Mario Saavedra und Ernest Hemingway verstehen sich bestens.
Obwohl der Nobelpreisträger für gewöhnlich mit Interviews geizt, versucht der junge Redakteur des ‚El Comercio‘ erneut sein Glück.
Cabo Blanco, im April 1956.

Als Mario Saavedra beim amerikanischen Autor im Cabo Blanco Fishing Club anfragt, ob er für ein weiteres Interview zur Verfügung stehe, diesmal ausschließlich über den Stierkampf, reagiert Hemingway begeistert. Da brauche er nicht nachzudenken, das freue ihn, und der Nobelpreisträger sagt spontan zu. Eine Stunde unterhalten sich die beiden im Speiseraum des Klubs über die Welt der corridas, für den Schriftsteller ist es eine wohltuende Ablenkung von den Angelpleiten. Ernest lebt auf, wie immer, wenn er über den Stierkampf reden kann.

Wie ein Teenager kommt der Buchautor ins Schwärmen, als er mit dem Reporter von El Comercio über toros und toreros fabuliert. „Hemingway hatte richtig Ahnung vom Stierkampf“, sagt Mario Saavedra. Der Mann aus Chicago und der Peruaner sprechen in Cabo Blanco vor allem über Antonio Ordóñez Araujo, den legendären spanischen Stierkämpfer, der ein guter Freund des Amerikaners ist. Ernest kennt noch dessen Vater, Cayetano Ordóñez, über den er schon geschrieben hat und den man in Spanien El Niño de la Palma nennt.

Mario Saavedra ist ebenfalls vom Fach, er zeichnet als cronista taurino des El Comercio. Im Wechsel mit anderen schreibt er regelmäßig in seiner Zeitung über den Stierkampf in Peru, es ist eine heiß begehrte Position für einen jungen Redakteur. In jenen Jahren finden viele berühmte toreros den Weg zur Plaza de Acho in Lima, wo Amerikas älteste Stierkampf-Arena steht, nach der Plaza de Toros de la Maestranza in Sevilla die zweitälteste der Welt überhaupt.

Auf einer vollen großformatigen Seite veröffentlicht Mario Saavedra-Pinón in El Comercio vom 23. April 1956 sein ausführliches Interview Charlando de Toros con Hemingway. Mit Hemingway über Stiere plaudern. In Cabo Blanco treffen sich zwei Liebhaber, deren Passion der Stierkampf ist. „Mit einem Kopf, rot wie eine Tomate, wegen der Sonne“, so beginnt der Peruaner nassforsch seinen Artikel, doch dann merkt man schnell, hier haben sich zwei Brüder im Geiste zur Fachsimpelei getroffen.

Ich mag den Stierkampf, sagt Ernest Hemingway zu Mario Saavedra, soy aficionado. Schon bei seinem ersten Besuch in Spanien, da ist er 23 Jahre alt und kommt mit Freunden aus Paris, erliegt der Mann aus Chicago der Faszination des Stierkampfes. Den ersten Stierkampf, a good corrida, sieht er Ende Mai 1923 in Aranjuez, das eine knappe Stunde südlich von Madrid liegt.

Ernest, ein junger Kerl aus dem Mittleren Westen der USA, erkundet diese vollkommen fremde Welt und reist zwei Wochen staunend durch das Land. Es dauert nicht lange, da verliebt er sich in Spanien, in seine Landschaft, in die Gastfreundschaft der Menschen und in die Kultur. In Ronda, in Sevilla, in Granada und in Madrid wohnt er dem blutigen Spektakel mit den Stieren bei.

Das war eine goldene Epoche des Stierkampfes mit toreros wie Joselito, El Gallo, Juan Belmonte und Granero. Bis der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, habe ich über 1.600 Corridas besucht. Durch den Krieg ist das abgebrochen. Nach Spanien bin ich dann nicht mehr gekommen, bis vor drei Jahren, im Jahr 1953, und da bin ich direkt wieder zum Stierkampf.

Über 1.600 Corridas besucht? Na, wenn das nicht ein wenig geflunkert ist. All die Aufschneiderei beiseite, ein aficionado ist der US-Amerikaner in der Tat, daran bestehen keine Zweifel. Einmal, so wird berichtet, habe er sich sogar selbst als torero versucht, denn es gefällt ihm, den matador zu spielen. Sein torero-Versuch jedenfalls soll sehr zur Belustigung seiner Umgebung beigetragen haben.

Am liebsten mag Ernest Hemingway den Stierkampf, wenn sich eine schöne Frau in seiner Begleitung befindet. Schönheit und Tod, beides fasziniert ihn.(Anfang von Kapitel 14 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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