Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Havanna

Um Gottes willen, Hemingway!

Der Aufschlag lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wolf-Ulrich Cropp wirft auf den ersten Seiten die Hände in die Luft. “Um Gottes willen, Hemingway. Der Langweiler mit seinen primitiven Sätzen und den nichtssagenden Dialogen.” Die Abneigung scheint tief zu sitzen, Hemingways Figuren seien farblos, seine Plots flach und zäh, und überhaupt. Der Lebenswandel. Cropp mag den bärtigen Nobelmann aus Oak Park ganz und gar nicht. Wirklich?

Doch dann – mir nichts, dir nichts – wird der literarische Weltreisende Cropp hineingeworfen in die Welt des Ernest Hemingway. Er findet sich in Key West wieder, schleicht um das koloniale Hemingway Haus in der Whitehead Street, dann Sloppy Joe’s. Anschließend geht es rüber nach Kuba. Ins Ambos Mundos von Havanna, ins El Floridita, wo das Coverbild aufgenommen und Papa Doble getrunken werden, es verschlägt ihn nach Cojímar, auf die Finca Vigía

An allen Plätzen und Orten trifft Wolf-Ulrich Cropp nach so vielen Jahrzehnten Frauen und Männer, die ihm – vom Hörensagen – begeistert von Ernest Hemingway berichten. Und in dem Hamburger, er hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht, vollzieht sich eine merkwürdige Wandlung. Es nagen die Zweifel, die Apathie verflüchtigt sich nach und nach in der Tropenhitze. Irgendwie färbt die Faszination ein wenig ab – von einem Bärtigen zum anderen. 

Der Norddeutsche, Jahrgang 1941, scheint hinter einem Bruder im Geiste her zu sein. Hinter einem Abenteurer, der die Exotik nicht als Selbstzweck oder Kulisse nutzt, sondern der mit allen Sinnen hineinspringt in die fremde Welt. Als literarischer Entdecker und  Forschungsreisender findet Papa Hemingway Freunde, Stories, und es erwacht in ihm die Lust am Leben, gerade letzteres fällt dem Mann aus Chicago so schwer.

Und Cropp heftet sich an seine Fersen. “Ich bin gekommen, um Havanna, Kuba und Hemingway für mich zu entdecken”, dämmert es dem Hamburger. Und die Geschichten sprudeln plötzlich nur so auf. Von der Leiche, die Leonardo Padura in Adiós, Hemingway auf Finca Vigía finden lässt, von deutschen U-Booten in karibischen Gewässern während des Zweiten Weltkriegs, vom bösen FBI, von Kampfhähnen, Fidel Castro natürlich, Musik- und Tanz-Impressionen aus dem Tropicana, Daiquirís bis zum Abwinken.

Die Lektüre von Kuba, Hemingway, eine Cohiba + ich erweist sich

Warum Ernest Hemingway auf Kuba heute so lebendig ist

Ein Gringo auf Kuba. Bis heute ist Ernest Hemingway in Havanna allgegenwärtig. Grafik: Filippo Imbrighi, Roma

Von 1939 bis 1960 hat Ernest Hemingway auf Kuba gelebt, auf der Finca Vigía in San Francisco de Paula, seinem privaten Paradies, wie er jedem Besucher zu sagen pflegt. Es ist ein glückliche Zeit gewesen, nach Paris wahrscheinlich die glücklichste in seinem Leben. Für seine letzten beiden Jahre ist der Nobelpreisträger dann in die USA zurückgekehrt, nach Ketchum, in die Berge Idahos, es hat vornehmlich medizinische Gründe. Ernest hat körperlich und mental abgebaut, das Ende naht, und Ehefrau Miss Mary will, dass er in den USA behandelt wird.

Nach seiner Selbsttötung im Juli 1961 gerät Ernest Hemingway auf Kuba mehr oder weniger in Vergessenheit. Die Insulaner kämpfen an anderen Fronten, russische Raketen, Söldnerinvasionen, Wirtschaftsembargo und Machtkämpfe innerhalb des Regimes. Das tagtägliche Ringen ums Überleben ist für die Kubaner eh beschwerlich genug. So verfällt über die Jahre die Finca Vigía, die Erinnerung an Don Ernesto verblasst.

Erst Mitte der 1980er Jahre rückt Ernest Hemingway auf Kuba wieder ins öffentliche Bewusstsein. Norberto Fuentes, zu diesem Zeitpunkt ein junger Schriftsteller mit Nähe zu den Castristen, publiziert eine detailgenau recherchierte Chronik der kubanische Jahre des US-amerikanischen Nobelpreisträgers. Sein Buch Hemingway en Cuba wird zum internationalen Bestseller.

Norberto Fuentes Fleißarbeit von über 700 Seiten markiert den Beginn einer Renaissance des Ernest Hemingways auf Kuba. Die Finca Vigía wird jahrelang renoviert und zum Museum ausgebaut. Ihr Inventar – Hunderte Manuskriptseiten, 9.000 Bücher, unzählige Fotos und Dokumente – wird mit Hilfe von US-Universitäten gründlich katalogisiert und digitalisiert. Wissenschaftliche Symposien werden regelmäßig in Havanna abgehalten. Zart werden Verbindungen zwischen kubanischen und US-amerikanischen Institutionen geknüpft.

Die Kultur – neben Ernest Hemingway übrigens auch die Musik, in Gestalt von Dizzy Gillespie über Chucho Valdés bis zu den alten Knaben des Buena Vista Social Clubs – sorgt dafür, was die Politik nicht hinbekommt. Eine neue Milde zieht auf im kalten Krieg zwischen den verfeindeten Nachbarn. Trotz Wirtschaftsboykott und Sanktionen lässt die Kultur in jenen Jahren des Ronald Reagan das Einfallstor für Verständigung und Zusammenarbeit nun einen Spalt weit offen.

Die kubanische Tourismusagentur spielt den Joker Hemingway. Ab jenen Jahren begegnet man dem US-Amerikaner an jeder Ecke in Havanna. Im El Floridita, im Ambos Mundos, in der Bodeguita del Medio, in San Francisco de Paula oder in Cojímar. Ein Hafen wird auf Kuba nach Ernest Hemingway benannt, auch ein Angelwettbewerb, Daiquirí-Drinks ohnehin. So putzmunter wie ab den 1990er Jahren ist Ernest Hemingway auf Kuba zu Lebzeiten nie gewesen.

Während der Nobelpreisträger friedlich auf dem Friedhof von Ketchum in den Rocky Mountains ruht, erkennt der schlaue Fidel Castro in Havanna, wie nützlich El Americano dem revolutionären Regime sein kann. Ab Mitte der 1980er Jahre hat Castro sein klammes Land behutsam dem devisenstarken Tourismus geöffnet. Ernest Hemingway dient dabei als Zugpferd, Spanien und Kanada investieren massiv in die touristische Infrastruktur der Insel. Der US-Nobelpreisträger wird sozusagen als eine vertrauensbildende Klammer benutzt bei dieser Öffnung gen Kapitalismus.

Zugleich will Fidel Castro mit der Verehrung Hemingways eine versteckte Botschaft an die USA und ihre verschreckten Bürger schicken. So schlimm, so die Intention des bärtigen Máximo Líder, kann unser Sozialismus doch nicht sein, wenn wir euren größten Schriftsteller so verehren. Und er – der große Hemingway – hat ja uns Kubaner ebenfalls gemocht.

Fidel Castros Kalkül geht voll auf: Nordamerikanische und europäische Touristen reisen in Scharen an und werden verzückt von dem Kommunismus unter tropischen Palmen, ein paar doppelte Daiquirís im El Floridita erledigen den Rest. Und flugs ist der große Ernest Hemingway auf Kuba mehr als ein Schriftsteller, der Gringo aus Chicago avanciert zur Person der Zeitgeschichte.

In den neoliberalen 1980er Jahren lässt sich historisch eine Zeitspanne ausmachen, in der Ernest Hemingway die vielleicht letzte sichtbare Brücke zwischen beiden ideologisch so verfeindeten Staaten gebildet hat. Der tote Nobelpreisträger ist aus diesem Grunde noch heute in Havanna überpräsent, diese Aufmerksamkeit ist politisch gewollt.

Es gibt allerdings noch einen anderen Grund, weshalb der bärtige US-Amerikaner auf der Insel so bewundert wird. Die Kubaner, insbesondere die normalen Menschen, sie mögen ihn einfach, ihren Don Ernesto. Die Fischer aus Cojímar, die kleinen Händler in der Altstadt, die Taxifahrer in Havanna, die Privatvermieter der Casas Particulares, sie alle verehren ihn wirklich, von Herzen, als einer der ihren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ernest Hemingway im Focus

Erstaunliches gilt es zu vermelden. Das auflagenstarke Nachrichtenmagazin Focus hebt Ernest Hemingway in dieser Woche auf sein Cover, fast 59 Jahre nach dem Tod des amerikanischen Schriftstellers. Das Hemingway-Wunder überschreibt Chefredakteur Robert Schneider sein Editorial auf Seite 5 über den Nobelpreisträger von 1954. Ernest Hemingway war ein Abenteurer und Aufschneider, ein Geschichtenerzähler und Maulheld – und er war einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Ein Autor, so groß jedenfalls, dass man den Fund einer bislang unbekannten Short Story auf dem Titel eines bekannten Wochenmagazins feiern muss. Anlass ist die Entdeckung einer Kurzgeschichte, die im Nachlass in der Ernest Hemingway Collection der John F. Kennedy Presidential Library and Museum in Boston gefunden worden ist. Ausgegraben hat die Geschichte Seán Hemingway, der Enkel des Schriftstellers, Sohn des jüngsten Sohnes Gregory.

Bei der Recherche für eine Neuauflage von Der alte Mann und das Meer entdeckt der Journalist, Jahrgang 1967, das Typoskript ohne Überschrift, aber mit handschriftlichen Anmerkungen. Ernest Hemingway, trotz seines Images als Trunkenbold und Weiberheld, war ein ungeheuer produktiver Autor, mehr als 3.000 unveröffentlichte Manuskriptseiten hat er bei seinem Tod 1961 hinterlassen. Es verwundert nicht groß, wenn man ab und an Veröffentlichungswürdiges entdeckt. 

Die Geschichte Pursuit As Happiness, die zuerst im US-Magazin New Yorker im Juni 2020 abgedruckt wurde, spielt auf Kuba. Der Titel wird nachträglich von Hemingways zweitjüngstem Sohn Patrick, dem letzten Überlebenden der drei Söhne, vergeben. In der Erzählung schreibt Ernest über seine Angeltouren mit dem Freund Joe Russell, dem Besitzer von Sloppy Joe’s in Key West. Auf der Anita fahren sie von Havanna heraus in den Golf von Mexiko auf der Jagd nach dem stolzen Marlin.

Die Erzählung spielt in den letzten Tagen des Machado-Regime auf Kuba, also um 1933 herum. Dieser Gerardo Machado y Morales, 1925 zum Präsidenten gewählt, entpuppt sich als tyrannischer Politiker, der die Interessen der latifundistischen Oberschicht im Auge hat und unter dessen Ägide Havanna zum Sündenpfuhl der USA absteigt. An dem Tag, an dem wir mit fünf Flaggen reinkamen, musste die Polizei die Menge auseinander knüppeln. Es war hässlich und brutal. Aber es war ohnehin ein hässliches und brutales Jahr an Land.

Ernest hat in dieser Erzählung einen klaren Blick für die sozialen Konflikte auf Kuba, das war nicht immer so. Die Bevölkerung darbt – trotz aller Sonne und Folklore, das Leben auf der Tropeninsel ist beschwerlich. Doch auf dem Meer, seinem The Great Blue River, findet Ernest eine andere Welt vor, hier herrschen Harmonie und Frieden, der Einklang mit der Natur sorgt für die Ruhe seiner verletzten Seele.

Ernest Hemingway lebte in den frühen 1930er Jahren in

Señor Hemingüey im Paradies

Der Gringo Ernest Hemingway auf Kuba. Es werden zwanzig glückliche Jahre.
Grafik: Filippo Imbrighi, Roma

Der bärtige Amerikaner liebt Kuba über alles und die Lebensart der Kubaner nicht minder. Von 1939 bis 1959 wird er auf der tropischen Insel seinen Wohnsitz nehmen, am Rande des Dorfes San Francisco de Paula, es werden zwanzig Jahre voller Glück und Erfüllung. Finca Vigía, für ihn das Paradies auf Erden, dient als Idyll des Rückzugs und der Tollheit zugleich, ein tropischer Palmengarten, der alles bietet, was ein Mann zum Glücklichsein so braucht.

Sein ländliches Anwesen im Süden von Havanna ist wohl Luxus, allerdings kein Protz, eher gediegener tropischer Komfort, der den Alltag angenehm und leicht fließen lässt. Auf Kuba baut sich Ernest Hemingway schnell einen ansehnlichen Freundeskreis auf. Ernest Hemingway pflegt seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält er eher Abstand.

Der Tag des Schriftstellers folgt einem festen Rhythmus: Den ganzen Vormittag schreibt er eifrig an seinem Manuskript, einerlei wie lang und feucht die Nacht zuvor ausgefallen ist. Dann ein leichtes Mittagessen, gefolgt von einer ausgiebigen Siesta, oft über zwei Stunden, den Nachmittag hält er sich frei. Für Cojímar, den Golfstrom, für einen Abstecher in die Hauptstadt. Zweimal in der Woche fährt er mit dem Lincoln Continental ins El Floridita. Der Tag klingt abends mit dem geselligen Teil aus, in Havanna oder auf Finca Vigía.

Der weltbekannte Schriftsteller kann wunderbar mit den einfachen Menschen, mit jenem Menschenschlag, der ohne groß nachzudenken in den Tag lebt. Gerade die Einfachheit des Lebens zieht ihn auf Kuba an, denn eigentlich ist Ernest Hemingway ein unkomplizierter Mensch, einer jedenfalls, der nicht so viel nachdenken möchte. Auf Kuba ist er der Mensch, der er immer sein wollte. Vor allem ist er ein Mensch, der mit jeder Pore merkt und spürt, dass er lebt, richtig lebt.

Es fühlt sich wunderbar an, dieses unbekümmerte Leben auf seiner sonnigen Insel, die er so sehr braucht, um den Akku für die kühle Welt aufzuladen. Für seine Reportage-Reisen in den Zweiten Weltkrieg, für die Schlacht im Hürtgenwald der Schneeeifel, für die Trips nach New York oder ins kalte London. Auf seiner Finca Vigía hingegen herrscht unentwegt Hochsommer, der Frühling findet an einem Dienstagnachmittag statt, Winter bleibt ein gänzlich unbekanntes Phänomen. 

Der Schriftsteller braucht diese sommerliche, wolkenlose Natur, die ihn erwärmt. Der eisige Winter fühlt sich für ihn an wie ein kleiner Tod. Einzig in der Natur folgen dem kalten Winter stets die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings. Im richtigen Leben geht das nicht. Der bärtige Schriftsteller ist kein großer Freund der Kälte und des Winters. Er weiß, am Ende all der Abenteuer da draußen, nach all den Eskapaden und Grausamkeiten wartet sein tropischer Garten Eden auf ihn. 

Und so trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, der barfuß oder in einfachen Schlappen herum läuft und am liebsten

La Bodeguita schwindelt ein wenig mit Ernest Hemingway

La Bodeguita de Medio, eine Oase der Lebensfreude. Havanna, im April 1983. Foto: W. Stock

In der Nähe von Havannas barocker Kathedrale entdecken wir in der engen Gasse Calle Empedrado – Hausnummer 207 – die äußerlich unscheinbare Bodeguita del Medio. Hinter dem Eingang tritt der Gast in den Vorraum einer kleinen Bar, zur Linken befindet sich die dunkle Theke. Den Barraum hindurch  erreicht man das Speisegewölbe, wo an überfüllten Tischen das Beste einer einfachen kubanischen Küche geboten wird.

Wir gehen zunächst zur Bar und bestellen den ersten Mojito. Mojito. Weißer Rum mit Limonensaft und einem frischen Pfefferminzstängel. La Bodeguita del Medio. Die unsterbliche La B del M. Wer in der Bodeguita seinen Mojito trinkt, der spürt den Hauch des Ewigen. Bodeguita, du bleibst, ich gehe!, hat der kubanische Autor Leandro García an die weiße Wand gekritzelt.

Du bleibst, ich gehe. Die Bodeguita del Medio dient auf Kuba als heilige Basilika für den Rum. Ernest Hemingway, der eine halbe Stunde entfernt auf Finca Vigía im Vorort San Francisco de Paula wohnt, ist nicht gläubig im strengen Sinne, allzu oft macht er sich lustig über die Religion. Eher ist er ein Zweifler, der nach einer höheren Kraft sucht. Seine Kirchen sind die Kneipen. Und die schönsten Sätze von ihm sind seine Gebete an Gott.

Wer von der Revolution träumen will, für den ist Havanna wie gemacht. In dieser Kapitale der Träumer und Traumtänzer ist die Bodeguita ein feiner Ort. Für alle findet sich hier ein Plätzchen. Es treffen sich Künstler und Malocher, Feingeist und Stoffel, Eierkopf und Saufbruder. So unterschiedlich ihre Biografien auch ausfallen, vor dem Rumglas sind sie alle gleich. 

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My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Ernest Hemingway. Foto: W. Stock, 1983

Unter dünnem braunen Glasrahmen, direkt über dem Schanktisch, umgeben von Dutzenden Martini– und Cinzano-Flaschen, hängt ein Spruch, den man andächtig rezitieren muss, weil er so brillant formuliert ist. My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Darunter dann, schwungvoll die Unterschrift: Ernest Hemingway. Mehr Ideologie braucht es auf Kuba eigentlich nicht.

My mojito in La Bodeguita, My daiquirí in El Floridita. Aber, so ist der Fachmann geneigt zu fragen, hätte der von hohen Prozenten angetriebene Autor auf Kuba nicht wie sonst üblich mit

Elicio Argüelles – der gute Freund aus Havanna

Elicio Argüelles, ein Freund Ernest Hemingways über Jahrzehnte, im peruanischen Cabo Blanco, im Mai 1956.

In den zwei Jahrzehnten auf Kuba hat sich Ernest Hemingway einen ansehnlichen Freundeskreis aufgebaut. Mario Menocal, genannt Mayito, gehört dazu, auch dessen Vetter Elicio Argüelles, Thorwald Sánchez und Pichón Aguilera, beide Kumpel beim Tontaubenschießen, dann der baskische Kleriker Andrés Untzaín, Doctor Carlos Kohly, sein Hautarzt, Jaime Bofill, ein Rechtsanwalt und Aktienhändler oder Manuel Asper, der Besitzer des Hotels Ambos Mundos.

Auch zu Schriftstellern wie Enrique Serpa, Fernando Campoamor und Nicolás Guillén hält er Kontakt. Der kubanische Boxer Kid Tunero ist ein guter Freund, ebenso wie der schwarze Musiker Bola de Nieve. Ernest Hemingway pflegt seine Freundschaften, sie sind ihm wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis gehören, zu den eigenen Landsleuten hält der Amerikaner eher Abstand.

Zu Elicio Argüelles II, einem kubanischen Rechtsanwalt und bekannten Sportangler, hegt Ernest Hemingway eine besondere Freundschaft. Schon dessen Vater ist in Havanna ein enger Freund des Schriftstellers gewesen, mit dem durchtrainierten Elicio trifft sich Ernest Hemingway des Öfteren zum Tontaubenschießen. Den schlanken Kubaner nimmt der Nobelpreisträger im Jahr 1956 dann sogar mit nach Cabo Blanco, wo in Peru die Außenaufnahmen für den Hollywood-Film Der alte Mann und das Meer stattfinden.

Elicio Argüelles mag oberflächlich betrachtet manchen vielleicht als Lebemann durchgehen, er ist jedoch eine Person von bürgerlicher Ernsthaftigkeit. Ein Rechtsanwalt, jemand mit Hang zur Politik, er wird irgendwann einmal Senator werden in seiner Heimatstadt Havanna. Auch sein Vater ist Senator gewesen, sogar einen Staatspräsidenten kann die Familie vorweisen, seinen Onkel Mario García Menocal.

Elicio Argüelles Familie gehört zur upper class auf Kuba. Der Vater ist Besitzer des Frontón Jai Alai an der Kreuzung der Calle Concordia mit der Lucena, einer populären Wettkampfhalle in Havanna, die der Volksmund auch als Palacio de los Gritos, als Palast der Jubelschreie, kennt. In dieser langgezogenen Sporthalle geht es in der Tat lauthals her, denn dort wird dem auf Kuba populären Pelota-Spiel nachgegangen.

Ernest Hemingway ist ein begeisterter Anhänger dieses baskischen Ballspiels und hat dort

Ernest y Fidel

Als Fidel Castro und seine bärtigen Revolutionäre in Havanna siegreich einziehen, am 2. Januar 1959, da weilt Ernest Hemingway bereits in Ketchum, im gebirgigen Norden der USA, das sein letzter Wohnsitz werden sollte. In jenen Tagen ruft die New York Times den Autor in Ketchum an und will wissen, was er denn von den Vorgängen auf Kuba halte. Doch der Autor erwähnt weder Batista noch Castro. Er sagt bloß: Dem kubanischen Volk wünsche ich das beste.

Während seines Geburtstagsfestes im Juli 1959, Ernest Hemingway weilt in Spanien, auf La Cónsula bei Málaga, da spricht ihn ein Gast auf Kuba an und will wissen, was der Nobelpreisträger von Fidel Castro hält, der da seit über einem halben Jahr auf der Tropeninsel die Fäden zieht. Der Schriftsteller antwortet ziemlich rätselhaft auf Spanisch, Ya perdí el corazón, bemerkt Ernest Hemingway leise. Mein Herz ist verloren gegangen.

Das Herz verloren. Auf Kuba, das er Anfang des Jahres verlassen hat, das meint er wohl. Aber möglicherweise ist damit sein Herz auch von dieser Welt entschwunden, weil er nach dem Auszug aus dem Paradies wie eine verlorene Seele umherirrt.

Mitte Januar 1960, die Revolutionäre um Fidel Castro und Che Guevara sind bereits ein Jahr an der Macht, besuchen die Hemingways noch einmal die Finca Vigía. Ernest Hemingway und seine Frau Mary sind stets Gegner des Batista-Regimes gewesen, doch auch den neuen Machthabern mögen sie nicht so recht über den Weg trauen. Sie fürchten, dass man ihnen die Finca Vigía fortnimmt und die Schätze ihres Lebens – wertvolle Gemälde, Manuskripte, Briefe – für immer verloren gehen.

Wenn Ernest Hemingway gefragt wird, dann

La Bodeguita del Medio

BodeguitaBlog

Havanna, im April 1983
Photo by W. Stock

Auch in diesem Jahr liegt auf Havanna jene seltsame Jahreszeit, die für die Karibik so typisch ist. Laue Luft, dünne Wolkenstreifen am blauen Himmel, ein warmer Wind aus Südwest, aus Richtung Yucatán. Brecher fegen über den Malecón hinweg und benässen übermütige Jugendliche. Wenn man Glück hat, zieht am Abend eine kühlende Brise über die Insel. Der  Wind hat sich gedreht und weht nun frisch von Florida.

Dämmerung. La Habana, das Herz der Revolution. Ein Herz, das stottert, das stolpert und nicht so recht in voller Taktung schlagen will. Wenn man durch die Strassen und über die Plätze dieser Stadt geht, dann scheint dieses Havanna wie ein Amphitheater aus verfallenen Prunkvillen und kargen Wohnsilos, alles zusammengehalten von Wäscheleinen mit abgetragenen Kleidungsstücken.

Links hinter der Kathedrale in der schmalen Seitengasse Calle Empedrado hinter der Nummer 207 liegt ganz

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