Am Meer wird Ernest Hemingway ein anderer Mensch, vielleicht wird er hier erst so richtig zum Menschen. Cabo Blanco, im April 1956.

Eine knappe Stunde fährt das Ehepaar Hemingway mit dem schwarzen Chevrolet die Panamericana hinauf bis nach El Alto. Dort biegen die Besucher in Richtung Westen ab und schlängeln sich die staubigen Serpentinen hinunter zur Pazifikküste. Kurz vor der Ortseinfahrt zu Cabo Blanco geht es einen unbefestigten Sandweg hinein in eine wüstenartige Landschaft. Hinter ein paar Kurven erblicken die Amerikaner auf einer Anhöhe vor dem Meeresufer den Cabo Blanco Fishing Club.

Der Konvoi bewegt sich sachte einen breiten Anfahrtsweg hinauf, der alle drei, vier Meter auf beiden Seiten gesäumt wird von mannshohen Holzpfosten, auf denen jeweils die abgehackte Flosse eines Marlins aufgespießt ist. Diese Zufahrtsallee erinnert an eine surreale Inszenierung, der Phantasie einer alten Wikinger-Saga entsprungen, es scheint, als ob man an der Auffahrt zum Fishing Club das Entree zu einer Sagen- und Märchenwelt passieren dürfe. Der Klubgelände selbst liegt zwei Kilometer von Hafen und Dorfkern entfernt, es ist das einzige Gebäude weit und breit.

Kurz nach 9 Uhr am Vormittag nähert sich die Auto-Kolonne dem Eingang des zweigeschossigen Cabo Blanco Fishing Clubs. Der Schriftsteller steigt als einer der ersten aus, die Angestellten des Klubhotels eilen herbei, um die Koffer auszuladen. Der Nobelpreisträger hat zunächst kein Auge für das weitläufige Anwesen, sondern wird überwältigt von dem unendlichen königsblauen Meer, das am Horizont fließend in das gleißende Blau des Himmels übergeht. Der azurblaue Ozean liegt dem Fishing Club unmittelbar zu Füssen, es sind keine hundert Meter und man ist von der Veranda des Klubhauses, eine schmale Anhöhe hinunter, direkt am menschenleeren Sandstrand.

Die zwei Fußballfelder große Hotelanlage ist in einer länglichen Form gebaut, in der Mitte ergänzt durch den breiten zum Meer laufenden Gemeinschaftsraum. Im nördlichen Flügelbau findet man die Gastzimmer, im Süden liegen die Wirtschaftsräume mit Empfang, Küche und Verwaltung. Der gesamte Komplex verfügt über zehn Gästezimmer, fünf in Parterre, weitere fünf gleich große im Obergeschoss, allesamt mit bodentiefen Verandafenstern, die einen freien Blick auf den Pazifik erlauben.

Der Schriftsteller erhält das Gästezimmer mit der Nummer 5, es ist das Zimmer am Ende des schmalen Ganges in Parterre. Ehefrau Mary schläft direkt nebenan, in der Nummer 4. Getrennte Schlafzimmer sind bei dem Ehepaar Hemingway seit einigen Jahren Usus, Ernest schnarcht laut und steht nächtens gerne auf, er geht umher, schreibt Briefe, arbeitet an Manuskripten, oder er holt sich einen Drink. Seit langem schon schläft der Autor nicht gut.

Mary hingegen verfügt über eine natürliche Nachtruhe und versucht, wenn es nur irgendwie geht, durchzuschlafen. So verhält es sich bei den Hemingways, Ernest und seine Ehefrau übernachten in getrennten Zimmern, auch auf Finca Vigía. Allerdings wollen böse Zungen berichten, nicht das Schnarchen trage daran die Hauptschuld, vielmehr krisele es bedenklich in der Ehe der beiden.

Die Gastzimmer im Fishing Club sind nicht gerade geräumig, nüchtern betrachtet fallen sie sehr klein aus. Wenn die zwei engen Betten darin stehen, ist bereits mehr als der halbe Raum ausgefüllt. Auch kann man die Kammern nicht gerade als luxuriös bezeichnen, dennoch sind sie für diese Breiten zweckmäßig eingerichtet. Das Zimmer von Ernest ist – wie alle anderen auch – quadratisch geschnitten, die schmalen Wände sind weiß gestrichen und der Boden wurde mit dünnem dunklen Paneelholz verkleidet. Neben dem Eingang findet sich en suite ein winziges Bad mit Klosett und Dusche, dazu zur Rückseite des Gebäudes eine rechteckige Luke, die für Frischluft im Abort sorgt.

Blickfang des Schlafzimmers ist eine an der rechten Wand in Brusthöhe angebrachte Jugendstil-Lampe aus schwarzem gusseisernen Metall mit einem ballgroßen Leuchtkörper in weiß. Ansonsten sucht man vergeblich nach Extravaganzen. Vorne hinaus ist der Raum von der Decke bis zum Boden verglast. Eine Flügeltür, eingefasst von zwölf quadratischen Glasscheiben gibt den Ausblick frei nach draußen auf die schmale Veranda vor dem Zimmer. Hinter einer hüfthohen Einfriedung aus Pollern mit zwei hellen Streben beginnt danach die breite Terrasse des Klubhauses. (Anfang von Kapitel 5 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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