Ernest und Mary Hemingway 1953 unter einem Regenbogen in Ostafrika. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Nach Ernest Hemingways Selbsttötung im Juli 1961 sprechen sich seine Witwe Mary und die erste Ehefrau Hadley Richardson am Telefon aus. Mary, die weiß, dass der Nobelpreisträger seine Hadley bis zum Schluss geliebt hat, bleibt auch über Ernests Tod hinaus die tapfere Ehefrau. „Ich will, dass er nach Hause kommt“, sagt Miss Mary, „er fehlt mir so.“

Mary Hemingway wird jene Ehefrau sein, die den Nobelpreisträger in den Jahren des körperlichen und geistigen Niedergangs begleitet. Miss Mary versucht, mit gesundem Essen und einem vernünftigen Lebensstil gegen den Verfall anzukämpfen. Ihr Ehemann betrachtet es als Schikane. „Du trinkst zuviel!“, wirft Mary ihm vor. Du nörgelst zuviel, kontert Ernest.

Der große Ernest Hemingway wird in den letzten Jahren behandelt wie ein kleines Kind. Lauter Gebote und Verbote, er wird ans Gängelband genommen wie ein alter Dackel, und mit jedem Tag wird die Leine ein Stück straffer gezogen. Alle Menschen um ihn herum, so kommt es ihm vor, wollen ihn mehr und mehr entmündigen. Doktor Herrera Sotolongo, sein Hausarzt, Miss Mary, die Angestellten. All das, was ihm noch ein wenig Vergnügen bereitet, wird verboten.

In den späten 1950er Jahren fühlt sich Ernest Hemingway ausgelaugt und verbraucht. Ist er am Ende? Kommt er an den Schlusspunkt seines Weges als Mann, als Schreiber, als Mensch? Er ist leer und ohne jede Kraft für Hoffnung. Was ist wichtig im Leben eines Mannes? Gesund bleiben. Gut zu arbeiten. Ausgehen und Trinken mit seinen Freunden. Spaß im Bett zu haben. Ich habe nichts mehr von alledem. Verstehst Du, klagt der Schriftsteller seinem Freund A. E. Hotchner, verdammt nochmal. Keines davon

Die tapfere Mary trägt die Schwächen ihres Ehemannes, den Alkohol, die Frauengeschichten, die Tobsuchtsanfälle, mit bewundernswerter Contenance, sie schiebt sein Verhalten auf die Krankheit. Die Ehe der beiden steht oft genug vor dem Aus. Denn auch Ernest ist nicht glücklich. Ich wünschte, ich könnte sie verlassen, wirklich, gesteht der Schriftsteller in seltener Offenheit dem Freund, aber ich bin jetzt zu alt, um eine vierte Scheidung und die Hölle, die Mary mir bereiten würde, durchzustehen.

Für Mary Welsh ist der Selbstmord ihres Ehemannes besonders schlimm. Sie ahnt, dass die beiden Patronen auch eine Abrechnung mit ihr sind. So verbreitet sie über Jahre die Legende, sein Tod sei ein Unfall beim Reinigen der Waffe gewesen. Mary lebt nach Ernests Selbsttötung weiterhin in dem gemeinsamen großen Haus in Ketchum, aber immer häufiger ist sie in New York anzutreffen. Sie lässt kein böses Wort über Ernest fallen und konzentriert sich auf die Verwaltung des reichen Nachlasses.

Ein Großteil von Ernests Hinterlassenschaft jedoch befindet sich nach wie vor auf Kuba. Mit Fidel Castro handelt Mary Welsh Mitte der 1970er Jahre persönlich eine Vereinbarung aus. Sie darf den Großteil der Manuskripte, Unterlagen und Erinnerungsstücke ihres verstorbenen Mannes aus der Finca Vigía in die USA mitnehmen, dafür muss sie nun auch offiziell das komplette Anwesen dem kubanischen Staat übereignen. 

Ihre Sicht der Dinge schreibt Mary in ihrer ausführlichen Biografie How it was. Die letzten Lebensjahre verbringt sie in Manhattan, in ihrem Appartement nahe des Central Parks. Nach langer Krankheit stirbt sie in New York am 26. November 1986 im Alter von 78 Jahren. Mary Welsh liegt auf dem Ketchum Cemetery begraben, unter zwei Kieferbäumen, neben ihrem Ehemann Ernest.

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