Die Natur schafft neues Leben. Und am Ende bleibt dem Menschen bloß, sich der Natur zurückzugeben. Ketchum, am 7. Juli 1961.

Die Beerdigung des Ernest Hemingway findet an einem Freitag in Ketchum statt, am 7. Juli 1961, an den Ausläufern der Rocky Mountains. Man hat auf den Sohn Patrick warten wollen, der sich zusammen mit seiner Frau Henrietta im westafrikanischen Tansania auf einer Safari befindet. Der älteste Sohn John kommt aus Oregon, wo er zum Fischen weilt, der jüngste Sohn Gregory hat sich auf den Weg aus Miami gemacht, wo er sich auf sein Examen in Medizin vorbereitet.

Auch die anderen Verwandten müssen von weit her anreisen, um in das Kaff in den Bergen Idahos zu gelangen. Sein jüngerer Bruder Leicester kommt aus Florida, die älteste Schwester Marcelline Sanford aus Michigan, ebenso wie die Schwester Madelaine Sunny Mainland, eine andere Schwester – Ursula Ura Jepson – fliegt aus Honolulu ein. Dazu gesellt sich die jüngste Schwester Carol Gardner aus Massachusetts. Alle sechs Hemingway-Kinder sind zum ersten Mal seit langem vereint, wobei ja nur noch fünf leben, der älteste Bruder wird heute zu Grabe getragen.

Miss Mary hat alle persönlich eingeladen, es soll eine familiäre Abschiedsstunde werden im handverlesenen Kreis, sie möchte kein großes Aufheben machen. Mary trägt ein einfaches dunkles Kleid und einen breiten schwarzen Hut. Eine Vielzahl von Beileidstelegrammen aus aller Welt sind im Haus der Hemingways am East Canyon Run Boulevard eingetroffen. Das Weiße Haus, der Kreml und auch der Vatikan haben ihre Kondolenz übermittelt.

Der Ketchum Cemetery liegt am nördlichen Stadtrand des Dorfes, Richtung Boulder Peak, am Rande der Landstraße. Es ist ein puristischer Friedhof ohne jedes Denkmal, lediglich mit flachen Grabplatten wird der Verstorbenen gedacht. Alle Freunde aus dem Sun Valley sind gekommen, Clara Spiegel, sein Hausarzt Dr. George Saviers, Tillie Arnold, Ruth Purdy. Journalisten sind nicht erwünscht und doch haben sich ein paar Fotografen und Berichterstatter eingeschlichen und schießen Fotos von der Trauerfeierlichkeit, ein kurzer Film für die Wochenschau wird aus der Entfernung gedreht.

Reverend Robert Waldemann, der katholische Pastor der St. Charles Church in Hailey, leitet die Zeremonie um 10 Uhr 30 am Vormittag. Es wird eine kleine Trauergemeinde, neben dem engen Familienkreis und den Freunden haben sich noch ein paar Jagdkameraden und Nachbarn eingefunden, dazu einige Bewohner von Ketchum, die ebenfalls an der Beisetzung teilnehmen möchten. Vierzig Menschen vielleicht, mehr nicht, dazu Pastor Waldemann und die drei Messdiener.

Die lange schwarze Limousine mit Ernests Leichnam kommt hinter Marys Wagen zum Stehen. Seine Kumpel Don Anderson, Lloyd Arnold, George Brown, Chuck Atkinson, Forrest MacMullen und Bud Purdy tragen den Sarg die wenigen Meter vom Leichenwagen zur Grabstätte. Miss Mary, die drei Söhne, Ernests Schwestern, sein Bruder und der Neffe Ernest Mainland, der Sohn von Sunny, haben sich am Kopfende des Grabes um den Sarg herum aufgereiht. 

Im Hintergrund parken die Autos in langer Reihe parallel zur Landstraße vor der offenen Friedhofsanlage. Hinter der Straße erblickt man im Norden die glatten Berggipfel der Sawtooth Mountains, im Osten liegt das sommerliche Wood River Valley mit dem klaren Bach, der sich durch das Tal schlängelt. Der Talkessel ist von wuchtigen Gebirgskämmen eingezäunt, die erhaben in den Gipfel zusammenlaufen. Winzig klein, wie Spielzeugfiguren, sieht man im Tal die Menschen um den schwarzen Sarg stehen.

„Oh, mein Herr und Gebieter“, betet Pfarrer Waldemann, „gewähre deinem Diener Ernest Hemingway die Vergebung für seine Sünden. Gib ihm die ewige Ruhe, mein Herr.“ Ganz in schwarz gekleidet und mit dunkler Sonnenbrille wird Mary Welsh, von Ernests erstgeborenem Sohn John gestützt, als sie an das Grab ihres Ehemannes tritt. Und eine gefasste Miss Mary wirft eine rote Rose hinab auf den Sarg.

Die Zeremonie dauert nicht lange, keine halbe Stunde, das Begräbnis findet ohne Messe und ohne Prozession statt. Denn hier wird kein frommer Mensch zu seiner letzten Ruhe geleitet, jedenfalls wenn man die Sache nach den strengen Maßstäben der katholischen Glaubensgemeinschaft betrachtet. Drei Scheidungen, eine tüchtige Säuferkarriere und dann noch der knallige Selbstmord, all dies steht auf der Tugendliste der Katholiken nicht gerade weit oben. 

Der Mann, der hier seinen letzten Segen erhält, ist sicher kein Heiliger gewesen, er hat Freunde vor den Kopf gestoßen, Menschen gedemütigt, er hat seine Ehefrauen hemmungslos hintergangen, er hat sich halbtot gesoffen, die Kinder vernachlässigt, und er hat auch ziemlich viel gelogen für ein Menschenleben. Aber, so bleibt von Mensch zu Mensch zu fragen, wer will in Sachen moralisches Vorbild den ersten Stein werfen?

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