Hemingways Welt

An den Fersen von Ernest Hemingway

Schlagwort: Meer

Der schönste Hemingway-Satz: Augen

Alles an ihm war alt, nur seine Augen nicht, und die hatten dieselbe Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.
Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

La Mer

Ernest Hemingway liebt das Meer über alles. Er liebt den blauschimmernden Farbton, den salinischen Geruch, die knospenden Geräusche. Everything about him was old except his eyes and they were the same color as the sea and were cheerful and undefeated. Auf eine anmutige Art und Weise beschreibt Ernest Hemingway den alten Mann Santiago direkt zu Anfang seines Romans. Alles an ihm war alt bis auf die Augen, und die hatten die gleiche Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.

Blaue Augen herrlich und heiter wie das Meer. Das Meer, ebenso wie die Augen eines anständigen Menschen, bleibt unbesiegt. Denn wer, so will man fragen, soll das gewaltige Meer besiegen? Der kleine Mensch kann es nicht, es würde auch keinen Sinn ergeben. Der Mensch sollte das Meer vielmehr als einen guten Freund gewinnen. Denn das Meer kann dem Menschen aufzeigen, wo Maß und Mitte zu finden sind und, wenn man viel Glück hat, kann das Meer auch den richtigen Weg durchs Leben weisen.

Das Meer, wenn man es als Freund annimmt, schenkt einem viel und belohnt fürstlich. Das größte Geschenk des Meeres ist, es lässt einen zur Besinnung und zur Einkehr kommen, es zeigt den Weg auf zu einem selbst, man vermag zu erkennen, was einem wohltut und was zuträglich ist. Das Meer, wenn man tief in sich hinein horcht, hilft dem Menschen, den eigenen Mittelpunkt zu erspüren.

Das Meer macht den Menschen menschlicher, Ernest Hemingway hat es selbst wahrgenommen. Als er Der alte Mann und Meer schreibt, diese fast alttestamentarische Parabel über den Menschen und die Schöpfung, da fehlen wie von einem Wunder weggeblasen auf einmal all die Zynismen und Spötteleien, die sich früher in sein Werk eingeschlichen haben.

Ein Franzose – Charles Trénet – hat  kurz nach der Befreiung Frankreichs eine musikalische Ode an das Meer komponiert, dessen Solennität so etwas wie die Hymne gallischen Stolzes erzeugt.

La mer
Au ciel d’été confond
Ses blancs moutons
Avec les anges si purs
La mer bergère de l’azur infinie
Et d’une chanson d’amour
La mer
A bercé mon coeur pour la vie

Am blauen Meer wird des Menschen Herz

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Am Meer leben, glücklich wie ein Kind

Ein müder, aber glücklicher Ernest Hemingway in Cabo Blanco, im April 1956.
Foto: Guillermo Alias

Trotz all der Strapazen fühlt sich Ernest Hemingway mit einem Mal nicht mehr ausgelaugt und müde. Es grenzt an ein kleines Wunder, denn der Schriftsteller hat die letzte Nacht wenig geschlafen, und er hat schon eine kleine Weltreise hinter sich. Doch hier am peruanischen Pazifik scheint die Müdigkeit auf ein Mal wie von Geisterhand weggewischt. Am Meer, an solchen Orten wie Cabo Blanco, erwacht in dem Schriftsteller eine neue Energie und das Verlangen, den eigenen Körper zu spüren und das Leben auszuleben.

Wenn Ernest Hemingway am Meer weilt, dann fliegen die finsteren Gedanken weg und er lebt auf. Das Meer ist für ihn wie eine gute Mutter, zu der man immer zurückkommen kann, einerlei wo man gewesen ist und was man getan hat. Das Meer bedeutet für ihn das pure, das eigentliche Leben. Erst als es ans Sterben gehen sollte, da befindet er sich weit ab von seinem Meer.

Kaum ist der Mann des Meeres in seinem Zimmer des Cabo Blanco Fishing Clubs angekommen, zieht er rasch das viel zu dicke Jackett und sein langärmeliges Hemd aus, entledigt sich der langen Hose, stößt die steifen Schuhe in die Ecke, zieht die Socken aus und feuert die blöde Krawatte in den Koffer. Dann kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges längsgestreiftes Baumwoll-Polo über und schlüpft in dunkle offene Sandalen.

In seinem Polo sieht er aus wie ein Seebär. Ein Literat als Seemann. Oder ein Seemann als Literat, so kommt es einem vor. Ohne das Meer jedenfalls ist dieser Mann und dieser Schriftsteller nicht vorstellbar. Keiner, der so anmutig und tiefgründig über das Meer schreiben kann, auch wenn die meisten ihn als Rüpel, Schnapsnase und Weiberhelden sehen.

Ernest Hemingway zieht den tiefen Vorhang seines Hotelzimmers mit einem Ruck auf, so als gelte es, den Blick in ein neues Leben freizumachen. Als Nächstes öffnet der Nobelpreisträger die dünne Verandatür, stampft über die Terrasse des Fishing Clubs und marschiert hinunter zum Strand, hin an das blaue Meer. Der Schriftsteller geht zu seiner La Mar.

So schön und so wohltuend fühlt sich das Meer vor Cabo Blanco an, der Strand, das Wasser und die Sonne. Zunächst zweifelt man an

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Ernest Hemingways azurblauer Himmel über Cabo Blanco bleibt

Eine Ruine unter blauem Himmel. Der ‚Cabo Blanco Fishing Club‘ verfällt mehr und mehr.
Photo by W. Stock

Nach 14 Jahren ist die Party an der Nordküste Perus vorüber. Im März 1954 haben die Mitglieder die Eröffnung des Cabo Blanco Fishing Clubs voller Zuversicht gefeiert, im Jahr 1968 kann das exklusive Anwesen, in dem Ernest Hemingway im April und Mai 1956 fünf Wochen verbracht hat, seine Aktivitäten nicht mehr aufrecht erhalten. Mit dem Sturz des rechtschaffenen Präsidenten Fernando Belaúnde Terry durch linke Militärs im Jahr 1968 folgen zwölf dunkle Jahre für Peru.

Für Späße wie jene, die im Fishing Club veranstaltet werden, ist in den kruden revolutionären Phantasiegebilden der Militärs kein Platz vorgesehen. Die Zufahrt nach Cabo Blanco wird von der Armee bereits hinter El Alto gesperrt, der Fishing Club ist damit von der Außenwelt abgeschnitten. Im Putschmonat Oktober des Jahres 1968 stellt der Cabo Blanco Fishing Club dann auch die Aktivitäten für seine Mitglieder offiziell ein.

Heute schimmelt der Cabo Blanco Fishing Club im Süden auf der kleinen Anhöhe vor dem schönen Meer lustig vor sich hin. Das ehemals elitäre Klubhotel ist zu einem geisterhaften Gemäuer verfallen, dessen Niedergang jeden Tag unaufhörlich fortschreitet. Der Schriftzug Cabo Blanco Fishing Club über der breiten blauen Eingangspforte ist abgeblättert und nur noch schemenhaft zu erkennen. Überall bröckelt der Putz, das Glas der Fensterscheiben ist an vielen Stellen zerborsten.

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Die Schrift über dem Eingang zum ‚Cabo Blanco Fishing Club‘ ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Photo by W. Stock

Die Ruine zeigt sich halb verfallen und ist für Menschen unbewohnbar. Fließend Wasser fließt hier schon lange nicht mehr, von Elektrizität zeugen nur dem Mauerwerk entrissene Stromleitungen. Feuchtigkeit ist in die Wände und in den Boden eingedrungen, die Decke ist an vielen Stellen eingerissen und droht nun ganz herabzufallen, eine Renovierung wäre vollkommen nutzlos.

Und auch der windige Strand vor dem Klubhaus döst verlassen und menschenleer vor sich hin. Die Auffahrt zum Fishing Club, einst mystisch von Marlinflossen auf hohen Holzpfählen gesäumt, ist heute

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Peru in Ernest Hemingway

Ernest Hemingway mit Mario Saavedra; Talara/Peru, am 16. April 1956; Foto: Guillermo Alias

Mario Saavedra sieht sein Idol und dessen Zeit in Cabo Blanco nicht nur durch die rosarote Brille. „Hemingway hätte sich ruhig ein wenig mehr auf Peru einlassen sollen“, kritisiert der betagte Limeño im Gespräch, „er wollte jedoch nicht nach Lima oder sonst wo hin, nur der Cabo Blanco Fishing Club hat ihn interessiert, aber der Fishing Club ist nicht Peru. Und unser Pisco Sour hat ihm wohl auch nicht so gut geschmeckt, wie er immer behauptet hat“, erinnert sich der Mann des El Comercio mit leichten Zweifeln an den Verlautbarungen des Nobelpreisträgers.

Mario, der stolze Südamerikaner, hat in Sachen Ernest Hemingway und Peru eine widersprüchliche Persönlichkeit vor Augen: „Andererseits hat er mich mit ehrlicher Neugierde nach Machu Picchu gefragt, nach der Umgebung, oder wie hoch dieser wundersame Ort liegt. Auch wollte er Lima besuchen, das Nachtleben dort kennenlernen, weil er in der Nacht am intensivsten lebt.“ Jedoch nichts passierte außer Worte. „Zuerst wollte er nach Lima kommen, dann hat er es auf Oktober verschoben, weil da die Stierkampf-Saison auf der Plaza de Acho anfängt. Gekommen ist er dann aber gar nicht.“

Wobei auch Mario Saavedra zugeben muss, dass

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