Auf den Fersen von Ernest Hemingway

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Ernest Hemingway: The Killers – Warten auf den Schweden

Edward Hopper Nighthawks, 1942. Einsame Nachtschwärmer. Credits: Public Domain.

The door of Henry’s Lunch-Room opened and two men came in. So trocken beginnt Ernest Hemingways Kurzgeschichte The Killers. Zehn Seiten, pure Lakonik. Nüchtern und kühl, ohne jeden Schnörkel. Nicht zu viel wird geschrieben, aber auch nicht zu wenig. Die Tür von Henry’s Esslokal öffnete sich, und zwei Männer traten ein. Nur schwer kann man sich dieser wortfaulen Spröde entziehen.

Eigentlich passiert in dieser Kurzgeschichte nicht allzuviel. Al und Max, zwei Berufskiller, betreten um fünf Uhr nachmittags Henry’s Lunch-Room, weil sie es auf Ole Andreson abgesehen haben. Im Auftrag sollen sie den Schweden umlegen, wahrscheinlich irgendeine alte Rechnung aus Chicago. Der Ex-Schwergewichtsboxer komme bekanntlich jeden Tag vorbei, so gegen 6 Uhr abends, zum Essen.

Nick Adams – der Junge und gleichzeitig Hemingways Alter Ego in seinem Frühwerk – beobachtet dies alles als einziger weiterer Gast der Kneipe. Um 18 Uhr 55 sagt George, der Gastwirt, der Schwede werde heute wohl nicht kommen. Kurz darauf ziehen die beiden Ganoven wieder ab. Der Vorhang fällt, man ist so schlau wie zuvor.

Diese Kurzgeschichte über den ehemaligen Boxer Ole, der umgebracht werden soll, schreibt Ernest Hemingway in Europa. Sie geht ihm flott von der Hand. An einem Vormittag in einem Madrider Hotelzimmer ist diese short story von 3.000 Wörtern vollendet. Im März 1927 erscheint sie erstmals im New Yorker Scribner’s Magazine.

Die Handlungsarmut der Erzählung wird von dem damals 27-jährigen Ernest grandios umschrieben. Der US-Amerikaner wohnt seit über fünf Jahren in Paris, er ist noch kein gefeierter Autor, die wenigsten kennen seinen Namen. Aber The Killers wird ein frühes Meisterwerk. Es eignet sich vorzüglich, um Hemingways Erzählstil – den Eisberg – zu studieren. Nur wenig wird verraten, der Leser muss sich das meiste selbst zusammenreimen.

Das Kolorit von Hemingways Prosa wirkt kühl und distanziert, es ist die Zeit der Prohibition und des Aufblühens der Mafia in den Vereinigten Staaten. Die Dialoge der Erzählung geraten zynisch und mutlos. Das Warten auf den Schweden kommt einem vor wie das Warten auf Godot. Aber auf was wird eigentlich gewartet?

Über der ganzen Kurzgeschichte liegen eine verkrampfte Hoffnungslosigkeit und ein spürbarer Fatalismus, sie passen genau hinein in die späten 1920er Jahre. Der große Wirtschaftsknall kündigt sich so langsam an, die sozialen Konflikte wachsen, es ist insgesamt eine freudlose Dekade für die Amerikaner. Ernest Hemingway, im quirligen Paris, besitzt ein feines Gespür für den Zynismus dieses trübseligen Jahrzehnts.

Hollywood hat den Stoff zweimal verfilmt, einmal 1946 unter der Regie von Robert Siodmak mit Burt Lancaster und Ava Gardner, das andere Mal 1964 von Don Siegel mit Lee Marvin und Ronald Reagan. In den Kinos bestaunen die Zuschauer mit Vorliebe den Film noir, dunkle Krimis mit einem sarkastischen Unterton. Im Text funktioniert es, ebenso im Kinofilm, jedoch auch in der Malerei. 

Edward Hopper hat einmal verraten, dass

Ernest Hemingway lässt niemanden kalt

Wolfgang Stock mit seiner Hemingway-Biografie Cabo Blanco auf Lesereise. Meerbusch, im Mai 2022. Foto: Christian von Zittwitz.

Wolfgang Stock im Gespräch mit Christian von Zittwitz über einen bärtigen Nobelpreisträger von 1954, über seine Hemingway-Biografie Cabo Blanco und über die Vermarktung seines Projektes.

Der ehemalige Cheflektor ECON Wirtschaft befindet sich mit seiner Hemingway-Biografie Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru auf Lesereise. Nach einer Veranstaltung in der Kaiserswerther Buchhandlung Lesezeit schaute der ehemalige BuchMarkt-Kolumnist in der Redaktion vorbei.

Kann man mit Ernest Hemingway noch jemand hinter dem Ofen hervorlocken?
In Düsseldorf haben wir die Lesezeit voll bekommen.

Was macht den Mann aus, dass man noch heute über ihn redet…
Das Leben des Nobelpreisträgers von 1954 ist so wahnsinnig bunt. Er steht für alles, was so ein Menschenleben ausmacht. Im positiven wie im negativen.

Wo fängt man da an…
Ich habe eine wenig bekannte Episode aus seinem Leben herausgegriffen, eine fünfwöchige Reise nach Peru zu den Dreharbeiten zu Der alte Mann und das Meer. Vor Ort habe ich lange recherchiert und mein Material mit Rück- und Seitenblicken zu einem Psychogramm angereichert. Auf jeder Seite möchte man eigentlich mit der Diskussion beginnen. Dieser seltsame Kerl lässt niemanden kalt.

Sie haben das Buch bei BoD verlegt. Ihre Erfahrungen nach einigen Monaten?
Books on Demand nähert sich immer mehr den Standards der Verlage an. Durch Neuerungen im Druck und die Verzahnung mit Libri merkt der Händler als auch der Kunde fast keinen Unterschied. Druckqualität, Lieferfristen, Remissionsrecht oder Rabatt ­– all das unterscheidet sich wenig von den etablierten Verlagen.

Was war für Sie das stärkste Argument fürs Selfpublishing?
Zeit. Während ich bei den Verlagen an die Programmzyklen gebunden bin, oft mit Wartezeiten von zwei Jahren, kann ich bei BoD von jetzt auf gleich loslegen. Gerade bei Biografien ist Timing wichtig. Jahrestage und Jubiläen gilt es im Auge zu halten.

Und das schwierigste beim Selfpublishing?
Marketing. Das unterscheidet sich nicht von herkömmlichen Verlagen. Das Buch muss zum Leser.

Was funktioniert beim Marketing?
Jeder muss da seine eigene Strategie finden. Ich betreibe das Portal Hemingwayswelt.de mit 3.000 Besuchern jeden Monat. Das ist die Grundlage, die öffentliche Sichtbarkeit, hier trommle ich praktisch jeden Tag. Ansonsten habe ich gute Erfahrungen mit Facebook gemacht.

Was bedeutet das konkret?
Als Autor sollte man versuchen, mit redaktionellen Beiträgen in die geeigneten FB-Gruppen hineinzugehen. Zum Thema Hemingway beispielsweise gibt es ein halbes Dutzend Gruppen und Foren, oft mit Tausenden Mitgliedern. Darüber hinaus gilt es thematisch verwandte FB-Gruppen auszumachen, bei Hemingway beispielsweise amerikanische Literatur, Kuba oder Sportfischen. Das ist eigentlich typisches Mirco-Marketing. Mit bescheidenen Mitteln dorthin gehen, wo die Zielgruppe zu finden ist.

Welche Rolle spielt der Buchhandel?
Ganz besonders freue ich mich über den Zuspruch der Buchhändlerinnen und Buchhändler. Die Empfehlung des Handels ist für mich wie ein Adelsschlag. Lesungen funktionieren beim Thema Hemingway wunderbar. Wobei ich keine Lesung im herkömmlichen Sinn abhalte, sondern einen packenden Vortrag mitbringe, inklusive seltener Fotos. Der Zuspruch ist groß.

Noch immer haftet Print on Demand das Image des ärmeren Bruders an…
Das Image des ärmeren Bruders hat das Selfpublishing mit Professionalisierungs-Schüben zum Glück überwunden. Selbst etablierte Verlage lassen die Backlist über BoD laufen. Und in den aktuellen BoD-Programmen gilt es so manche Perle zu entdecken.

Und wie entdeckt man solche Perlen?
Das Wichtigste ist

Der Nobelpreis, den Ernest Hemingway nicht in Empfang nimmt

Das Gemäuer des Blauen Saals in der Stockholmer City Hall hat schon viele Nobelpreisträger gesehen. Nur einen nicht. Foto: W. Stock, im April 2022.

Einladung zu einer Veranstaltung der Stockholm School of Economics. Im Stadshus, an der südöstlichen Spitze der Insel Kungsholmen, findet das feine Event statt. Die Blaue Halle des Rathauses strahlt sakrale Tradition aus: Dort findet alljährlich das festliche Banquet zur Verleihung der Nobelpreise statt. Der schwedische König schreitet dann von der Empore die breite Marmortreppe hinab in den Saal und bittet zum Festessen.

Die Verleihung der Nobelpreise – immer am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel – wird im Konserthuset veranstaltet, dem Stockholmer Konzerthaus. Dort überreicht der König den Geehrten eine Goldmedaille und ein handgefertigtes Diplom, dazu das Avis über eine ansehnliche Preissumme. Danach nehmen die Notabeln und die Gäste am Festbankett im Blauen Saal des Stockholmer Rathauses teil, gefolgt von Tanz und Feier im Goldenen Saal. 

Eigentlich hätte Ernest Hemingway in diesen Festsälen anwesend sein sollen, im Jahr 1954. Denn in diesem Jahr hat man ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen. Die höchste Auszeichnung für einen Schriftsteller. Doch dieser Ernest Hemingway lässt sich in Schweden nicht blicken. Und so wird am 10. Dezember 1954 in Stockholm der Nobelpreis für Literatur verliehen. An Ernest Hemingway. Ohne ihn. 

Kaum hat Ernest Hemingway in seinem kubanischen Refugium Finca Vigía südlich von Havanna die freudige Nachricht aus Schweden erhalten, macht er sich an eine kurze Dankesrede. Der US-Botschafter in Stockholm, John M. Cabot, wird die Rede im Dezember 1954 auf dem Nobelpreis-Fest vortragen. Ein Schriftsteller, der die großen Schriftsteller kennt, die den Preis nicht erhalten haben, kann diese Auszeichnung nur in aller Demut entgegennehmen.

Trotz aller Tiefstapelei, der Nobelpreis kommt zur rechten Zeit. Denn Ernest Hemingway durchleidet als Autor eine kritische Phase. Sein vorletztes Buch Über den Fluss und in die Wälder, das Werk ist 1950 erschienen, wird kein Erfolg. Die Kritiker mögen die Geschichte um den alten Colonel Richard Cantwell und die junge venezianische Contessa Renata nicht, die Erzählung ist etwas fahrig im Aufbau und arg konstruiert in den Dialogen.

Auch die Leserschaft hat mehr von dem bärtigen Haudegen erwartet, der immer so großspurig auftritt. Und er selbst findet, in selbstkritischen Momenten, er ist unter seinen Möglichkeiten geblieben. Einen weiteren Schlag ins Wasser hätte ein Autor mit einem solchen Ego wie Ernest Hemingway wohl nur schwer verkraftet. Da erfüllt ihn die Auszeichnung mit Stolz, allerdings verbleibt eine seltsame Distanz zu dem ganzen Rummel. 

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Der Schwede Alfred Nobel, ein kinderloser Chemiker und Erfinder des industriellen Dynamits, stiftet sein Millionenvermögen. Unter anderem für den renommiertesten Literaturpreis der Welt. Foto: W. Stock, Stockholm im April 2022.

Er freut sich über die Ehrung aus Stockholm. Trotzdem kann Ernest Hemingway in seinem Tropenparadies sich nicht aufraffen, von Kuba in den schwedischen Winter zu fliegen, zur Preisverleihung, um die 36.000 Dollar und die Goldmedaille aus der Hand von König Gustav Adolf in Empfang zu nehmen. Er fühlt sich dazu

Krautjunker.com über ‚Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru‘

Das ganz famose Portal Krautjunker.com -Weblog für Es(s)kapismus bespricht ausführlich mein Buch Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Hier eine um Buchzitate und Fotos gekürzte Version: Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Krautjunker-1024x454.jpg„Vor 65 Jahren war ein peruanisches Fischerdorf fünf Wochen lang Schauplatz des letzten Abenteuers für den berühmtesten Schriftsteller der Welt. Ernest Hemingway, geehrt mit dem Pulitzer- und dem Literaturnobelpreis, verehrt von Millionen Lesern weltweit, stellt ab Mitte April 1956, ausgehend vom Cabo Blanco Fishing Club, dem größten angelbaren Raubfisch nach: dem legendären Schwarzen Marlin.

Im Gegensatz zu den meisten Autoren erträumte Hemingway nicht nur Abenteuer, sondern auf warf auch sein eigenes Leben auf  Großwildjagden, riskanten Reisen und beiden Weltkriegen in die Waagschale. Doch die wilden Jahre fordern mittlerweile ihren Tribut in Form von Diabetes, Impotenz, Konzentrationsstörungen und Hämorrhoiden. Nicht zu vergessen die quälenden Rückenschmerzen und sein kaputtes Bein.

Korpulent ist seine Figur und gebrechlich seine Bewegungen. Mit Mitte fünfzig sieht er aus wie ein alter Mann. Hemingway, groß und breitschultrig, der sich als unverwüstlichen Macho und Naturburschen feiert, verursacht sein körperlicher Verfall Depressionsschübe. Er weiß, dass das Beste vorbei ist, aber noch immer umweht ihn ein Hauch von Verwegenheit und Draufgängertum. Und noch immer gehen auf Schritt und Tritt ein raumfüllender Glanz und eine einzigartige Magie von ihm aus.

Hinter der anstrengenden Fassade des selbstverliebten Großmauls, Schürzenjägers, Boxers und Trinkers mit einem unstillbaren Hunger nach Aufmerksamkeit, fasst eine kämpferische Künstlerseele die widersprüchlichen Freuden und Leiden des Lebens in eine puristische Wortmusik, welche noch heute Leser aller Schichten und Nationen berührt. Angesichts seines körperlichen Niedergangs will der alte Haudegen nicht kapitulieren.

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364 Seiten, BoD 12,99 € (Paperback), 6,99 € (E-Book) ISBN: 9783751972567 zu beziehen in jeder Buchhandlung oder bei: amazon.de (hier klicken)

Hier in Cabo Blanco will es das narzisstische Genie noch einmal allen zeigen, was er für ein Kerl ist. Seiner Frau, seinen Freunden, den Ärzten, den Kritikern, den Fischern, dem Fisch und vor allem sich selbst. Der alte Mann bäumt sich auf und kämpft. Die Filmgesellschaft Warner Bros. hat sich für viel Geld die Filmrechte an Hemingways finalem Meisterwerk Der alte Mann und das Meer gesichert.

Das Buch, welches ihm endgültig einen Platz im Schriftsteller-Olymp sichert, ist die Krönung seines Literatenlebens und das letzte, welches zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wird. Auch wenn Hemingway im Alltag Glaube und Demut für Religiosität fehlen, lesen sich manche seiner Texte wie Gebete und erinnern manche seiner Inhalte an Beichten.

Die für die Handlung wichtigen Angelszenen will das Hollywood-Studio auf dem pazifischen Ozean vor Cabo Blanco drehen, da sich hier die kapitalsten Raubfische finden lassen. Hier hat der texanische Unternehmer Alfred C. Glassells am 4. August 1953 einen Schwarzen Marlin von viereinhalb Metern Länge und 708 kg Gewicht erbeutet.

Mit all seinen Sinnen liebt er

Leserstimmen und Pressebesprechungen zu ‚Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru‘

Wolfgang Stock: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. BoD über amazon.de

Immer Vollgas
Dieses Buch ist ein Schatz! War schon auf Cuba und habe dort eine Tour zu seinem Namen gemacht, echt beeindruckend. In Florida waren wir schon öfter, auch bei seinem Haus und seinen Stammkneipen. Der Autor hat hier sehr viel Arbeit und Recherche leisten müssen, um uns Lesern das Leben von Ernest Hemingway noch mal so nahe bringen zu könne.
Jetzt sehe ich ihn mit ein bisschen anderen Augen. Er war für mich persönlich ein ewig getriebener und so musste er auch einiges gehörig übertreiben, sonst wäre er sich selber nicht gerecht geworden. Er lebte in meinen Augen ein Leben von drei Leuten und fasste dafür alles auf seine Lebenszeit ein. Die Fotos zeigen auch ein paar Einblicke, die wahrscheinlich noch nicht so viele Leute gesehen haben. Ein tolles Werk, Herr Stock, Respekt.
MK262 auf Loveliy Books

Ernest Hemingway, der bereits zu Lebzeiten für reichlich Kontroversen gesorgt hat, beschäftigt auch heute noch die Gemüter. Selbst wenn heute vollkommen andere gesellschaftliche Maßstäbe gelten als zu seinen Zeiten, kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass er eine äußerst zwiespältige Persönlichkeit gewesen sein muss. Wolfgang Stock, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Menschen Hemingway nachzuspüren, gelingt es, basierend auf zahlreichen äußerst detailreichen Recherchen, das Bild eines innerlich zerrissenen, aber trotzdem immer geradlinigen Mannes nachzuzeichnen, der über ein Charisma verfügt hat wie kaum ein anderer.
Fazit: Eine interessante Begegnung mit Ernest Hemingway, die diesem außergewöhnlichen Menschen und Schriftsteller ein literarisches Denkmal setzt.
Das Echo vom Alpenrand, 27. September 2021

Wunderbare Biografie
Der fast 60-jährige Ernest Hemingway reist 1956 für einige Wochen mit seiner Frau Mary zu den Dreharbeiten des Films „Der alte Mann und das Meer“ nach Cabo Blanco in Peru. Dort, im legendären Cabo Blanco Fishing Club, tummelt sich die Prominenz. Hemingway genießt die Zeit im Fishing Club und die Jagd nach dem riesigen Schwarzmarlin. 

Muss man zu dieser Reise eine ganze Biographie von 340 Seiten geschrieben werden? Ja! Der Autor, Wolfgang Stock, beschreibt die Ereignisse, den Ort und die Personen so lebhaft, dass ich das Buch regelrecht verschlungen habe. Der Schreibstil ist lebendig und die Sprache ist in der Gegenwart. So hat man das Gefühl direkt vor Ort mit Hemingway zu sein und die Zeit im Fishing Club hautnah miterleben zu können. Ich konnte das Meer riechen, die Hitze spüren, auf dem Fischerboot mitfahren und sogar (obwohl ich nicht fische und das auch nicht gut finde) nachempfinden, warum Hemingway das Fischen so geliebt hat.

Ich habe viel über Hemingway gelesen und auch sein Anwesen auf Kuba besucht. Seine Zeit in Cabo Blanco war mir aber völlig unbekannt. Der Autor hat sehr intensiv recherchiert und sich auf den komplexen Charakter Hemingways eingelassen. Historische Hintergründe, wie der Cabo Blanco Fishing Club, werden ebenfalls sehr lebendig geschildert. Ich habe so viel gelernt und mich dabei sehr unterhalten gefühlt. Ergänzt wird die Biographie mit eindrucksvollen schwarz-weiß Fotos aus der Zeit und einem Glossar am Ende des Buchs.

Fazit: eine wundervolle und spannende Biographie vom Hemingways Reise nach Peru. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Ein Highlight!
Nordseemädchen, auf hugendubel.de

Radio-Tipp: Die Lange Nacht über Ernest Hemingway

Von einsamen Kämpfen und stillen Niederlagen
Die Lange Nacht über Ernest Hemingway
Von Tom Noga
Regie: Tom Noga

An Ernest Hemingway (1899 -1961) scheiden sich die Geister. Für die einen ist er ein Aufschneider, der sich als Kriegsheld inszenierte (der er nicht war) und sich gerne mit seinen Jagdtrophäen abbilden ließ, mit riesigen Schwertfischen etwa, die ihn um das Zweifache überragen. Andere fasziniert gerade seine Männlichkeit, die Kompromisslosigkeit, mit der er sich in jedes Abenteuer stürzte, und sei es noch so aussichtslos.

Die einen kritisieren seine Romane als flach, eindimensional und sprachlich bescheiden. Anderen gefällt gerade dies: seine unprätentiöse, packende Sprache, seine Direktheit, der Reichtum an Bildern, die seine Romane und Kurzgeschichten wie Filme wirken lassen. Fest steht: Ernest Hemingway hat die englischsprachige Literatur vom Schwulst des viktorianischen Zeitalters befreit.

Als Autor ist er aus dem Elfenbeinturm der Kunst ausgebrochen. Ein Super-Macho, ein amerikanischer Held, der dorthin ging, wo es weh tat: in den Boxring, in den Krieg, auf Safari, zum Hochseefischen. Und der dann darüber schrieb. Seine Protagonisten sind

Ernest Hemingway auf ‚The Blacklist/Die Schwarze Liste‘

Das Kunstwerk The Blacklist/Die Schwarze Liste von Arnold Dreyblatt erinnert seit dem 6. Mai 2021 am Münchner Königsplatz an die Bücherverbrennung. Foto: W. Stock, Mai 2021.

Auf dem Königsplatz in München fanden am 6. und am 10. Mai 1933 öffentliche Bücherverbrennungen  statt. Unter dem Gejohle völkisch-nationalistischer Studenten wurden im Rahmen einer Bücherverbrennung in vielen deutschen Städten die Werke kritischer Autoren in die lodernden Flammen geworfen und die Namen der Verfemten laut verlesen. Die Bücherverbrennungen bildeten den Auftakt zur systematischen Entfernung unliebsamer Literatur aus Bibliotheken, Buchhandlungen und dem Literaturbetrieb.

Bücher wurden von den Nationalsozialisten nicht nur verboten, sondern eben auch verbrannt. Zuerst brannten Bücher, dann die Menschen. Es muss immer und immer wieder an dieses dunkle Kapitel deutschen Geistesleben erinnert werden. Auf dem Königsplatz in München findet sich dazu nun ein würdiges Mahnmal. Der Künstler Arnold Dreyblatt übernahm für seinen Entwurf die wohl umfangreichste und bekannteste Schwarze Liste.

Der Bibliothekar und Nationalsozialist Wolfgang Herrmann hatte sie im Frühjahr 1933 im eigenen Auftrag erstellt, als Anleitung zur Säuberung von öffentlichen Büchereien. Im Frühjahr 1933 wandte sich die Deutsche Studentenschaft an Herrmann mit der Bitte, seine Liste mit der Literatur wider den undeutschen Geist als Grundlage der Bücherverbrennung benutzen zu dürfen. 

The Blacklist/Die Schwarze Liste befindet sich zentral in der halbrunden Fläche vor der Treppe der Staatlichen Antikensammlungen mit etruskischer und römischer Kunst. Die begehbare Kreisform hat einen Durchmesser von acht Metern, die Textspirale aus circa 9.600 Buchstaben ist gut lesbar in die Bodenplatte eingelassen. Alle verbotenen Bücher fließen nahtlos ineinander.

„Diese Textfragmente kollidieren und aktualisieren für uns heute neue Bedeutungen in einer spiralförmigen Komposition, die auch an die Rauchsäulen in den historischen Abbildungen der Bücherverbrennungen von 1933 erinnert“, meint der geborene New Yorker Arnold Dreyblatt, der seit 2009 als Professor für Medienkunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel lehrt.

Als Textspirale, ohne Interpunktion, werden als fortlaufender Text 310 Buchtitel von verbotenen Autoren aufgelistet. Erich Maria Remarque, John Reed, Ludwig Renn, Gustav Regler, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Walther Rathenau – es ist nur der Buchstabe R, und nur eine Auswahl. Unter den 310 Büchern befindet sich auch: In einem anderen Land. Ein Roman von Ernest Hemingway, in Deutschland im Jahr 1930 verlegt.

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Ernest Hemingways In einem anderen Land auf der Schwarzen Liste. Die Nazis haben den Roman verstanden: gegen den Krieg und für die Liebe. Foto: W. Stock, Mai 2021.

In einem anderen Land – eine weitere Übersetzung lautet In einem andern Land – ist der zweite große Roman des US-Amerikaners, er erscheint 1929 bei Scribner’s in New York unter dem Titel A Farewell to Arms. In diesem Anti-Kriegsroman, der schon alle Eigenschaften einer großen Hemingway-Erzählung besitzt, lässt

Frei sein, wie ein kleiner Vogel

Auf der ‚Miss Texas‘: Ein barfüßiger Ernest Hemingway bereitet sich für den Angelstuhl und die Jagd auf den schwarzen Marlin vor. Cabo Blanco, im April 1956.

Am dritten Tag kommen die Filmleute aus Hollywood abermals mit auf den Pazifik. Aufnahmeleiter Allen Miner, die Kameramänner und Tontechniker Joe Barry, John Dany, William Classen und Stuart Higgs verteilen sich wiederum auf die Miss Texas und die Pescadores Dos. Aller guten Dinge sind drei, merkt Ernest Hemingway am Morgen voller Zuversicht in die Runde an.

Die Männer wollen sich auf der Jagd nach dem Schwarzmarlin, ebenso wie bei den Dreharbeiten, nicht ablenken lassen und deshalb hat der Schriftsteller auch an diesem Tag die Anordnung erlassen, dass keine Presse mit an Bord darf. Dabei wäre genau dies so sehr sein Wunsch gewesen, doch Manuel Jesús Orbegozo von der Tageszeitung La Crónica erhält nicht die Erlaubnis, mit auf Ernest Hemingways Boot zu kommen, auf die Miss Texas.

Der Mann aus der Hochlandregion von La Libertad jedoch lässt sich so schnell nicht abwimmeln, er ist ein gewiefter Reporter, der den Knaller seines Berufslebens nicht vermasseln will. Und so versucht der Journalist, es wenigstens auf das Schiff von Mrs. Hemingway zu schaffen, die an diesem Tag mit drei Filmleuten hinausfährt.

Am frühen Morgen des 18. April 1956 schleicht sich Manuel Jesús Orbegozo zur Landungsbrücke im Hafen. Dort schnappt er sich von der Tochter eines Fischers kurzerhand zwei Kühltaschen mit Vorräten und klettert frech an Bord der Pescadores Dos, so als sei er Teil des Teams. Auf dem Boot versteckt der La Crónica-Reporter sich dann in der winzigen Toilette. Eine halbe Stunde nach Auslaufen kommt Orbegozo aus dem WC und der urplötzliche Auftritt des blinden Passagiers löst auf dem kleinen Schiff sogleich eine gehörige Unruhe aus.

Kleinlaut erklärt der Journalist, zu Mary Welsh gewandt, dass er nichts Böses im Schilde führe. „Was würden Sie machen, gnädige Frau, wenn Ihr Vorgesetzter Ihnen die Anweisung gibt, einen Tag mit Ernest Hemingway auf dem Meer zu verbringen?“, versucht der Zeitungsmann ein paar Mitleidspunkte zu machen.

Miss Mary zeigt sich gnädig gestimmt. Ernest Hemingways Ehefrau, an Deck mit einem breiten sombrero aus Catacaos gegen die gleißende Sonne geschützt, erkennt Manuel Jesús Orbegozo als einen der Redakteure vom Flughafen. Mary Welsh hat selber lange als Journalistin gearbeitet, sie kennt den Druck, und so darf der Reporter zumindest an diesem Tag an Bord verbleiben.

Gegen 10 Uhr 30 gibt Ernest Hemingway von der Miss Texas aus ein Zeichen, dass endlich ein Fisch angebissen hat. Die Pescadores Dos nähert sich Hemingways Boot und die Kameramänner Joe Barry, William Classen und Stu Higgs bringen ihre schweren Handapparate in Stellung. Doch Fehlalarm. Als Gregorio Fuentes die Angelschnur zieht, kommt lediglich ein Tintenfisch zum Vorschein. Eine Stunde später gibt es erneut blinden Alarm. Und von Neuem ist die Enttäuschung riesengroß.

Der Journalist Manuel Jesús Orbegozo auf der Pescadores Dos nutzt die Gelegenheit, einige Sätze mit Mrs. Hemingway auf Englisch zu wechseln. Wie sich das Paar kennengelernt habe, fragt der Reporter neugierig. In London, bekommt er zur Antwort, als Ernest und ich Korrespondenten im Krieg gewesen sind. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Aber, fügt Mary schnell an, weil sie ahnt, welche Nachfrage jetzt kommen wird, ich habe einen Mann geheiratet, den ich liebe, und nicht einen Schriftsteller, den ich bewundere.

„Schön ist das Meer hier“, meint Mary Welsh ausgelassen zu Orbegozo. Und Miss Mary, einmal in Fahrt, plaudert munter drauf los aus dem Alltag des Ehepaares. Sie erzählt von London, von Kuba und der Finca Vigía, von Afrika, von den beiden Unfällen, die Ernest um Haaresbreite das Leben gekostet hätten. Die Folgeerscheinungen der Flugzeugunglücke, so sagt sie, machen ihrem Ehemann noch immer zu schaffen.

Der Nobelpreis? Mary Welsh wirkt bei diesem Stichwort leicht verschnupft. Ernest, meint sie spitz, ist stets so großzügig. Von den 36.000 Dollar hat er unserem Chauffeur Juan und den anderen Bediensteten auf der Finca Vigía zehn Monatsgehälter als Gratifikation gezahlt. Und mir wollte er ein Jagdgewehr in Paris kaufen, nun ja, aber dann hat er mir einen Scheck über zweitausend Dollar ausgestellt. (Anfang von Kapitel 13 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

Mit der Hand den Himmel berühren

An der Bar des ‚Fishing Clubs‘ plaudert Ernest Hemingway, ein Glas Whiskey in der Hand, über Gott und die Welt. In der Hauptsache über seine Welt. Cabo Blanco, im April 1956.

Nach dem Abendessen kommt für Ernest Hemingway die Zeit, in der er sich mit Freunden an die kleine Bartheke des Cabo Blanco Fishing Clubs zurückzieht. Der berühmte Schriftsteller, diesmal sind die drei Reporter aus Lima dabei, trinkt fröhlich in die Nacht hinein und plaudert über alles, was einem Mann so auf der Seele liegt. Mario Saavedra, der Redakteur des braven El Comercio, versucht, beim Saufgelage an der Bar einigermaßen mitzuhalten. Gegen Ernesto jedoch scheint in dieser Disziplin kein Ankommen. Nach dem dritten Whiskey sieht der schlanke Peruaner zischende Sternchen und schlingert auf den Beinen, während der bärtige Amerikaner neben der Theke steht wie ein Eichenbaum.

Der junge Redakteur aus Lima hört dem Nobelpreisträger aufmerksam zu. Denn er möchte herausfinden, nicht nur für seine Leser, sondern auch für sich, was einen erstklassigen Schreiber ausmacht. Wisst ihr, sagt Ernest Hemingway, ich glaube nicht an eine Zauberkraft des Schreibens oder so ein Zeugs. Entweder hast du es drin in dir oder du hast es nicht. Einmal war ich in Madrid da drin so voll – und der Autor schlägt zweimal kräftig mit geballter Faust auf seinen Brustkorb -, da schrieb ich The Killers und zwei andere Kurzgeschichten an nur einem Tag.

Die Runde an der Bar fabuliert über den Journalismus. Als Erster erhält Manuel Jesús Orbegozo, der Redakteur von La Crónica, einen stilistischen Ratschlag: Schreib keinen Absatz mit mehr als 25 Wörtern, meint der Schriftsteller. Das sei der beste Tipp, den er in der Redaktion des Kansas City Star als Anfänger bekommen habe. Und Ernest Hemingway erzählt von seinen ersten Schritten als Journalist.

Wie er direkt nach der Oak Park High School im Jahr 1917 als Achtzehnjähriger auf Vermittlung eines Onkels eine Laufbahn als Lokalreporter bei der Tageszeitung in Kansas City begonnen hat, wo er dann sechs Monate geblieben ist. Kurze Sätze, Leute, kurze Sätze. Nur in der Genauigkeit liegt die Wahrheit. Geht achtsam mit der Sprache um, verkneift euch all die Schlenker und Abstecher.

Beim Kansas City Star hat man den Novizen am ersten Arbeitstag ein Style Book in die Hand gedrückt. Dies sei kein Stil-Buch gewesen, sondern ein bedrucktes Blatt Papier, auf dem die eisernen Regeln gestanden haben, wie man bei der Tageszeitung die Texte zu formulieren hat. Im ersten Abschnitt ist zu lesen: Schreibe ein kräftiges Englisch! Dann: Sei positiv, nicht negativ! Und: Lasse alles Überflüssige weg! Das war keine schlechte Schule, erklärt der Nobelpreisträger, es sei eine ausgezeichnete Anleitung gewesen, um sich einen guten Schreibstil anzueignen.

Sprachliche Knappheit, das ist wie eine blutige Revolution, sagt er zu den peruanischen Journalisten, denn das Unnütze muss abgesäbelt werden. Schreibt Sätze, als ob man sie Euch auf den Arsch tätowieren würde. Die Redakteure in Cabo Blanco schauen sich ungläubig an bei diesem deftigen Vergleich. Dann, ergänzt Hemingway, werden die Sätze kurz und kommen auf den Punkt.

Die einfachen Regeln, die dem unerfahrenen Reporter beim Kansas City Star eingebläut werden, dienen fortan als Grundierung von Hemingways Texten. Im Dezember 1921 siedelt Ernest mit Ehefrau Hadley nach Paris über, für sechs Jahre. Hier kommt der US-Amerikaner mit französischen Literaten in Berührung, die bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen. Vor allem fasziniert ihn Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal und Marcel Prousts mit seinem Großroman À la recherche du temps perdu. Die filigrane Kunstfertigkeit der französischen Prosa und Lyrik bestärkt ihn in der Wichtigkeit des le mot juste, des richtigen und treffenden Wortes.

In dem literarischen Salon von Gertrude Stein in der Rue de Fleurus 27 und unter dem Einfluss besonders von Sherwood Anderson und des britischen Romanciers Ford Madox Ford perfektioniert der wissbegierige Kerl aus den Vereinigten Staaten seinen journalistischen Romanstil. Vor allen Dingen vervollkommnet er in Paris den hochraffinierten Effekt seiner Handwerkskunst: Ernest Hemingways Wörter und Sätze klingen eingängig und nahezu harmlos, die tiefere Bedeutung hinter dem Geschriebenen erweist sich jedoch als komplex und vielschichtig. (Anfang von Kapitel 12 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

Para el frio, gegen die Kälte

Der peruanische Maat Máximo Jacinto Fiestas präpariert für Ernest Hemingway den Köder. Cabo Blanco, im April 1956.

Hola Chico, begrüßt ein bestens gelaunter Ernest Hemingway den Kapitän der Miss Texas. Und Jesús Ruiz More aus Cabo Blanco antwortet: Buenos dias, Don Ernesto. Der capitán de barco sagt Don Ernesto, denn er traut sich nicht, ihn nur mit Ernesto anzusprechen, da ist zu viel Respekt. Ernest Hemingway mag diese Titulierung, wie er durchweg angetan ist von der spanischen Sprache mit ihren höflichen Anreden. So wie bei Don und Doña, eine Annäherung mit feinen Nuancen und zarten Unterschieden. Mein verehrter Herr Ernest, solch eine stilvolle Respektbekundung wie Don Ernesto lässt sich in anderen Sprachen nicht so recht abbilden.

Der Nobelpreisträger platzt vor Zuversicht an diesem Morgen. Heute werden wir unseren Marlin fangen, sagt der Schriftsteller selbstbewusst, koste es, was es wolle. Sicher, Don Ernesto, erwidert der Kapitän Ruiz More, ganz sicher werden wir ihn heute fangen. Jesús Ruiz More ist ein untersetzter, dicklicher Mann mit einem weißen Hemd und einer viel zu weiten Hose. Mitten in seinem Gesicht klebt die breiteste Ray Ban-Sonnenbrille von ganz Peru. Sein lautes Lachen ist weithin zu hören, die Fröhlichkeit des Peruaners wirkt ansteckend auf seine Umgebung. Während die meisten Männer auf der Miss Texas eine Baumwollkappe als Schutz vor den beißenden Sonnenstrahlen tragen, erkennt man Jesús Ruiz More auf Anhieb an seiner überdimensionierten Kapitänsmütze.

Como están ustedes?, begrüßt der aufgekratzte Nobelpreisträger die Crew in gutem Spanisch. Wie geht es Euch? Die gesamte peruanische Bordmannschaft erhält vom berühmten Schriftsteller einen Handshake oder zumindest einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. Die Besatzung der Miss Texas besteht neben dem Kapitän Jesús Ruiz More aus den beiden Einheimischen Máximo Jacinto Fiestas und Miguel Custodio, einem Fischer mit ausgeleiertem Strohhut.

An Ernest Hemingways zweitem Tag in Cabo Blanco, der Kalender zeigt den 17. April 1956, legt die Miss Texas morgens um neun Uhr im Hafen ab. Die robusten Boote des Fishing Clubs erweisen sich als schnell und bringen die Truppe flott hinaus auf hohe See. Der Nobelpreisträger ist von der Schroffheit des Pazifiks überrascht, frische Winde und zahlreiche Wasserverwirbelungen sorgen für erheblichen Wellengang und unruhiges Fahrwasser. Der Große Ozean vor Cabo Blanco hat so nichts gemein mit dem Meer, das er auf der Pilar vor Kuba gewöhnt ist. Im warmen Golfstrom bleibt das Wasser meist ruhig und die Ausfahrten sind beschaulich.

Während Ernest Hemingway und seine Freunde auf der Miss Texas hinaus fahren, weilt Mary Welsh auf der Pescadores Dos, einem Klubboot, das unter dem Kommando des einheimischen Schiffsführers Rufino Tume steht. Die Pescadores Dos ist ein neues Motorboot des Cabo Blanco Fishing Clubs, es wird weniger für das Sportangeln genutzt, sondern dient mehr dem Sightseeing und für Exkursionen zur Beobachtung von Walen oder Delphinen. Die Pescadores Dos besitzt eine geräumige Kabine mit sechs Bullaugen, eine Kombüse, draußen einen breiten Sonnenschutz, der das Heck vollständig abdeckt. Der lange Vordermast, den man ohne Anstrengung auf halbe Höhe hochklettern kann, ermöglicht eine meilenweite Sicht über das Wasser. Die ganz Verwegenen hangeln sich auf der modernen Yacht bis an die Spitze des Mastbaumes.

Die Miss Texas und die Pescadores Dos fahren stets gemeinsam aufs offene Meer, meist in einem Abstand von wenigen hundert Metern und die Kapitäne beider Yachten sind bemüht, einander in Sichtweite zu halten. Denn das Filmmaterial soll abstimmt werden, auch wenn es aus unterschiedlicher Perspektive aufgenommen wird. Allzu weit fahren die zwei Fischerboote nicht hinaus, selbst unter normalen Wetterbedingungen und bei stillem Seegang bewegt man sich nicht mehr als zwanzig Meilen von der Küste weg.

Rufino Tume aus Cabo Blanco ist ein ausgelassener und immer zu einem Scherz aufgelegter Zeitgenosse, der sich in jungen Jahren zum Bootskapitän emporgearbeitet hat. Der 25-jährige Peruaner genießt die Ausfahrt mit Miss Mary und kann nur Positives berichten. Eine höfliche Person, urteilt Rufino Tume über die Ehefrau des Schriftstellers, sie hat sich überaus freundlich um die Crew gekümmert und um den Proviant. „Manchmal hat sie für uns in der Kombüse gekocht.“  (Anfang von Kapitel 11 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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