalls ausleben. An die Familie in Chicago schreibt er am 25. August 1922 einen enthusiastischen Brief: Mit 62 Mark kann man sechs Bier im Krug kaufen. Zehn Tageszeitungen. Fünf Pfund Speiseäpfel, oder eine Eintrittskarte fürs Theater. Ich versuche, Euch das nächste Mal etwas von dem schmucken Geld zu schicken. Die Deutschen haben einige Geldscheine, die sehr schön sind. Ich habe ein paar für Euch zurückgehalten, musste sie dann aber doch ausgeben. Ernie.

Die Rampen der Dombrücke werden von Monumenten preußischer Könige und deutscher Kaiser flankiert. Die rechtsrheinische Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. und das linksrheinische Reiterstandbild von Wilhelm II. symbolisieren das Zeitalter der verhassten Hohenzollern-Herrscher in der Rheinprovinz. Ernest Hemingway informiert darüber im Toronto Star Weekly am 30. September 1922 aus der Domstadt. Riots are Frequent Throughout Germany lautet die Überschrift seines Artikels.

Ein paar Tage vor Hemingways Ankunft haben die Kölner ihren ehemaligen Kaiser vom Sockel stürzen wollen. Die riesige Reiterstatue von Kaiser Wilhelm, die auf der Kölner Seite der schönen Hohenzollernbrücke über den Rhein steht, weist alle Spuren eines kürzlichen Vorfalls auf, als Deutsche zeigten, was noch in ihnen steckte. Die beiden Mauervorsprünge an Wilhelms mächtigen Eisenstiefeln waren abgebrochen und die Klinge seines Schwertes ist verschwunden. All das wurde zerschlagen, als einige Kölner versuchten, die gewaltige Statue umzustürzen. Es war ein Handgemenge, das als Revolution angelegt war und als kleiner Tumult endete.

Ein Polizist, der versucht die Verwüstung des Denkmals zu stoppen, wird von der Menge ohne lange zu fackeln in

Ein deutscher Chefredakteur entdeckt den unbekannten Ernest Hemingway

Der Schwerpunkt von Der Querschnitt liegt weniger beim turbulenten Zeitgeschehen und der althergebrachten Kultur, sondern bei avantgardistischer Kunst und den modernen Autoren. 

Im Berlin der Weimarer Republik erscheint seit 1921 eine kleinformatige Kulturzeitschrift mit dem merkwürdigen Namen Der Querschnitt. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre übernimmt der renommierte Verleger Hermann Ullstein mit seinem etablierten Propyläen Verlag das Magazin, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 10.000 Exemplare.

Chefredakteur und Herausgeber wird ab 1924 der Schriftsteller und Übersetzer Hermann von Wedderkop, der einen scharfen Blick besitzt für die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil. Aus Paris angeboten wird das Manuskript eines gänzlich unbekannten 25-jährigen US-Amerikaners veröffentlicht. In Heft 6, dem Sommerheft des Jahres 1925, schreibt ein Ernest Hemingway über Stierkampf. Im darauf folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung.

Die Kurzgeschichte mit gut 30 Seiten, von B. Bessmertny übersetzt, handelt von dem abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Der ehemals berühmte Matador erhält das Angebot, gegen ein Gnadenbrot einen letzten Stierkampf zu bestreiten. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird Manuel Garcia von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Krankenhaus gebracht. Der Matador kommt auf den Operationstisch. Den Ausgang der Geschichte lässt Hemingway offen.

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Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als Wundertüte mit einem wilden Mix aus Jazz und Zeitgeist, aus Boxsport und Metropolenklatsch, aus Dadaismus und künstlerischen Aktfotos.

Nach Der Querschnitt tritt Hemingways Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben. Der Name Ernest Hemingway beginnt zu leuchten.

Gerade in den Jahren 1924 und 1925, es sind Ernest Hemingways mühevolle Lehrjahre in Paris, taucht der Amerikaner aus Chicago wiederholt in den Spalten der Berliner Kulturzeitschrift auf. Zwar hat er in den Monaten zuvor in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, sie gehören Expat-Freunden von ihm, in einem großen Haus wie Ullstein ist allerdings noch nichts gedruckt worden. Auch in seiner Heimat

Im Hürtgenwald verzweifelt Ernest Hemingway am Krieg

Mit der Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway hat es ein Ende nach dem Abschlachten im Hürtgenwald bei Aachen.

Für das amerikanische Wochenmagazin Collier’s hat Ernest Hemingway von der Landung in der Normandie berichtet und über die Befreiung von Paris geschrieben. Nun steht der berühmte Kriegskorrespondent an der deutschen Westfront, wo die US-Truppen vom heftigen Widerstand der Wehrmacht überrascht werden. Die Siegfried-Linie ist überwunden, doch der Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren wird im Winter 1944/1945 eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs erleben.

Die Verluste auf beiden Seiten sind erschreckend, in dem unübersichtlichen Waldgebiet fallen die Soldaten zu Tausenden. Wir bekamen Ersatz, aber ich kann mich erinnern, dass ich dachte, es wäre einfacher und zweckdienlicher, sie direkt in der Gegend zu erschießen, wo man sie auslud, anstatt den Versuch zu machen, sie von dort, wo sie getötet werden würden, zurückzuschaffen und zu begraben. Die Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway weicht im Hürtgenwald zunächst einem kalten Zynismus.

Nach achtzehn Tagen an der Front des Hürtgenwaldes kehrt der Schriftsteller Anfang Dezember 1944 zurück nach Paris, desillusioniert und krank, eine Lungenentzündung plagt ihn, er macht sich schnell auf in die USA, von dort zu seinem Wohnort Finca Vigía. In Kuba angekommen, fällt Ernest Hemingway in eine tiefe Depression. Der Hürtgenwald ist das nackte Grauen gewesen, weit jenseits der Grenze dessen, was der Mensch dem Menschen antun darf. Wenn für die Brutalität, weil sie jede menschliche Vorstellungskraft sprengt, auch die Worte fehlen, dann braucht es einen literarischen Großmeister, um das Geschehen für die Nachwelt in Sätze zu fassen. 

Und so erwartet nun alle Welt von Ernest Hemingway den großen Anti-Kriegsroman, einen Roman, in dem er abrechnet mit all dem Terror und Völkermord. Doch von Ernest Hemingway kommt nichts. Im Jahr 1950 erscheint eine nette Erzählung, Across the River and into the Trees, in dessen Mittelpunkt der amerikanische Kriegsveteran Richard Cantwell steht. Colonel Cantwell, der beide Weltkriege mitgemacht hat, trifft im Gritti seine junge Geliebte, die wunderschöne Venezianerin Contessa Renata. Der Colonel ist krank, verbittert und kriegsmüde. 

Als Über den Fluss und in die Wälder erscheint, da halten nur wenige Literaturkritiker das Werk für gelungen. John Dos Passos, der Freund, schreibt ernüchtert über das Werk: „Wie kann ein einfühlsamer Mann wie er nur solch einen Scheißdreck zu Papier bringen?“ Dos ist nicht der einzige, der mit dem Roman über Venedig und die Lagune wenig anfangen kann. Der Geschichte um den Oberst Cantwell und die Contessa Renata wird bei Kritik und Lesern als zu geschwätzig und zu gekünstelt abgetan. Seine Leser nehmen die Erzählung als Enttäuschung wahr, Ernest zeigt sich gekränkt.

Trotz einiger Schwächen besitzt

Ernest Hemingways Bücher werden verbrannt

Ernest Hemingways Anti-Kriegsroman In einem andern Land wird von den Nazis im Jahr 1933 öffentlich verbrannt.

Die Bücherverbrennung in Deutschland am 10. Mai 1933 ist eines der ganz dunklen Kapitel deutschen Kulturlebens. Es sind deutsche Studenten gewesen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 in einer genau geplanten und emotional inszenierten Darbietung die Werke von kritischen Schriftstellern ins lodernde Feuer werfen.

Die Bücher von pazifistischen, linken und jüdischen Autorinnen und Autoren werden auf dem ehemaligen Berliner Opernplatz und in 21 weiteren deutschen Universitätsstädten unter dem Gejohle der Zuschauer verbrannt. In München findet das abscheuliche Spektakel gleich zweimal statt, am 6. und 10. Mai, jedes Mal auf dem riesigen Königsplatz.

Die Bücher von Joseph Roth, von Anna Seghers, von Carl von Ossietzky, von Ernst Toller, von Erich Maria Remarque, von Oskar Maria Graf, von Bert Brecht, von Joachim Ringelnatz, von B. Traven, von Lion Feuchtwanger, von Alfred Döblin, von Klaus Mann und von vielen anderen werden den Flammen übergeben. Auch die Bücher von Erich Kästner werden verbrannt.

Erich Kästner ist der einzige, der die Verbrennung der eigenen Bücher beobachtet: „Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Die Bücherverbrennung beschränkt sich nicht auf deutschsprachige Autoren. Auch die Werke von modernen französischen, russischen und amerikanischen Schriftstellern wie André Gide, Maxim Gorki, Jack London und John Dos Passos werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Und ebenso die Bücher des Ernest Hemingway.

Die Nazi haben damals sein Buch In einem andern Land verbrannt. Im Jahr 1929 als A Farewell to Arms in den USA erschienen, verarbeitet Ernest Hemingway seine Erlebnisse an der italienischen Front während des Ersten Weltkriegs. Neben dem Kriegsschauspiel erzählt

Ernest Hemingway und seine deutsche Übersetzerin

Annemarie Horschitz-Horst war über Jahrzehnte Ernest Hemingways Echo in die deutschsprachige Welt

Die Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst, die Ernest Hemingways Prosa über Jahrzehnte ins Deutsche übertragen hat, ist unter Kennern der Materie umstritten. Die Vorwürfe an sie sind nicht ohne: Ihre Übersetzung sei oft falsch und oberflächlich, sie treffe diesen lakonischen Tonfall von Ernest Hemingways Prosa nicht immer.

Handwerklich würde es hapern, so habe die Übersetzerin die hemingway’schen Adjektive beautiful, fine, lovely und wonderful allesamt mit wunderbar übersetzt. Den gossensprachlichen Fluch Son of a bitch schwächt sie verharmlosend zu einer verdammten Person ab. Und wo bei Ernest Hemingway ein Liebespärchen kurz und knackig make love machen, da geben sie sich bei Frau Horschitz-Horst etwas gewunden der Liebe hin.

Der Marlin aus Der alte Mann und das Meer, eigentlich ein Blaumarlin, wird in einer deutschen Übersetzung gar zum Schwertfisch, wo doch in Wirklichkeit ein Marlin als Raubfisch der Familie der Speerfische zugehörig ist. Wenn man sich als Übersetzer an Ernest Hemingway herantraut, dann muss man mit der Fauna, speziell den Fischen und Stieren, den Angler-Begriffen, dem Fischer-, Ganoven- und Säufer-Slang, und dazu am besten noch mit dem Spanischen und mit dem kubanischen Spanisch auf Du und Du stehen.

Ich sehe die Vorwürfe nicht gar so kritisch. In meinen Augen hat Annemarie Hulda Julie Horschitz-Horst, so ihr vollständiger Name, den Ernest Hemingway fundiert, in manchen Passagen sogar großartig in die deutsche Sprache übertragen. Frau Horschitz-Horst hat ihre Sache gewiss recht ordentlich gemacht, zumal vor 70 Jahren. Man darf nicht vergessen, wie schwierig es ist, die knappe Prosa vom Amerikanischen ins wortlängere Deutsche zu übersetzen. Und besonders diese einfache Prosa Ernest Hemingways ist irrsinnig schwer zu übersetzen.

Seinen berühmten Ausspruch aus Der alte Mann und das Meer, jene Botschaft, dass ein Mensch nicht aufgeben darf, ‚But a man is not made for defeat‘, he said. ‚A man can be destroyed but not defeated‘ übersetzt Frau Horschitz-Horst mit ‚Aber der Mensch darf nicht aufgeben‘, sagte er. ‚Man kann zerstört werden, aber man darf nicht aufgeben‘. In einer neuen überaus gelungenen Übersetzung von Werner Schmitz heißt die Passage nun: ‚Aber der Mensch ist nicht dafür gemacht, sich besiegen zu lassen‘, sagte er. ‚Man kann einen Mann vernichten, aber nicht besiegen‘. Dieter E. Zimmer übersetzt im Jahr 1979 den Ausspruch auf den Punkt als ‚Ein Mann kann zerstört werden, aber nicht besiegt‘.

Man sieht, es kommt bei Ernest Hemingways knapper Prosa auf feinste Nuancen an, eine sorgsame Übersetzung dreht sich schon in Richtung

Ernest Hemingway schaut sich um in Deutschland

Ernest Hemingway im September 1921. Ein junger Mann, die Welt steht ihm offen.

Gleich mehrmals hat sich Ernest Hemingway in Deutschland umgesehen. Nach den drei Wochen Angelurlaub im Schwarzwald begeben sich Ernest Hemingway und Ehefrau Hadley mit dem Zug nach Frankfurt, und von Mainz aus unternehmen sie eine lange Schiffsfahrt auf dem Rhein über Koblenz, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins, bis hinunter nach Köln.

Von Köln aus fährt das Ehepaar Hemingway am 31. August 1922 mit dem Zug zurück nach Paris. In Deutschland lasse sich für Cent-Beträge leben, schreibt Ernest Hemingway an seine Mentorin Gertrude Stein, doch ihn überkomme die Sehnsucht nach Paris. Die Metropole an der Seine ist die Stadt des Lichtes, unerreicht auf diesem Globus, besonders für Intellektuelle jener Jahre.

Ernest Hemingway fährt in den den 1920er Jahren mehrmals nach Deutschland. Nach seinem langen Urlaub im Schwarzwald begibt sich der junge Korrespondent im April 1923 für zehn Tage in die Ruhrregion, um dort über die angespannten deutsch-französischen Beziehungen zu berichten, die sich auf Grund der Reparationsforderungen in einem äußerst fragilem Zustand befinden.

Zehn Artikel schreibt der junge Journalist von dieser Reise für den Toronto Star. Treffend analysiert der junge Korrespondent die heikle politische Lage jener Tage, und unterhaltsam lesen sich seine Reportagen obendrein. Am 8. April 1923 besucht Ernest seinen Freund Eric Chink Dorman-Smith, der als britische Besatzungssoldat bei der British Occupation Garrison im Rheinland stationiert ist.

Im November 1927 reist Ernest Hemingway mit seiner neuen Frau Pauline Pfeiffer für neun Tage nach

Forelle essen im Hotel Wehrle

Auch in der Bar des Hotel Wehrle wird an Ernest Hemingway erinnert.
Photo by W. Stock

Ernest Hemingway, er ist gerade 23 Jahre alt geworden, und seine Ehefrau Hadley fliegen in einem Doppeldecker von Paris nach Straßburg, sie nehmen das Flugzeug anstatt acht Stunden im Zug zu sitzen, für Hadley ist es die erste Flugreise überhaupt. Am 4. August 1922 treffen sie sich mit zwei befreundeten amerikanischen Ehepaaren in Straßburg und überqueren die Rhein-Grenze nach Kehl.

Gut drei Wochen werden das junge Ehepaar Hemingway und die Freunde im Schwarzwald bleiben – Ernest und Hadley haben im September des Vorjahres in Horton’s Bay in Michigan geheiratet. Ziel der Jungvermählten ist das Elztal, eine ländliche Region im Schwarzwald, gut 30 Kilometer nordöstlich von Freiburg, das sie nach einer fünfstündigen Zugfahrt erreichen.

Die Hyper-Inflation der Nachkriegsjahre lässt die US-Amerikaner in Deutschland leben wie die Fürsten, für ihre Dollars bekommen sie von Tag zu Tag mehr und mehr Mark. Eine preiswerte Gelegenheit, der stickigen Sommerhitze der französischen Hauptstadt zu entfliehen. Besonders freut sich der junge Journalist und angehende Schriftsteller auf die reich gefüllten Forellen-Bäche des Schwarzwaldes. Ernest Hemingway mag deutsche Forellen, womit sich allerdings seine Sympathien für alles Deutschland mehr oder weniger erschöpft hat.

Doch Ernest müht sich. Mitten in Oberprechtal steht der Gasthof Sonne, wo der amerikanische Autor eine Annäherung an die deutsche Sprache versucht. Bill und ich machten uns auf den Weg nach Oberprechtal, wo wir uns um Angelscheine bemühen wollten. Wir saßen gerade vor dem Gasthaus ‚Zur Sonne‘ im lebhaften Gespräch mit dem Gastwirt, das ausgezeichnet voranging, solange ich mich mit meinem Deutsch aus dem Spiele hielt, schreibt Ernest Hemingway in seiner Reportage German Inn-Keepers.

Ernest Hemingway erfährt am eigenen Leib, dass die deutsche Verwaltung darin Gefallen findet, die Bürger zu

Der Auslander Ernest Hemingway im Schwarzwald

Ernest Hemingway wird nicht warm mit dem Schwarzwald und seinen schroffen Bewohnern. Mitten im Schwarzwald bei Triberg. Foto by W. Stock

Für August 1922 erhalten Ernest Hemingway und seine frisch getraute Ehefrau Hadley in Paris die Erlaubnis zu einer Reise nach Deutschland, für die Einreise braucht es einen Stempel im Reisepass. Das Ehepaar will den Black Forest, den idyllischen Schwarzwald, kennenlernen und dort Bergwandern und Fischen und nach den heißen französischen Sommertagen die kühle Landluft genießen.

Einen knappen Monat wollen die Amerikaner in Süddeutschland bleiben. Zusammen mit ihren Freunden, mit dem Journalisten William Bill Bird, er arbeitet für die Consolidated Press in Paris, dessen Ehefrau Sally Bird sowie mit dem amerikanischen Autor Lewis Galantière und dessen Verlobten Dorothy Butler geht es in das krisengeplagte Deutschland. Der Empfang fällt nicht gerade freundlich aus.

Die Amerikaner sind den halben Tag über die Hügel und Täler von Triberg nach Oberprechtal gewandert und schauen sich nun nach einer Unterkunft um. Können wir zwei Doppelzimmer bekommen, fragt Bill Bird den Gastwirt eines Gasthauses höflich. Frostig blickt der Wirt an den Gästen vorbei. Ihr kriegt hier kein Zimmer, keift der Besitzer, nicht heute, nicht morgen, niemals, ihr Auslanders. Auch beim Abendessen werden die Besucher angepöbelt. Wir sind Deutsche, raunzt ein Elztaler die Besucher aus Amerika an, ihr seid Auslanders.

Auslanders. Im Originaltext übernimmt Ernest Hemingway den deutschen Begriff, Auslanders schreibt der Jungjournalist in seiner Reportage leicht amerikanisiert. Er wird das Schimpfwort in jenen Tagen noch oft hören, anderes auch. Du bist ein schweinhund, schreibt Hemingway in verständlichem Deutsch in seine Reportage. Der 23-jährige Amerikaner, seine Ehefrau Hadley und die Freunde kriegen im Südschwarzwald die Aversion gegen die Siegermacht ab. Die Gäste aus den USA sind zu Besuch in Deutschland, das eine Kriegsniederlage gerade hinter sich und ein großes Elend vor sich hat.

Als Ausländer bekommen die Amerikaner vier Jahre nach Kriegsende landauf und landab den Groll der Einheimischen zu spüren. In Gasthäusern werden die Besucher angerempelt, deutsche Schäferhunde bellen, schroffe Ablehnung schlägt ihnen im Schwarzwald entgegen, bestenfalls eine wurschtige Gleichgültigkeit. Die Deutschen haben Krieg und Kaiser verloren, das Land liegt materiell und moralisch am Boden. Ihr Vermögen haben die Deutschen in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, die Inflation lässt die Kaufkraft jeden Tag weiter schmelzen.

Für einen einzigen Dollar erhält man im August 1922 beträchtliche 850 Mark, und ein Krug Bier kostet gerade einmal 10 Mark. Mit nur einem Dollar können zwei Personen einen ganzen Tag in Deutschland leben wie die Fürsten. Im Oktober des gleichen Jahres fällt die deutsche Währung auf 9.000 Mark. Im November 1923 liegt der Umtauschkurs des Dollars bei 1 zu 4,2 Billionen Mark, die deutsche Währung ist damit noch nicht einmal das Papier wert sein, auf dem sie gedruckt ist.

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