Der Meister in seiner kleinen heilen Welt. Aufregende und anstrengende 36 Tage in Cabo Blanco am peruanischen Pazifik. Vom 16. April bis zum 22. Mai 1956. Foto: Modeste von Unruh.

In aller Frühe am nächsten Morgen, am 22. Mai 1956, werden Ernest Hemingway, Miss Mary und die Freunde die Rückreise in Richtung Miami antreten und von dort wird das Ehepaar nach Havanna weiterreisen. Er freut sich auf sein vertrautes Daheim, es macht ihn aber auch traurig, dass die erlebnisreichen Tage in Peru nun vorbei sind. Doch die Arbeit ist getan, am Film und auf dem Ozean. Cabo Blanco und der Pazifik sind ihm gut bekommen. Er hat in den fünf Wochen seines Aufenthaltes vier Riesenfische gefangen, zwei Schwertfische und zwei Marline, für den Thousand Pound Club reicht es nicht, aber immerhin.

Am besten macht man sich auf und davon, wenn man viel erreicht hat. Ernest Hemingway erinnert sich an die Worte, die er seinem Freund Ellis O. Briggs mit auf den Weg nach Brasilien gegeben hat. Am besten schleicht man sich von Bord, wenn man seine Ziele erreicht hat. Es sagt sich so leicht, aber immerfort grübelt er über die Frage, auf die er keine Antwort erhält: Wohin? Solange sich auf dieses Rätsel keine gescheite Auflösung finden lässt, hat er sich entschlossen, das Meer zu lieben, sich an der Sonne zu erwärmen und sich an der Natur zu erfreuen.

Peru ist eine gute Wahl, sein Herz zu verlieren. Das Land mag zu Anfang karg und strubbelig daherkommen, und es ist vielleicht auch keine Liebe auf den ersten Blick. Aber wenn man ein zweites Mal hinschaut, oder lange genug da gewesen ist, manchmal reichen 36 Tage, dann schüttet dieses Peru sein Füllhorn großherzig aus. Das Land teilt sich in drei Klimazonen und damit in drei Lebensstile. Die chaotische Wuseligkeit an der Küste, die unverkrampfte Sinnlichkeit der Regenwaldregion und die Widrigkeit im kargen Andenhochland.

Die Topografie kontrastiert derart, als habe der liebe Gott sich einen üblen Scherz erlaubt, erklärt der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der brillanteste Intellektuelle des Landes: Auf wenig mehr als eine Million Quadratkilometer habe er drei völlig verschiedene Erdzonen – die Sahara, den Kongo und Tibet – gepresst. Gerade einmal 24 Bewohner leben pro Quadratkilometer, europäische Staaten vermelden den zehnfachen Wert. Die 32 Millionen Peruaner, verstreut auf drei Landschaftszonen, getrennt durch drei Sprachen und erschüttert von tiefgehenden rassischen und sozialen Konflikten, durchleben alle Übel eines unterentwickelten Landes.

Von einer Peruanität, von einer nationalen Identität aller Peruaner, kann da keine Rede sein, meint Vargas Llosa, ebenfalls ein Nobelpreisträger für Literatur. Bei einer Völkergemeinschaft aus Indios, Chinesen, Schwarzen und Weißen scheint Peru eher ein Konglomerat aus einer Vielzahl von Ländern. Wenn man von der Küste in die Hochebene reist, so wechselt man nicht nur die Klimazone, sondern zudem die Sprache und, so will es scheinen, das Jahrhundert.

Diese Mannigfaltigkeit des Andenstaates, eigentlich das Erbe reicher Kulturen, stellt für den Zusammenhalt der Bevölkerung eine riesige Herausforderung dar. Alleine drei Sprachen, die Indiosprachen Quechua und Aymara sowie das Spanische, trennen die Menschen in Peru, nicht nur kulturell, sondern vor allem auch sozial. Eine Harmonie sei schwierig zu erreichen, weil hinter den kulturellen Unterschieden teilweise tiefe wirtschaftliche Klassengegensätze stehen.

Die bäuerliche Lebenswelt der Andenbewohner, der Quechua und Aymara, ist eine durch das hispanisierte Peru ausgebeutete Welt, erläutert der wackere Liberale Mario Vargas Llosa im Gespräch. Auf der anderen Seite existieren Kulturen, wie die der Chinesen und der Schwarzen, die im Laufe der Jahrhunderte stärker in das peruanische Gemeinwesen integriert worden sind. Der afrikanische Einfluss in der Küstenregion sei in der Musik und der Literatur ausgeprägt.

Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte bilden den Nährboden für mannigfaltige soziale Konflikte. (Anfang von Kapitel 24 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken).

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