Das gesamte Leben des Ernest Hemingway wird mit akribischer Leidenschaft unter die Lupe genommen. Fast kein Aspekt, der dabei unberücksichtigt bleibt. Und dann tauchen Fragestellungen auf wie diese: Wie ist sein Musikgeschmack gewesen?

Auch solche Fragen können beantwortet werden. Denn darüber gibt zum Beispiel die Katalogisierung seiner Schallplattensammlung auf Finca Vigía Aufschluss. Bekanntlich hat der Schriftsteller mit Ehefrau Martha Gellhorn, ab 1945 mit Mary Welsh, über 20 Jahre auf dem kubanischen Landgut nahe Havanna gelebt. Und von 1939 bis 1960 hat sich da einiges angesammelt. Neben den Tausenden Büchern ebenso eine umfangreiche Sammlung von Schallplatten.

Zunächst fällt auf, dass vor allem zwei Genres überrepräsentiert sind: klassische Musik und Jazz. In den Wandregalen der Finca finden sich zahlreiche Jazzaufnahmen sowie Anverwandtes. Unter anderen folgende Platten:

Noel Coward Songs
A Cole Porter Review
Artie Shaw
Tommy Dorsey, Getting Sentimental
Songs by Greta Keller
Jelly Roll Morton
Carmen Cavallaro, Getting Sentimental Over You
Carmen Cavallaro, All the Things You Are
Carmen Cavallaro, Dancing in the Dark
Hildegarde, Vernon Duke Songs
Hot Jazz Classics: Fletcher Henderson
Hot Jazz Classics: Bix Beiderbecke
Hot Jazz Classics: Earl Hines
Hot Jazz Classics: Bessie Smith
Benny Goodman
Quintet of the Hot Club of France
Art Tatum, Piano Solos
Louis Armstrong
Glenn Miller
Carmen Miranda, Night in Rio

Die Auswahl zeugt von einem populär orientierten Geschmack, durchaus mit eigener Note. Insbesondere die Big Band-Größen der 1940er Jahre wie Benny Goodman, Artie Shaw und Glenn Miller sind zu finden. Die Einspielungen des Pianisten Carmen Cavallaro sind bevorzugt gesammelt worden. Dieser Klavierspieler und Bandleader, er ist eine Art Vorläufer des schwülstigen Liberace gewesen, besitzt einen sehr melodischen, fast schlagerhaften Anschlag.

Art Tatum und Earl Hines sind zwei ganz wunderbare Pianisten, mit die besten, nicht nur in jenen Jahren. Zu den bekannten Jazz-Größen kommen eigenwillige Sängerinnen wie die Wienerin Greta Keller oder die US-Amerikanerin Hildegarde. Der bekannteste Song von Hildegarde heißt Darling, Je vous aime beaucoup. Ein schönes Lied für ein verliebtes Ehepaar in den abgelegenen Tropen.

Richtig guten Jazz spielt das Quintet of the Hot Club of France, dahinter verbergen sich der Gitarrist Django Reinhardt und der Violinist Stéphane Grappelli. Ihr Saiten-Swing gilt als eine europäische Innovation in den 1930er Jahren. Django Reinhardts Musik wirkt wie ein betont rhythmischer Mix aus melodischem New Orleans-Jazz, französischen Walzern und der traditionellen Spielweise der Sinti. 

Welche Aufnahmen mögen eher Ernests und welche eher Marys Favoriten gewesen sein? Möglicherweise trifft der Jazz eher den Geschmack von Mary, die Klassik eher den von Ernest. Von dem Schriftsteller ist zumindest bekannt, dass er Frank Sinatra und seine Musik nicht groß ausstehen konnte.

Ein weiteres Indiz kann sein, dass der Jazz in den unteren Fächern im deckenhohen Plattenschrank steht, die Klassik eher oben. Die wesentlich kleinere Mary hatte es so einfacher gehabt, an ihre Platten zu kommen, als ihr 1,83 Meter lange Ehemann. Doch dies bleibt eine Spekulation.