Ernest Hemingway im Jahr 1953 auf Finca Vigía, vor einem Portrait, das Waldo Peirce von ihm gemalt hat. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway mag die moderne Malerei. Aus seiner Pariser Zeit kennt er Pablo Picasso und andere Maler der Avantgarde. Wenn er in den jungen Jahren irgendwie Geld erübrigen kann, er steckt es in den Kauf von Bildern. Im Schlafzimmer der Finca Vigía über seinem Bett hängt El guitarrista von Juan Gris, im Wohnzimmer und in Marys Schlafzimmer finden sich ein Paul  Klee, ein Georges Braque und Joan Mirós Der Bauernhof.

Und dann prangt auf der Finca Vigía noch ein Portrait, im Jahr 1929 gemalt von seinem Freund Waldo Peirce, das den dreißigjährigen Ernest darstellt. Kid Balzac hat Peirce das Gemälde genannt, in Anlehnung an den von Hemingway verehrten französischen Autoren Honoré de Balzac. Die Ähnlichkeit mit dem Romantiker aus dem 19. Jahrhundert ist verblüffend, obgleich ein leicht ironischer Seitenhieb dazukommt, denn im Vergleich zum kugelrunden Balzac erscheint Hemingway im Pinselstrich von Peirce als ziemlich abgespeckte Variante. 

Waldo Peirce, ein Falstaff mit Rauschebart, wird schnell ein enger Kumpel des Schriftstellers. Der Mann aus Bangor in Maine, ein kräftiges Mannsbild  vom Jahrgang 1884, besucht Ernest oft in Key West. Dann fahren sie gemeinsam fischen oder hinaus auf die Marquesas Keys, auf eine kleine unbewohnte Inselgruppe, die westlich der Keys liegt, und die beiden Freunde machen all den Blödsinn, den Männer halt machen, wenn sie unter sich sind. 

Viermal heiratet Waldo Peirce und bekommt fünf Kinder. In die Kinder ist er vernarrt, er tollt mit ihnen herum und macht jeden infantilen Klamauk mit. Die Kinder haben auch eine Krankenschwester und eine Haushälterin, beobachtet Ernest Hemingway bei einem Besuch, aber Waldo ist nur wirklich glücklich, wenn er malt und ein Kind versucht, seinen dicken Bart anzuzünden und ein anderes Kind Kartoffelpüree auf seine Leinwand klatscht. So geht Vaterliebe!

Waldo Peirce begleitet den Freund von frühen Jahren hin bis zu seinem Ende. Am 2. Juli 1961, am Tag seiner Selbsttötung, schlurft Ernest Hemingway im Treppenflur seines Hauses in Ketchum an einem großformatigen Gemälde von Waldo Peirce vorbei, das in moderner Form an die düsteren Darstellungen des aragonesischen Malers Francisco de Goya erinnert.

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Das Gemälde von Waldo Peirce hängt im Treppenflur von Hemingways Haus in Ketchum.

Das farbige Großgemälde zeigt einen kopfüber von einem Spreizhaken herabhängenden Bullen, vermutlich einen schwarzen Stier aus Spanien, der vor grauen Wänden von zwei Metzgergesellen nach und nach gehäutet wird, um anschließend wohl in seine verwertbaren Bestandteile zerlegt zu werden. Die einfache Kleidung der beiden Fleischhauer ist an zahlreichen Stellen blutverschmiert, der dunkle Fußboden der Schlachterei zeigt sich nur noch als eine weiträumige rote Schlammlache aus Blut und Körperresten.

Einer der Metzger hebt mit seiner rechten Hand eine Flasche Rotwein und trinkt gierig, in der anderen Hand hält er ungerührt das Hackebeil für das massige Tier bereit. Auf irgendeine Art und Weise ähneln auf dem Gemälde das Körpergewebe und der gehäutete Rumpf des Bullen kurioserweise weniger einem Tierkadaver. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, hier den Torso eines stämmigen Menschenwesens vor sich zu sehen.

Sein langjähriger Freund, der ihn im Jahr 1929 in Key West in juvenilem Glamour als Kid Balzac gemalt hat, hat ihm das schauerliche Bild mit den blutbesudelten Schlachtern und dem abgestochenen Stier zum 60. Geburtstag geschenkt, Happy Birthday to You, Ernest, hat Waldo Peirce unter seine bluttriefende Darstellung geschrieben und dann noch in seinem schwarzen Humor angefügt, et bon appétit!