Ernest Hemingway veröffentlicht In einem anderen Land im Jahr 1929. Viele sagen, es sei sein bestes Werk.

Clarence Hemingway, der Vater, hat Ernest von Kindesbeinen an in die Natur mitgenommen und dem kleinen Jungen an den Bächen und Flüssen um den Lake Michigan das Fischen beigebracht. Mit drei Jahren vermag der wissbegierige Ernest eine Angel zu halten, ebenso wie ein Gewehr. Die Hemingways besitzen das Sommerhaus Windemere am Walloon Lake im Norden Michigans und die Eltern verbringen dort mit den Kindern die Sommermonate.

Durch den Vater hat Ernest auch den Respekt vor der Natur erfahren. In der unberührten Natur entdeckt der neugierige  Junge das Gerinnsel einer Quelle, das Wachsen zu einem Bachlauf, der breiter und breiter wird und schließlich in einem Fluss mündet, der dem Meer zufließt. Der Jugendliche zeigt sich früh fasziniert vom Wasser, er bestaunt die selbstverständliche Beständigkeit dieses Kreislaufes von Flora und Faune, so als sei die Tier- und Pflanzenwelt von einer unsichtbaren Hand gelenkt, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

In der Natur spürt Ernest die Momente von Einkehr, er braucht eine solche innere Harmonie, denn dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich herum. „Hemingway hat Narben vom Kopf bis zur Spitze seines rechten Fußes“, sagt der Schriftsteller und Psychologe José María Gatti aus Buenos Aires. „Man kann sagen, dass die Geschichte seines Lebens auf seinem Körper aufgemalt ist.“

Man lese zur Einstimmung Ernest Hemingways zweites Buch In einem anderen Land, im Original heißt das Werk A Farewell to Arms. Schauen wir uns gleich einmal die ersten Zeilen an, wunderbar von Werner Schmitz ins Deutsche übertragen. Was auffällt: Im ersten Abschnitt werden wir gleich mit einer Vielzahl von Naturbildern bombardiert, obwohl es Hemingway so einfühlsam macht, dass wir es kaum wahrnehmen.

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Der Beginn seines Romans In einem anderen Land. Ernest Hemingway legt mit seinen Naturbildern die Melodie für sein Werk und sein Leben.

Ernest Hemingway und die Naturbilder. Was hat es damit auf sich? Es ist die Natur, die seinen Erzählungen einen Rahmen geben, das Handeln der Protagonisten spielt sich innerhalb dieser Begrenzung ab. Die uns umgebende Schöpfung – das Meer, die Seen, die Berge und die Wälder – folgt ihren eigenen unergründlichen Regeln. Die Natur ist mächtiger als alles, was sie umschließt, mächtiger als der Mensch ohnehin. Die Menschen kommen und gehen, die Natur jedoch bleibt.

Zum Kreislauf der Natur gehören nicht nur das Sprießen und Blühen, sondern ebenso das Vergehen. Der Tod ist ein entscheidender Baustein der Natur. Vater und Sohn befinden sich in den Kindertagen unter freiem Himmel auf einem See mit dem Holzboot, der Vater vorne am Ruder, der Sohn hinten. Tut es weh, zu sterben?, fragt Nick im Indian Camp seinen Vater. Nein, es ist ziemlich einfach, Nick, antwortet der Vater. Es kommt ganz darauf an. Nick lässt seine Hand ins Wasser gleiten. In diesem Morgengrauen auf dem See im Heck des Bootes mit seinem Vater vorne, der rudert, war er sich ziemlich sicher, dass er nie sterben würde.

Neben der Unermesslichkeit der Natur steht der Mensch verloren wie ein jämmerlicher Winzling. Ihm bleibt, wenn er klug ist, die Verbundenheit zur Natur und der tiefe Respekt vor der Schöpfung. Hemingway möchte die Gesetzmäßigkeit des Kreislaufes der Natur ergründen und verstehen. Er möchte einen Blick erhaschen, nach welcher Ordnung die Schöpfung in Bewegung bleibt, um möglicherweise dadurch sein eigenes Sein zu begreifen. Darüber – über die Kraft und über die Grenzen der Natur – schreibt er, das ist das Thema des Ernest Hemingway.

Dabei ist er kein gläubiger Mensch, dieses Friede, Freude, Eierkuchen gehört nicht in seine kernige Welt. Er kann die gespreizte und verlogene Welt der Pfaffen nicht ausstehen. Ernest Hemingway, er hat es oft genug gesagt, glaubt nicht an Gott. Obwohl, möglicherweise benutzt dieser Ernest Hemingway für Gott ja bloß einen anderen Begriff. Erstaunlicherweise glaubt Ernest Hemingway zwar nicht an Gott, aber er himmelt fortwährend Gottesbilder an wie die Natur, die hohen Berge, die kräftige Sonne, die emporragenden Bäume und das helle blaue Meer.

Vor allem liebt er die Sonne und das Meer, was immer mit die Sonne und das Meer gemeint sein mag. Ernest Hemingway verehrt die Natur über alles. Vielleicht muss er sich so behelfen, weil er nicht den Mut aufbringen kann, Gott zu sagen. Ernest Hemingway greift die Naturbilder immer wieder auf. In Schnee auf dem Kilimandscharo, einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 1936, kommt er auf den Punkt. Großartig, gewaltig und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, dorthin war es, wohin er ging.

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