Der junge Ernest Hemingway in Paris, im März 1928. Portrait von Helen Pierce Breaker. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Alles geschieht in Paris und ohne Paris bleibt diese Umwälzung nicht vorstellbar. Die Stadt an der Seine ist wie eine Insel des Glücks, alles um sie herum muss sich im Unrat der Zeitläufte suhlen. Nach dem Ersten Weltkrieg liegen die Länder am Boden, Gewinner wie Verlierer. Männer sind in einem sinnlosen Krieg verheizt worden, Werte haben sich als hohl erwiesen, ihr Vermögen haben die Deutschen in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, selbst Amerika wird erschüttert von sozialen Konflikten.

Und die Literatur? Wie ein alter Dieselmotor knattert die viktorianische Literaturtradition eines Charles Dickens mit ihren Adelsthemen und dem Schwurbel-Stil dem Friedhof entgegen. Die englische Literatur beharrt immer noch auf diesem belehrenden Aristokraten-Touch, ihre Themen um Londoner Waisenhäuser und hartherzige Lords ermüden die Leser zunehmend. Es geht dem Ende zu mit dem weitschweifigen Gesäusel, doch das Neue gewinnt erst langsam an Kontur. 

Aus der calvinistischen Ödnis des Mittleren Westens kommt im Dezember 1921 ein lebenshungriger junger Mann aus Chicago in die französische Hauptstadt, als Korrespondent der kanadischen Tageszeitung Toronto Star. Ernest Hemingway hat nicht studiert, ein Umstand, der sich jedoch durchaus als Vorteil herausstellen wird. Neugierig taucht der 22-Jährige ein in die alte Welt, er liest französische Lyrik, deutschen Naturalismus und spanische Novellen. Und er hört aufmerksam den Ratschlagen zu, die Künstler in Paris ihm verraten.

Gertrude Stein lehrt ihm den Rhythmus der Sprache, die französischen Poeten demonstrieren mit ihrem le mot juste wie wichtig es ist, das treffende Wort zu finden. Die Disziplin des genauen Wortes sensibilisiert ihn für den richtigen Ausdruck, er wird die Technik fortan in seiner Prosa anwenden. Von den Musikkomponisten lernt er, wie wichtig eine Satzmelodie ist. Melodie und Kontrapunkt. Hemingway wird ein Schriftsteller werden mit einer ganz eigenen Tonalität, sein Satzbau bekommt Wiedererkennungs-Qualität.

Dann schaut der Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin sich die Farbenpracht der Gemälde eines Henri Matisse oder Paul Cézanne an. Der Amerikaner aus Illinois wird überwältigt, wie es den Künstlern gelingt, die großartige Natur mit nur wenigen Strichen und Farbtupfern froh und leuchtend darzustellen. Er nimmt sich vor, die Landschaft in seiner Prosa so zu schildern, wie die französischen Impressionisten zu malen vermögen. 

Es ist das Handwerk des Schreibens, das Ernest Hemingway sich in Paris aneignet. Einen besseren Ort kann man sich nicht vorstellen. Doch Paris ist mehr. In der Stadt des Lichtes erlebt er, dass trotz Verletzungen und Schicksalsschlägen, die Welt Liebliches zu bieten hat: attraktive Frauen, einen wunderbaren Rotwein, gutes Essen, Boxen und Pferderennen, die Muße im Café, den Trost der Kunst. Paris bewahrt den jungen Mann davor, zum Zyniker zu werden und ermöglicht ihm, sich seiner Zielvorstellung eines guten Lebens klar zu werden.

Eine neue Art zu schreiben ersteht, kurz, lakonisch, auf das Wesentliche reduziert. Hemingways Themen und sein Stil bewegen sich nahe am Menschen. Durch die rasante Industrialisierung und die Verstädterung wächst in den USA und in Europa die Mittelschicht. Die Kreise des Gutbürgerlichen – der Hochschulprofessor und der Ingenieur, die Bankangestellte und die Lehrerin – verlangen nach eigenen Themen und Darstellungsformen. Die wissbegierige Mittelschicht möchte mehr erfahren über fremde Länder, die Männer und Frauen möchten von Liebe und Eifersucht lesen, sie möchten träumen, verstehen, sich ernst genommen fühlen.

Endlich möchten die Menschen sich in den Büchern wiederfinden. Anstatt der abgenudelten Altkultur weiterhin ausgeliefert zu sein, sehnt das Bildungsbürgertum sich nach Emanzipation. Der Weg von Oliver Twist zu Jake Barnes ist weit. Aber es ist ein Weg, der gegangen werden muss, es ist der Klettersteig vom Alten zum Neuen. Von seinem ersten großen Buch an, The Sun Also Rises im Jahr 1926, beginnt eine Zuneigung, die viele Jahrzehnte überdauern wird.

Die Revolution des Ernest Hemingway fällt in den 1920er Jahren mit Fiesta – so heißt sein Roman auf Deutsch – entschlossen, aber unblutig aus. Ein Mittzwanziger ohne Studium, ein Rotzlöffel und Schluckspecht, gibt urplötzlich einer verunsicherten Generation ihre Stimme. Die halbe Welt hängt an seinen Lippen, die Massen liegen dem Revolutionär zu Füssen. Doch die Umwälzung geht diesmal gut aus. Die Revolution endet geradewegs in der modernen Klassik. 

In dieser Akzeleration von der Restauration zur Moderne liegt das eigentliche Verdienst des Ernest Hemingway. Wie auf einen Erlöser hat die Lost Generation auf eine Person des Kalibers Ernest Hemingway gewartet. Der Wandel trägt der historischen Umwälzung zwischen den Jahrhunderten Rechnung. Literarisch besiegelt Ernest Hemingway das Ende der abgedroschenen Themen und der ausgelutschten Stilistik des 19. Jahrhunderts. Die Literatur der Väter sieht fortan verdammt alt aus, alles vor ihm wird zum Schnee von gestern.

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