Heinz Helfgen: Ich radle um die Welt – Der Klassiker der Radtourer-Literatur, Verlag Rad und Soziales, 2014

Vor 70 Jahren lässt ein deutscher Journalist eine Schnapsidee Wirklichkeit werden: Mit seinem Patria-Fahrrad plus Camping-Ausrüstung radelt der Mann um die Welt. Von September 1951 bis Herbst 1953 hat Heinz Helfgen mit seinem Drahtesel den halben Globus umrundet, von Osteuropa, Türkei, durch den Orient, Persien, Indien, Vietnam, Thailand, Japan, USA, bis nach Venezuela und Brasilien.

Die Leser in der Heimat, sechs Jahre nach Kriegsende, nehmen gebannt teil an der abenteuerlichen Exkursion, zweimal pro Woche erscheint eine Kolumne in der Frankfurter Boulevard-Zeitung Abendpost über die Erlebnisse des Heinz Helfgen in der Ferne. Es ist noch nicht die Zeit des Massentourismus, das Ausland liegt nicht um die Ecke, sondern weit weg, noch bestaunt man das Fremde und die Exotik von Übersee. Helfgen, ein Mann vom Jahrgang 1910, kommt auf insgesamt 157 Folgen in seiner Zeitung, ein Millionenpublikum hängt an seinen Zeilen, später kommt das Radio hinzu.

In Havanna erblickt der Radler den Schriftsteller Ernest Hemingway in dessen Stammkneipe El Floridita. Helfgen ist entzückt und notiert, der berühmte Autor sehe aus wie ein normannischer Fischer. Der Reporter aus dem Saarland stellt sich ihm vor, erzählt von seiner Weltumrundung, der bärtige Amerikaner findet Gefallen an dem kauzigen Typ. Nach zwei Daiquirís steckt Papa ihm einen Zettel zu, Ernest Hemingway Tel. 154 – Finca Vigía, San Francisco de Paula.

Zwei Tage später macht Heinz Helfgen sich mit seinem Fahrrad auf zum Landgut des US-Autors. Nach den undatierten Aufzeichnungen des Journalisten kann man seinen Besuch bei den Hemingways eingrenzen zwischen Anfang Mai 1953 (Helfgen erwähnt die Verleihung des Pulitzer-Preises, der Hemingway am 4. Mai verliehen wurde) und Mitte Juni 1953 (da ging es für die Hemingways für mehrere Monate nach Europa). 

Launig wird der Radpionier von Ernest Hemingway auf der Finca Vigía empfangen. Ritter Ernst von und zu Hemingstein, stellt der Amerikaner sich blödelnd auf Deutsch vor. Ehefrau Mary zeigt sich ein wenig reserviert. Nach einem langen feuchtfröhlichem Beisammensein am Nachmittag mit weiteren Hemingway-Freunden auf der Finca Vigía schlummert der Schriftsteller benebelt im Wohnzimmersessel urplötzlich hinweg. Die Party ist beendet. Helfgen schleicht sich davon und schlägt sein Zelt unter einem Mangobaum im Garten der Finca auf. 

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, plaudert man munter weiter. Manches kommt einem seltsam vor: Helfgen lässt Ernest Hemingway an einer Zigarette ziehen. Sehr unwahrscheinlich. Der Autor mochte das Rauchen nicht, in jungen Jahren hat er es aufgegeben. Auch manche Aussage des späteren Nobelpreisträgers kommt mir merkwürdig vor. So zweifelt Hemingway, nach Helfgen, an seinen Sympathien für die linken Loyalisten während des Spanischen Bürgerkrieges. Ob er es genauso gesagt hat?

Mag sein, vieles kommt jedoch aus der Erinnerung eines Weltenbummlers, der Tonband und genaue Aufzeichnungen scheut, sondern lieber aus dem Gedächtnis schreibt. Und Schreiben kann dieser Heinz Helfgen wunderbar, dieser skurrile Reporter aus Deutschland besitzt ein gutes Auge und einen Sinn für das Wagnis. Man liest seine Erlebnisse auch heute noch mit Genuß, selbst wenn die Sprache aus den 1950ern ist, vieles hat sich seitdem verändert.

In toto jedoch bringt Heinz Helfgen mit seinen lebendigen Schilderungen den nicht nur auf Kuba populären Ernest Hemingway in anschaulicher und sympathischer Art und Weise auf den Punkt. Gegen die unangenehmen Folgen des Berühmtseins hilft nur das Meer, lässt er ihn sagen, als er von der Last der Bewunderung klagt, ein eigenes kleines Schiff auf dem Meer.

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