Anna Akhmatova (1889 -1966), zehn Jahre älter als Hemingway, ist eine russische Schriftstellerin gewesen. Sie gilt als bedeutende Dichterin des Silbernen Zeitalters.

Ja, das haben wir ebenfalls bemerkt. Mit dieser Beobachtung hat die kluge Anna Akhmatova vollkommen recht. Ernest Hemingways Helden sind einsam, sie haben keine Kinder, sie leben in keiner Familie, bestenfalls sind sie von einigen Freunden umgeben. Das Liebesleben, so es ein solches gibt, zeigt sich beladen von Ungemach. Man fühlt und spürt es: Den Protagonisten Hemingways fehlt es an Schutz und Geborgenheit. Am Ende des Tages ist ein Hemingway Hero einsam und allein. 

Der wunderbare Maler Edward Hopper hat einmal verraten, dass sein ikonisches Ölgemälde Nighthawks aus dem Jahr 1942 den kühlen Helden Hemingways nachempfunden gewesen ist. Der desillusionierte Einzelgänger, entwurzelt und zerbrochen, in der Nacht alleine an der Theke vor seinem Glas. Es sind Menschen, die verzweifeln am Leben und an ihrem Schicksal. Hoppers und Hemingways einsame Helden müssen etwas unter sich auszumachen.

Ein typischer Hemingway Held mag an der Welt verzagen, er hält aber zugleich die Werte eines freien Geistes hoch: Ehre, Mut und Ausdauer. In einer Welt voller Schmerz und Schwierigkeiten braucht es solche Heldenwerte. Mannhaftigkeit ist ein schrecklich veralteter Ausdruck dafür, denn er gilt auch für Frauen. Courage, Kühnheit, Beherztheit – all diese scheinbar angestaubten Begriffe treffen den Sachverhalt.

Vielleicht sehen aus diesem Grund viele Leser Hemingway als Schreiber mit männlichem Beiklang, als jemand, der zudem irgendwie nicht in unsere moderne Zeit passen will. Doch Hemingways Hohelied auf den menschlichen Mut ist nur die halbe Wahrheit. Denn dem Nobelpreisträger von 1954 geht es um mehr. Seine Helden sind auch welche, die kämpfen. Die sich gegen das Schicksal auflehnen, auch wenn der Kampf aussichtslos erscheint.

Wenn man kämpft, kann man verlieren. Aber ein solcher Rückschlag kann im hemingway’schen Sinne auch ein Sieg sein. Denn man hat Mut bewiesen. Gerade darum geht es Ernest Hemingway. Mut im Kampf, Würde in der Niederlage. Eine Niederlage ist im Sinne eines Fehlversuchs nicht endgültig. So wie der alte Mann, geschlagen und mit leeren Händen, in sein kleines Dorf zurückkommt. Aber er ist nicht besiegt.

Der alte Fischer Santiago aus dem kubanischen Cojímar strahlt trotz seiner offensichtlichen Niederlage eine menschliche Größe aus. Auch aus dem Grund, weil er sich nicht besiegt gibt und am nächsten Tag mit seinem armseligen Boot wieder herausfahren wird. Und jeder Mensch, genau diese Botschaft will uns Ernest Hemingway mitteilen, vermag seine ureigene Würde zu wahren.

Ernest Hemingways Akteure werden vom Schicksal zu Boden gestreckt. Sie wandeln sich jedoch zu Helden, weil sie nach der Niederlage wieder aufstehen und weiterkämpfen. Sie lassen es nicht zu, dass die Welt, das Schicksal, der Gegner oder die Haifische ihnen die Würde rauben. Jeder hat in seinem Leben solche Situationen schon erlebt. Wer seine Würde aufgibt, verliert den letzten Strohhalm der Selbstachtung.

Ernest Hemingway hat sein Gleichnis vom würdevollen Scheitern des einfachen Fischers so beeindruckend erzählt, dass die Menschen seine Botschaft unterbewusst verstanden haben. Ein schlichter und braver Mensch – also eigentlich wir – muss sich in der Welt behaupten. Er kämpft um seine Würde. Die Erzählung vom alten Fischer ist im Grunde unsere Geschichte, darüber hinaus ist sie sogar die Geschichte der Menschheit. Aus diesem Grund ist jene Erzählung von 1952 so unübertroffen.

Die Helden des Ernest Hemingway stehen mitten im Leben. Und sie lieben das Leben. Doch wer das Leben versteht, der will auch sein Ende verstehen. Ein Hemingway Held stellt sich letzten Endes der Herausforderung des Todes. So wie er es zeitlebens getan hat. Der blutige Stierkampf, das Fischen gigantischer Marline, die Safaris in Afrika – der Mann aus Chicago sucht bewusst die Auseinandersetzung mit dem Tod.

Dem Tod mit Würde entgegentreten, Hemingways Helden machen es vor. Angst vor dem Tod, das schon. Es ist eine Antriebsfeder. Aber keine Angst, zu sterben. Zweifelsohne sollte dieses letzte Scheitern des Menschen auch eine Würde in sich tragen. Über die Magie des Lebens, über die Einzigartigkeit des Menschen, darüber hat Ernest Hemingway vor allem geschrieben. Und er hat sein Leben nach diesen Werten gelebt, so gut es eben ging.

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