Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Kategorie: A Hundred Years Ago

Ernest Hemingways ‚The Sun Also Rises‘: Nach wie vor liegt ein Summen über der Stadt

Hemingway
Vor genau 100 Jahren erschien The Sun Also Rises. In Europa heißt der Roman Fiesta. Mit diesem Buch gelingt Ernest Hemingway ein Quantensprung in der englischsprachigen Literatur.

Als im Oktober 1926 sein erster Roman erscheint, beginnt für den ehrgeizigen Neuling eine beispiellose Weltkarriere. Ist Ernest Hemingways Fiesta nach 100 Jahren angestaubt? Von wegen! In Wirklichkeit ist die Erzählung aus Pamplona verdammt aktuell.

Von Wolfgang Stock

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Ernest Hemingways Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der junge US-Autor zu großen Teilen sein Erstlingswerk Fiesta spielen. Hinter den Pyrenäen werden seltsame Volkstraditionen gepflegt. Die Tage sind erfüllt mit gottesfürchtigen Prozessionen und die Nächte mit dem Gedröhne lauter Musikkapellen. Gigantes und Cabezudos, vier Meter hohe Riesenpuppen und heitere Großköpfe, streifen durch die Altstadt. Zwischendurch werden Stoßgebete in einer knorrigen Sprache gen Himmel gesandt, und ansonsten brave Frauen und Männer tanzen außer Rand und Band in Trommeltrance, mit Kränzen aus Knoblauch um den Hals.

Die Fiesta de San Fermín beginnt alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zu dem am Mittag Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Nach acht Tagen enden die Sanfermines stets am 14. Juli um Mitternacht mit dem vereinten Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Um das katholische Fest herum entwirft der 27-jährige Besucher Ernest Hemingway, der damals in Paris lebt, ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, das Buch wird auf Anhieb ein Riesenerfolg.

Gefeiert wird in Pamplona zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Der fromme Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden der Überlieferung nach aus Frankreich in die Heimatstadt überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das zum Fest getragen wird – erinnert an sein tragisches Schicksal.

Seit 1591 werden in Pamplona die Sanfermines gefeiert, noch älter ist der Lauf vor den Stieren. Ein übermütiges Ritual, das im Mittelalter aus dem Auftrieb des Viehs zum Markt durch Metzgerburschen entstanden ist. Jeden Morgen werden beim Encierro aus den Stallungen im Norden wilde Kampfstiere durch die engen Gassen zur Plaza de Toros gehetzt, wo sie am Abend von den Matadores im Kampf blutig abgeschlachtet werden. Dieses morbide Treiben – als berauschendes Volksfest zelebriert – passt irgendwie gut zu den hoffnungslosen Besuchern aus Paris und zu den dunklen Wolken, die über Europa hängen. 

Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona. Der Autor aus einem verschlafenen Vorort von Chicago, er ist vom Jahrgang 1899, zeigt sich bei seinem Trip in die Hauptstadt Navarras elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel. Zwischen 1923 und 1959 hat er die Stadt zehnmal besucht, mit einer langen Pause von anderthalb Jahrzehnten nach dem verlorenen Bürgerkrieg. Ab 1953 ist der Schriftsteller dann wieder häufig in Nordspanien.

Der Lautsprecher einer verlorenen Generation

Die Veröffentlichung im Oktober 1926 wirkt wie ein Paukenschlag. Mit The Sun Also Rises erreicht die literarische Moderne einen neuen Markstein. Ein neuer Stoff, ein neuer Stil, ein neuer Autor. Ungeschminkt fängt ein vorlauter Kerl den Defätismus und die wabernde Untergangsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg in einer forschen Erzählung ein. Stürmisch vergnügt man sich in den Roaring Twenties, doch vieles bleibt schöner Schein. Tief im Innern erblicken wir eine bedrückte und verlorene Generation. 

Der Ausdruck You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein, eine einflussreiche Mäzenin, die mit einem literarischen Salon in der Rue de Fleurus Hof hält. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh umschreibt derart den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918. Von ihr, sie wird Hemingways Mentorin, hat Ernest den Tipp erhalten, den Encierro zu besuchen. Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. In jenen Tagen ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis in der damals 35.000 Einwohner zählenden Provinzstadt.

Nach dem großen Krieg in Europa sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der weitgehend friedfertigen Belle Époque mit einem Mal wie weggeblasen. Was zählen die Erfindungen wie Flugzeug, Automobil und Ozeandampfer angesichts des schrecklichen Krieges? Die Schlacht mit ihren Grabenkämpfen ist abscheulich gewesen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird.

Eigentlich wäre die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, ein friedvolles Wertesystem aufzubauen. Jedoch fehlt dieser kleinmütigen Generation dazu die Kraft. Die labile Zeit braucht kulturelle Vorkämpfer und neue Blickwinkel, durchaus von Tradition gespeist, die Menschen dürstet es nach einem Neustart mit ehrlicher Inventur und mutigen Idealen. Ebenso wie das Themen-Panorama sich öffnen und weiten muss. Und so geht es vor exotischer Kulisse in Fiesta vor allem um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch der aufgesetzten Blümchen-Prosa der viktorianischen oder wilhelminischen Epoche nachhängen, schildert der ehrgeizige Arztsohn in seiner Erzählung knallhart die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröden Sätze wirken echt und treffen den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen. Keiner fängt die gallige Atmosphäre so treffsicher ein wie der Amerikaner. Ein Draufgänger wie er ist sehnsüchtig erwartet worden.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Der Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus einer Bibelzeile entlehnten Buchtitel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet einen Misserfolg, wenn das Buch hinter einem religiösen Zitat läuft. Und so tauft ihn das englische Verlagshaus dummerweise in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des poetischen The Sun Also Rises.

Ein Epochenporträt zwischen Krieg und Krisen

Vor dem Hintergrund des archaischen Bullen-Boheis lässt der Romandebütant allerlei freizügige Eskapaden ablaufen, es kommt eh nicht mehr drauf an. Die Protagonisten in Fiesta – der impotente Jake Barnes, ein erfolgloser Schriftsteller namens Robert Cohn und die liebestolle Lady Brett Ashley – lassen kein Laster aus in Pamplona: Prügeleien, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol bis zum Abwinken. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA. 

Das Café Iruña in Pamplona spielt die heimliche Hauptrolle in Fiesta. Dieses Restaurant dient den Besuchern aus Übersee als Stützpunkt, von dort schwärmen sie aus in die bizarre Zügellosigkeit. Nach dem Essen gingen wir hinüber ins Iruña. Es war schon ziemlich voll, und als der Beginn des Stierkampfs nahte, wurde es noch voller, und die Tische wurden dichter zusammengeschoben. Ein dichtes Summen lag in der Luft, wie jeden Tag vor einem Stierkampf. Dieses Geräusch herrschte zu keiner anderen Zeit in dem Café, ganz gleich, wie voll es war. Das Summen hielt sich, und wir waren mittendrin und ein Teil davon.

Kein Fabulieren im Elfenbeinturm, sondern als Autor mittendrin im Geschehen und gar ein Teil davon. Die Leser sind beeindruckt, wie dieser Debütant aus dem Mittelwesten der USA mit Haut und Haaren hineinspringt in diesen fremden Kosmos. Der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, frei von jeder Wertung, alles weit weg von dem üblichen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird zudem durch persönliches Erleben begründet, der Autor hat alles mit eigenen Augen gesehen. Hemingway, der in den 1920ern sieben Jahre in Europa gelebt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung auf den Punkt abzubilden.

Bereits bei seinem Debüt legt Ernest Hemingway wenig Wert darauf, mit Glorienschein dazustehen, so wie mancher Kollege. Über seine Romanfiguren macht er kein Geheimnis daraus, ein Kerl mit Ecken und Kanten zu sein. Der Mann aus der bigotten Vorstadt gibt gerne den Rabauken und Stiertöter. In Wirklichkeit ist sein Macho-Gehabe reine Fassade, ein Panzer vor Selbstzweifeln und erlittenen Verletzungen. Diese Unvollkommenheit erweist sich für sein Schreiben als Stärke, denn sie ist ein Türöffner. Die Menschen öffnen sich ihm. Dieser Schriftsteller ist nahbar, ohne diese Nahbarkeit wären seine Erzählungen blutleere Kunstgebilde.

Dabei geht es nicht bloß ums Saufen und um Liebschaften. Beim Fest des Heiligen Firminus werden Tugenden sichtbar, die dem Schriftsteller wichtig sind: Mut, Stolz und Würde. Diese verrückte Mischung aus Lebenslust und Todestragik bleibt Hemingways Hochamt, in Pamplona wird sein Wertekanon im Sommer als Schauspiel unter freiem Himmel aufgeführt. Dieser von seiner Endlichkeit bedrückte Lebemann braucht den Trubel. Hinter allem Budenzauber erspürt Ernest den Kampf gegen den mächtigsten aller schwarzen Stiere. Gegen den Tod.

Der spätere Nobelpreisträger skizziert in Fiesta mit dickem Stift zwei, drei Wege zur Befriedigung. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die arglose Entdeckerfreude und die Neugier auf eine fremde Kultur. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten zu verstehen und wertzuschätzen. Und über allem: Die Anmut der Schöpfung zu erkennen. So wird Pamplona im Juli zum heiligen Termin im Kalender des US-Amerikaners. Bis zuletzt. Im Frühsommer 1961, er ist seit Monaten depressiv und leidet an Verfolgungswahn, wird der Nobelpreisträger ein Telegramm nach Spanien senden. Er wird die Sanfermines für sich und Miss Mary stornieren, die Reservierung im Hotel, die guten Plätze an der Barrera in der Stierkampfarena.

Am 7. Juli 1961, morgens um acht Uhr, laufen in Pamplona nach Eröffnung der Sanfermines die ersten schwarzen Bullen durch die Gassen der Altstadt. Am anderen Ende der Welt, in Idaho am Rande der Rocky Mountains, wird auf dem Dorffriedhof von Ketchum an diesem Freitag ein wuchtiger Sarg in die Erde eingelassen. Mit jenem Mann, der für alle Zeiten die Sanfermines populär gemacht hat.

Ein Mensch sucht seinen Frieden

Der Blick von der Terrasse des Café Iruña schweift noch immer über die monumentale Plaza del Castillo. Von der Belle Époque bis heute scheint die Zeit in Pamplona wie gefroren. Marmortische, goldfarbene Säulen, Riesenspiegel, prächtige Kronleuchter im Modernisme. Auf der langen Theke erstrecken sich die Schalen mit Rollitos de Queso, den Patatas Bravas und dem Jamón Ibérico. Das Café Iruña bleibt der Ruhepol, der Tradition und Moderne zusammenbringt. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich seiner selbst vergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. In diesem Sinne hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt.

Das Iruña hat Terror und Tyrannei erlebt, und dennoch steht das Bauwerk am großen Platz majestätisch da, frohgemut und unversehrt, seit 140 Jahren, und um die gute Stube herum spielt sich das kleine Leben ab. Ernest Hemingway, fortwährend ein Suchender, nähert sich in Pamplona seiner Seele. Er findet jene kleine Glückseligkeit, die ein Mensch wie er so braucht. Gutes Essen, reichliche Prozente, Geselligkeit und ein wenig Krawall. Dieser Haudegen mag das Leben und er kostet es aus. Deshalb fällt es ihm so schwer, sterben zu müssen.

Aber da ist mehr. Die Sanfermines sind ein Trubel, der in die Knochen geht. Nach der Fiesta nimmt der Schriftsteller eine Auszeit und fährt hinein in die Stille der Pyrenäen. Am Rio Irati und Rio Urrobi, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles gibt er sich der Angelleidenschaft hin. Im Kontrast zum Mordskrach unten in Pamplona geht der Blick nun nach oben. Zum ersten Mal bestaunt die Leserschaft in Fiesta den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch werden sollte. Auf der einen Seite das Karussell von Laster und Eitelkeit, das sich um Alkohol, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die hohen Berge und die grünen Wälder, wo es unverfälschte Erdverbundenheit zu entdecken gilt.

Der hochgewachsene Naturbursche vom Michigan-See braucht das laute Fest, um sich des Lebens zu vergewissern. Genauso wie er die Stille der Natur benötigt, um zur Gemütsruhe zu gelangen. Diese arme Seele sucht Halt in den Gebräuchen, am liebsten in Spanien. Die lebenszugewandte Tradition der Sanfermines, die seit dem Mittelalter tief bei den Bewohnern der Region verwurzelt ist, hilft dabei. Ebenso wie die Stille der Natur. Es bleibt ein steiniger Weg: Dieser Mensch muss seine Mitte finden.

Sieht er eine Hoffnung? Ernest Hemingway, eine Art

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Ein unbeschriebenes Blatt – Wer Ernest Hemingway als Autor wirklich entdeckte

Der Querschnitt
Ernest Hemingway
Das Berliner Magazin Der Querschnitt ist das erste große Medium, das eine Erzählung von Ernest Hemingway veröffentlicht. Vor allen anderen. Im Juni 1925. Foto: Archiv Dr. Stock.

Vor genau hundert Jahren – im Sommer 1925 – druckte ein Berliner Kulturmagazin die Kurzgeschichte eines völlig unbekannten US-Schriftstellers. Es sollte der Auftakt eines rasanten Aufstiegs werden. Der Name des Neulings: Ernest Hemingway.

Von Wolfgang Stock

Deutschland zu hassen, dafür gäbe es auf Ernest Hemingways Lebensweg genug Anlässe. Nach Machtübernahme der Nazis kommt der US-Autor auf die Schwarze Liste, im Mai 1933 wird sein Anti-Kriegs-Buch In einem andern Land öffentlich verbrannt. Als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg erlebt er das gnadenlose Bombardement der Legion Condor gegen die einheimische Zivilbevölkerung. In den Vogesen wird im Oktober 1944 sein ältester Sohn von der Wehrmacht festgenommen und ein halbes Jahr im Kriegsgefangenenlager Moosburg an der Isar inhaftiert. Dem blanken Horror begegnet der Amerikaner dann im Winter 1944, wenige Kilometer hinter der Front im Hürtgenwald, wo in den dichten Wäldern der Nordeifel eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs stattfindet.

Kaiser Wilhelm, Hitler, die Nazis – die Krauts zu verabscheuen, das müsste dem Autor aus Oak Park bei Chicago eigentlich leichtfallen. Doch Ernest Hemingway hasst Deutschland und die Deutschen nicht. Vor allem aus einem Grund, ein Mensch verhindert dies. Sein Name: Hermann von Wedderkop. Von Freunden Weddo gerufen. Heute ist dieser bedeutende Medienmann der Weimarer Republik fast vergessen. Wedderkop ist wunderbar. Sie zahlen mir 550 Francs, jubelt in Paris der junge Autor im Januar 1925. Er kann das Geld aus Berlin gut gebrauchen.

Seit Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Metropole an der Seine, es sind beschwerliche Lehrjahre für den ambitionierten Journalisten. Mühsam hält der junge Vater, Sohn John wird 1923 geboren, seine dreiköpfige Familie über Wasser. Ein kleiner Erbschaftsfonds von Ehefrau Hadley verhindert das Schlimmste. Vor kurzem hat er seinen einträglichen Vertrag als Europa-Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star gekündigt, Ernest Hemingway geht voll ins Risiko. Der Sohn eines Arztes hat einen Traum: Er möchte Schriftsteller werden.

Paris ist in jenen Jahren eine Weltstadt im Aufbruch. Literaten, Maler und Musiker auf der Suche nach neuen Ideen zieht es nach Saint-Germain-des-Prés oder zum Boulevard du Montparnasse, wo im Café de Flore oder Le Dôme die Freude am Dasein ausgelebt wird. Einem jungen Amerikaner, der mit den calvinistischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsen ist, muss Rive Gauche vorkommen wie eine Pforte ins Himmelreich. Autoren, die berühmt werden wollen, gibt es zur Genüge in der Stadt an der Seine. Zwar hat der Mittzwanziger, Hemingway ist vom Jahrgang 1899, bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, doch sind diese Schriften eher Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems kommen 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Ernest hält Ausschau nach einem zahlungskräftigen Verlag, doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.

Der Traum vom Erfolgs-Schriftsteller

Ernest Hemingway erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Ablehnung nach der anderen. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. In seinem Heimatland findet er kein Periodikum, das seine Kurzgeschichte über Spanien drucken will. Damit hat er nicht gerechnet. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief. Die Story sei zu hart für die Leser. Voller Zweifel beginnt Hemingway, sich als Autor in Frage zu stellen. Den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen erste Depressionsschübe.

Nach vielen Tiefschlägen trifft in Paris endlich eine Zusage ein. Zur Überraschung kommt das Angebot nicht aus den USA, sondern aus Deutschland. Hermann von Wedderkop, der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt, will die Torero-Erzählung veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug werde demnächst erscheinen, sagt er. Persönlich treffen sich Hermann von Wedderkop und der junge Amerikaner dann am 9. Oktober 1924, im Pariser Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Ernest zeigt sich angetan von dem 24 Jahre älteren Deutschen. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Die Kulturzeitschrift mit dem seltsamen Namen Der Querschnitt erscheint seit 1921 in Berlin. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre reiht der Großverleger Hermann Ullstein das Magazin in seinen Propyläen Verlag ein, das Erscheinen wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Druckauflage steigt auf 20.000 Exemplare. Jeden Monat überrascht Der Querschnitt mit einem snobistischen Scharfblick auf Kunst, Literatur und Gesellschaft. Dazu hier und da ein ästhetischer Akt, in weiblicher oder männlicher Ausprägung. Als Chefredakteur und Herausgeber entwickelt der Autodidakt Hermann von Wedderkop die kleinformatige Gazette zur vielbeachteten Avantgarde-Zeitschrift in der Weimarer Republik.

Ein wunderbarer Kerl aus Berlin

Zunächst druckt Der Querschnitt im Herbst 1924 einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. Der US-Amerikaner zeigt sich begeistert von dem Berliner Zeitgeist-Magazin. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt. Aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Hemingway in einem Brief aus den Winterferien in Schruns im Januar 1925. Sein Hang zur Großsprecherei prägt sich schon damals aus: In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt.

Oft macht er sich lustig über seinen Verleger, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Hemingway den Namen des Chefredakteurs liebevoll, der Wedderschnitt vom Querkopf. Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Eutin geboren, er entstammt einem Adelsgeschlecht aus Niedersachsen. In München, Kiel und Berlin studiert er Rechtswissenschaft, dazu Kunstgeschichte und Archäologie. Zunächst arbeitet der Jurist als Regierungsbeamter in Brüssel und Köln. Doch die Staatsverwaltung ist nicht seine Welt, es zieht ihn zur zeitgenössischen Malerei. Weddo schreibt lieber Artikel und Bücher über moderne Kunst. Dabei lernt er den Kunsthändler Alfred Flechtheim kennen, der ihn Anfang 1924 zum Chefredakteur seines Magazins Der Querschnitt beruft.

Hermann von Wedderkop wird dafür gerühmt, innovative Autoren mit originellen Themen und realistischem Stil zu fördern. Die pomadigen Satzgirlanden eines Thomas Mann hält er für unzeitgemäß. Die neuen Taktgeber heißen Gottfried Benn, Bert Brecht und Alfred Döblin, die in ihren Werken die herrschende Trostlosigkeit schonungslos sezieren. Ernest Hemingway fühlt sich verstanden, auch er ist dabei, mit lebensechten Erzählungen und seinem kargen Eisberg-Stil den viktorianischen Rührstücken à la Charles Dickens ein für alle Mal den Garaus zu machen.

Im Sommerheft des Jahres 1925 ist es dann soweit: Der Querschnitt übersetzt und druckt Hemingways Stierkampf-Story. Im nächsten Heft, der Nr. 7 vom Juli, findet sich der zweite Teil der Erzählung über einen gealterten Torero. Der ehemals berühmte Matador Manuel Garcia erbettelt einen letzten Kampf. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, er kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird der Stierkämpfer von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Hospital gebracht. Sofort kommt er auf den Operationstisch. Ob das Leben des Matadors gerettet werden kann? Der Autor lässt es offen.

Gekonnt improvisiert schon diese Kurzgeschichte von gut 30 Seiten über die Grundmelodie des Hemingway’schen Werkes: den heroischen Kampf gegen die menschlichen Grenzen und die Wahrung von Würde in der unvermeidlichen Niederlage. Nach Veröffentlichung in Der Querschnitt tritt die Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch: Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um die Welt an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben.

Der Durchbruch mit Fiesta

Die lakonische Prosa des Neulings zieht Leser und Kritiker in den Bann. Die Klarheit der Sprache wird ebenso gelobt wie die Unterkühltheit in den Dialogen. Während andere Schriftsteller noch die gespreizte Stilistik der Vätergeneration pflegen, kommt Ernest Hemingway ohne Umschweife zur Sache. In seinem grandiosen Debütroman The Sun Also Rises – zu Deutsch: Fiesta – fängt der junge US-Autor im Oktober 1926 das konfuse Lebensgefühl der Verlorenen Generation wirklichkeitsnah ein. Die von Gertrude Stein so titulierten Männer und Frauen leiden nach dem Zivilisationsbruch unter Werteverfall und Orientierungslosigkeit.

Wie ein anschauliches Menetekel zwischen zwei schrecklichen Kriegen erscheint da Hemingways Fiesta. Amerikanische Intellektuelle in Paris und auf Besuch der Sanfermines in Pamplona geben den Blick frei auf eine Verlorenheit, die bei dem mittelalterlichen Bullen-Spektakel mit reichlich Alkohol und allerlei erotischen Eskapaden verdrängt werden möchte. Auf solch eine Unverblümtheit hat die Leserschaft sehnsüchtig gewartet. Von Europa aus erklimmt der 27-Jährige mit Fiesta den Gipfel der Literatur. Wie ein kraftvoller Bannerträger, wie jemand, der Klartext redet und damit einer bedrückten Generation eine frische Stimme gibt. Ernest Hemingway, nahbar und leutselig, steigt auf zum Weltstar.

So viel Glück ist seinem Mentor in Berlin nicht beschieden. Nach der erfolgreichen Zeit beim Querschnitt, die sich von 1924 bis 1931 erstreckt, versucht sich Hermann von Wedderkop selbst als Autor. Er schreibt launige Reiseführer, über das Rheinland, über Paris, London und Rom. Wie man Freunde gewinnt, den Bestseller des US-Motivationstrainers Dale Carnegie, überträgt er ins Deutsche, wird gar Co-Autor des Werkes. Im Jahr 1933 tritt er der NSDAP bei und hegt offene Sympathien für Benito Mussolini. Allerdings gerät er wegen seiner Vorliebe für moderne Kunst wiederholt in Konflikt mit der braunen Obrigkeit. Der polyglotte Adlige zieht sich zurück und verbringt die Zeit des Nationalsozialismus überwiegend in Italien.

Im Kulturbetrieb der Nachkriegszeit verschwimmt das Profil dieses einst gewichtigen Blattmachers. Er selbst meidet weitgehend die große Öffentlichkeit, lieber übersetzt er ein Buch des italienischen Reiseschriftstellers Emilio Cecchi. Seine Erfolge um die Förderung der künstlerischen Avantgarde mit seinem Zeitgeist-Magazin Der Querschnitt geraten über die Jahre in Vergessenheit. Der medialen Aufmerksamkeit entschwunden und kinderlos stirbt Hermann von Wedderkop nach langen Sanatoriumsaufenthalten in der Schweiz im Oktober 1956 mit 80 Jahren in Hamburg.

Zwei Jahre zuvor, im Oktober 1954, ist seinem ehemaligen Schützling in Stockholm der Nobelpreis für Literatur verliehen worden. Der Novize aus Pariser Tagen, schon lange eine Berühmtheit, vergisst seinen frühen Förderer nicht. In Paris – Ein Fest fürs Leben, dies sind biografisch gefärbte Erzählfragmente seiner sieben Jahre in Europa, erinnert Ernest Hemingway an seinen ersten Verleger. Im Dialog mit der Buchhändlerin Sylvia Beach, er nutzt Shakespeare and Company in der Rue de l`Odéon als Postadresse, erwähnt er seinen Berliner Mentor.
Es war ein Brief, und er fühlte sich an, als ob Geld darin sei.
„Wedderkop“, sagte Sylvia.
Es muss vom ‚Querschnitt’ sein (…). Es sind 600 Francs. Er schreibt, es kommt mehr. Es ist verdammt komisch, dass Deutschland das einzige Land ist, wo ich etwas verkaufen kann.

Hemingway dankt seinem Entdecker

Der Querschnitt ist das erste namhafte Medium gewesen, das diesen ehrgeizigen Jungautor veröffentlicht hat. Somit haben die Deutschen ihn ein wenig entdeckt, noch vor allen anderen. In The Green Hills of Africa setzt Ernest Hemingway dem Berliner Magazin 1935 ein literarisches Denkmal, als er mit einem österreichischen Safari-Kameraden über seinen Beginn als Autor plaudert. The Querschnitt war eine deutsche Zeitschrift, für die ich einige ziemlich obszöne Gedichte geschrieben habe, und wo ich eine längere Erzählung veröffentlicht habe, Jahre bevor ich in Amerika überhaupt etwas verkaufen konnte.

Die ausführliche Passage aus Die grünen Hügel Afrikas druckt Der Querschnitt im Juni 1936 unter dem Titel The Man with the Tyrolese Hat bei Nennung des Autors auf anderthalb Seiten nach. Dieser Mut erstaunt. Denn Hemingways Name befindet sich auf der Liste unliebsamer Autoren. Politisch bleibt das Magazin zwar diffus, doch eckt es mit seiner Unangepasstheit mehrfach bei den nationalsozialistischen Machthabern an. Unter dem 12. Oktober 1936 notiert Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: „Gestern: gelesen, gearbeitet. Zwei Zeitschriften Inneres Reich und Querschnitt wegen dreister Unverschämtheiten verboten. Das hat wohlgetan. Die waren wieder frech wie Dreck.“

Mit Der Querschnitt erfährt Ernest Hemingway eine emotionale Bindung zu Deutschland und darüber hinaus einen Zugang zur deutschen Literatur. Thomas Mann bewundert er, Ringelnatz ebenso. Der Amerikaner ist ein offener und neugieriger Mensch, als Nicht-Studierter muss er sich vieles abschauen. Über allem Ruhm vergisst er nicht, wer seine erste Spanien-Geschichte und die vorlauten Poeme veröffentlicht hat. Eine deutsche Zeitschrift und ihr Chefredakteur haben an ihn geglaubt, während Verlage in der Heimat seine Manuskripte in den Papierkorb geschleudert haben.

Dankbar blickt der Nobelpreisträger zurück auf den Beistand von Weddo in den schwierigen Anfangsjahren. Die insgesamt sieben Veröffentlichungen in dem Berliner Magazin werden Ernest Hemingway vor einem Trugschluss bewahren, der gemeinhin schnell gemacht ist. Deutschland ist nicht allein das Land der Bücherverbrenner und der Joseph Goebbels. Deutschland, das ist ebenso das Land von Der Querschnitt und des Hermann von Wedderkop.

Dr. Wolfgang Stock lebt als Journalist und Buchautor in Herrsching am Ammersee. Er betreibt das Portal Hemingways Welt (www.hemingwayswelt.de) und hat eine Biografie über den Nobelpreisträger geschrieben (Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru).

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Vor genau 100 Jahren: Hemingways verschwundener Koffer

Ein Koffer voller Manuskripte verschwindet. Und taucht nie wieder auf.

Ende November 1922 reist Ernest Hemingway von Paris nach Lausanne, um dort über die Friedenskonferenz zwischen Türken und Griechen zu berichten. Die Türkei unter Kemal Atatürk hat den Krieg gewonnen, und nun stehen unter Schirmherrschaft des Völkerbundes die Verhandlungen über die Gebietsaufteilungen an.

Am 2. Dezember macht sich Ehefrau Hadley auf, um ihren Ehemann in der Schweiz zu besuchen. Im Gepäck auch ein kleiner Wochenend-Koffer voller Manuskripte, inklusive Duplikate. Ernest, der in den USA einen Verleger für seine Erzählungen und Gedichte sucht, will dem befreundeten Journalist Lincoln Steffens seine bisherigen Arbeiten zeigen. Vielleicht kann dieser in der Heimat ein gutes Wort für ihn einlegen. 

Am Gare de Lyon besteigt Hadley den fast leeren Zug. Die Koffer verstaut sie im Gepäckfach, sie nimmt ihren Sitz ein. Durch das Fenster erblickt sie einen Kiosk, der Erfrischungen verkauft. Kurzentschlossen springt Ernests Ehefrau aus dem Zug und kauft eine Flasche Evian als Reiseproviant. Nach wenigen Minuten ist sie zurück in ihrem Zugabteil.

Entsetzt stellt sie fest, dass der Weekender fehlt. Der kleine Koffer mit Ernests Manuskripten ist gestohlen. In Panik sucht sie den Schaffner. Gemeinsam gehen sie durch die Wagons, doch nirgends ist die Reisetasche aufzufinden. Eine Katastrophe! Die Arbeit eines ganzen Jahres verloren. Hadley ist am Boden zerstört.

Am nächsten Morgen erreicht der Zug Lausanne, tränenaufgelöst tritt Hadley ihrem Mann gegenüber. Der Verlust ist

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Vor genau 100 Jahren: Ernest Hemingway fährt mit dem Orient-Express in die Türkei

Irgendwie erscheint Ernest Hemingway verloren in dieser ihm unbekannten Welt. Istanbul, das damals Konstantinopel hieß. Foto: W. Stock, Februar 2020

Im Gare de Lyon besteigt Ernest Hemingway am Abend des 25. September 1922 den Orient-Express, einen Luxus-Zug aus Schlaf- und Speisewagen, der seit 1883 Paris mit Konstantinopel verbindet. In Europa wird mehr gereist, komfortable Verbindungen ohne lästiges Umsteigen werden von der anspruchsvollen Kundschaft verlangt. Gerade der Orient-Express steht für diesen hochwertigen Fortschritt in der abendländischen Zivilisation.

Nach dem Ersten Weltkrieg fährt der Simplon-Orient-Express täglich die neue südliche Route über Lausanne, durch den Simplon-Tunnel von der Schweiz nach Italien, dann Mailand, Venedig, Triest nach Zagreb, Belgrad, Sofia bis nach Konstantinopel. Die türkische Metropole am Goldenen Horn ist das Tor zum Orient, das nach der Revolution des Kemal Atatürk bis heute Istanbul heißt. 

Als Reporter des Toronto Daily Star soll Ernest Hemingway für seine Zeitung Artikel über die Friedensverhandlungen zwischen Türken und Griechen schreiben. Mit den Friedensverhandlungen läuft es gut, mit dem Schreiben weniger. Der US-Autor bleibt lange in seinem Hotelzimmer, er ist erkrankt, und er nimmt nur wenige Pressetermine wahr. Er vermisst seine Ehefrau Hadley, die in Paris geblieben ist.

Der amerikanische Korrespondent für den Toronto Daily Star schreibt in der Metropole am Bosporus wenig. Zwei Artikel in den ersten zehn Tagen, das ist erstaunlich schwach für Ernest Hemingway. Die Artikel für die kanadische Tageszeitung bilden eigentlich keine große Herausforderung für ihn, er speist sie überwiegend aus den westlichen Quellen vor Ort.

Doch die Widrigkeiten in der Grenzlage zwischen Morgen- und Abendland werden zu einer unerwarteten Herausforderung für den Amerikaner. Gesundheitlich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter. Mit hohem Fieber lässt er sich

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Vor genau 100 Jahren: Ernest Hemingway urlaubt im Schwarzwald

Eine Schiefertafel an den Triberger Wasserfällen erinnert an den Besuch des Ernest Hemingway im Schwarzwald. Foto: W. Stock.

Der US-Journalist, er ist vor wenigen Wochen 23 Jahre alt geworden, geht in der französischen Hauptstadt in das Büro der CFRNA – der Compaignie franco-roumaine de navigation aérienne – und kauft zwei Tickets nach Straßburg, one-way für 120 Francs. Ernest Hemingway und seine Ehefrau Hadley nehmen einem Doppeldecker von Paris nach Straßburg. Zwei Stunden dauert der Flug, anstatt acht Stunden im Zug sitzen zu müssen. Für Hadley ist es die erste Flugreise überhaupt.

Am 4. August 1922 treffen sich die Hemingways mit zwei befreundeten Ehepaaren in Straßburg und überqueren die Rhein-Grenze nach Kehl. Gut drei Wochen werden der Europa-Korrespondent des Toronto Star, seine Ehefrau und die Freunde im Schwarzwald verbleiben. Ihr Ziel ist das Elztal, eine ländliche Region im Schwarzwald, gut 30 Kilometer nordöstlich von Freiburg.

Die Reisegruppe will der stickigen Pariser Sommerhitze entfliehen und in den Bergen des Black Forest ausgiebig wandern und an den fischreichen Flüssen angeln. Die Journalisten wollen zudem Deutschland kennenlernen, das einen schrecklichen Krieg verloren hat und sich nun in heftigen wirtschaftlichen Turbulenzen befindet. Erst am 2. September werden die US-Amerikaner zurück in ihrer französischen Wahlheimat erwartet. 

Zusammen mit ihren Freunden, dem Journalisten Bill Bird, er arbeitet für die Agentur Consolidated Press in Paris, dessen Ehefrau Sally Bird sowie mit dem Schriftsteller Lewis Galantière und dessen Verlobten Dorothy Butler machen die Urlauber in diesen Augustferien des Jahres 1922 schnell unschöne Erfahrungen im krisengeschüttelten Deutschland. Der Empfang für die US-Amerikaner fällt alles andere als freundlich aus.

Auf einen Sympathiebonus darf Ernest Hemingway nicht hoffen, der verlorene Krieg steckt den Deutschen noch kräftig in den Knochen. Bitte, Herr Burgomeister. We wollen der fishkarten. We wollen to gefischen goen, radebricht der Autor aus Übersee im Rathaus, als er um einen Angelschein nachfragt. Nix, nein, erwidert der Bürgermeister brüsk, und zeigt den Amerikanern die Türe.

Zu den Menschen findet der junge Autor keinen Draht. Das Bier jedoch sei gut, notiert er. Und auch die Speisen munden hervorragend. Besonders die Süßspeisen haben es Hadley und Ernest angetan. Die Deutschen backen guten Kuchen, wunderbaren Kuchen. Die Inflation allerdings mache das Geschäft des Konditors kaputt. The mark was falling faster than they could bake. So schnell wie die Mark fällt, komme kein Konditor nach.

Seine Leser im fernen Kanada unterrichtet der junge Ernest Hemingway mit zwiespältigen Impressionen aus dem Schwarzwald. Die Bewohner beschreibt er als verhärmte Kriegsverlierer, zu oft stösst der junge Kerl auf Ablehnung und Zurückweisung. In der Nähe von Triberg werden er und seine Freunde vom Bauern mit einer Mistgabel vom Feld vertrieben, nur weil sie Auslanders sind.

Auch wenn Ernest Hemingway mit den Bewohnern fremdelt, die wundervolle Natur bewundert der Mann aus dem Mittleren Westen über alles. Dem US-Amerikaner gefallen die kristallklaren Gebirgsgewässer des Schwarzwaldes. Die Gutach und der zufließende Nußbach bei Triberg, oder die Elz, allesamt Bäche, in denen der Naturliebhaber etliche Forellen fängt, denn sie bissen an, sobald die Schnur im Wasser war.

Schon in jenen Tagen ist sein Talent zu erkennen,

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Vor genau 100 Jahren: Ernest Hemingway trifft Gertrude Stein zum ersten Mal

Die Telefonkarte der Gertrude Stein in Paris.

Am 8. Februar 1922 besuchen Ernest Hemingway und seine Ehefrau Hadley Richardson die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, sie sind zum Nachmittagstee eingeladen. Das junge Ehepaar ist neu in Paris, mit einem Empfehlungsschreiben des Schriftstellers Sherwood Anderson werden dem unbekannten Journalisten die Türen zu der wohlhabenden Kunstsammlerin geöffnet.

Gegen 17 Uhr treffen die Hemingways in dem Apartment in der Rue de Fleurus 27 ein, wo Gertrude Stein mit ihrer Lebensgefährtin Alice Toklas lebt. Stein ist zu jenem Zeitpunkt 48 Jahre alt, Ernest Hemingway gerade mal 22. Es wird der erste Besuch von vielen, Gertrude Stein nimmt fortan die Rolle einer Mentorin ein für den jungen Mann aus Chicago, ein wenig vielleicht auch die Mutterrolle in der Fremde.

Gertrude Stein ist selbst eine Schriftstellerin, zwar mit mäßigem Erfolg, doch von ungeheuerem Fleiß und mit Mut zur Innovation. Mit ihrer experimentellen Erzählweise – wie in ihrem über tausend Seiten dicken Hauptwerk The Making of Americans. Geschichte vom Werdegang einer Familie – setzt sie sich über die üblichen grammatikalischen Konventionen hinweg, verzichtet weitgehend auf Satzzeichen und baut endlose Variationen und Satzwiederholungen ein.

Eine neue Welt für Ernest Hemingway. Eigentlich ziemlich grün hinter den Ohren, durchlebt der 22-Jährige während seiner sechs Jahre in Paris eine dreifache Wandlung. Er wird vom Amerikaner zum Weltbürger, er wechselt vom Journalismus zur Schriftstellerei und er wandelt sich vom Zyniker zum Romantiker. Die Metamorphosen des Ernest Hemingway haben vor allem mit den Menschen zu tun, die in Paris zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis gehören.

In ihrem literarischen Salon schart Frau Stein die experimentierfreudigen Künstler jener Zeitepoche um sich, interessante Menschen mit spannenden Ideen. Zu ihnen gesellt sich ab Februar 1922 dieser unbekannte Journalist aus Chicago namens Ernest Hemingway, der hochgewachsene Korrespondent für die kanadische Tageszeitung Toronto Star fällt auf durch ein gesundes Selbstbewusstsein und höhere Ambition. Die Mäzenin aus Pittsburgh ist eine Person von Einfluss und Erfahrung in den Pariser Künstlerkreisen, sie findet Gefallen an dem kernigen Kerl und fördert seine Begabung als Autor. 

Gertrude Stein wird zu einer klugen Lehrmeisterin für Ernest. Sie liest seine Entwürfe, korrigiert, regt Verbesserungen an. Sie hält Hemingways Schauplätze für überholt, das meiste spielt sich in der Seenlandschaft des ländlichen Nordens seiner Heimatregion ab. Er möge doch nicht über Themen schreiben, die keiner lesen will. Vielmehr solle er sich mit dem Neuen befassen, das er im lebhaften Paris und im krisengeschüttelten Europa vorfinde.

Darüber hinaus sensibilisiert sie Hemingway für die Wichtigkeit der Wörter, erklärt ihm die Bedeutung von Wortwiederholungen, drängt ihn zu einer sparsamen Erzählweise, seine lakonischen Sätze gehen auf ihren Einfluss zurück. Ernest Hemingway lernt schnell, ab 1924 ist er nicht mehr auf die Ratschläge der Frau Stein angewiesen, die neuen Themenkreise und seine Stilistik beginnen sich zu festigen.

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Gertrude Stein mit dem Hemingway-Baby John, Paris 1924. Credit Line: Public Domain.

Gertrude Stein erkennt klar und deutlich

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Vor genau 100 Jahren: Paris erobert Ernest Hemingway

Ein junger Journalist in Paris. Das Passport-Foto des Ernest Hemingway aus dem Jahr 1923. Credit Line: Public Domain.

Am 21. Dezember 1921 erreichen Ernest Hemingway und Hadley Richardson nach zwei Wochen auf dem französischen Atlantikdampfer Leopoldina, aus Hoboken bei New York kommend, die europäische Küste. In Cherbourg nimmt das Ehepaar den Nachtzug nach Paris. Wenige Monate zuvor, Anfang September, haben der 22-Jährige Ernest und die acht Jahre ältere Hadley in Horton Bay, in Michigan, im Familienkreis geheiratet.

Das junge Paar plant, sich für längere Zeit in Paris niederzulassen. Zunächst mieten sie das Zimmer mit der Nummer 14 im Hôtel Jacob et d’Angleterre in der Rue Jacob im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés. Sogleich empfindet Ernest eine tiefe Verbundenheit mit seiner Wahlheimat. Er wird den Protagonisten seines ersten großen Romans – The Sun Also Rises aus dem Jahr 1926 – deshalb Jacob nennen, Jacob Barnes, mit Spitznamen Jake. 

Als Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star kommt Ernest nach Übersee, mit dem Auftrag, sich in Europa umzuschauen. Die alte Welt ist in jenen Jahren ein Kontinent in Aufruhr, mit Ländern, die nach dem Weltkrieg durchgerüttelt werden von politischen Konflikten und sozialen Erschütterungen. Der junge Journalist wird hineingeworfen in den alten Kontinent, es ist die Weihnachtszeit 1921 und er weilt weit von der Familie. Briefe dauern Wochen und ein Telegramm kostet einen Dollar pro Wort, ein kleines Vermögen.

Ernest spricht kein Französisch und es wird zwei Jahre dauern, bis er sich einigermaßen verständigen kann. Hadley ist flinker, sie erlernt schnell die fremde Sprache und es wird ihr obliegen, den Schriftverkehr mit den Behörden zu erledigen. Das Ehepaar findet schnell Anschluß an die Expat-Gemeinde in Paris. Gertrude Stein, Ezra Pound, Lewis Galantière und Sylvia Beach von der Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue l’Odéon werden zu guten Freunden. 

Frisch verliebt und voller Träume leben Ernest und Hadley von wenig Geld in der Hauptstadt Frankreichs. Als freier Korrespondent verdient er nicht gerade üppig, eine kleine Erbschaft von ihr hält beide über Wasser. Das Liebespaar verbringt unbeschwerte Monate in der so quirligen Metropole, sie sind arm, aber glücklich, wie Hemingway des Öfteren anmerkt. Es gibt nur zwei Orte auf der Welt, wo der Mensch glücklich sein kann. Die Heimat und Paris.

Das Le Pré Aux Clercs in der Rue Bonaparte, direkt um die Ecke vom Hotel, wird ihr neues Lieblingsrestaurant. Hadley entpuppt sich als Naschkatze, die das französische Gebäck und den köstlichen Kuchen nur so verschlingt. Auch ihr Ehemann wirkt, als lebe er im siebten Himmel. Für einen jungen Mann, der seiner rigiden Erziehung und der nüchternen Enge des Mittelwestens der USA entflohen ist, gleicht das Paris der 1920er Jahre einem

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