Die Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I an der südlichen rechtsrheinischen Rampe zur Hohenzollernbrücke in Köln.
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ernest Hemingway ist gut unterwegs in Europa. In einem Brief an William D. Horne vom 17. Juli 1923 blickt er zurück: Und wir flogen (von Paris, W.S.) nach Straßburg, und wir wanderten durch den gesamten Schwarzwald und fischten Forellen, wir fingen viele, und wohnten in kleinen Gasthäusern, und wir machten miteinander Liebe, und wir fuhren dann den Rhein hinunter von Frankfurt nach Köln und besuchten Chink.

In der Tat unternehmen Ernest und Hadley im Sommer 1922 von Frankfurt aus eine lange Schiffsfahrt durch das Rheintal. Die Hemingways passieren den Abschnitt, den die Bewohner als Romantischen Rhein bezeichnen, Rüdesheim, die Burg Katz, den Loreley-Felsen, schließlich erreicht das Ehepaar Koblenz. Von dort geht es weiter, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins wie Linz und Unkel, bis die beiden Amerikaner schließlich in Köln eintreffen.

Wegen seiner zentralen Lage ist Köln ein Drehkreuz zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd. Über das Rheinland sind die Soldaten an die Westfront marschiert, hierher kommt die geschlagene Armee nach der Niederlage 1918 wieder zurück. Köln wird zur Lazarettstadt, Zerstörung, Not und Hunger beherrschen die Stadt. Der Journalist, der für eine kanadische Tageszeitung schreibt, wäre am liebsten im Grandhotel Excelsior Ernst direkt am Bahnhof untergekommen, dort allerdings haben die britischen Besatzungstruppen ihr Quartier aufgeschlagen. 

Wirtschaftlich und moralisch liegt das Rheinland am Boden. Von der Lebenszugewandtheit seiner Bürger bekommt Ernest Hemingway wenig mit. Land und Region befinden sich in Unruhe, auf die Hohenzollern entlädt sich die Wut der Bevölkerung. Wilhelm I und II haben unsägliches Elend über Deutschland gebracht. Das Vermögen der Deutschen ist in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, das Land liegt in Trümmern, man hat sie in eine Schlacht geschickt, die noch sinnloser war als die meisten Kriege.

Der 23-jährige Hemingway kann als Vertreter der Siegermacht die angenehmen Seiten des Währungsverfalls ausleben. An die Familie in Chicago schreibt er am 25. August 1922 einen enthusiastischen Brief: Mit 62 Mark kann man sechs Bier im Krug kaufen. Zehn Tageszeitungen. Fünf Pfund Speiseäpfel, oder eine Eintrittskarte fürs Theater. Ich versuche, Euch das nächste Mal etwas von dem schmucken Geld zu schicken. Die Deutschen haben einige Geldscheine, die sehr schön sind. Ich habe ein paar für Euch zurückgehalten, musste sie dann aber doch ausgeben. Ernie.

Die Rampen der Dombrücke werden von Monumenten preußischer Könige und deutscher Kaiser flankiert. Die rechtsrheinische Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. und das linksrheinische Reiterstandbild von Wilhelm II. symbolisieren das Zeitalter der verhassten Hohenzollern-Herrscher in der Rheinprovinz. Ernest Hemingway informiert darüber im Toronto Star Weekly am 30. September 1922 aus der Domstadt. Riots are Frequent Throughout Germany lautet die Überschrift seines Artikels.

Ein paar Tage vor Hemingways Ankunft haben die Kölner ihren ehemaligen Kaiser vom Sockel stürzen wollen. Die riesige Reiterstatue von Kaiser Wilhelm, die auf der Kölner Seite der schönen Hohenzollernbrücke über den Rhein steht, weist alle Spuren eines kürzlichen Vorfalls auf, als Deutsche zeigten, was noch in ihnen steckte. Die beiden Mauervorsprünge an Wilhelms mächtigen Eisenstiefeln waren abgebrochen und die Klinge seines Schwertes ist verschwunden. All das wurde zerschlagen, als einige Kölner versuchten, die gewaltige Statue umzustürzen. Es war ein Handgemenge, das als Revolution angelegt war und als kleiner Tumult endete.

Ein Polizist, der versucht die Verwüstung des Denkmals zu stoppen, wird von der Menge ohne lange zu fackeln in den Rhein geschmissen, wo er schließlich umkommt. Deutsche Polizisten gegen deutsche Demonstranten, Bewohner gegen ihre Obrigkeit, Ernest Hemingway wundert sich. Dies ist eine neue Dimension, im Vergleich zum Krieg, wo es gemeinsam gegen einen ausländischen Feind geht. Das ganze Land ist auseinander gebrochen und gerät mehr und mehr in Aufruhr.

Und in ganz Deutschland kommt es zu Konflikten zwischen der deutschen Polizei und deutschen Aufständischen. Im Norden gibt es Unruhen gegen die hohen Lebenshaltungskosten, die von der Polizei mit automatischen Gewehren niedergeschlagen werden. Im Süden gibt es heftige Demonstrationen zugunsten von Hindenburg, Ludendorff und eine Rückkehr der Monarchie, bei denen in München die Polizei die rebellischen Bürger mit Schlagstöcken niederknüppelt.

In Köln besucht Ernest Hemingway einen alten Freund der Familie. Eric Chink Dorman-Smith, einen irischen Offizier, der als Besatzungssoldat bei der British Occupation Garrison im Rheinland stationiert ist. Chink, vom Jahrgang 1895, wird zu einem engen Freund Hemingways. Im November 1918 haben sie sich zum ersten Mal gesehen, als der 19-jährige Ernest sich in Mailand von seiner schweren Verwundung erholt, die er sich in Fossalta di Piave, an der italienisch-österreichischen Front zugezogen hat. Später sehen sie sich öfter, im März 1924 wird er in Paris der Taufpate von John sein, dem ersten Sohn des Schriftstellers.

Außer Leid, Not und Unzufriedenheit hat Ernest Hemingway wenig vom Rheinland mitbekommen, sein Besuch findet zu einem unglücklichen Zeitpunkt statt. Am 31. August 1922 fährt das Ehepaar mit dem Zug von Köln über Aachen und Brüssel zurück nach Paris. I’m homesick for Paris, schreibt der angehende Schriftsteller an seine Mentorin Gertrude Stein, ihn überkomme die Sehnsucht nach Paris. Als der US-Amerikaner am Gare du Nord ankommt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Träume. Der Kontrast zu Köln könnte nicht größer sein.

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