Ernest Hemingway in Shorts an der Bar des ‚Fishing Clubs‘. Hinter dem Tresen: Barkeeper Pablo Córdova. Cabo Blanco, im April 1956.

An seinem ersten Abend im Cabo Blanco Fishing Club geht Ernest Hemingway an die Bar der Hotelanlage. Der Bar-Bereich befindet sich in Parterre, in dem weitläufigen Gemeinschaftsraum, in dem auch gegessen und am Morgen das Frühstück eingenommen wird. In einer dem Meer zugewandten Nische haben die Betreiber des Klubs eine kleine Ecktheke aus Holz einbauen lassen. Der mit Bambusrohr geschmückte, in Rotbraun gehaltene kurze Tresen bietet Platz für vier oder fünf Personen.

Links neben dem Bartresen hängt unter Glas die Stecktafel mit den Rekordhaltern des Fishing Clubs. Daneben sieht man über dem Kamin in Kopfhöhe eine Siegestrophäe, die verkleinerte Holz-Replik des 1.560 Pound schweren schwarzen Marlins, jenes Rekordfangs, der von Alfred C. Glassell jr. im August 1953 aufgestellt wurde. Der offene Kamin unter dem Holzfisch taucht an kühlen Abenden den Raum in eine angenehme Wärme. Denn im Juli oder August, dem meteorologischen Winter in Peru, kann in Cabo Blanco das Klima verrückt spielen. Tagsüber beißt die Sonne wie in der Sahara und mit der Dunkelheit wird es dann Knall auf Fall so bitterkalt, als befinde man sich inmitten der sibirischen Steppe.

Ernest Hemingway setzt sich auf einen der schlichten, mit braunem Leder gepolsterten Barhocker und fragt als erstes den Barkeeper, wie er heiße. Pablo Córdova Ramírez, entgegnet der überraschte 22-jährige Peruaner förmlich. Pablo stammt aus dem Hochland von Alto Piura im Osten, aus dem Landstrich, wo der Rio Piura den Ausläufern der Anden entspringt. Vor kurzem ist er an die Küste nach Cabo Blanco gezogen, weil hier bessere Arbeitsmöglichkeiten bestehen. Pablo Córdova ist es nicht gewohnt, sich mit den Gästen zu unterhalten, denn meist wollen die Besucher des Klubs unter sich bleiben.

Der junge Barkeeper hat in der kurzen Zeit schon einige Berühmtheiten aus dem Ausland im Fishing Club erlebt. Er entsinnt sich an James Stewart, das war so ein schlaksiger Langer. Anglerglück allerdings hat der Schauspieler keines gehabt, erinnert sich Pablo, keinen einzigen Fisch hat er gefangen. Mit dem Mann aus Hollywood hat er damals kein Wort gewechselt. Aber dieser Señor Hemingway verhält sich so ganz anders als die gringos, die sich sonst in Cabo Blanco blicken lassen.

Ein müder Ernest Hemingway starrt hinaus in die Dunkelheit. Rechts von der Bar geben sechs fast bis zum Boden reichende Fensterflügel den direkten Blick auf die Terrasse und auf das dahinter liegende Meer frei. Zu dieser späten Stunde sieht man nur das Schwarz der Nacht, die in den Tropen früh beginnt und den Tag von einem Moment auf den anderen beendet. Der Einbruch der Dunkelheit vollzieht sich am Pazifik so rasch, als ob jemand einen Lichtschalter umlegen würde.

Der vollbärtige Amerikaner liebt es, auf einem Barschemel zu hocken, seinen Whiskey zu trinken und zu reden. In der Bar des Ritz in Paris oder in Harry’s Bar an der Piazza San Marco von Venedig, in der Cortina dort um die Ecke fühlt er sich zuhause. Oder im Sloppy Joe’s von Key West, in der feinen El Floridita von Havanna, in der lasterhaften Bar Marsella im Barrio Chino von Barcelona oder die Ramblas weiter aufwärts in der gepflegten Boadas.

Der Nobelpreisträger mag das einfache Leben, und er mag die einfachen Menschen. Am liebsten trinkt er mit Fischern, Boxern, Wirten, mit ganz normalen Leuten, Literaten und Intellektuelle sieht man in seinem Dunstkreis eher selten. Am Tresen einer Bar erschafft sich Ernest Hemingway seine private Theaterkulisse, eine Aufführung vor Publikum, und er gibt den Autor und Hauptdarsteller in einer Person. Es sind Ein-Mann-Stücke, die aufgeführt werden, kein Thema einer aufregenden Lebensreise wird ausgespart.

Die Bars muten an wie Oasen des Innehaltens, in zwei, drei Stunden, schaut Ernest Hemingway zurück auf sein Leben und versucht, die Zeit ein wenig zum Stillstand zu bringen. Am Tresen sitzt er oft mit Freunden, häufig auch mit wildfremden Menschen, vor sich ein Glas Amarone oder Veronese-Wein, wenn er in Italien weilt. Anderswo eher ein Gin oder Scotch, auf Kuba meist den Daiquirí. (Anfang von Kapitel 8 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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