Auf den Fersen von Ernest Hemingway

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Ernest Hemingway – ein körperlicher Mann

Ernest Hemingway. Ein großer Angler vor dem Herrn.

Der Schriftsteller kokettiert gerne mit seiner Nacktheit. Nicht wenige Fotos lassen sich von Ernest Hemingway finden, die ihn bar jeder Kleidung zeigen. In seinem letzten Haus in Ketchum sucht man beispielsweise vergeblich nach Hinweisen auf seinen Nobelpreis. Eingerahmt hängt dafür an der Wohnzimmerwand ein kleines Foto, das einen jungen Ernest Hemingway beim Angeln zeigt. Und dieser Angler, splitterfasernackt ohne einen einzigen Fetzen am Leib, reckt sich stolz und streckt dem Publikum seinen blanken Allerwertesten hin.

Sexualität ist eine maßgebliche Triebfeder im Leben des Schriftstellers. Auch in seinen Werken findet man viel Erotik zwischen Mann und Frau, auch wenn Ernest Hemingway den Sex kunstvoll zwischen den Zeilen verstecken muss. So sind halt die Zeiten. In Über den Fluss und in die Wälder aus dem Jahr 1950, als Contessa Renata und Colonel Cantwell zusammen sind und the great bird had flown out of the closed window. Der große Vogel ist durch das geschlossene Fenster nach draußen geflogen. Ein flatternder Vogel durch’s Fenster, in Filmen fahren bei entsprechenden Szenen die Züge mit vollem Tempo in einen Tunnel. 

Renata. Schon der Name. Re-Nata. Entlarvend, denn im Italienischen bedeutet der Name die Wiedergeborene. In Wirklichkeit dient der Sex in seinen Büchern dazu, ihn – Ernest Hemingway – wiederzugebähren. Dahinter steckt sein Traum nach ewiger Jugend, nach grenzenloser Kraft, letztlich nach Unsterblichkeit. Und je mehr er merkt, dass dies ein ziemlich törichter Traum ist, desto mehr steigt sein Verlangen. 

Im richtigen Leben nimmt der Mann aus Chicago mit, was er nur kriegen kann. Keine Frau ist vor ihm sicher. Selbst die Kollegin Simone de Beauvoir, eine kluge französische Autorin und Feministin, fällt auf seine Masche rein. Er vernascht sie während des Zweiten Weltkriegs auf die Schnelle im Ritz, als er gerade zurück nach Paris ist von den schrecklichen Kämpfen in der Schnee-Eifel. Vier Ehen, zahlreiche Affären. In der Altstadt von Havanna wohnt Leopoldina, seine Dauergeliebte für 15 Jahre. Casa chica, das kleine Haus, wie die Kubaner zu sagen pflegen, wenn es was Ernstes ist. 

Es gibt nicht wenige Tage im Leben des Ernest Hemingway, da ist er vormittags mit seiner Ehefrau Mary auf Finca Vigía zusammen, am Nachmittag bei seiner Dauergeliebten Leopoldina in der Calle Infanta und abends kommt dann noch eine schnelle Zufallsnummer hinzu. Drei Frau, für die Allermeisten reicht es fürs ganze Leben, Ernest Hemingway braucht keine 24 Stunden dafür.

Diskretion ist seine Sache normalerweise nicht. Für viele hören sich seine erotischen Prahlereien an den Kneipentheken nach übertriebenem Maulheldentum an, doch in Sachen Frauen und Sex stapelt Ernest eher tief. Dieser Mann wird stante pede elektrisch, wenn eine Frau in sein Beuteschema passt. Einen aktiveren Nobelpreisträger? Ich glaube,

Ernest Hemingway – Sex als Kontrapunkt

Ernest Hemingway in den 1930er Jahren: Ein Angler, der seine Angelrute oft und weit wirft. Credit Line: Public Domain.

Neben seiner krankhaften Alkoholsucht und seiner rastlosen Gier nach attraktiven Frauen treibt ihn vor allem der Gedanke an den Tod um. Die Beschäftigung mit dem eigenen Ende und der Geschlechtstrieb scheinen offensichtlich als seine stärksten Kräfte. Alles andere kommt in seiner Werte-Skala weiter hinten. Die platonische Liebe? Ein romantischer Trugschluss. Kinder? Nur wenn sie so werden wie er. Geld? Unwichtig. Das Saufen? Nötig, um die Angst, vor dem eigenen Tod halbwegs auszuhalten.

Eigentlich schreibt dieser Mann, weil er nicht sterben will und weil er von den Frauen geliebt werden möchte. Aber, diese Frage plagt ihn im Alter, was passiert, wenn er nicht mehr im Stande ist, zu schreiben? Und, genauso schlimm, was passiert, wenn dieser Angler seine Angelrute nicht mehr hochkriegt. Im Alter wird der Schriftsteller des Öfteren von Potenzstörungen geplagt und es fühlt sich für ihn genauso an, wie wenn er eine leere Seite nicht mit Wörtern und Sätzen füllen kann.

Das körperliche Verlangen wird für Ernest Hemingway eine der Energien, die ihn am Leben hält. Gleichzeitig spürt er die Faszination des Todes. Und vielleicht ist diese morbide Faszination noch stärker als der Liebestrieb. Ernest Hemingway möchte lieben und er möchte im gleichen Sinne über Leben und Tod bestimmen. Lieben und töten. Auch so erklären sich seine unkontrollierten Wutausbrüche gegenüber Frauen und Freunden, sein gelegentlicher Hass auf jedermann, den er liebt. Oder auch die Vernichtung von anderen Lebewesen, seien es die Fische, die Vögel oder die Stiere.

Manchmal wünscht sich Ernest Hemingway, beim Liebesspiel, genau auf dem Gipfel der Lust, rumms, mausetot umzufallen. Welch prachtvoller Exitus! Für Ernest Hemingway gehören Libido und Tod irgendwie zusammen. Der Gedanke an die Sexualität führt den Schriftsteller nicht gerade selten an den Gedanken des Todes. Und umgekehrt genauso. Vielleicht deshalb, weil beide Empfindungen zugleich als die beiden Pole seines Lebens wirken.

Körperliches Verlangen ist die Voraussetzung für die Entstehung neuen Lebens, und der Tod bildet den unumstößlichen Schlusspunkt desselben Lebens. Der Liebes-Trieb und der Todes-Trieb erweisen sich als die zwei Pole derselben Lebensenergie, als ein Anzünden und als ein Erlöschen der Dynamik allen Lebens. Und für Ernest Hemingway besteht eine emotionale Verbindung zwischen diesen beiden Polen.

Doch der Antrieb für seine sexuelle Rastlosigkeit sitzt tiefer: Ihn schmerzt, dass die Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen so begrenzt bleiben. Der Sex lenkt ihn ab und tröstet ihn zugleich. Die körperliche Explosion ist so etwas wie der Kontrapunkt zum Tod. Nach dem Geschlechtsakt fühlt sich Ernest Hemingway oft wie neugeboren. Bei wirklich gutem Sex ist es, wie wenn sich der Geist vom Körper trennt. Ein kleiner Teil des Lebens muss erst absterben und Platz machen für etwas Neues.

Es ist ein kleiner Tod, den man stirbt, bei jedem guten Orgasmus. Aber jeder erfolgreiche Orgasmus erzeugt auch ein neues kleines Leben. Man kann diese Argumentation auch ein wenig wenden. Solange er zu solchen Gefühlsausbrüchen fähig ist, solange ist er

Miss Mary rackert wie eine Ziege

Mary Welsh, eine bezaubernde und selbstbewusste Mrs. Hemingway, in Cabo Blanco, Ende April 1956. Foto: Modeste von Unruh.

Die burschikose Mary Welsh in ihrem kurzärmeligen Hemd beeindruckt ihre Umgebung als kultivierte und patente Frau gleichermaßen. Die Ehepartnerin des Nobelpreisträgers weiß als Grande Dame mit betont guten Manieren zu überzeugen, gleichgültig an welchem Punkt dieses Erdballs. Die elegante Lady mit der kurzen Blondhaar-Frisur, die selbst in der Einöde von Cabo Blanco auf feinen Schmuck nicht verzichten mag, jedoch dezent getragen, wirkt bisweilen wie das glatte Gegenbild zu ihrem eher großkotzig auftretenden Ehemann.

Wenn Mary Welsh ihre Wayfarer-Sonnenbrille aufsetzt und sich auf der Terrasse des Cabo Blanco Fishing Clubs sonnt, dann steht die Ausstrahlung dieser aparten Frau in einem merkwürdigen Kontrast zu dem grauen und schroffen Landstrich Nordperus. Doch wenn man sie eine Weile beobachtet, fällt auf, wie wissbegierig und geradeheraus sich Mrs. Hemingway auf das Fremde einlässt.

Es ist vor allem Miss Mary zu verdanken, dass ihr Ehemann leidlich durch den Tag kommt, dass Ernest es mit dem Saufen nicht übertreibt und dass er zumindest ein wenig auf gesundes Essen achtet. Mary Welsh schützt ihren sprunghaften Gatten, auch wenn dieser es nicht so sehen wird, sie schirmt ihn ab vor den Widrigkeiten des Alltags und hauptsächlich schützt sie ihn vor sich selbst. Als Universaltalent beeindruckt sie den Schriftsteller immer wieder.

Miss Mary ist hartnäckig, verrät ein ausgelassener Ernest Hemingway freimütig in der US-Zeitschrift LOOK vom September 1956 über seine Ehefrau, sie ist darüber hinaus tapfer, charmant, witzig, es ist aufregend, sie anzusehen, ein Vergnügen mit ihr zu leben und sie ist eine gute Frau. Auch ist sie eine großartige Anglerin, ein anständiger Tonscheiben-Schütze, eine starke Schwimmerin, eine verdammt gute Köchin, sie hat viel Ahnung von Wein, ist eine exzellente Gärtnerin, eine Amateur-Astronomin, eine Studentin der Kunst, der Politik, des Suaheli, des Französischen und der italienischen Sprache. Und sie kann ein Boot auf Spanisch befehligen und einen Haushalt. Sie kann auch gut singen, mit einer klaren und reinen Stimme, sie kennt mehr Generäle, Admirale, Flugzeugmarschälle, Politiker und Berühmtheiten.

Die Lobeshymne mit der endlosen Aufzählung fällt denn doch ein wenig aus dem üblichen Stilduktus des Ernest Hemingway. Sei‘s drum, wenn er Gelegenheit findet, dann stimmt der Schriftsteller zumindest in der Öffentlichkeit das Hohelied auf seine Miss Mary an. Doch ganz so rosig sieht der Ehealltag hinter der Fassade nicht aus. Beide leiden. Ernest unter ihrer rigorosen Fuchtel und Mary unter seinen Alkoholexzessen und den unzähligen Seitensprüngen.

Drei turbulente Ehen hat Ernest Hemingway schon hinter sich. Das ist meine vierte und letzte Ehefrau, so stellt er die bezaubernde Blondine im Cabo Blanco Fishing Club vor. Der Nobelpreisträger lächelt dabei schelmisch und man darf raten, was er mit dem humorvollen Hinweis auf Mary als seine letzte Ehefrau denn meint. Ob er seiner Ehe eine lange Dauer gibt oder seinem Leben eine kurze.

Mary Welsh selbst findet rasch Gefallen an Cabo Blanco und an der harschen Gegend am peruanischen Pazifik. Sie bewegt sich selbstsicher auf dem ungewohnten Terrain und ist diejenige der amerikanischen Gäste, die am meisten mit den Einheimischen kommuniziert. Mrs. Hemingway interessiert sich für die regionalen Gepflogenheiten, für die Küche oder auch für die Geschichte ihres Gastlandes.

Dabei verreist Mary höchst ungern in die Ferne. Denn Ernest Hemingways Ehefrau leidet seit langem an…  (Anfang von Kapitel 16 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

Ernest Hemingway trifft auf Martha Gellhorn

Martha Gellhorn mit Ernest Hemingway 1937 im Spanischen Bürgerkrieg. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston

Der Schriftsteller lebt von 1931 bis 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer und den beiden gemeinsamen Kindern Patrick und Gregory in dem herrschaftlichen Haus an der Whitehead Street von Key West. Eigentlich könnte Ernest Hemingway sein Leben genießen, er hat beruflich Erfolg, die Familie ist gesund und munter, er selbst befindet sich körperlich in einer guten Verfassung. Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Südflorida.

We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Gleichwohl brodelt es in seinem Innersten: Er verhält sich zunehmend reizbar und wirkt angespannt, denn er fühlt sich nicht am Ziel. Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit und eine emotionale Ruhelosigkeit. Und auch die Ehe mit der bedrückten Pauline köchelt nur lau vor sich hin.

Ernest Hemingway, auf seinem luxuriösen Anwesen in Key West, will zur Jagd nach Wyoming aufbrechen. Doch zwei Begebenheiten werden die tropische Behaglichkeit ins Wanken bringen. Zum einen erreicht ihn die Nachricht, dass in seinem geliebten Spanien mit dem Putsch reaktionärer Offiziere der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Und zum anderen prallt er auf eine neue Frau, ach was, ein blonder Marschflugkörper auf zwei Beinen donnert auf ihn zu.

Eine wunderschöne 28-jährige Amerikanerin aus Missouri tritt zu Weihnachten 1936 in sein Leben. Martha Gellhorn, auf Urlaubsreise mit Mutter und dem Bruder Alfred in Miami, macht einen Abstecher mit dem Bus nach Key West. Am späten Nachmittag betritt die junge Frau das Sloppy Joe’s in einem schwarzen Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch mehr strahlen lässt. Martha, schlank, mit einem ebenmäßigen jugendlichen Gesicht, zieht sogleich die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

Der Schriftsteller springt aus seinem Hocker an der Theke, nähert sich dem Tisch der Gellhorns, schnappt sich ungefragt einen Stuhl und setzt sich zu der Familie. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt kurz. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. Zwischen Martha und Ernest knistert es, von der ersten Sekunde an.

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem einfachen Hanfstrick gebunden hat. Auf den ersten Blick sieht der wohlhabende Schriftsteller in seiner Kluft aus wie

Ernest Hemingway und der große Vogel

Was passiert, wenn er einmal nicht mehr seine Angelrute in Anschlag bringen kann? Ernest Hemingway mit Ehefrau Mary auf der Pilar. Foto: George Leavens.

In seinen Werken findet man die Erotik zwischen Mann und Frau in Hülle und Fülle, auch wenn Ernest Hemingway den Sex kunstvoll hinter den Zeilen verstecken muss, die Zeiten sind halt prüde. Wie in Über den Fluss und in die Wälder, als Contessa Renata und Colonel Cantwell zusammen sind und the great bird had flown out of the closed window. Der große Vogel ist plötzlich durch das geschlossene Fenster nach draußen geflogen. Ein flatternder Vogel, wen wundert’s, der für den Orgasmus steht.

Oder wenn ein Mann und eine Frau in Hemingways Erzählungen in trauter Zweisamkeit zusammen weilen, und es an der Oberfläche zwar merklich knistert, doch der Eisberg-Maestro sich wie üblich weitere Details verkneift. Wenn allerdings Ernest Hemingway anschließend seinen nächsten Satz mit einem Dann oder Danach einleitet, so ahnt der Kenner, dass es zuvor wohl heftig geklingelt hat.

Auch im Leben des Ernest Hemingway ist die Sexualität eine der maßgeblichen Triebfedern, der Schriftsteller fühlt sich zeit seines Lebens als körperlicher Mann. Viele Fotografien mit ihm, auch wenn sie scheinbar ein ganz anderes Thema abbilden, strotzen nur so vor unterschwelliger Erotik. In Liebesdingen verhält sich Ernest Hemingway wie ein nimmersatter Narzisst, der ohne körperliche Anerkennung nicht auskommen kann.

Denn die schnell entflammte Zuwendung einer neuen Eroberung lässt ihn spüren, dass es ihn als Mensch gibt und dass er lebt. Ein Nachlassen dieser Aufmerksamkeit vermag er nicht zu ertragen, denn es erinnert ihn an die eigene Begrenztheit. So wundert es nicht, dass besonders in gefahrvollen Ausnahmesituationen sein Bindungsbedürfnis besonders stark ausschlägt.

In die Krankenschwester Agnes von Kurowsky verliebt Ernest sich – schrecklich verwundet – während des Ersten Weltkriegs. Mit Martha Gellhorn turtelt er in Madrid und um ihn herum schlagen die Granaten des Spanischen Bürgerkrieges ein. Mary Welsh schließlich macht er den Hof, beide in der Uniform eines Kriegskorrespondenten, zwischen den Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Das körperliche Verlangen wird für Ernest Hemingway eine der Energien, die ihn am Leben hält. Gleichzeitig spürt er die Fesselung durch den Tod. Und zeitweise ist diese Faszination des Morbiden noch stärker als der Liebestrieb. Ernest Hemingway möchte lieben und er möchte im gleichen Sinne sich über Leben und Tod erheben. Auch so erklären sich seine unkontrollierten Wutausbrüche gegen seine Ehefrauen, sein gelegentlicher Hass auf jedermann, den er liebt. 

All die sexuellen Eroberungen plustern seine Allmacht auf und das solcherart gestärkte Ego lenkt Ernest Hemingway für eine Weile ab vor dem bedrohlichen Gedanken an die Endlichkeit des eigenen Lebens. Doch je mehr sein Ruhm wächst, desto dünnhäutiger wird er. Weil die Erfolge im Liebesleben – auch wegen seines Narzissmus –  sich nicht als besonders tragfähig herausstellen.

Dieser Mann fällt immer in das gleiche Muster: Wenn er das Gefühl hat, von seinen Ehefrauen gekränkt zu werden, in seinen Empfindungen verletzt zu werden oder nicht genug beachtet zu werden, dann reagiert er wie ein angeschossenes Raubtier. Ernest Hemingway kontert dann

Ernest Hemingway lässt nichts anbrennen

Ernest Hemingway fühlt sich wohl in weiblicher Gesellschaft.
Havanna, Kuba, im Jahr 1954

Der Mann hat einen Schlag bei den Frauen. Neben dem Schreiben und den hohen Prozenten beherrscht die Faszination für das weibliche Geschlecht den Alltag des Ernest Hemingway. The Sun Also Rises wird er im Jahr 1926 sein Erstlingswerk nennen, so lautet eigentlich ein hehres Bibelzitat, aber wenn er auf den Buchtitel zu sprechen kommt, fügt er oft an, like my cock. Nicht nur die Sonne steht hoch bei Ernest Hemingway.

Als Mann lässt er so schnell nichts anbrennen. Gerade auf Kuba setzt er sich immer wieder mit seiner Körperlichkeit angriffslustig in Szene. Hinter der aktionistischen Oberfläche fällt er als Mann auf, der auch emotional nach Liebe sucht. Jedoch er selbst versagt auf ganzer Linie in einem Ehebund, oder in der festen Partnerschaft mit einer Frau, nicht nur einmal, sondern ständig. Vier Ehen und drei Scheidungen bilden da nur die Spitze des Eisbergs ab.

Mit der ehelichen Treue hält er es, weshalb auch immer, zeitlebens locker bis oberlocker. Alle vier Ehefrauen betrügt er ohne schlechtes Gewissen nach Strich und Faden. Ehefrauen, Freundinnen, Gespielinnen, sein Durst auf Liebesabenteuer kennt keine Grenzen, der Frauenverschleiß dieses Nobelpreisträgers für Literatur ist enorm. Ernest Hemingway scheint als Liebhaber mindestens genauso erfolgreich wie als Literat.

Es gibt Tage auf Kuba, da ist er vormittags auf der Finca Vigía mit seiner Ehefrau Mary zusammen, dann nachmittags in Havanna mit der festen Geliebten Leopoldina und hernach kann am Abend noch eine Zufallsnummer dazu kommen. Drei Frauen, bei anderen reicht es fürs ganze Leben, Ernest Hemingway braucht

Hemingways Turm für das Schreiben und für die Liebe

Ein lockerer Ernest Hemingway auf der obersten Etage seines Schreib- und Liebesturms. Die Aussicht reicht bis nach Havanna. Foto: George Leavens

Hinter dem Haupthaus der Finca Vigía findet sich, neben der großen Garage für die Autos, ein kleines Gästehaus, dort kommen Gäste unter, Freunde aus Übersee oder die Söhne, wenn sie in den Schulferien den Vater auf Kuba besuchen. Blickfang des gesamten Anwesens ist schon vom weitem ein rechteckiger Turmbau, etwas versetzt vom Haus. Der Autor hat diesen im Jahr 1947 anbauen lassen, um hier in aller Abgeschiedenheit schreiben zu können.

Hoch oben im dritten Stockwerk des weißen Turms hat Ernest Hemingway sich ein Schreibstudio eingerichtet, hier sitzt er meist den Vormittag über an seinen Manuskripten. Der Ausblick ist atemberaubend, von dort oben hat er einen weiten Blick nach Havanna und bis zum Meer, das etwa zehn Kilometer im Norden liegt.

In diesem weißen Turm hat er sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer geschrieben. Bei seiner Arbeit setzt er sich hinter den Schreibtisch oder er steht vor einem Pult, meist barfuß auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Auf dem Anwesen läuft Ernest Hemingway am liebsten mit nackten Füßen herum, mit einer kurzen Shorts und mit freiem Oberkörper.

Doch in diesem Turm wird nicht nur hohe Literatur erzeugt, der abgetrennte hohe Bau dient zudem als sein Liebesnest. Hierhin zieht Ernest Hemingway sich zurück, um, wie er den Bediensteten zu verstehen gibt, „zu arbeiten“. Dass er zu dieser Arbeit ab und an eine Frau mitnimmt, die nicht seine eigene ist, darüber schauen die Angestellten der Farm diskret hinweg.

Ernest Hemingway ist in dieser Hinsicht ein schlimmer Finger. Die Ehefrau im Haus, eine feste Geliebte in Havanna, dazu ein Techtelmechtel, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und Verlockungen laufen einem kraftstrotzenden Mannskerl wie ihm tagtäglich über den Weg. Er braucht nur

Die Geliebte Adriana Ivancich gratuliert dem noblen Ernest Hemingway mit Kisses

Lola gratuliert Professor Unrat per Telegramm zum Nobelpreis. Glücklich und stolz Deine Freundin zu sein, einst, jetzt und für ewig. Küsse. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Der Schriftsteller, er geht stramm auf die 50 zu, verliebt sich gleich beim ersten Zusammentreffen im Veneto in die schwarzhaarige Adriana Ivancich. Obwohl das Mädchen mit den tiefschwarzen langen Haaren, den grünen Augen, der markanten Nase und den vollen Lippen da gerade erst 18 Jahre alt ist. Doch Ernest Hemingway gibt sich wie sein Oberst Cantwell, seine Romanfigur, die Leidenschaft flammt unlöschbar auf. Einerlei woher man kommt oder welche Jahreszahl in der Geburtsurkunde steht.

Bei einem weiteren Europa-Besuch des Schriftstellers, zusammen mit Ehefrau Miss Mary, weicht Adriana im Frühjahr 1950 wochenlang nicht von seiner Seite, nicht in Venedig und nicht in Paris. Ich liebe Dich aus tiefstem Herzen, eröffnet ihr der liebeskranke Autor, und ich kann nichts dagegen tun. Der alternde Ernest Hemingway blüht auf in der Zweisamkeit mit der jungen Italienerin, er findet wieder Gefallen am Leben und das Schreiben geht ihm leichter von der Hand.

In Paris offenbart der Autor sich ein weiteres Mal der hübschen Venezianerin. „Aber Du hast Mary“, entgegnet Adriana halbherzig. Der unrettbare Romantiker Ernest Hemingway steckt wieder einmal tief im Gefühlssumpf. Ach ja, Mary, erwidert der vernarrte Schriftsteller, sie ist natürlich nett und solide und tapfer. Aber ein Paar kann einen Teil des Weges gemeinsam gehen und dann unterschiedliche Richtungen einschlagen. Das ist mir schon passiert.

Der 50-jährige Schriftsteller ist bereit, für Adriana alles aufzugeben. Ich liebe Dich in meinem Herzen, und ich kann nichts dagegen tun. Er habe nur beste Absichten, beteuert er. Ich weiß, was Du brauchst, um glücklich zu sein. Ich werde fortan leben, um Dich glücklich zu machen, säuselt Ernest Hemingway wie ein verknallter Oberprimaner.

Der Schriftsteller steht unter Testosteron und vermag keinen klaren Gedanken zu fassen. Ich liebe Dich mehr als den Mond und den Himmel und ich werde Dich so lieben, solange ich lebe. Selbst das Schreiben scheint ihm nebensächlich, zum Abschied lädt er sie auf seine Farm Finca Vigía nach Kuba ein und schenkt der jungen Muse seine Royal-Schreibmaschine.

Zum Nobelpreis gratuliert ihm Adriana per Telegramm Ende Oktober 1954 mit Kisses. Die italienische Lola kokettiert heftig mit dem alternden Autor und lässt sich gerne den Hof machen, möglicherweise gibt es sogar ein paar unschuldige Küsse. Mehr wohl nicht. Doch der liebestolle Ernest hört nicht auf und

Mary Welsh räumt auf, Ernest Hemingway inklusive

Die forsche Mary Welsh kommt Mitte 1945 nach Kuba auf die Finca Vigía und räumt im Leben des Ernest Hemingway erstmal kräftig auf. Foto: George Leavens.

Der Kriegsreporter, von der Brutalität der Kämpfe im Hürtgenwald schwer erschüttert, seine Ehe mit Martha Gellhorn in Trümmern, steht im Winter 1944 hilflos wie ein Kind an den Kriegsgräben Europas. Fernab von seiner Finca Vigía sehnt er sich zurück in sein warmes kubanisches Refugium. Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 verlässt Ernest Hemingway den alten Kontinent.

Im März 1945 fliegt ein ernüchterter Kriegsberichterstatter von Paris über London nach New York, und beeilt sich, nach Havanna zu gelangen. Ernest Hemingway kehrt alleine zurück in sein kleines privates Paradies, wie er sein tropisches Heim in der Karibik bezeichnet. Der Schriftsteller, krank und desillusioniert, fällt auf Kuba in ein tiefes Loch. 

Auf Finca Vigía plagt den gefeierten Schriftsteller alsbald eine schwere Depression, vor allem der Einsamkeit wegen. Er fühlt sich verloren und von Gott und der Welt im Stich gelassen. Der Autor vernachlässigt sich, er ist außer Stande zu Schreiben, er streunt durch Havanna, säuft sich bis zum Morgengrauen durch die Kneipen, alles um seine innere Vereinsamung wegzutrinken.

Jeden Tag schreibt er seiner neuen Liebe Mary Welsh einen Brief nach London und fleht sie an, zu ihm auf die Insel zu kommen. Ich bin nicht ungeduldig, offenbart er sich kleinmütig, ich bin nur verzweifelt. Nach drei gescheiterten Ehen findet der Weltautor sich einsam und verlassen in seinem Tropengarten wieder, es ist niemand da, der ihn trösten und aufbauen kann.

Anfang Mai 1945 erscheint dann endlich Mary Welsh auf der Finca Vigía und findet nicht nur das Anwesen durch den Hurrikan des vergangenen Herbstes heftig geschädigt vor. Noch mehr fällt ihr der verwahrloste Zustand von Ernest auf. Die resolute Mary bringt zunächst Ordnung in die Finca Vigía, ebenso wie in den Alltag des Schriftstellers. Sie sorgt für

Jane Mason, Hemingways schöne Geliebte, auf der Überholspur

Die Geliebte, die Ernest Hemingway Angst macht. Jane Mason mit dem kubanischen Skipper Carlos Gutiérrez an Bord der Anita, im Jahr 1933

Jane Mason lebt auf der Überholspur des Lebens. Partys, Liebschaften, der Champagner. Doch irgendetwas stimmt nicht mit der Geliebten von Ernest Hemingway. Vielleicht ist sie krank, sie selbst will es jedenfalls nicht wahrhaben und auch ihre Umgebung lässt sie es nicht merken. Selbst Ernest Hemingway braucht seine Zeit, bis er erkennt, was los ist. Auch Grant Mason bleiben die Gemütsschwankungen seiner Ehefrau nicht verborgen, er macht sich Sorgen. Jane ist oft angestrengt und angespannt, sie wirkt getrieben von ihren Stimmungen, oft scheint sie wie abwesend.

Jane Masons Dasein spielt sich ab – von ganz jungen Jahren an – wie in einem Prinzessinnenpalast, sie wird verwöhnt und auf einem daunenweichen Thron getragen. Trotz allen Glamours schwant ihr nun in Havanna, dass sie mit zu viel Karacho unterwegs ist auf der Straße des Lebens. Doch die junge Frau glaubt, die Schwermut würde verschwinden, wenn sie nur noch mehr Gas gibt. Ein Arzt diagnostiziert ernste Anzeichen einer manischen Depression.

Auf Kuba schaukelt die Beziehung von Ernest Hemingway und Jane Mason Anfang der 1930er Jahre im Modus von on und off hin und her. Wilde Leidenschaft wechselt ab mit Phasen von entsetzlicher Gleichgültigkeit. Man verkracht sich, trennt sich, dann fällt man sich wieder in die Arme und übereinander her. Das Paar lebt die Extreme aus, ein solides Fundament kann nicht gefunden werden, vielleicht wird es auch gar nicht gesucht. Der Nervenkitzel des Verbotenen dient als zusätzliches Aphrodisiakum, denn nach wie vor sieht die Geliebte Jane auch Ernests Ehefrau Pauline, in Havanna oder auf dem Boot.

Jane Mason entpuppt sich als Femme fatale wie sie im Buche steht. Denn auch ihren Geliebten Ernest hintergeht sie. Während einer Safari in Ostafrika im Jahr 1935 fängt sie ein Liebesverhältnis mit Richard Cooper an, mit einem schneidigen britischen Offizier, der eine riesige Kaffeeplantage in Tansania besitzt, auf der im Jahr zuvor auch Ernest Hemingway gewesen ist. Als Cooper im folgenden Jahr nach Amerika kommt, machen er und Jane dort weiter, wo sie in Afrika aufgehört haben. Jane hält den Seiten-Seitensprung vor Hemingway erst gar nicht diskret.

Die Affäre von Jane mit Richard Cooper bringt emotional das Fass zum Überlaufen. Ernest Hemingway fühlt sich nicht wohl, die Frau ist ihm unheimlich, tief im Inneren macht

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