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Ernest Hemingways ‚The Sun Also Rises‘: Nach wie vor liegt ein Summen über der Stadt

Hemingway
Vor genau 100 Jahren erschien The Sun Also Rises. In Europa heißt der Roman Fiesta. Mit diesem Buch gelingt Ernest Hemingway ein Quantensprung in der englischsprachigen Literatur.

Als im Oktober 1926 sein erster Roman erscheint, beginnt für den ehrgeizigen Neuling eine beispiellose Weltkarriere. Ist Ernest Hemingways Fiesta nach 100 Jahren angestaubt? Von wegen! In Wirklichkeit ist die Erzählung aus Pamplona verdammt aktuell.

Von Wolfgang Stock

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Ernest Hemingways Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der junge US-Autor zu großen Teilen sein Erstlingswerk Fiesta spielen. Hinter den Pyrenäen werden seltsame Volkstraditionen gepflegt. Die Tage sind erfüllt mit gottesfürchtigen Prozessionen und die Nächte mit dem Gedröhne lauter Musikkapellen. Gigantes und Cabezudos, vier Meter hohe Riesenpuppen und heitere Großköpfe, streifen durch die Altstadt. Zwischendurch werden Stoßgebete in einer knorrigen Sprache gen Himmel gesandt, und ansonsten brave Frauen und Männer tanzen außer Rand und Band in Trommeltrance, mit Kränzen aus Knoblauch um den Hals.

Die Fiesta de San Fermín beginnt alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zu dem am Mittag Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Nach acht Tagen enden die Sanfermines stets am 14. Juli um Mitternacht mit dem vereinten Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Um das katholische Fest herum entwirft der 27-jährige Besucher Ernest Hemingway, der damals in Paris lebt, ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, das Buch wird auf Anhieb ein Riesenerfolg.

Gefeiert wird in Pamplona zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Der fromme Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden der Überlieferung nach aus Frankreich in die Heimatstadt überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das zum Fest getragen wird – erinnert an sein tragisches Schicksal.

Seit 1591 werden in Pamplona die Sanfermines gefeiert, noch älter ist der Lauf vor den Stieren. Ein übermütiges Ritual, das im Mittelalter aus dem Auftrieb des Viehs zum Markt durch Metzgerburschen entstanden ist. Jeden Morgen werden beim Encierro aus den Stallungen im Norden wilde Kampfstiere durch die engen Gassen zur Plaza de Toros gehetzt, wo sie am Abend von den Matadores im Kampf blutig abgeschlachtet werden. Dieses morbide Treiben – als berauschendes Volksfest zelebriert – passt irgendwie gut zu den hoffnungslosen Besuchern aus Paris und zu den dunklen Wolken, die über Europa hängen. 

Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona. Der Autor aus einem verschlafenen Vorort von Chicago, er ist vom Jahrgang 1899, zeigt sich bei seinem Trip in die Hauptstadt Navarras elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel. Zwischen 1923 und 1959 hat er die Stadt zehnmal besucht, mit einer langen Pause von anderthalb Jahrzehnten nach dem verlorenen Bürgerkrieg. Ab 1953 ist der Schriftsteller dann wieder häufig in Nordspanien.

Der Lautsprecher einer verlorenen Generation

Die Veröffentlichung im Oktober 1926 wirkt wie ein Paukenschlag. Mit The Sun Also Rises erreicht die literarische Moderne einen neuen Markstein. Ein neuer Stoff, ein neuer Stil, ein neuer Autor. Ungeschminkt fängt ein vorlauter Kerl den Defätismus und die wabernde Untergangsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg in einer forschen Erzählung ein. Stürmisch vergnügt man sich in den Roaring Twenties, doch vieles bleibt schöner Schein. Tief im Innern erblicken wir eine bedrückte und verlorene Generation. 

Der Ausdruck You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein, eine einflussreiche Mäzenin, die mit einem literarischen Salon in der Rue de Fleurus Hof hält. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh umschreibt derart den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918. Von ihr, sie wird Hemingways Mentorin, hat Ernest den Tipp erhalten, den Encierro zu besuchen. Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. In jenen Tagen ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis in der damals 35.000 Einwohner zählenden Provinzstadt.

Nach dem großen Krieg in Europa sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der weitgehend friedfertigen Belle Époque mit einem Mal wie weggeblasen. Was zählen die Erfindungen wie Flugzeug, Automobil und Ozeandampfer angesichts des schrecklichen Krieges? Die Schlacht mit ihren Grabenkämpfen ist abscheulich gewesen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird.

Eigentlich wäre die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, ein friedvolles Wertesystem aufzubauen. Jedoch fehlt dieser kleinmütigen Generation dazu die Kraft. Die labile Zeit braucht kulturelle Vorkämpfer und neue Blickwinkel, durchaus von Tradition gespeist, die Menschen dürstet es nach einem Neustart mit ehrlicher Inventur und mutigen Idealen. Ebenso wie das Themen-Panorama sich öffnen und weiten muss. Und so geht es vor exotischer Kulisse in Fiesta vor allem um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch der aufgesetzten Blümchen-Prosa der viktorianischen oder wilhelminischen Epoche nachhängen, schildert der ehrgeizige Arztsohn in seiner Erzählung knallhart die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröden Sätze wirken echt und treffen den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen. Keiner fängt die gallige Atmosphäre so treffsicher ein wie der Amerikaner. Ein Draufgänger wie er ist sehnsüchtig erwartet worden.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Der Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus einer Bibelzeile entlehnten Buchtitel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet einen Misserfolg, wenn das Buch hinter einem religiösen Zitat läuft. Und so tauft ihn das englische Verlagshaus dummerweise in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des poetischen The Sun Also Rises.

Ein Epochenporträt zwischen Krieg und Krisen

Vor dem Hintergrund des archaischen Bullen-Boheis lässt der Romandebütant allerlei freizügige Eskapaden ablaufen, es kommt eh nicht mehr drauf an. Die Protagonisten in Fiesta – der impotente Jake Barnes, ein erfolgloser Schriftsteller namens Robert Cohn und die liebestolle Lady Brett Ashley – lassen kein Laster aus in Pamplona: Prügeleien, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol bis zum Abwinken. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA. 

Das Café Iruña in Pamplona spielt die heimliche Hauptrolle in Fiesta. Dieses Restaurant dient den Besuchern aus Übersee als Stützpunkt, von dort schwärmen sie aus in die bizarre Zügellosigkeit. Nach dem Essen gingen wir hinüber ins Iruña. Es war schon ziemlich voll, und als der Beginn des Stierkampfs nahte, wurde es noch voller, und die Tische wurden dichter zusammengeschoben. Ein dichtes Summen lag in der Luft, wie jeden Tag vor einem Stierkampf. Dieses Geräusch herrschte zu keiner anderen Zeit in dem Café, ganz gleich, wie voll es war. Das Summen hielt sich, und wir waren mittendrin und ein Teil davon.

Kein Fabulieren im Elfenbeinturm, sondern als Autor mittendrin im Geschehen und gar ein Teil davon. Die Leser sind beeindruckt, wie dieser Debütant aus dem Mittelwesten der USA mit Haut und Haaren hineinspringt in diesen fremden Kosmos. Der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, frei von jeder Wertung, alles weit weg von dem üblichen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird zudem durch persönliches Erleben begründet, der Autor hat alles mit eigenen Augen gesehen. Hemingway, der in den 1920ern sieben Jahre in Europa gelebt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung auf den Punkt abzubilden.

Bereits bei seinem Debüt legt Ernest Hemingway wenig Wert darauf, mit Glorienschein dazustehen, so wie mancher Kollege. Über seine Romanfiguren macht er kein Geheimnis daraus, ein Kerl mit Ecken und Kanten zu sein. Der Mann aus der bigotten Vorstadt gibt gerne den Rabauken und Stiertöter. In Wirklichkeit ist sein Macho-Gehabe reine Fassade, ein Panzer vor Selbstzweifeln und erlittenen Verletzungen. Diese Unvollkommenheit erweist sich für sein Schreiben als Stärke, denn sie ist ein Türöffner. Die Menschen öffnen sich ihm. Dieser Schriftsteller ist nahbar, ohne diese Nahbarkeit wären seine Erzählungen blutleere Kunstgebilde.

Dabei geht es nicht bloß ums Saufen und um Liebschaften. Beim Fest des Heiligen Firminus werden Tugenden sichtbar, die dem Schriftsteller wichtig sind: Mut, Stolz und Würde. Diese verrückte Mischung aus Lebenslust und Todestragik bleibt Hemingways Hochamt, in Pamplona wird sein Wertekanon im Sommer als Schauspiel unter freiem Himmel aufgeführt. Dieser von seiner Endlichkeit bedrückte Lebemann braucht den Trubel. Hinter allem Budenzauber erspürt Ernest den Kampf gegen den mächtigsten aller schwarzen Stiere. Gegen den Tod.

Der spätere Nobelpreisträger skizziert in Fiesta mit dickem Stift zwei, drei Wege zur Befriedigung. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die arglose Entdeckerfreude und die Neugier auf eine fremde Kultur. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten zu verstehen und wertzuschätzen. Und über allem: Die Anmut der Schöpfung zu erkennen. So wird Pamplona im Juli zum heiligen Termin im Kalender des US-Amerikaners. Bis zuletzt. Im Frühsommer 1961, er ist seit Monaten depressiv und leidet an Verfolgungswahn, wird der Nobelpreisträger ein Telegramm nach Spanien senden. Er wird die Sanfermines für sich und Miss Mary stornieren, die Reservierung im Hotel, die guten Plätze an der Barrera in der Stierkampfarena.

Am 7. Juli 1961, morgens um acht Uhr, laufen in Pamplona nach Eröffnung der Sanfermines die ersten schwarzen Bullen durch die Gassen der Altstadt. Am anderen Ende der Welt, in Idaho am Rande der Rocky Mountains, wird auf dem Dorffriedhof von Ketchum an diesem Freitag ein wuchtiger Sarg in die Erde eingelassen. Mit jenem Mann, der für alle Zeiten die Sanfermines populär gemacht hat.

Ein Mensch sucht seinen Frieden

Der Blick von der Terrasse des Café Iruña schweift noch immer über die monumentale Plaza del Castillo. Von der Belle Époque bis heute scheint die Zeit in Pamplona wie gefroren. Marmortische, goldfarbene Säulen, Riesenspiegel, prächtige Kronleuchter im Modernisme. Auf der langen Theke erstrecken sich die Schalen mit Rollitos de Queso, den Patatas Bravas und dem Jamón Ibérico. Das Café Iruña bleibt der Ruhepol, der Tradition und Moderne zusammenbringt. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich seiner selbst vergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. In diesem Sinne hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt.

Das Iruña hat Terror und Tyrannei erlebt, und dennoch steht das Bauwerk am großen Platz majestätisch da, frohgemut und unversehrt, seit 140 Jahren, und um die gute Stube herum spielt sich das kleine Leben ab. Ernest Hemingway, fortwährend ein Suchender, nähert sich in Pamplona seiner Seele. Er findet jene kleine Glückseligkeit, die ein Mensch wie er so braucht. Gutes Essen, reichliche Prozente, Geselligkeit und ein wenig Krawall. Dieser Haudegen mag das Leben und er kostet es aus. Deshalb fällt es ihm so schwer, sterben zu müssen.

Aber da ist mehr. Die Sanfermines sind ein Trubel, der in die Knochen geht. Nach der Fiesta nimmt der Schriftsteller eine Auszeit und fährt hinein in die Stille der Pyrenäen. Am Rio Irati und Rio Urrobi, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles gibt er sich der Angelleidenschaft hin. Im Kontrast zum Mordskrach unten in Pamplona geht der Blick nun nach oben. Zum ersten Mal bestaunt die Leserschaft in Fiesta den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch werden sollte. Auf der einen Seite das Karussell von Laster und Eitelkeit, das sich um Alkohol, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die hohen Berge und die grünen Wälder, wo es unverfälschte Erdverbundenheit zu entdecken gilt.

Der hochgewachsene Naturbursche vom Michigan-See braucht das laute Fest, um sich des Lebens zu vergewissern. Genauso wie er die Stille der Natur benötigt, um zur Gemütsruhe zu gelangen. Diese arme Seele sucht Halt in den Gebräuchen, am liebsten in Spanien. Die lebenszugewandte Tradition der Sanfermines, die seit dem Mittelalter tief bei den Bewohnern der Region verwurzelt ist, hilft dabei. Ebenso wie die Stille der Natur. Es bleibt ein steiniger Weg: Dieser Mensch muss seine Mitte finden.

Sieht er eine Hoffnung? Ernest Hemingway, eine Art

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Ist Ernest Hemingway ein Antisemit?

Ernest Hemingway
The Sun Also Rises
Ernest Hemingway: The Sun Also Rises. Aus dem Jahr 1926. Sein erster großer Roman und sein Durchbruch.

In einem seiner besten Romane, in dem Frühwerk The Sun Also Rises, hat Ernest Hemingway eine Figur geschaffen, an der Leserschaft und Forscher zu Knabbern haben. In Fiesta – so heißt das Werk auf Deutsch – tritt uns ein schillernder Akteur namens Robert Cohn entgegen.  

Robert Cohn war einmal Mittelgewichts-Champion von Princeton. Glauben Sie nicht, dass mir das als Boxtitel sonderlich imponiert, aber Cohn bedeutete es viel. Er machte sich nichts aus Boxen, tatsächlich war es ihm zuwider, aber er lernte es, gründlich und unter Schmerzen, um seine Schüchternheit und das Minderwertigkeitsgefühl zu bekämpfen, das sich aufgrund seiner Erfahrungen als Jude in Princeton in ihm breitgemacht hatte. 

So fängt Fiesta an, gleich im ersten Abschnitt. Subtil, aber merkbar entwirft Hemingway den Protagonisten als jüdischen Prototyp. Robert Cohn, eine zentrale Figur in der Erzählung, besucht die Militärakademie, studiert in Princeton, er ist ein guter Boxer und Football-Spieler. Von Anfang an legt der spätere Nobelpreisträger ein Spottbild auf seine Romanfigur. Mal Waschlappen, mal Nervensäge. Cohn ist unsicher und sensibel, dann eifersüchtig und aufdringlich. Als Außenseiter schlägert er sich gerne, mit der Liebe bleibt es schwierig.

Dieser an einen Freund angelehnte Charakter verkörpert einen typischen US-Intellektuellen aus vermögendem Elternhaus: Robert Cohn gehörte dank seinem Vater zu einer der reichsten jüdischen Familien von New York und dank seiner Mutter zu einer der ältesten. Von Hemingway wird er erkennbar mit jüdischen Klischees aufgebaut und wirkt quasi als Gegenentwurf zu dem Naturburschen aus dem Mittleren Westen, den der junge Ernest darstellt. Den Handlungsstrang mit Robert Cohn hätte ich so nicht gemacht und als Lektor auch nicht durchgehen lassen. 

Es kommt noch ärger. In dem Gedicht Ratschläge für einen Sohn aus dem Jahr 1931:

Trau niemals einem weißen Mann,
Bring keinen Juden um,
Gib niemals deine Unterschrift,
Sitz nicht in Kirchen rum.

Auch wenn vieles spitzzüngig überzeichnet wird, der spätere Nobelpreisträger spielt mit dem Feuer. Wir wissen, Hemingway ist in keiner Beziehung pingelig gewesen. In seinen Briefen betitelt er Franzosen gerne als frogs, wops bleibt für Italiener oder kike für einen Juden. Diese Begriffe gelten heute als ungehobelt und zutiefst beleidigend. Damals – auch unter Kollegen – gang und gäbe. Sie entsprachen dem Zeitgeist in manchen Kreisen. Und wir haben im Hinterkopf: Nesto liebt seit Kindesbeinen die Provokation.

Ernest, Jahrgang 1899, wächst in einem Elternhaus mit antisemitischen Denkmustern auf. Die Familie wohnt in einem gutbürgerlichen Vorort von Chicago, sie entstammt der calvinistischen Einwanderer-Generation. Deren Werte liegen in Fleiß, Ehrgeiz, Bodenständigkeit und in einem tiefen Gottesglauben. Mit Abneigung schaut diese bescheiden auftretende Gesellschaftsschicht auf die – meist jüdische – Elite an der Ostküste, die in New York und Boston mit schnellen Bankgeschäften und im weltweiten Handel große Reichtümer erwirtschaftet. 

Doch warum rückt Hemingway seinen Protagonisten Robert Cohn in Fiesta so in den Fokus? Neben all den Ausschweifungen in Sachen Alkohol und Sex scheint dies dem Autor wohl wichtig, um den Zwiespalt und die Trostlosigkeit der lost generation zu charakterisieren. Da bietet sich die Rolle eines unreifen Müßiggängers aus gutem Haus mit reichlich Geld geradezu an. Cohn vereint wie unter einem Brennglas zahlreiche negative Klischees: Aufdringlichkeit, Schwatzhaftigkeit, Gewalttätigkeit und Selbstmitleid. Doch bleiben dies stilistische Schablonen, die mehr ins Lächerliche denn ins Antisemitische zielen. 

Wenn Antisemitismus als aggressive Form von Judenhass oder Judenfeindlichkeit aufgefasst wird, so passt Hemingway nicht in diese Schublade. Der Nobelpreisträger von 1954 ist kein ideologisch verbohrter Antisemit, jedoch äußert er sich bisweilen in stereotypen oder abwertenden Formulierungen über Juden. Antisemitische Vorurteile und sprachliche Entgleisungen bedienen den unseligen Geist damaliger Tage, ein lebenserfahrener Autor müsste dies eigentlich erkennen.

Die antisemitischen Aspekte seines Denkens muss man offen benennen und kritisch hinterfragen. Ohne etwas zu entschuldigen oder verharmlosen zu wollen. Die Judenpogrome bilden einen grauenhaften Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte. Doch mit diesen Massenmorden der Nazis hat Ernest nichts am Hut. Hemingway ist unzweideutig immer ein Antifaschist gewesen. Er hat die Loyalisten gegen die franquistischen Putschisten im Spanischen Bürgerkrieg unterstützt, ebenso wie er später im Kampf gegen Hitler während des Zweiten Weltkriegs aktiv gewesen ist.

Ernest Hemingway hat jüdische Freunde und Kollegen und arbeitet kreativ mit ihnen zusammen. Gertrude Stein, seine Mentorin, den Schriftsteller Harold Loeb, einen Bekannten in Paris, der wohl als Vorlage für die Figur des Robert Cohn in dem Roman dient. Oder Sidney Franklin, den amerikanischen Matador. Nicht zuletzt seinen von ihm

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Der schönste Hemingway-Satz: der letzte Tag

Ernest Hemingway

Die Stadt war überfüllt. Alle Straßen waren voll. Ständig fuhren große Automobile aus Biarritz und San Sebastián vor und parkten um den Platz herum. Sie brachten Leute zum Stierkampf. Auch Busse mit Ausflüglern kamen. Einer brachte fünfundzwanzig Engländer. Sie saßen in dem großen weißen Bus und schauten sich die Fiesta durch ihre Ferngläser an. Die Tänzer waren alle stockbetrunken. Es war der letzte Tag der Fiesta.

Ernest Hemingway: 
Fiesta, 1926.

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Der schönste Hemingway-Satz: ein Kellner

Kellner

Ein Kellner in einer blauen Schürze kam mit einem Eimer Wasser und einem Lappen heraus und machte sich daran, die Anschläge zu entfernen, zog das Papier in Streifen ab und schrubbte alles, was am Stein kleben geblieben war, mit seinem nassen Lappen herunter. Die Fiesta war vorbei.“

Ernest Hemingway:
Fiesta, 1926

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Der schönste Hemingway-Satz: schlechtes Benehmen

Ernest Hemingway

„Alle benehmen sich schlecht“, sagte ich.
„Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.“

Ernest Hemingway:
Fiesta, 1926.

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Warum ‚Fiesta‘ ein Juwel der Weltliteratur ist

Fiesta
The Sun Also Rises
So kündigt der Verlag Charles Scribner’s Sons aus New York das Debüt seines Autors Ernest Hemingway für den 22. Oktober 1926 an. Es ist ein Freitag.

Es brauchte seine Zeit, bis ich mit diesem Roman so richtig warm wurde. Als ich das erste Mal Fiesta las, da fand ich die Erzählung lau, bisweilen gar langatmig. Bei der nochmaligen Lektüre, Jahre später, da erlebte ich das Sittengemälde aus den 1920ern durchaus anregend. Und wenn ich heute Ernest Hemingways Debüt zur Hand nehme, dann streckt es mich jedes Mal nieder.

Denn Fiesta – im amerikanischen Original heißt das Werk The Sun Also Rises – ist hohe Kunst. Es vergeht kein Wiederlesen, bei dem ich nicht neue Schmucksteine und Kleinode entdecke. Besonders, wenn es gelingt, sich in den historischen Kontext der Geschichte einzufühlen. Es geht um die taumelnde Zeit zwischen den beiden schrecklichen Weltkriegen.

Ernest Hemingways Fiesta fällt im Oktober 1926 in die Welt der Literatur ein wie einst die Jakobiner in die Paläste der Aristokratie. In der Sprache einfach und volksnah, in Botschaft und Wirkung brachial. Der Erste Weltkrieg hat auch die Kultur zerstört. Es braucht etwas Neues, von Tradition gespeist, ein Neustart mit frischen Werten und Idealen. Ebenso sollte das Themen-Panorama sich öffnen und weiten. Und so geht es in Fiesta um die durch den Krieg verlorenen Sicherheiten und um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Allein der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, alles weit weg von jedem viktorianischen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird vielmehr durch persönliches Erleben des Autors verbrieft, auch deshalb passt das Werk zum Autor. Es ist ein glaubwürdiger Blick durchs Schlüsselloch in die unbekannte Welt hinter den Bergen. Die geschwätzige Blümchen-Prosa der Vätergeneration à la Charles Dickens ist mit einem Schlag passé.

Wie geschickt Ernest Hemingway seine Erzähl-Perspektive anlegt, mag man zu Anfang des 12. Kapitels von Fiesta erkennen. Man liest schnell über diese Passage hinweg und bemerkt dadurch die Finesse des Textes nicht.

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So – scheinbar – harmlos fängt das Kapitel 12 von Fiesta an.

Ernesto nimmt uns mit in eine fremde Welt – das wann und wo verrät er hier nicht – und so müssen wir uns selber hineinfinden. Es ist die Zeit nach der Postkutsche und während des Aufkommens der Motorbusse. Wir befinden uns in einem Land am Fuße eines Gebirges, das Ambiente ist bäuerlich, der Ziegenbock springt umher. Der Protagonist steht auf und öffnet das Fenster seines Zimmers, so wie wir nun durch das geöffnete Fenster in die Handlung hinausgeworfen werden. Keine Gefühlsregung wird geäußert, wir müssen uns selber ein Reim auf das Ganze machen.

Unsere Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der 27-jährige Hemingway seinen Erstling überwiegend spielen. Mit einem Mal werden die Sanfermines, bis dahin ein lokales Ereignis in einem weitgehend unbekannten Land, mit seinen Stieraufläufen, den Prozessionen und Tänzen ins Bewusstsein der Welt katapultieren. Um die blutige Fiesta herum entwirft der junge Novize ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen.

Die amerikanischen Protagonisten auf Entdeckungsreise in Pamplona lassen kein Laster aus: Abenteuer, Stierkampf, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol. Fiesta ist ein grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, ein Blick auf die Verlorenheit, die mit viel Schnaps weggetrunken werden möchte. Themen wie Liebe, Sex, Männlichkeit, Exzess und die Suche nach der eigenen Rolle im Leben spielen in dem Roman eine zentrale Rolle.

Durch den Weltkrieg sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der Belle Époque perdu. Denn die Schlacht ist abscheulich gewesen. Alle Kriege sind grauenhaft, aber dieser war es besonders, wegen seiner Sinnlosigkeit. Wer ist Gegner, wer der Freund? In der Katastrophe zwischen 1914 und 1918 sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück ist man in das Inferno hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie es der australische Historiker Christopher Clark treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird. Prohibition, Wirtschaftsdepression und die aufkommende Mafia lassen die Zeiten auch in den USA trostlos erscheinen. Die Welt wird in den Abgrund gezogen, es ist eine leidvolle Dekade allerorten. 

Und so wird in The Sun Also Rises aka Fiesta nichts ausgelassen, was zwischen erwachsenen Menschen so passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Obsessionen, Schlägereien, Saufgelage. Hemingway selbst umschreibt seinen Roman als eine verdammt traurige Geschichte, in der aufgezeigt wird, wie Menschen zugrunde gehen. Ich vermute, Ernesto will eigentlich eins draufsetzen und sagen, wie die ‚Menschheit‘ zugrunde gehen kann.

The Sun Also Rises

The Sun Also Rises heißt das Original. In Europa wird säkular der Titel Fiesta daraus.

Doch wo bleibt die Hoffnung? Der Autor, der in Paris lebt, deutet sie im biblischen Vor-Zitat gleich zu Beginn seines Buches an. Ein Motto des Predigers Salomo als Denkspruch, es wird zum Leitgedanken von Fiesta. Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich. Dieser Rabauke, der nichts auslässt im Leben, liegt in dieser Hinsicht goldrichtig: Eine Generation geht, eine andere kommt. Das Wesen von Blühen und Vergehen. Hier findet man Trost: Auch das Schlechte wird verblühen, so wie das Gute neu gedeiht.

Das Schöne an Hemingways The Sun Also Rises ist, dass er nicht nur die Orientierungslosigkeit und die Dekadenz des Zeitalters beschreibt, sondern zugleich auch einen Lösungsansatz andeutet. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die Unerschrockenheit und die Entdeckerfreude, die Neugier auf eine neue Kultur. Sich das Andersartige und das Fremde anzuschauen. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten wertzuschätzen.

Und darüber hinaus – wo auch immer – die Stille der Natur zu suchen. Ernest beschreibt, wie er seine äußere und innere Ruhe findet in den Ausläufern der Pyrenäen, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles. Durch den Kontrast zur lärmenden Fiesta unten im Pamplona geht der Blick nach oben, in die Berge, in die Ruhe und den Frieden. Möglicherweise ganz in der Höhe.

Abermals bestaunen wir den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch ist. Auf der einen Seite das desillusionierte Karussell von Laster und Eitelkeiten, das sich um Saufen, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die anmutigen Bäche in den Pyrenäen-Tälern, wo Jake Barnes, der Protagonist, angelt und Erdverbundenheit sucht.

The Sun Also Rises. Die Fiesta findet irgendwann ihr Ende. Das Blut des Spektakels ist noch

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Der schönste Hemingway-Satz: Die Fiesta explodiert

„Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Den ganzen Tag waren Leute vom Land in die Stadt gekommen, aber sie wurden von der Stadt absorbiert und fielen nicht weiter auf. Der Platz lag so still in der heißen Sonne wie an jedem anderen Tag. Die Bauern waren in den Weinläden der Außenbezirke. Dort tranken sie und machten sich für die Fiesta bereit. “

Ernest Hemingway: Fiesta, 1926

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So hoffnungslos ist die ‚verlorene Generation‘ in Ernest Hemingways ‚Fiesta‘

Ernest Hemingway
Fiesta
Fiesta von Ernest Hemingway. So heißt der Roman in Europa. The Sun Also Rises lautet der Titel im amerikanischen Original aus dem Jahr 1926.

„Alle benehmen sich schlecht“, sagte ich. „Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.“ Und Gelegenheit gibt es reichlich nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg. Eigentlich sollten Zuversicht und Aufbruch herrschen. Die zerstörten Länder müssen wieder aufgebaut werden und das Zusammenleben neu auf den Weg gebracht werden. Stattdessen Zerfall, Defätismus und allerorts eine wabernde Untergangsstimmung. Der Erste Weltkrieg führt zum Einschnitt in der Menschheitsgeschichte.

Die guten traditionellen Werte sind weg. Übrig bleibt eine bedrückte, gottverlassene und verlorene Generation. Du bist heimatlos. Du hast die Bodenhaftung verloren. Du bist unecht. Falsche europäische Vorbilder haben dich kaputtgemacht. Du säufst dich zu Tode. Du bist vom Sex besessen. Statt zu arbeiten, redest du immer nur. Du bist heimatlos.

Als Verlorene Generation wird literaturhistorisch eine Gruppe US-amerikanischer Schriftsteller bezeichnet, die während des Ersten Weltkriegs aufwächst, und in den 1920er Jahren in Paris als Auslands-Amerikaner leben. Die Aussage You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein. Die einflussreiche Mäzenin aus Pittsburgh subsumiert darunter all die Orientierungslosigkeit und all den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918.

Ein Jahrhundert der Katastrophen mit zwei Weltkriegen, Bürgerkriegen und Wirtschaftsdepressionen ist eingeläutet. Die Aufgabe der Verlorenen Generation wäre eigentlich gewesen, nach vorne zu blicken und ein neues Wertesystem aufzubauen. Doch fehlt dieser kleinmütigen Generation die Kraft dazu. In seinem grandiosen Roman The Sun Also Rises fängt Ernest Hemingway 1926 die gallige Stimmung der Verlorenen Generation – am Beispiel von Expats in Paris und Pamplona – treffend ein.

– Ist das nicht schrecklich? Es hat überhaupt keinen Sinn, dir zu sagen,            dass ich dich liebe.
– Du weißt, dass ich dich liebe.
– Lassen wir das. Reden bringt nichts.

Ernest Hemingway, der selber sieben Jahre in Europa gelebt hat und sich innerhalb dieser Kreise getummelt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung jener Tage auf den Punkt wiederzugeben.

Fiesta kommt leicht daher als grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, als Blick auf eine Verlorenheit, die mit Alkohol, Sex und Oberflächlichkeiten weggetrunken werden möchte. Ein offener Türspalt ins Fegefeuer, in die Vorstufe zur Hölle. Immer dicht an der Apokalypse vorbei schrammend.

– Was bedeutet das für deine Werte?
– Auch das hat seinen Platz in meinen Werten.
– Du hast gar keine Werte. Du bist tot, sonst gar nichts.

Genau hier liegt das Problem. Alle Werte sind perdu. Vor allem durch diesen schlimmen Krieg. Alle Kriege sind schlimm, aber dieser war besonders schlimm, weil er so nutzlos gewesen ist. Beim Spanischen Bürgerkrieg oder dem Zweiten Weltkrieg ist klar, worum es geht. Doch in dem Ersten Weltkrieg sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück weit ist man in ihn hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie ein britischer Historiker treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Elend, Hyperinflation und einer noch größeren Katastrophe vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, mit einem freudlosen Jahrzehnt, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise münden wird.

Das Schöne an The Sun Also Rises ist, dass Ernest Hemingway nicht

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‚The Sun Also Rises‘ und ‚Fiesta‘. Ein Buch. Zwei verschiedene Titel. Weshalb?

The Sun Also Rises gilt als bahnbrechendes Werk für die literarische Moderne.

Es ist der vielbeachtete  Erstling von Ernest Hemingway. The Sun Also Rises. Im Oktober 1926 bei Scribner’s in New York erstverlegt. Das Thema des Romans: Lebenshungrige amerikanische Expats im Paris der 1920er Jahre begeben sich 1925 ins baskische Pamplona zu den damals nur lokal bekannten Sanfermines, zu dem Stadtfest im Norden Spaniens.

Die Fiesta de San Fermín – in Erinnerung an Firminus, den katholischen Märtyrer – werden seit 1591 alljährlich für eine Woche im Juli gefeiert. Die zahlreichen volkstraditionellen Riten sehen  als Höhepunkt den Encierro, die tägliche Hetzjagd der Bullen durch die Altstadt von Pamplona. Es wird Ernest Hemingway sein, der durch seinen Roman das Spektakel weltbekannt machen sollte.

Mit The Sun Also Rises setzt die Moderne in der angelsächsischen Literatur eine kräftige Duftnote. Neues Thema, neuer Stil, neuer Autor. Und – über allem – eine zeitgemäße Sichtweise der Dinge. Die verlorene Generation verfügt über einen neuen Wortführer. Dem Buch stellt der Autor Ernest Hemingway merkwürdigerweise ein Bibelzitat voran.

The Sun Also Rises hat Ernest Hemingway sein Werk genannt, auf eine Bibelstelle anspielend. Oritur sol et occidit et ad locum suum revertitur ibique renascens. Im Alten Testament wird Kohelet – in der Lutherbibel unter Der Prediger Salomo – beschieden: Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe, so Kapitel 1, Vers 5. The Sun Also Rises. Der Atheist hat seinen Buchtitel. Die Sonne geht neuerlich auf.

Neben dem Vers aus dem Prediger Salomo hat Hemingway dem Buch ein Zitat seiner Mentorin Gertrude Stein vorangestellt, das bald zum Modespruch des Zeitgeistes werden sollte: „Ihr alle seid eine verlorene Generation.“ Auch diese Umschreibung zieht sich wie ein Leitfaden durch das ganze Buch. Das Motto von Gertrude Stein skizziert treffend die Leere und die Sinnsuche dieser Generation nach dem Zivilisationsbruch durch den Ersten Weltkrieg.

Die Arbeit an dem Roman beginnt Ernest Hemingway Ende Juli 1925 in Valencia, er schreibt das Manuskript im August in Madrid weiter, später in San Sebastian und im französischen Hendaye. Im September schließt der junge Amerikaner dann den ersten Entwurf in seinem Wohnort Paris ab. Im folgenden Winter legt er im österreichischen Skiort Schruns letzte Hand an, bevor er die Endfassung im April 1926 an seinen Lektor Maxwell Perkins bei Charles Scribner’s Sons in New York schickt.

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Eine italienische Ausgabe von Fiesta bei Mondadori mit einer Illustration von Pablo Picasso.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch dem betulichen Charles Dickens-Schnickschnack nachhängen, schildert der ehrgeizige Novize aus Chicago die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen und ihrer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröde Prosa wirkt lebensnah und trifft den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Denn der feine Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus der Bibelzeile entlehnten Titel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet Proteste, wenn das Buch hinter einem Bibelzitat läuft. Wo es doch in Hemingways Erstling kräftig zur Sache geht.

Und so tauft ihn der englische Verlag prompt in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des sperrigen The Sun Also Rises. Fiesta, spanisch für Fest oder Feier. Heute würde man Party sagen. Der neue Titel, auch wenn ihm die philosophische Tiefe des Originals verloren geht, trifft den Inhalt des Buches nahezu perfekt.

Denn in The Sun Also Rises aka Fiesta wird nichts ausgelassen, was zwischen Menschen so Menschliches passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Promiskuität, Obsessionen, Alkoholexzesse. Mit all diesem

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In den Bergen Österreichs startet Ernest Hemingways Karriere als Autor

Der Weg der großen Namen an der Litz in Schruns. Und Ernest Hemingway startet in der Pole Position.
Foto: W. Stock, Juni 2019

In den Wintermonaten im österreichischen Schruns findet der junge Journalist Ernest Hemingway, zu Ende 1924 noch ohne richtigen Buchverleger, genug Muße, um an seinen Erzählungen und an einigen seiner Kurzgeschichten zu feilen. Schruns war ein guter Platz zum Arbeiten. Ich kann mich nicht erinnern, welche Short Stories ich dort schrieb. Aber es waren mehrere, die alle gut ausfielen.

Der junge Journalist erhält während des Urlaubs im Montafon die ersten Absagen von Verlagen. Ernest ist niedergeschlagen und fällt in eine Depression. Seine Frau Hadley versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. 

Doch Ernest ist kein Mann, der so schnell aufgibt. Sehr geehrter Interessent, bedauerlicherweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Einsendung nicht unseren verlegerischen Anforderungen entspricht. Der junge Kerl aus Chicago verfügt über ein gesundes Selbstbewusstsein und er weiß, er besitzt Talent und nun ist Beharrlichkeit gefragt. Well fuck ‚em! Ich bedaure, dass Ihr Absagebrief nicht ‚meinen‘ verlegerischen Anforderungen entspricht!

Hadley tröstet ihren Mann und spricht ihm Mut zu. Seine Stories seien einzigartig, eines Tages werde sich schon ein Verleger finden, der die Geschichten druckt, und sie würden ein großartiger Erfolg werden. Und in den Buchhandlungen würde sein Portrait hängen, Ernest mit einem Lächeln und mit einer Pfeife im Mund.

Als die Hemingways im nächsten Winter 1925/1926 wiederum in Schruns urlauben, hat sich Ernests verlegerische Situation aufgehellt. Der bekannte New Yorker Verlag Scribner’s will sein Erstlingswerk veröffentlichen. In Schruns legt der Amerikaner nun letzte Hand an das Manuskript, er hat mit dem Roman über eine Spanien-Reise Ende Juli 1925 in Valencia begonnen und ihn im September in Paris fertiggestellt. Im Winter hat er das Manuskript nach Schruns mitgenommen, um Kürzungen vorzunehmen und ihm den letzten Schliff zu verpassen.

Der Vertrag mit dem Buchverlag ist mittlerweile unter Dach und Fach und im April 1926 endlich lässt er das Manuskript seinem Lektor Max Perkins in New York zukommen. Das Werk erscheint in den USA bei Scribner’s dann im Oktober 1926 unter dem Titel The Sun Also Rises, ein Jahr später wird der Londoner Verlag Jonathan Cape die Erzählung unter dem Titel Fiesta publizieren. 

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Ernest Hemingway bleibt der wohl berühmteste Gast des Montafon. Eine Plakette an der Litz erinnert an die beiden Besuche des Nobelpreisträgers. Foto: W. Stock, Juni 2019

Über die beiden Winter in Schruns wird Ernest Hemingway gesondert in einem anderen Werk ausführlich berichten. Im letzten Kapitel von Paris – Ein Fest fürs Leben hat der Schriftsteller die beglückenden Tage im Montafon liebevoll festgehalten. Paris hat kein Ende, nennt er das Kapitel, und wenn man

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