Ernest Hemingway an Bord der Pilar, auf dem Meer vor Kuba.
Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Was beeindruckt mehr: Seine Bücher oder seine Biografie? Ab und an bekomme ich diese Frage zu hören. Welch eine merkwürdige Frage! Wie kann man beides voneinander trennen?

Kein leichter Fall, dieser Ernest Hemingway: Auf der Soll-Seite seiner Werte trieft es dunkelrot. Tierquäler, Alkoholiker, Angeber, Frauenheld, Choleriker. Eine völlig zerrissene Persönlichkeit. Zumal auf der Haben-Seite auch einiges steht. Ein sanfter Tierliebhaber, ein treuer Freund, jemand ohne sozialen Dünkel, ein großzügiger Mensch, ein genauer Beobachter und ein sensibler Schreiber. 

Doch Ernest Hemingway wird von seinem riesigen Ego durchs Leben gehetzt. Er will überall der Erste, der Beste und der Sieger sein. Beim Jagen, beim Fischen, beim Boxen, bei den Frauen und auch beim Schreiben. Wenn er eine kritische Besprechung eines Buches von ihm liest, fällt er sogleich in die Depression. Dieser Mann besitzt nicht die Stärke, auch einmal schwach zu sein. Sich zu irren oder eine Niederlage einzustecken.

Niemand darf über ihm thronen. Dies ist möglicherweise sein allergrößter Fehler. Vielleicht lässt sich dieses Unvermögen zur Schwäche damit erklären, dass er das Absolute, nach dem er sucht, nirgends finden kann. Er findet es nicht in der Liebe, nicht im Seelenheil und nicht im Glauben.

Das Absolute hätte ihn in die Schranken weisen können oder ihn sanfter stimmen können. Ihm ein Stück Demut geschenkt. Doch so bleibt ihm in seinem Seelenschmerz nur, sich über seine Umgebung zu erhöhen. Den letzten Schritt zur Versöhnung mit sich, mit der Welt und mit dem Schicksal kann so keiner schaffen.

Ernest Hemingway hat sein Leben lang diesen dunklen Schatten auf seiner Schulter getragen. Er muss all diese Verletzungen und Verwundungen erleiden, ohne die wohl kein großes Buch auskommen kann. Ohne dieses so verstörte Leben hätte er diese wunderbaren Bücher wahrscheinlich nicht schreiben können.

Aber, wenn wir denn einen Urteilsspruch über diesen Menschen fällen wollen, dann dürfen wir nicht vergessen, dieser Mann, der sich in Ketchum die Kugel gegeben hat, hat für uns gelitten. Er hat für uns geträumt und er hat für uns geschrieben. Seine Alpträume sind auch die Alpträume von uns allen. So wie seine Träume auch unsere Träume sind.

Das größte Glücksgefühl des Menschen, er hat darüber geschrieben, ist, der großen Liebe zu begegnen. Dieser erfolgshungrige Mensch muss am Ende seiner Tage jedoch feststellen, dass er dieses Glück, der wahren und der reinen Liebe zu begegnen, nicht gefunden hat.

Besser gesagt: Er hat dieses Geschenk der Götter mehr als einmal mit eigener Hand mutwillig zerstört. Er kann kein Geschenk annehmen, von einem Gott schon gar nicht. Diese arme Seele hat es vorgezogen, in einer Scheinwelt von Hochgefühl und Überschwang unglücklich zu leben. In der Literatur ein Gigant, im Leben gescheitert. Welch eine Tragik!

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