Wer ist Hemingways „alter Mann“?
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Gregorio Fuentes, Cojímar/Kuba, im April 1983 Photo by W. Stock

Gregorio Fuentes, Cojímar/Kuba,
im April 1983
Photo by W. Stock

Die kubanischen Fischer aus den Romanen von Ernest Hemingway tragen unverkennbar die Züge von Gregorio Fuentes und Carlos Gutiérrez. Gregorio Fuentes war 23 Jahre lang, von 1938 bis zu Hemingways Tod 1961, der Kapitän seines Bootes Pilar, Carlos sein Vorgänger.

Aber, ein Missverständnis sollte hier ausgeräumt werden, Gregorio ist nicht der alte Mann aus Hemingways berühmtester Novelle Der alte Mann und das Meer. Wenn einer Person diese Ehre gebührt, dann Anselmo Hernández Rodriguez. Das war einer der alten Fischer in Cojímar, hoch angesehen in dem Dorf. Er traf auf Ernest Hemingway im Jahr 1950, Gregorio stellte ihn dem Amerikaner vor.

Im Jahr 1950 war Anselmo Hernández 75 Jahre alt, Gregorio erst 53. Das war zu jung für den alten Mann. Es war auch Anselmo, der Ernest Hemingway all die Geschichten erzählte, vom Fischen da draußen im Golfstrom, und er erzählte von einem einsamen alten Mann in seinem Boot, dem das Anglerpech an den Füßen klebte. Und Ernest Hemingway formte seine Puzzle-Teilchen aus all den bunten Geschichten, die er von Anselmo hörte, damals bei einem Wein in der Bar des Restaurants La Terraza.

Ernest Hemingway nennt seinen alten Mann biblisch Santiago. Santiago, wie wunderbar hat Ernest Hemingway den Namen seines Protagonisten gewählt! Denn Santiago, abgeleitet von Sanctus Jacobus, meint im Spanischen den Heiligen Jakobus, der im Neuen Testament einer der zwölf Aposteln Jesu Christi ist. Jakobus, einer der erstberufenen Jünger, steht Jesu sehr nahe. Zusammen mit Petrus und Johannes steigt Jakobus auf den Berg der Verklärung, und Jakobus wird auch Augenzeuge der Verzweiflung Jesu angesichts dessen bevorstehenden Leidensweges.

Es ist bemerkenswert, wie offenkundig der vorgebliche Atheist Ernest Hemingway in Der alte Mann und das Meer mit biblischen Motive arbeitet. Noch etwas: Jakobus wird von Jesu wegen seiner ungestümen Wesensart auch Boanerges, genannt, was so viel wie Sohn des Donners bedeutet. Heute ist der hitzige Santiago, der leidenschaftlichste aller Jünger Jesu, der Schutzpatron Spaniens.

Und der Santiago in der wirklichen Welt? In Wahrheit ist der alte Mann wohl nicht auf nur eine Person zurück zu führen. In der Person des Santiago stecken viele Kubaner und viele Fischer. Anselmo, Gregorio Fuentes, Carlos Gutiérrez, der Fischer Miguel Ramírez oder auch El Sordo, der Taube, ein bunter Hund unter den Fischern Cojímars. Anselmo, übrigens, starb nicht auf Kuba. Nach der Revolution des Fidel Castro hat er sich wie so viele davon gemacht und die Insel verlassen.

Ernest Hemingway und sein alter Mann. Wenn man genau hinschaut, gelingt Hemingway in der Person des Santiago gleich eine mehrfache Verneigung: vor der christlichen Tradition und vor Spanien und Kuba. Und in Sachen Leidenschaft möglicherweise auch vor sich selbst, mag man hinzufügen.