
Die Wehrmacht will die Front am Westwall halten, den die Alliierten Siegfried Line nennen. Zwischen Aachen und Prüm plant die US-Army, einen Teil dieser Schutzmauer aus Bunkern und Sperren zu überwinden, um bis zum Rhein vorstoßen zu können. Strategisch würde der Verlust des Rheinlandes die deutsche Abwehr entscheidend schwächen und das Ende der NS-Diktatur beschleunigen.
Am 8. September 1944 reist Ernest Hemingway über den belgischen Ort Sankt Vith und das nahegelegene Dorf Ouren an die Grenzlinie. Der Kriegsberichterstatter ist voller Erwartung, denn für seine Reportagen und den geplanten Roman benötigt er möglichst viele Eindrücke aus erster Hand. Er muss die Kampfhandlungen miterleben, um anschaulich darüber schreiben zu können. Ganz nah herangehen, nur so funktioniert seine Prosa.
Zwei Tage zuvor, am letzten Tag vor dem Einbruch des Schlechtwetters, waren wir am Ziel des Rattenrennens angelangt. Es war eine schöne Rattenjagd von Paris bis nach Le Cateau, mit erbitterten Kämpfen bei Landrecies, die nur wenige gesehen haben und an die sich noch weniger erinnern können. Dann waren die Pässe des Ardennenwaldes bezwungen worden, in einer Landschaft, die den Illustrationen zu Grimms Märchen glich, nur viel grimmiger.
Hemingway begibt sich zunächst nicht an die Frontlinie im Norden bei Aachen, sondern beginnt 80 Kilometer weiter südlich, mitten in der Schnee-Eifel. Ziel der US-Army ist es, von Belgien aus in der Westeifel die Siegfried-Linie aufzubrechen, um den Bodentruppen den Weg nach Köln und Koblenz zu ebnen. Im Grenzgebiet herrscht im Herbst ein raues und feuchtes Klima. In höheren Lagen ist es meist noch einige Grad kälter als im Flachland.
Mit der Frontverschiebung erreicht auch das Pressekorps das Territorium der Schnee-Eifel. Es ist Dienstag, der 12. September 1944. Um 04.27 Uhr setzt der Kriegsreporter seinen Fuß in das Land der Nazis. Das Dorf heißt Hemmeres, es ist die erste deutsche Ortschaft, die Hemingway im Zweiten Weltkrieg betritt. In dem winzigen Fleckchen, direkt am Grenzfluss Our, leben nur ein paar Dutzend Menschen, die ihre Bauernhöfe bewirtschaften.
Es wird Hemingways erste Begegnung mit den Deutschen während des Krieges. Alte Frauen und greise Männer laufen auf die Soldaten zu. Sie bringen Schnaps und trinken selbst aus den Flaschen, um zu zeigen, dass der Fusel nicht vergiftet ist. Andere kommen mit weißen Fahnen und erhobenen Händen. Die Wehrmacht hat sich nach Osten abgesetzt und zerstört auf dem Rückzug die noch intakte Infrastruktur.
Ein uraltes Bauernhaus in Schweiler wird zum ersten Quartier Hemingways auf deutschem Boden. Das Haus verfügt über kein fließendes Wasser, kein Badezimmer, keinen Strom, keine Heizung. Überstürzt haben Soldaten der Wehrmacht das trostlose Gebäude verlassen. Der US-Trupp richtet sich behelfsmäßig ein, unter dem Lichtschein einer Öllampe geht es am Abend feuchtfröhlich zu. Es gibt ein gutes Essen, das die verbliebenen Bauern der Umgebung auftreiben. Auch Wein und Cognac werden den Amerikanern aufgetischt.
In Schweiler stoßen die Soldaten auf Eifel-Bewohner, die nicht geflohen sind. Greise Männer und Frauen, kleine Kinder. Und Ernest wundert sich. Diese Nazi-Deutschen sehen seinem Großvater oder anderen Großvätern gar nicht so unähnlich. Und auch die Kinder sind Kinder wie in sonstigen Ecken der Welt.
Im drei Kilometer entfernten Bleialf richtet die Army Dienstleistungen ein, die auch im Krieg vonnöten sind. Am Bahnhof bietet der Zahnarzt der Einheiten seine Dienste an und in der Pfarrkirche hält der Truppen-Geistliche für die GIs Messen ab. Das Hotel Zwicker wird zur Feldküche hergerichtet. Im Hinterhof des Gasthauses werden von den Soldaten die Mahlzeiten eingenommen. Ernest Hemingway kommt
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