
Dieser Weltliterat hat eine abenteuerliche Biografie. Jerome David Salinger wird am 1. Januar 1919 als Sohn einer jüdisch-litauischen Familie in New York geboren. Mit dem Verfasser von Filmkritiken verdient er erstes Geld. Danach geht er zur Armee. Wegen seiner guten Fremdsprachen-Kenntnisse wird er im Anschluss an die Grundausbildung 1943 dem Counter Intelligence Corps – dem militärischen Abwehrdienst – zugeteilt und bricht nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in Richtung Europa auf.
Die brutalen Kämpfe im Hürtgenwald werden gerade für den feinsinnigen Salinger zum Wendepunkt seines Lebens. In den Schützengräben der Nordeifel erkennt der Mittzwanziger, dass er für den Krieg nicht gemacht ist. Vielmehr möchte Jerry sich der Literatur und den Künsten widmen. Auch an der Front schreibt er, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergibt. In den Gefechtspausen wird er die ersten Kapitel seiner grandiosen Erzählung The Catcher in the Rye verfassen.
Ein persönlicher Lichtblick im Krieg: Der Nachwuchsautor trifft zweimal auf den schon arrivierten Ernest In Paris und in dem kleinen Eifeldorf Zweifall unterhalten sie sich stundenlang. Nach dem Krieg wird Salinger in einem Brief an Ernest offenbaren: Die Gespräche mit Dir im Hürtgenwald waren die einzigen hoffnungsvollen Momente in diesem ganzen Irrsinn. Der Idealtypus eines ungebundenen Schriftstellers, den Hemingway für den ehrgeizigen Neuling wie aus dem Lehrbuch verkörpert, gibt Salinger in den schweren Stunden an der Westfront Kraft und Hoffnung.
In der bitterkalten Nordeifel ist der empfindsame J. D. von Schreck und Elend nur so umgeben. Sein Vorgesetzter, ein in der Kompanie gefürchteter Bluthund und Säufer, hat es besonders auf den zarten Salinger abgesehen. Ohne Sinn befiehlt er dem Feldwebel, über Nacht eine Schützenmulde zu halten, obwohl Salinger nicht die richtige Kleidung für die klirrend kalte Winternacht dabei hat. Werner Kleeman, in Angst um das Leben des Freundes, findet J. D. in einem Drecksloch voller Eis und Schnee. Er steckt ihm eine Decke und ein Paar von seiner Mutter gestrickte Wollsocken zu.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs besucht Salinger das Konzentrationslager Kaufering IV-Hurlach, das kurz zuvor im April 1945 befreit worden ist. Der Hürtgenwald ist schon schrecklich gewesen, doch den Horror, den er in Oberbayern zu Gesicht bekommt, lässt sein Blut in den Adern gefrieren. Niemals hat er sich J. D. Salinger öffentlich zu seinen Erlebnissen in Deutschland geäußert.
Doch seine Tochter Margaret erinnert sich an eine Bemerkung ihres Vaters: You never really get the smell of burning flesh out of your nose entirely, no matter how long you live. Du bekommst nie wirklich den Geruch von brennendem Fleisch aus deiner Nase, egal wie lange du lebst. Vor dem Eintreffen der alliierten Streitkräfte sind geschwächte Häftlinge, die nicht auf einen Todesmarsch geschickt werden konnten, im KZ bei lebendigem Leib verbrannt worden.
The Catcher in the Rye, 1951 erstmals erschienen, ist Salingers Meisterwerk. Dieser einzige veröffentlichte Roman von ihm erreicht eine Auflage von über 65 Millionen Exemplaren. In Amerika kennt jedes Schulkind diese Erzählung um den 16-jährigen Holden Caulfield. Es ist ein Entwicklungsroman hin zum Erwachsenwerden. Der Protagonist schildert die zwiespältige Gefühlslage der Jugend und den schwierigen Weg, das eigene Ich zu finden.
Und auch hier findet sich ein Verbindung zur Nordeifel. Die erste deutsche Übersetzung von Der Fänger im Roggen stammt von Heinrich Böll, der bis zu seinem Tod in Langenbroich gewohnt hat, knapp dreißig Kilometer von Zweifall entfernt. So oder so, die blutigen Gefechte an der Siegfried-Linie haben Salinger zugesetzt.
Die Unbarmherzigkeit, die Jerome David Salinger im Hürtgenwald erlebt hat, führt zu einem front shock. Nach dem Krieg ist er aufgewühlt und verstört, er muss sich monatelang psychiatrisch behandeln lassen. Er zieht sich zurück und bleibt bis an sein Lebensende ein schrulliger Kauz, der die Öffentlichkeit eisern meidet. Ein eigensinniges Leben verstummt am 27. Januar 2010, wenige Tage nach seinem 91. Geburtstag, in Cornish, New Hampshire.
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