Mit diesem Schnappschuss macht ‚El Comercio‘ das Interview mit Ernest Hemingway über drei Seiten auf: der Nobelpreisträger mit Mario Saavedra im ‚Fishing Club‘. Cabo Blanco, am 16. April 1956.

Besonders pfiffig hat sich Mario Saavedra-Pinón angestellt. Der ehrgeizige Redakteur aus Lima hat die Berichterstattung über den Besuch von Ernest Hemingway in Peru akribisch und wohl auch mit einer guten Portion Reporterlist vorbereitet. Von seinem Chef Luis Miró Quesada, dem Direktor des El Comercio, hat er zunächst lediglich den Auftrag erhalten, über die Ankunft des Nobelpreisträgers in Talara zu berichten. Doch der schlaue Mario wittert einen Coup.

Bereits drei Tage vor Hemingways Eintreffen ist der Journalist nach Talara geflogen. Vorab hat er den Cabo Blanco Fishing Club aufgesucht und sich ein wenig bei Verwalter Zygmunt Plater eingeschmeichelt. Einen Tag vor der Ankunft des Schriftstellers hat der Reporter in seiner renommierten Zeitung dann einen Vorbericht über den Fishing Club veröffentlicht mit einer leicht wahrnehmbaren Schleimspur. Inklusive eines großformatigen Fotos, auf dem der Klubverwalter Plater in seiner ganzen Wichtigkeit zur Geltung kommt.

Mario Saavedra gelingt es, für einige Tage im Fishing Club unterzukommen. Der rührige Redakteur kann ob seiner Bauchpinselei vom Verwalter ein Zimmer auf der unteren Etage des Klubhauses ergattern, ein paar Türen von den Hemingways entfernt. Jorge Donayre und Manuel Jesús Orbegozo, die beide eh einem tiefenentspannten Lebensbild zuneigen, müssen hingegen mit einem Hotel im abgelegenen Talara vorliebnehmen und gehen dort zum Ausgleich erst einmal in den Puff.

Trotz seiner jungen Jahre hat es Mario Saavedra weit gebracht als Journalist in seinem Heimatland. Angefangen hat er in Ecuador bei El Telégrafo de Guayaquil, einer Tageszeitung, die sein Großvater mütterlicherseits, José Abel Castillo, begründet hat. Dort steigt der Enkel rasch zum Director del suplemento semanal auf, er ist damit für die wöchentliche Beilage verantwortlich. Später schreibt Saavedra für die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press. Und nun El Comercio, das Blatt aus Lima gilt als eine der bedeutenden Zeitungen des Kontinents. Independencia y veracidad steht in ihrer Kopfzeile, Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit, seit dem Jahr 1839 erscheint das feine Blatt in der peruanischen Hauptstadt.

Als das Ehepaar Hemingway vom Flughafen in Talara nach Cabo Blanco fährt, ist Mario flugs in eines der Begleitfahrzeuge des Fishing Clubs gesprungen. Der eifrige Reporter des El Comercio wird in den nächsten Tagen an Ernest Hemingways Schuhsohle kleben, er kommt dem Nobelpreisträger so nahe wie kaum ein anderer Journalist. Nur der letzte Ritterschlag, mit hinausfahren zu dürfen auf der Miss Texas, zur Jagd auf den schwarzen Marlin, dies wird dem Redakteur nicht vergönnt sein. Doch auch so lässt es sich nicht vermeiden, dass Ernest Hemingway und Mario Saavedra sich im Klubhaus des Öfteren über den Weg laufen. Von dem berühmten Schriftsteller kommt dann ein freundliches Hola Mario, meist verbunden mit der Einladung auf einen Whiskey.

Eigentlich mag Klubmanager Zygmunt Plater keine Journalisten im Haus, weil Diskretion zur Gepflogenheit des Klubs gehört und der Verwalter zudem stets um Muße für die illustren Gäste bemüht bleibt. Deshalb hat er zunächst angeordnet, dass keine weiteren Reporter in den Cabo Blanco Fishing Club hinein gelassen werden. Diese Kerle müssen draußen bleiben, hat Plater als Anweisung allen Angestellten eingetrichtert, wir brauchen hier kein Theater.

Als Ernest Hemingway von der Aussperrung der Journalisten erfährt, setzt er sich für die Kollegen ein. So werden schließlich auch Jorge Donayre und Manuel Jesús Orbegozo eingelassen und dürfen sich auf dem exklusiven Gelände frei bewegen. Während Donayre und Orbegozo nach zwei, drei Tagen dann wieder nach Lima zurückkehren, bleibt Mario Saavedra acht Tage im Fishing Club, rechnet man sein frühes Eintreffen am 13. April mit ein, dann werden es elf Tage.

In El Comercio erscheinen in jenen fünf Wochen insgesamt knapp 30 Berichte über Ernest Hemingway in Cabo Blanco. Interviews, Reportagen, längere und kürzere Meldungen, allesamt aus der Feder von Mario Saavedra. Die letzten Rapporte über den bärtigen Nobelpreisträger in Nordperu schreibt er, zurück in der Redaktionszentrale, von seinem Schreibtisch in Lima aus. (Anfang von Kapitel 6 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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