In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
da taten ihnen die Beine weh,
und da verzichteten sie weise
denn auf den letzten Teil der Reise.

In seiner Erzählung The Green Hills of Africa – zu Deutsch Die grünen Hügel Afrikas – beschreibt Ernest Hemingway im Jahr 1935 eine skurrile Episode. Der Amerikaner, auf Antilopen-Jagd in Afrika, trifft in der einsamen Steppe auf einen Safari-Kameraden aus Tirol. Der Schriftsteller stellt sich dem Österreicher vor.

„Hemingway ist meine Name.“
„Kandisky“, sagte er und verbeugte sich. „Den Namen Hemingway habe ich schon einmal gehört. Wo? Wo habe ich ihn schon gehört? Ach, ja. The Dichter. Kennen Sie Hemingway, den Dichter?“
„Wo haben Sie etwas von ihm gelesen?“
„Im Querschnitt.“
„Das bin ich“, sagte ich, hocherfreut. 

Und in der weiten Steppe Ostafrikas unterhält der schrullige Österreicher sich ausführlich mit dem US-Amerikaner Ernest Hemingway über die moderne Literatur Deutschlands. Der Österreich fragt neugierig nach.

„Sagen Sie, was halten Sie von Ringelnatz?“
„Er ist brillant.“
„So. Sie mögen also Ringelnatz. Gut. Was denken Sie über Heinrich Mann?“
„Der taugt nichts.“
„Glauben Sie wirklich?“
„Ich weiß nur, dass ich ihn nicht lesen kann.“

Ernest Hemingway hält Joachim Ringelnatz für brillant. He is splendid, heißt es im Original. Famos, glanzvoll, großartig. Der US-Autor hält große Stücke auf den Deutschen aus Wurzen. Und der Sachse kommt in The Green Hills of Africa ein weiteres Mal vor. Dass er in der afrikanischen Buschlandschaft auf an admirer of Joachim Ringelnatz trifft, es wundert ihn, so schreibt Hemingway an anderer Stelle.

Der Amerikaner hat in seiner Pariser Zeit einen Zugang zu Deutschland und Einblick in die deutsche Literatur erhalten. Ein wenig ist er der deutschen Sprache mächtig, durch die mehrmonatigen Winterurlaube im Vorarlberg beherrscht er ein paar Brocken. Der Mann aus Chicago befasst sich mit Joachim Ringelnatz, mit Rainer Maria Rilke, mit Erich Maria Remarque und mit Stefan Zweig. Deutsche Autoren lassen ihn nicht kalt, er erkennt ihre Qualität, Hemingway bildet sich sein Urteil. Er teilt ein in jene, die er mag und jene, von denen er nichts hält.

Auch Ringelnatz besitzt einen Bezug zu Paris. Im Jahr 1925 reist er für drei Wochen in die französische Metropole, wo er mit dem bulgarischen Maler Jules Pascin Freundschaft schließt. Der Expressionist, der am liebsten erotische Aktbilder malt, ist auch ein guter Bekannter von Ernest Hemingway. In Paris – Ein Fest fürs Leben widmet der junge Amerikaner dem exzentrischen Künstler ein mehrseitiges Kapitel.

Obwohl der Lebensweg von Joachim Ringelnatz und Ernest Hemingway unterschiedlich erscheint, so fallen doch einige Gemeinsamkeiten auf. Wie Ringelnatz mag Hemingway das Meer, die Berge, den Boxsport. Beide haben über die Liebe geschrieben, den Tod, das Leben, voller Leidenschaft. 

In der deutschen Literatur bleibt Ringelnatz ein Solitär. Mit bürgerlichem Namen heißt er Hans Gustav Bötticher, er wird 1883 in sächsischen Wurzen geboren. Ein Mann mit markanter Nase und skurrilem Auftreten. Seemann, Maler, Dichter, Sänger, ein lebenskluger Philosoph, Vortragsakrobat und Humorist. Das Leben meint es nicht gut mit ihm. Mit 51 Jahre stirbt er 1934 in Berlin an Tuberkulose, verarmt und von der Zuwendung von Freunden abhängig.

Hemingway und Ringelnatz haben noch etwas gemeinsam. Ihre Bücher werden von den Nazis verbrannt und verbannt. Ab 1933 verbieten die Nationalsozialisten auch die Auftritte des Kabarettisten. Das Leben von Ringelnatz wird von zahlreichen Rück- und Tiefschlägen gezeichnet, Hemingway hat wohl mehr Glück. Doch den Humor hat Ringelsatz nie verloren. 

Joachim Ringelnatz bleibt ein ganz famoser Dichter und Satiriker, da hat Ernest Hemingway vollkommen recht.

Wenn wir sterben müssen,
Unsere Seele sich den Behörden entzieht,
Werden sich Liebende küssen;
Weil das Lebende trumpft.

Ringelnatz legt den Finger in die Wunde. Und beide – der Deutsche wie der Amerikaner – finden Trost in der Liebe. 

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