Martha Gellhorn mit Ernest Hemingway 1937 im Spanischen Bürgerkrieg. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston

Der Schriftsteller lebt von 1931 bis 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer und den beiden gemeinsamen Kindern Patrick und Gregory in dem herrschaftlichen Haus an der Whitehead Street von Key West. Eigentlich könnte Ernest Hemingway sein Leben genießen, er hat beruflich Erfolg, die Familie ist gesund und munter, er selbst befindet sich körperlich in einer guten Verfassung. Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Südflorida.

We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Gleichwohl brodelt es in seinem Innersten: Er verhält sich zunehmend reizbar und wirkt angespannt, denn er fühlt sich nicht am Ziel. Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit und eine emotionale Ruhelosigkeit. Und auch die Ehe mit der bedrückten Pauline köchelt nur lau vor sich hin.

Ernest Hemingway, auf seinem luxuriösen Anwesen in Key West, will zur Jagd nach Wyoming aufbrechen. Doch zwei Begebenheiten werden die tropische Behaglichkeit ins Wanken bringen. Zum einen erreicht ihn die Nachricht, dass in seinem geliebten Spanien mit dem Putsch reaktionärer Offiziere der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Und zum anderen prallt er auf eine neue Frau, ach was, ein blonder Marschflugkörper auf zwei Beinen donnert auf ihn zu.

Eine wunderschöne 28-jährige Amerikanerin aus Missouri tritt zu Weihnachten 1936 in sein Leben. Martha Gellhorn, auf Urlaubsreise mit Mutter und dem Bruder Alfred in Miami, macht einen Abstecher mit dem Bus nach Key West. Am späten Nachmittag betritt die junge Frau das Sloppy Joe’s in einem schwarzen Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch mehr strahlen lässt. Martha, schlank, mit einem ebenmäßigen jugendlichen Gesicht, zieht sogleich die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

Der Schriftsteller springt aus seinem Hocker an der Theke, nähert sich dem Tisch der Gellhorns, schnappt sich ungefragt einen Stuhl und setzt sich zu der Familie. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt kurz. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. Zwischen Martha und Ernest knistert es, von der ersten Sekunde an.

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem einfachen Hanfstrick gebunden hat. Auf den ersten Blick sieht der wohlhabende Schriftsteller in seiner Kluft aus wie einer dieser abgebrannten Fischer aus dem Hafenviertel.

Die junge Frau ist das, was man in den Vereinigten Staaten eine liberale Journalistin nennt, ein politischer Standpunkt, der nach europäischem Maßstab wohl als links zu bezeichnen ist. Martha Gellhorn arbeitet für die Federal Emergency Relief Administration. Im Zuge des New Deals unter Präsident Franklin D. Roosevelt kümmert sich diese Institution um die Arbeitsplatzbeschaffung für durch die Great Depression verarmter Amerikaner. Martha ist eine selbstbewusste kluge Frau, die zudem wunderbar schreiben kann.

Nach ein paar gemeinsamen Papa Dobles bietet Hemingway den Gellhorns an, ihnen die Schönheiten Key Wests zu zeigen. Ernest ist ganz verrückt nach der blonden Frau, die in so vielem ist wie er. Die junge Reporterin genießt die gemeinsame Zeit mit dem berühmten Autor, auch sie ist hingerissen von dem neun Jahre älteren Mann. „Bitte verschwinde nicht. Sind wir nicht Mitglieder der gleichen Gewerkschaft? Hemingstein, ich mag Dich sehr. Marty.“

Doch noch scheuen die beiden den nächsten Schritt. Ernest Hemingway, der Schreiber-Champ mit dem lakonischen Stil, hat über die Jahre in Südflorida die tropische Behaglichkeit lieb gewonnen. Doch er will raus aus seiner Komfortzone, er muss wieder den Pulverdampf riechen und die Geschosse explodieren hören. Er nimmt das Angebot einer Nachrichtenagentur an und geht nach Spanien, um über den Bürgerkrieg zu berichten.

Im Februar 1937 bringt ihn der Ozeandampfer Paris, in der ersten Klasse, von New York nach Le Havre. In der französischen Hauptstadt lässt er sich bei der spanischen Botschaft akkreditieren und erhält die offizielle Zulassung als Kriegskorrespondent. Auch Martha Gellhorn hat sich nach Europa aufgemacht, auf eigene Rechnung als freie Mitarbeiterin des Wochenmagazins Collier’s. In Spanien lassen Martha und Ernest ihrer Affäre freien Lauf.

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