Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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Ein hochpeinlicher Übersetzungs-Fehler: Ernest Hemingway und die Seelöwen

Ernest Hemingway
The old man was dreaming about the lions.

Für sein Opus magnum Der alte Mann und das Meer hat Ernest Hemingway sich einen grandiosen Schluss einfallen lassen. The old man was dreaming about the lions. Nach seiner Niederlage auf dem Meer gegen die Haifische fällt der alte Fischer Santiago in seiner armseligen Hütte in einen tiefen Schlaf und träumt von den Löwen. Ein großartiges Bild, und das in mehrfacher Hinsicht.

In seinem Buch aus dem Jahr 1952 nutzt Ernest Hemingway diese Löwen-Metapher fast ein dutzend Mal. Er träumte nicht mehr von Stürmen, von Frauen, von wichtigen Ereignissen, von großen Fischen, von Kämpfen, vom Kräftemessen, und auch nicht mehr von seiner Frau. Er träumte jetzt nur noch von Orten und von den Löwen am Strand.

So wollte es Ernest Hemingway. Der alte Mann träumte von den Löwen. Santiago phantasiert von den wilden Löwen am Ufer. Dieser König der Tiere steht in der Erzählung symbolisch für Vitalität, für unbändige Lebensenergie und für die verlorene Jugend. Der alte Mann sehnt sich zurück nach seinen starken Jahren. Er spürt, dass nicht nur dieser Kampf auf dem Meer verloren ist, sondern sich auch sein eigenes Leben dem Ende zuneigt.

Ausgerechnet bei diesem finalen Schlussakkord unterläuft dem spanischen Übersetzer Lino Novás Calvo jedoch ein fataler Fehler. Während Santiago bei Hemingway von den majestätischen lions (Löwen) träumt, macht Novás Calvo daraus leones marinos – zu Deutsch: Seelöwen. So steht es in meiner spanisch-sprachigen Ausgabe aus dem Jahr 1984, herausgegeben in Ciudad de Mexico.

Das ergibt im Kontext der gesamten Novelle überhaupt keinen Sinn. Der stolze, alte Kämpfer, der plötzlich von Robben träumt? Oder mit den Seelöwen träumt, wie der Übersetzer den Satz noch verschlimmert. Hemingway meint die afrikanischen Löwen als Sinnbild für Kraft und Stärke. Mit dieser komplett falsch übersetzten Schlussbemerkung verschandelt Novás Calvo die gesamte Botschaft des Buches.

Ernest Hemingway
Leones marinos sind Seelöwen oder Robben. Jedensfalls keine wilden Löwen.

Dabei galt Lino Novás Calvo eigentlich als versierter Übersetzer. Ernest Hemingway hatte eigens dafür gesorgt, dass die Übertragung seines Kurzromans ins Spanische in dessen Hände überging. Denn Lino gehörte zum erweiterten Freundeskreis des Autors auf Kuba.

Geboren in Galicien, in Nordspanien nahe La Coruña, kam Novás Calvo (1903–1983) nach dem verlorenen Spanischen Bürgerkrieg auf die Karibikinsel. In Havanna arbeitete er erfolgreich als Journalist, Romancier und Übersetzer. Nach der Machtübernahme der „Bärtigen“ rund um Fidel Castro siedelte er schließlich in die USA über.

Wie konnte einem so erfahrenen Mann ein solcher Fauxpas unterlaufen? Zumal er im Zweifel bei seinem Freund Ernesto auf Finca Vigía kurz hätte durchklingeln können, um nachzufragen. Wie dem auch sei: In der spanischen Ausgabe träumt der alte Mann mit den Seelöwen am Ufer.

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Ein meisterhaftes Cover: Ernest Hemingways ‚Fiesta‘ auf Baskisch

Ernest Hemingway
Die baskische Ausgabe von Fiesta. Grafisch ein kleines Meisterwerk von Antton Olariaga. Der Inhalt von Hemingway sowieso.

Manche Cover von Ernest Hemingways Werken – hauptsächlich jene Umschläge aus den USA – sind ein optischer Genuss. Gerade an Fiesta und Der alte Mann und das Meer haben sich zahlreiche Künstler versucht, meist mit mittelprächtigem Erfolg. Nun gilt es, von einem Kleinod aus Europa zu berichten. Denn Fiesta – jenes Romandebüt, das Hemingway zu großen Teilen in Pamplona spielen lässt – überrascht uns mit einer baskischen Ausgabe.

Dies ist ein beachtenswertes Unterfangen, zumal Baskisch eine weitgehend isolierte Sprache ist, die von lediglich 800.000 Menschen in Nordspanien und Südfrankreich gesprochen wird. Das Baskische ist die einzige Sprache in Westeuropa, die nicht zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Baskisch wird lediglich im Pyrenäengebiet, im Baskenland und in Navarra, sowie in Teilen des südwestlichen Frankreichs gesprochen.

(Ich frage mich, wie kalkuliert man ein Buch für eine solch begrenzte Zielgruppe? Wir haben damals bei ECON bei einer theoretischen Leserschaft von 100 Millionen Käufern (D, A, CH) meist eine Erstauflage von 3.000 Exemplaren gedruckt. Auf die baskische Ausgabe gerechnet, würden wir da bei 24 Exemplaren liegen. Wie will man bei solchen Zahlen den Übersetzer, die Grafik und den Druck finanzieren? Aber dies ist eine andere Geschichte.)  

Ernest Hemingway besaß zeit seines Lebens eine innige Beziehung zu diesem Landstrich. Oft und gerne hat er die Region zwischen San Sebastián und Bilbao bereist. Die Sanfermines im Juli in Pamplona sind ein heiliger Termin in seinem Kalender. Kultur und Charakter der Basken mag der US-Amerikaner aus tiefem Herzen. Viele Exil-Basken gehören auf Kuba zu seinem Freundeskreis.

Die Zeichnung auf dem Cover der baskischen Ausgabe stammt von dem Illustrator und Comic-Zeichner Antton Olariaga. Auf Baskisch heißt es im Impressum: Liburuaren azala eta diseinua: Antton Olariaga. Buchumschlag und Gestaltung: Antton Olariaga. Bekanntlich heißt Hemingways Buch in Europa Fiesta, in den USA ist man bei dem emotionalen Titel The Sun Also Rises geblieben. Im Baskischen gerät der Werkname beinahe zum Zungenbrecher: Eguzkia jaikitzen da. Im Jahr 2021 ist die Übersetzung beim Verlag Erein & Igela erschienen.

Pamplona Hemingway
Ernest Hemingway im Sommer 1925 in Pamplona. Ernest Hemingway, Harold Loeb (mit Brille), Lady Duff Twydsen (mit Hut), Ehefrau Hadley, Donald Ogden Stewart und Pat Guthrie. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dabei nutzt Antton Olariaga einen Kniff, der in der Branche als Umrandungs-Technik bezeichnet wird. Der Kölner C. O. Paeffgen hat dieses Verfahren in Deutschland zur Perfektion gebracht. Anhand einer realen Vorlage werden Personen und Gegenstände mit dickem Stift eingefasst. Sie kommentieren den Alltag auf subtile, bisweilen ironische Weise. Durch die Umrandungen erhalten die Werke eine ausgeprägte Brechung, sie verleihen den Motiven eine ungewohnte Wirkung, das Original bekommt bisweilen gar eine neue Dimension.

Solche Skizzen halten in der Regel fotografische Szenen fest, sie frieden ein und fokussieren die Aufmerksamkeit auf Details. Der Betrachter wird durch die Umrandungen auf Personen und Utensilien gelenkt, die einem sonst womöglich entgangen wären. Das Bild bekommt eine andersartige Perspektive, eine innere Tiefe, eine neue Gestalt und manchmal auch eine neuartige Botschaft. Diese Doppeldeutigkeit besitzt mitunter einen Schuss feiner Ironie, es ist wie bei guter Satire, man kann sich nie sattsehen.

Vor allem als Comic-Zeichner und Karikaturist hat Antton Olariaga sich einen Namen gemacht. Er ist ein bekannter baskischer Illustrator, 1946 in der Nähe von San Sebastián geboren. Seit den 1970er Jahren hat er zudem zahlreiche Buchcover entworfen. Sein Stil setzt auf vereinfachte Figuren, warme Farben und leicht persiflierte Gesichter – es entspricht genau der Zeichnung auf diesem Hemingway-Cover.

Die Szene selbst ist von einem berühmten Foto aus dem Jahr 1925 inspiriert. Der Schriftsteller sitzt mit Freunden auf der Veranda eines Cafés in Pamplona. Vermutlich entstand das Foto vor dem Café Iruña oder vor der Bar Txoko, beide an der Plaza del Castillo. Man kann den dunklen Hintergrund schwer ausmachen. Diese Lokalitäten spielen jedenfalls eine Hauptrolle in Hemingways erstem großen Roman, der im Oktober 1926 erschien, und das Lebensgefühl der Lost Generation einfängt.

Antton Olariaga hat diese Szene eines historischen Fotos mit dem späteren Nobelpreisträger frei interpretiert. So treffsicher, dass dieses Cover im Nu zu einem meiner Lieblinge geworden ist. Denn es vereint – ganz im Sinne des Meisters der Lakonik – Tradition und Fortschritt zugleich. Besser – Maestro – lässt sich Hemingway kaum ins Bild setzen! Ein meisterhaftes Cover. So sollte es bei diesem Jahrhundert-Autor immer sein.

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Als Clarence Hemingway erstmals ein Buch seines Sohnes Ernest liest

Three Stories & Ten Poems
Ernest Hemingway
Ernest Hemingways wilder Erstling: Three Stories & Ten Poems. Mit Themen, die dem Vater der Schreck in die Glieder fahren lässt.

Ernest Hemingway lebt seit Dezember 1921 als Korrespondent für den Toronto Star in Paris. Doch die europäische Berichterstattung für die kanadische Tageszeitung wird nicht die Erfüllung seiner Träume. Bald merkt er, die Ambition zieht ihn in Richtung eines Buchautors. Einige Kurzgeschichten, die zumeist in seiner nordamerikanischen Heimatregion spielen, hat er in den letzten Monaten fertiggestellt. 

Three Stories & Ten Poems heißt eine Anthologie, die 1923 in einer Auflage von nur 300 Exemplaren veröffentlicht wird. Verleger ist Robert McAlmon, der die Sammlung von Short Stories und Gedichten in seinem Pariser Kleinstverlag Contact Publishing herausbringt. Das Büchlein ist eher ein Privatdruck des Freundes Robert, aber immerhin, ein Anfang ist getan.

Aus der französischen Hauptstadt übersendet Ernest ein paar Exemplare seines Debütbuches an seine Schwester. Vorsichtig fügt der Mittzwanziger an: „Aber zeig‘ es nicht der Familie!“. Der Sohn weiß, wie die sittenstrengen Eltern ticken. Die Hemingways sind mit den calvinistischen Werten der Einwanderer groß geworden. Fleiß, Askese und ein tiefer Gottesglaube gelten als in Stein gemeißelte Leitlinien.

Da schlägt Sohnemann gehörig aus der Reihe. Sein Lebenswandel erweist sich in der Tat als überaus heikel für einen gutbürgerlichen Haushalt wie den der Hemingways. Es gefällt Ernest, fern jeder bildungsbürgerlichen Ambition, in Paris an Tabus zu rühren. In seinen Erzählungen schreibt der Novize über Kämpfe, über Gewalt, über Gedrücktheit und fehlende Hoffnung. Spürbar legt sich über die Handlung ein grauer Schleier. Der Tod ist in seinen Geschichten so präsent wie der liebe Gott im Vatikan.

Besonders die Kurzgeschichte Up in Michigan, im Jahr 1921 geschrieben, hat es in sich. Die knappe Story Oben in Michigan, spielt in Horton Bay, seinem Hochzeitsort. Unterkühlt beschreibt Ernest, wie die Hauptperson, der Schmied Jim Gilmore, bei einem Spaziergang am Hafen über seine Freundin Liz herfällt. Eine verstörende Handlung, eine Vergewaltigung wohl, hat dieser junge Autor zu Papier gebracht. Gut, dass die Eltern das Debüt ihres Sohnes nicht mitbekommen.

Zwei Jahre später erscheint dann in den USA ein Buch von Ernest. In Our Time lässt sich vor den Eltern nicht verheimlichen. Viele Szenen erscheinen nach wie vor düster und wenig erbaulich. Gerade die Erzählungen rund um den Knaben Nick und seinen Vater, die autobiografische Züge tragen und in der Heimat der Hemingways spielen, irritieren den Leser. Nicks Erlebnisse zeigen einerseits eine anheimelnde Seite der Kindheit, andererseits auch eine, in der Tod und Selbstmord vorkommen.

Die Eltern sind schockiert. Clarence Hemingway, ein angesehener Arzt in Oak Park, ist außer sich. Er empfindet das Werk des Sohnes als Teufelszeug. Einen solchen Dreck werde er in seinem christlichen Haus nicht dulden, brüllt er. Wutentbrannt will der Vater die Bücher an den Verlag zurückschicken. Die Mutter, eine Opernsängerin, drängt darauf, wenigstens ein Exemplar zu behalten.

Ernest fühlt sich herabgesetzt und stellt sich stur. Er lässt weniger von sich hören, die Briefe aus Paris an das Elternhaus werden seltener. Er sieht sich in seiner Autorenehre verletzt und als Schriftsteller verkannt. Die Eltern jedoch, in ihrem heilen Kosmos der bigotten Vorstadt, bekommen von den Wirren jener Zeit wenig mit. Kriege, Kämpfe und Wirtschaftskrisen laufen an

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Ernest Hemingway/Jorghi Poll: Der alte Mann & das Meer

Ernest Hemingway
Der alte Mann & das Meer
Ernest Hemingway/Jorghi Poll: Der alte Mann & das Meer.

Eigentlich ist zu Hemingways Erzählung aus dem Jahr 1952 alles gesagt. Sie ist das bekannteste und wohl auch das am meisten perfekte Werk von Ernest. Eine Parabel auf das Leben und den Menschen. Zwei Jahre später wird der auf Finca Vigía, nahe Havanna, ansässige Autor mit dem Nobelpreis für Literatur belohnt. Ausdrücklich für diese biblisch anmutende Novelle von zeitloser Brisanz.

Aus diesem Grund ist es Aufgabe von Verlegern, Lektoren und Journalisten, Hemingways Buch auch für nachfolgenden Generationen lebendig zu halten. Nun kommt Ernestos Klassiker bei der Ars Edition in einem opulenten Geschenkband daher. Dankenswerterweise wohl für eine jüngere Leserschaft, sehr abwechslungsreich und voller typografischer Überraschungen.

Die prächtige Schmuckausgabe von Der alte Mann und das Meer bringt die bewegende Geschichte des kubanischen Fischers Santiago und seines Kampfes mit einem gigantischen Marlin in einer Neuauflage in die Bücherregale der Literaturliebhaber. Die Neugestaltung lehnt sich an die bekannte Rowohlt-Ausgabe an, mit der famosen Übersetzung von Werner Schmitz. 

Hemingways Novelle erzählt meisterhaft von Hingabe und Ausdauer des Menschen im Überlebenskampf. Heute würde man sagen: Der Mann aus einem Vorort von Chicago schreibt über Purpose und Resilienz. Erstaunlicherweise hat das Enfant terrible der Weltliteratur die Geschichte dieses Kampfes in eine Erzählung voller gottgefälliger Metaphern und Chiffren verpackt.

Der vom Pech verfolgte alte Fischer Santiago bekommt nach 84 erfolglosen Tagen einen großen Marlin an den Haken. Der Kampf mit dem Großfisch bringt den einfachen Mann an seine Grenzen. Am Ende steht das Debakel, der Fang geht an die gefräßigen Haie. Doch auch wenn die Beute verloren geht, dieser schlichte Mensch behält in der Niederlage seine Würde. 

Die außergewöhnlichen Illustrationen geben diesem weltberühmten Roman ein unverwechselbares neues Gewand. Die Visualisierungen von Jorghi Poll sind überaus gelungen. Der Wiener ist ein junger Illustrator, der schon zahlreiche Bücher und Magazin-Ausgaben für profil und Falter entworfen hat. Jorghi Poll zeichnet eine sorgfältige und feinfühlige Strichführung aus.

Insbesondere die klug ausgewählten Wörter-Spiele im Innenteil und die Detail-Darstellungen überzeugen. Leider ist das Cover misslungen. Der alte Mann Santiago sieht mit seiner Prinz-Heinrich-Mütze und der Tabakpfeife nicht aus wie ein armer Fischer aus Cojímar, sondern wie ein satter norddeutscher Seebär aus Eckernförde. Ob dieser Stilbruch beabsichtigt ist? Die Illustrationen im Innenteils machen dieses Manko freilich mehr als wett. 

Die edle Schmuckausgabe verleiht Ernest Hemingways Klassiker eine besondere Wertigkeit. Das Standardwerk der Weltliteratur in einem neuen ästhetischen Gewand für junge Leser und Leserinnen. Lobenswert, dass sich ein

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Warum ‚Fiesta‘ ein Juwel der Weltliteratur ist

Fiesta
The Sun Also Rises
So kündigt der Verlag Charles Scribner’s Sons aus New York das Debüt seines Autors Ernest Hemingway für den 22. Oktober 1926 an. Es ist ein Freitag.

Es brauchte seine Zeit, bis ich mit diesem Roman so richtig warm wurde. Als ich das erste Mal Fiesta las, da fand ich die Erzählung lau, bisweilen gar langatmig. Bei der nochmaligen Lektüre, Jahre später, da erlebte ich das Sittengemälde aus den 1920ern durchaus anregend. Und wenn ich heute Ernest Hemingways Debüt zur Hand nehme, dann streckt es mich jedes Mal nieder.

Denn Fiesta – im amerikanischen Original heißt das Werk The Sun Also Rises – ist hohe Kunst. Es vergeht kein Wiederlesen, bei dem ich nicht neue Schmucksteine und Kleinode entdecke. Besonders, wenn es gelingt, sich in den historischen Kontext der Geschichte einzufühlen. Es geht um die taumelnde Zeit zwischen den beiden schrecklichen Weltkriegen.

Ernest Hemingways Fiesta fällt im Oktober 1926 in die Welt der Literatur ein wie einst die Jakobiner in die Paläste der Aristokratie. In der Sprache einfach und volksnah, in Botschaft und Wirkung brachial. Der Erste Weltkrieg hat auch die Kultur zerstört. Es braucht etwas Neues, von Tradition gespeist, ein Neustart mit frischen Werten und Idealen. Ebenso sollte das Themen-Panorama sich öffnen und weiten. Und so geht es in Fiesta um die durch den Krieg verlorenen Sicherheiten und um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Allein der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, alles weit weg von jedem viktorianischen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird vielmehr durch persönliches Erleben des Autors verbrieft, auch deshalb passt das Werk zum Autor. Es ist ein glaubwürdiger Blick durchs Schlüsselloch in die unbekannte Welt hinter den Bergen. Die geschwätzige Blümchen-Prosa der Vätergeneration à la Charles Dickens ist mit einem Schlag passé.

Wie geschickt Ernest Hemingway seine Erzähl-Perspektive anlegt, mag man zu Anfang des 12. Kapitels von Fiesta erkennen. Man liest schnell über diese Passage hinweg und bemerkt dadurch die Finesse des Textes nicht.

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So – scheinbar – harmlos fängt das Kapitel 12 von Fiesta an.

Ernesto nimmt uns mit in eine fremde Welt – das wann und wo verrät er hier nicht – und so müssen wir uns selber hineinfinden. Es ist die Zeit nach der Postkutsche und während des Aufkommens der Motorbusse. Wir befinden uns in einem Land am Fuße eines Gebirges, das Ambiente ist bäuerlich, der Ziegenbock springt umher. Der Protagonist steht auf und öffnet das Fenster seines Zimmers, so wie wir nun durch das geöffnete Fenster in die Handlung hinausgeworfen werden. Keine Gefühlsregung wird geäußert, wir müssen uns selber ein Reim auf das Ganze machen.

Unsere Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der 27-jährige Hemingway seinen Erstling überwiegend spielen. Mit einem Mal werden die Sanfermines, bis dahin ein lokales Ereignis in einem weitgehend unbekannten Land, mit seinen Stieraufläufen, den Prozessionen und Tänzen ins Bewusstsein der Welt katapultieren. Um die blutige Fiesta herum entwirft der junge Novize ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen.

Die amerikanischen Protagonisten auf Entdeckungsreise in Pamplona lassen kein Laster aus: Abenteuer, Stierkampf, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol. Fiesta ist ein grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, ein Blick auf die Verlorenheit, die mit viel Schnaps weggetrunken werden möchte. Themen wie Liebe, Sex, Männlichkeit, Exzess und die Suche nach der eigenen Rolle im Leben spielen in dem Roman eine zentrale Rolle.

Durch den Weltkrieg sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der Belle Époque perdu. Denn die Schlacht ist abscheulich gewesen. Alle Kriege sind grauenhaft, aber dieser war es besonders, wegen seiner Sinnlosigkeit. Wer ist Gegner, wer der Freund? In der Katastrophe zwischen 1914 und 1918 sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück ist man in das Inferno hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie es der australische Historiker Christopher Clark treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird. Prohibition, Wirtschaftsdepression und die aufkommende Mafia lassen die Zeiten auch in den USA trostlos erscheinen. Die Welt wird in den Abgrund gezogen, es ist eine leidvolle Dekade allerorten. 

Und so wird in The Sun Also Rises aka Fiesta nichts ausgelassen, was zwischen erwachsenen Menschen so passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Obsessionen, Schlägereien, Saufgelage. Hemingway selbst umschreibt seinen Roman als eine verdammt traurige Geschichte, in der aufgezeigt wird, wie Menschen zugrunde gehen. Ich vermute, Ernesto will eigentlich eins draufsetzen und sagen, wie die ‚Menschheit‘ zugrunde gehen kann.

The Sun Also Rises

The Sun Also Rises heißt das Original. In Europa wird säkular der Titel Fiesta daraus.

Doch wo bleibt die Hoffnung? Der Autor, der in Paris lebt, deutet sie im biblischen Vor-Zitat gleich zu Beginn seines Buches an. Ein Motto des Predigers Salomo als Denkspruch, es wird zum Leitgedanken von Fiesta. Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich. Dieser Rabauke, der nichts auslässt im Leben, liegt in dieser Hinsicht goldrichtig: Eine Generation geht, eine andere kommt. Das Wesen von Blühen und Vergehen. Hier findet man Trost: Auch das Schlechte wird verblühen, so wie das Gute neu gedeiht.

Das Schöne an Hemingways The Sun Also Rises ist, dass er nicht nur die Orientierungslosigkeit und die Dekadenz des Zeitalters beschreibt, sondern zugleich auch einen Lösungsansatz andeutet. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die Unerschrockenheit und die Entdeckerfreude, die Neugier auf eine neue Kultur. Sich das Andersartige und das Fremde anzuschauen. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten wertzuschätzen.

Und darüber hinaus – wo auch immer – die Stille der Natur zu suchen. Ernest beschreibt, wie er seine äußere und innere Ruhe findet in den Ausläufern der Pyrenäen, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles. Durch den Kontrast zur lärmenden Fiesta unten im Pamplona geht der Blick nach oben, in die Berge, in die Ruhe und den Frieden. Möglicherweise ganz in der Höhe.

Abermals bestaunen wir den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch ist. Auf der einen Seite das desillusionierte Karussell von Laster und Eitelkeiten, das sich um Saufen, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die anmutigen Bäche in den Pyrenäen-Tälern, wo Jake Barnes, der Protagonist, angelt und Erdverbundenheit sucht.

The Sun Also Rises. Die Fiesta findet irgendwann ihr Ende. Das Blut des Spektakels ist noch

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Wer ist das Kartoffelgesicht bei Ernest Hemingway?

Ernest Hemingway: Schnee auf dem Kilimandscharo, 1936.

In The Snows of Kilimanjaro – zu Deutsch: Schnee auf dem Kilimandscharo – finden wir einen heiteren Abschnitt. Ernest Hemingway, der sieben Jahre in Paris gelebt hat, von 1921 bis 1928, taucht ein in das savoir vivre der französischen Hauptstadt. Besonders die Café-Kultur eröffnet ihm eine neue Welt, er schreibt in den Cafés seine Erzählungen und belauert dort die Menschen um ihn herum.

Der junge Kerl aus Chicago besitzt einen festen Blick auf die mutigen Neuerungen, die in Malerei, Literatur, Architektur und Musik den Denkrhythmus vorgeben. In den 1920er Jahren passieren just in Paris, wie unter dem Brennglas, spannende Dinge. Das Althergebrachte wird in Frage gestellt und wälzt sich um, es wird gewagt und experimentiert in der Metropole an der Seine. Dadaismus, Surrealismus, Kubismus – irritierende Sichtweisen werden ausprobiert, die kopfgetriebene Revolution wirkt als Motivator.

Doch Hemingway, der aus dem beschaulichen Mittleren Westen der USA kommt, schaut genau hin. Es ist eine neue Welt, die so nichts zu tun mit Oak Park, wo das Sonntagskonzert den Höhepunkt der Woche bildete. Ernest staunt, erspürt, lernt und ist dankbar, wie Paris seinen Horizont erweitert. Mit vielen Neuerern – von Pablo Picasso über Juan Gris bis James Joyce – ist er befreundet. Die Veränderungen inspirieren ihn, aber er bleibt ruhig im Blut, letztlich geht er seinen eigenen Weg.

Für manches, was er sieht und hört, hat der bodenständige Bursche aus der Vorstadt dann nur noch Sarkasmus und Spöttelei übrig.

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Welch wunderbare Stelle! Ein amerikanischer Dichter mit einem dummen Ausdruck in seinem Kartoffelgesicht. Genau so steht es im Original: a stupid look on his potato face. Doch wer ist das Kartoffelgesicht?

In einer ersten Fassung hat Hemingway noch Roß und Reiter genannt. Und dann kam er einmal an einem Café vorbei, wo Malcolm Cowley vor einem Stapel Unterteller saß und mit einem dummen Ausdruck in seinem Kartoffelgesicht und sprach über die Dada-Bewegung mit einem Rumänen, der sagte, sein Name wäre Tristan Tzara.

Der dumme Ausdruck inklusive Kartoffelgesicht gehört also Malcolm Cowley. Der Mann vom Jahrgang 1898 ist ein US-Historiker und Autor. So wie Hemingway gehört Cowley zum amerikanischen Expat-Zirkel in Paris. John Dos Passos, Ezra Pound, F. Scott Fitzgerald und Gertrude Stein, alles Ikonen der Moderne, man kennt sich und neckt sich.

Bevor Ernest die Story beim Esquire einreicht – das Magazin druckt die Kurzgeschichte im August 1936 – tilgt er schlauerweise Cowleys Namen und schreibt neutral dieser amerikanische Dichter. That American poet. Besser

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Eine etwas andere Sichtweise auf Hemingway & Co.: 111 Actionszenen der Weltliteratur

Ernest Hemingway
Actionszenen der Weltliteratur
Eine wunderbare Neuerscheinung. Die andere Bibliothek: 111 Actionszenen der Weltliteratur.

In diesem neuen Buch zeigen sich gefeierte Autorinnen und Autoren der Weltliteratur, wie wir sie bislang noch nicht kannten: mitten im Geschehen, im Nahkampf und im Getümmel. Als Schurken, als Opfer oder als Helden. Tolstoi, Proust, Shelley, Oscar Wilde, James Joyce und viele andere Berühmtheiten in Action!

Und der Leser ist mitten drin. Als Cervantes in der Schlacht von Lepanto kämpfte. Als Tolstoi von einem Bären gebissen wurde. Als Jules Verne Achterbahn fuhr und Antoine de Saint-Exupéry vier Bruchlandungen überstand. Als die Schwestern Brontë den Weltuntergang erlebten. Als Marcel Proust sich duellierte und die Polizei nach Agatha Christie fahndete. Als Mary Shelley am Genfer See ihr Monster traf und Emily Dickinson den Sturm der Liebe erlebte. Als Bob Dylan sich in Woodstock das Genick brach und David Foster Wallace im Fitnessklub zu Boden ging.

Diese Neuerscheinung sammelt die besten Stories aus der gleichnamigen Kult-Serie in der LITERARISCHEN WELT, die von Mara Delius und Marc Reichwein herausgegeben wird. Eine andere Geschichte der Literatur, in deren Licht sich die herkömmlichen Literaturgeschichten allesamt blass und anämisch ausnehmen. Die grandiose grafische und editorische Gestaltung dieser Novität durch Paul Fretter und Manja Hellpap im Rahmen der Anderen Bibliothek im Aufbau Verlag bleibt hervorzuheben.

Auch Ernest Hemingway mischt bei diesen Actionszenen mit. Wie sollte es anders sein! Ich habe die Freude, in dem Band von seinen zwei Flugzeugabstürzen in Ostafrika zu berichten. Action genug. So schlimm, dass die beiden Unglücke im Jahr 1954 so etwas wie

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So hoffnungslos ist die ‚verlorene Generation‘ in Ernest Hemingways ‚Fiesta‘

Ernest Hemingway
Fiesta
Fiesta von Ernest Hemingway. So heißt der Roman in Europa. The Sun Also Rises lautet der Titel im amerikanischen Original aus dem Jahr 1926.

„Alle benehmen sich schlecht“, sagte ich. „Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.“ Und Gelegenheit gibt es reichlich nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg. Eigentlich sollten Zuversicht und Aufbruch herrschen. Die zerstörten Länder müssen wieder aufgebaut werden und das Zusammenleben neu auf den Weg gebracht werden. Stattdessen Zerfall, Defätismus und allerorts eine wabernde Untergangsstimmung. Der Erste Weltkrieg führt zum Einschnitt in der Menschheitsgeschichte.

Die guten traditionellen Werte sind weg. Übrig bleibt eine bedrückte, gottverlassene und verlorene Generation. Du bist heimatlos. Du hast die Bodenhaftung verloren. Du bist unecht. Falsche europäische Vorbilder haben dich kaputtgemacht. Du säufst dich zu Tode. Du bist vom Sex besessen. Statt zu arbeiten, redest du immer nur. Du bist heimatlos.

Als Verlorene Generation wird literaturhistorisch eine Gruppe US-amerikanischer Schriftsteller bezeichnet, die während des Ersten Weltkriegs aufwächst, und in den 1920er Jahren in Paris als Auslands-Amerikaner leben. Die Aussage You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein. Die einflussreiche Mäzenin aus Pittsburgh subsumiert darunter all die Orientierungslosigkeit und all den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918.

Ein Jahrhundert der Katastrophen mit zwei Weltkriegen, Bürgerkriegen und Wirtschaftsdepressionen ist eingeläutet. Die Aufgabe der Verlorenen Generation wäre eigentlich gewesen, nach vorne zu blicken und ein neues Wertesystem aufzubauen. Doch fehlt dieser kleinmütigen Generation die Kraft dazu. In seinem grandiosen Roman The Sun Also Rises fängt Ernest Hemingway 1926 die gallige Stimmung der Verlorenen Generation – am Beispiel von Expats in Paris und Pamplona – treffend ein.

– Ist das nicht schrecklich? Es hat überhaupt keinen Sinn, dir zu sagen,            dass ich dich liebe.
– Du weißt, dass ich dich liebe.
– Lassen wir das. Reden bringt nichts.

Ernest Hemingway, der selber sieben Jahre in Europa gelebt hat und sich innerhalb dieser Kreise getummelt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung jener Tage auf den Punkt wiederzugeben.

Fiesta kommt leicht daher als grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, als Blick auf eine Verlorenheit, die mit Alkohol, Sex und Oberflächlichkeiten weggetrunken werden möchte. Ein offener Türspalt ins Fegefeuer, in die Vorstufe zur Hölle. Immer dicht an der Apokalypse vorbei schrammend.

– Was bedeutet das für deine Werte?
– Auch das hat seinen Platz in meinen Werten.
– Du hast gar keine Werte. Du bist tot, sonst gar nichts.

Genau hier liegt das Problem. Alle Werte sind perdu. Vor allem durch diesen schlimmen Krieg. Alle Kriege sind schlimm, aber dieser war besonders schlimm, weil er so nutzlos gewesen ist. Beim Spanischen Bürgerkrieg oder dem Zweiten Weltkrieg ist klar, worum es geht. Doch in dem Ersten Weltkrieg sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück weit ist man in ihn hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie ein britischer Historiker treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Elend, Hyperinflation und einer noch größeren Katastrophe vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, mit einem freudlosen Jahrzehnt, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise münden wird.

Das Schöne an The Sun Also Rises ist, dass Ernest Hemingway nicht

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‚The Sun Also Rises‘ und ‚Fiesta‘. Ein Buch. Zwei verschiedene Titel. Weshalb?

The Sun Also Rises gilt als bahnbrechendes Werk für die literarische Moderne.

Es ist der vielbeachtete  Erstling von Ernest Hemingway. The Sun Also Rises. Im Oktober 1926 bei Scribner’s in New York erstverlegt. Das Thema des Romans: Lebenshungrige amerikanische Expats im Paris der 1920er Jahre begeben sich 1925 ins baskische Pamplona zu den damals nur lokal bekannten Sanfermines, zu dem Stadtfest im Norden Spaniens.

Die Fiesta de San Fermín – in Erinnerung an Firminus, den katholischen Märtyrer – werden seit 1591 alljährlich für eine Woche im Juli gefeiert. Die zahlreichen volkstraditionellen Riten sehen  als Höhepunkt den Encierro, die tägliche Hetzjagd der Bullen durch die Altstadt von Pamplona. Es wird Ernest Hemingway sein, der durch seinen Roman das Spektakel weltbekannt machen sollte.

Mit The Sun Also Rises setzt die Moderne in der angelsächsischen Literatur eine kräftige Duftnote. Neues Thema, neuer Stil, neuer Autor. Und – über allem – eine zeitgemäße Sichtweise der Dinge. Die verlorene Generation verfügt über einen neuen Wortführer. Dem Buch stellt der Autor Ernest Hemingway merkwürdigerweise ein Bibelzitat voran.

The Sun Also Rises hat Ernest Hemingway sein Werk genannt, auf eine Bibelstelle anspielend. Oritur sol et occidit et ad locum suum revertitur ibique renascens. Im Alten Testament wird Kohelet – in der Lutherbibel unter Der Prediger Salomo – beschieden: Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe, so Kapitel 1, Vers 5. The Sun Also Rises. Der Atheist hat seinen Buchtitel. Die Sonne geht neuerlich auf.

Neben dem Vers aus dem Prediger Salomo hat Hemingway dem Buch ein Zitat seiner Mentorin Gertrude Stein vorangestellt, das bald zum Modespruch des Zeitgeistes werden sollte: „Ihr alle seid eine verlorene Generation.“ Auch diese Umschreibung zieht sich wie ein Leitfaden durch das ganze Buch. Das Motto von Gertrude Stein skizziert treffend die Leere und die Sinnsuche dieser Generation nach dem Zivilisationsbruch durch den Ersten Weltkrieg.

Die Arbeit an dem Roman beginnt Ernest Hemingway Ende Juli 1925 in Valencia, er schreibt das Manuskript im August in Madrid weiter, später in San Sebastian und im französischen Hendaye. Im September schließt der junge Amerikaner dann den ersten Entwurf in seinem Wohnort Paris ab. Im folgenden Winter legt er im österreichischen Skiort Schruns letzte Hand an, bevor er die Endfassung im April 1926 an seinen Lektor Maxwell Perkins bei Charles Scribner’s Sons in New York schickt.

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Eine italienische Ausgabe von Fiesta bei Mondadori mit einer Illustration von Pablo Picasso.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch dem betulichen Charles Dickens-Schnickschnack nachhängen, schildert der ehrgeizige Novize aus Chicago die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen und ihrer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröde Prosa wirkt lebensnah und trifft den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Denn der feine Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus der Bibelzeile entlehnten Titel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet Proteste, wenn das Buch hinter einem Bibelzitat läuft. Wo es doch in Hemingways Erstling kräftig zur Sache geht.

Und so tauft ihn der englische Verlag prompt in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des sperrigen The Sun Also Rises. Fiesta, spanisch für Fest oder Feier. Heute würde man Party sagen. Der neue Titel, auch wenn ihm die philosophische Tiefe des Originals verloren geht, trifft den Inhalt des Buches nahezu perfekt.

Denn in The Sun Also Rises aka Fiesta wird nichts ausgelassen, was zwischen Menschen so Menschliches passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Promiskuität, Obsessionen, Alkoholexzesse. Mit all diesem

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Der Mann, der die Sonne umarmen will

Die US-amerikanische Erstausgabe von The Sun Also Rises.

Im Winterurlaub in Schruns legt Ernest Hemingway letzte Hand an sein Erstlingswerk. Er hat mit dem Roman über eine Spanien-Reise Ende Juli 1925 in Valencia begonnen und ihn im September in Paris fertiggestellt. Im April 1926 endlich lässt er das Manuskript seinem Lektor Max Perkins in New York zukommen.

Das Werk erscheint in den USA bei Scribner’s im Oktober 1926 unter dem Titel The Sun Also Rises, ein Jahr später wird der Londoner Verlag Jonathan Cape das Werk unter dem Titel Fiesta publizieren. Mit einem Mal ist der 27-jährige Mann aus Chicago eine Größe bei Leser und Kritik.

Ab Mitte der 1920er Jahre ist Ernest Hemingway nicht nur ein wirklich guter Schreiber mit eigenem Stil, sondern darüber hinaus auch ein sprachlicher Erneuerer. Seine Art zu schreiben, ist unverbraucht, seine Sätze klingen frisch und freiheraus. Während andere zeitgenössische Autoren weiterhin eine gespreizte Stilistik pflegen, kommt dieser Ernest Hemingway geradlinig zur Sache. Auch seine Themen scheinen nicht gedrechselt, sondern wie ein entstaubtes Abbild der konfusen Nachkriegswelt mit ihren geplatzten Träumen.

Ernest Hemingway klingt wie ein Revolutionär, wie der erste, der einer neuen Generation eine neue Sprache gibt. Seine Herangehensweise ist eine Mischung aus Realismus und Neugier, der Blick geht endlich wieder über den Tellerrand. Nach Weltkrieg und Wirtschaftskrisen ist man des Eiapopeias der Väter und Großväter überdrüssig. Ein neues Zeitalter wird eingeläutet. Die Blümchen-Prosa des Charles Dickens und seiner Adepten sieht mit einem Schlag arg alt aus.

Hemingways Schreibstil ist in der Tat wegweisend: Kühl reiht der Amerikaner Beobachtung an Beobachtung und Dialog an Dialog. Die Lakonik der Beschreibung und die Dürre der Dialoge erzeugen einen geschickten Spannungsbogen in den Subtext. Die Aneinanderreihung kurzer Aussagesätze wird typisch für viele Autoren der Lost Generation. Sie bauen Dialoge, die von sprachlicher Kargheit geprägt sind, denn die enttäuschten Romanfiguren breiten ihre Gefühle nur ungern aus. Man ahnt jedoch Schlimmes.

The Sun Also Rises hat Ernest Hemingway seinen ersten Roman überschrieben, merkwürdigerweise spielt er damit auf eine Bibelstelle an. Oritur sol et occidit et ad locum suum revertitur ibique renascens. Im Alten Testament wird Kohelet – die Lutherbibel führt es unter dem Titel Der Prediger Salomo – als Buch der Weisheit betrachtet. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe, steht in Prediger Salomo, Kapitel 1, Vers 5. 

Die Sonne geht auf und wandert nach dem Tag an den Platz ihres Wiederaufstiegs. So lautet das Regelwerk unseres Kosmos. Die Sonne wird bleiben, und

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