
Im Hürtgenwald bekommt Ernest Hemingway Dutzende gefallene Soldaten zu Gesicht. Heranwachsende Kerle, so alt wie sein von der Wehrmacht inhaftierter Sohn Jack. Blutjunge Burschen, die ihr ganzes Leben vor sich gehabt hätten. Und nun liegen sie wie Eisblöcke auf dem Frostboden der Nordeifel. Entstellt, verstümmelt, gefroren. Tot in einem Krieg, mehr als 8.000 Kilometer fern der Heimat. Auf das schreckliche körperliche und mentale Leid vermag Ernest anfänglich nur mit Zynismus zu reagieren.
Wir bekamen viel Ersatz, aber ich dachte, es sei einfacher, sie dort, wo man sie auslud, zu erschießen, anstatt dass man später versuchen musste, sie von dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren.
Der Schriftsteller, der den Krieg bislang mit romantischer Verklärung betrachtet, gerät im Angesicht der brutalen Realität ins Wanken. Bis zu diesem Moment ist Ernest fest von der Existenz eines „guten Krieges“ überzeugt – von einem Kampf, der zwar hart, aber kurz, gerecht und von bedingungsloser Kameradschaft geprägt ist.
Die Schlacht in der Nordeifel bricht ganz und gar mit jedem seiner Idealbilder. Die schiere Wucht dieses endlosen Gemetzels hinterlässt bei ihm eine tief sitzende Abscheu vor den Absurditäten des Krieges. Die Kampfhandlungen um die Siegfried-Linie sind ein monatelanges Blutbad im frostigen Wald, nur um ein paar Quadratkilometer Bäume unter Kontrolle zu bringen. Hürtgen ist ein tiefblutiges Gemetzel, wo es Pferdescheiße satt zu essen gab, bis man schwer verwundet ist oder getötet wird oder verrückt.
Erst Mitte Januar 1945 gewinnen die US-Truppen merklich an Boden. In der Ardennenoffensive, von deutscher Seite als Entlastung angelegt, verliert die Wehrmacht zahlreiche Soldaten und schwere Geländefahrzeuge, die für die Unterstützung der Westfront fehlen. Den GIs gelingt es daraufhin, den Hürtgenwald zu durchqueren. Nach erneuten heftigen Kämpfen fällt die Ortschaft Schmidt Anfang Februar 1945 endgültig an die US-Truppen.
Im weiteren Verlauf brechen die Stellungen der Wehrmacht nacheinander ein, woraufhin den alliierten Kräften der Durchbruch bis kurz vor Schleiden gelingt. Am 4. Februar fällt die Urfttalsperre in amerikanische Hand. Die Schwammenauel-Talsperre, die große Rurtalsperre, wird sechs Tage später erreicht und eingenommen. Damit ist der deutsche Widerstand in diesem Abschnitt endgültig gebrochen.
Die erbitterten Kämpfe um den Westwall haben fast ein halbes Jahr gedauert, bis Februar 1945 wird in der Nordeifel gefochten. Acht Infanterie-Divisionen und zwei Panzer-Divisionen werden im Hürtgenwald aufgerieben. Die amerikanischen Truppen verlieren 24.000 Soldaten, auf deutscher Seite fallen 13.000 Wehrmachtsangehörige.
In der Nordeifel bleibt ein riesiges Trümmerfeld zurück. Jülich und Düren liegen in Schutt und Asche, ebenso wie die kleinen Dörfer in der Umgebung. In den Hürtgenwald haben sich Schneisen aus Brandbomben und Sprengkörpern eingekerbt, Tausende Tote sind zu bergen. In den USA hat sich die Schlacht im Hurtgen Forest viel stärker ins Bewusstsein gepresst als in Deutschland. Für die Amerikaner sind die Kämpfe im Hürtgenwald die längste und verlustreichste Schlacht auf deutschem Boden.
Fast einen ganzen Monat hat der Schriftsteller die Schlacht rund um Hürtgen im Winter 1944 beobachtet. Am 4. Dezember kehrt Ernest Hemingway, erschöpft und niedergedrückt, nach Paris zurück. Der 45-Jährige hat sich in der frostklirrenden Winterlandschaft der Eifel eine schwere Lungenentzündung eingefangen, dazu plagen ihn andauernde Kopfschmerzen.
Hemingway ist nach dem 4. Dezember nicht endgültig aus dem Kriegsgeschehen heraus. Am 17. Dezember 1944 fährt er nach Luxemburg, um über die Ardennenoffensive zu berichten. Doch er ist
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