Bob Dylan
Bob Dylan, der Poet der Pop-Musik. Jahrgang 1941.

Als am 13. Oktober 2016 der Name des neuen Nobelpreisträgers für Literatur bekannt wurde, da ging ein Raunen durch die Feuilletons. Robert Allen Zimmerman hatte kein Journalist auf dem Zettel. Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition, so das Nobelkomitee in seiner Begründung. Bob Dylan, es ist Zimmermans Künstlername, war damit der erste Singer und Songwriter, dem diese hohe Auszeichnung verliehen wurde.

In seiner Dankesrede, die Bob Dylan verlesen ließ, gab er sich demütig: Kipling, Shaw, Thomas Mann, Pearl Buck, Albert Camus, Hemingway. Dass ich nun in einer Reihe stehe mit diesen Autoren macht mich wirklich sprachlos. Es macht ihn wohl eher stolz als sprachlos. Bei Ernest Hemingway klang die Begründung ähnlich. Auch er reiste zur Übergabe nicht persönlich nach Stockholm. 

So ganz verwunderlich ist die Nobel-Ehrung nicht. Auch persönliche Gemeinsamkeiten mit Ernest Hemingway fallen ins Auge. Beide versuchten, der Enge des Elternhauses zu entfliehen. Beide – obwohl in der Mittelschicht aufgewachsen – verweigerten sich einem typisch akademischen Lebensweg. Und mit den Frauen wird es schwierig, bei Ernesto als auch bei Bob.

Bob Dylan hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er die Erzählungen des Ernest Hemingway bewundert. Obwohl fast zwei Generationen zwischen beiden US-Amerikanern liegen. Jack Kerouac mit seinem ungestümen On the Road ist Dylan inhaltlich sicherlich näher als die Prosa von Der alte Mann und das Meer. Und dennoch weist Bob Dylan auf eine verblüffende Gemeinsamkeit hin. 

Das ist ein interessantes Statement des Pop-Poeten: Hemingways Schreibstil hat etwas Musikalisches in sich. Und in der Tat, Melodie und Rhythmus bei dem Nobelpreisträger von 1954 zeichnen sich durch Tiefe aus, wie bei einem guten Song. So wie Ernest die Wörter und die Sätze wohltönend einsetzt, so baut sich auch ein schöner Song auf. Prägnanz und eine markante Prosa charakterisieren sowohl guten Pop als auch gute Literatur.

Hemingways Romane werden nicht nur einfach gelesen. Man spürt sie im Innersten. Genau so ergeht es dem Zuhörer bei einer glanzvollen Komposition. Die poetische Tiefe in Paris – Ein Fest fürs Leben oder die unruhigen Dialoge in Fiesta scheinen wie ein reduziertes Angebot, das Raum lässt für die eigene Emotion. 

Sowohl Dylan als auch Hemingway wissen: Weniger sagen, bedeutet mehr erreichen. Beide Künstler verstehen, dass die wahre Kraft aus dem entsteht, was ungesagt bleibt. Dies ist die zentrale Übereinstimmung zwischen Ernest Hemingway und Bob Dylan. Gute Prosa – hüben wie drüben – liegt im geheimnisvollen Schweigen des Eisberges unter Wasser. 

Eine spannende stilistische Wechselwirkung lässt sich ausmachen: Dylans Texte besitzen episches Format, wie bei einer Kurzerzählung. Während Ernest als Schreiber bewusst auf klaren Rhythmus, Refrain-artige Wiederholungen und eingängige Klangmuster setzt. Deshalb hört sich Hemingways Prosa stellenweise an wie ein Songtext.

In seinen Romanen, den Kurzgeschichten, selbst in den journalistischen Stücken baut Ernest seine Sprache ähnlich auf wie ein Musikstück. Er, musikalisch vorgebildet, achtet stark auf das Fließen seiner Prosa. Wörter und Sätze sind nicht nur in ihrer Bedeutung wichtig, sondern ebenso in ihrem Klang. Tonalität und Harmonie entstehen einzig und allein durch die richtige Wahl der Töne und Wörter und durch ein kluges Arrangement. 

Die Anerkennung für Ernest Hemingway und Bob Dylan erfolgt

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