Jorge Luis Borges
Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway. Zwei Jahrhundert-Schreiber. Wie Freunde in Paris? Eher nicht. Persönlich getroffen haben sie sich nie. Foto: ChatGPT.

Obwohl vom gleichen Jahrgang – Geburtsjahr 1899 – verkörpern diese zwei Schriftsteller die Antipoden der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Die Rede ist von dem Argentinier Jorge Luis Borges und dem US-Amerikaner Ernest Hemingway. Beide Autoren repräsentieren eine völlig unterschiedliche Herangehensweise an die Literatur.

Der Schreibstil von Jorge Luis Borges ist barockhaft, intellektuell und voller Anspielungen. Weniger als Romancier tritt der Südamerikaner auf, mehr wie ein philosophischer Denker und anspornender Fantast. Der Mann aus Buenos Aires bleibt zeitlebens von Büchern und von der Lektüre besessen. Dieser im Habitus weltabgewandte Stubengelehrter und halbblinde Bibliothekar liebt, sich in den Labyrinthen des Geistes zu verirren. Metaphysischen Rätsel treiben ihn um, seine Themen drehen sich um Träume, Chiffren und Mysterien.

Hemingway Stil hingegen kommt betont minimalistisch und schmallippig daher. Der hemdsärmelige Mann aus einem Vorort von Chicago führt sich auf wie ein juveniler Abenteurer und Jäger. Hyper-männlich, körperbetont und lebensnah. Die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 drehen sich um den Stierkampf, die Jagd und den Krieg. Mut, Würde und Tod bilden die Herzstücke seiner Bücher. Ernest Hemingway versus Jorge Luis Borges. Nüchterner Realismus gegen magischen Idealismus, will man meinen, ein ungleicher Kampf.

Ein Großstadt-Mensch wie Jorge Luis Borges – stets im Anzug mit Krawatte – wandelt in den Straßen von Buenos Aires oder weilt in der feinen Schweiz. Doch am liebsten verkriecht er sich in seiner argentinischen Nationalbibliothek im Stadtteil Recoleta. Sein Lebensstil bleibt bescheiden, er lebt in einer schlichten Wohnung, ohne jede Extravaganz. Von den zahllosen Büchern abgesehen.

Ernest Hemingway wiederum – in Shorts, Shirt und Sandalen – lässt auf Kuba alle fünfe gerade sein und genießt das Leben. Zu Frauen und Prozenten sucht er Nähe. Abstand hält er zu den Metropolen und deren Verdrießlichkeiten. Papa sucht sein kleines Glück unter Palmen am Meer. Ihn interessiert weniger die Geisteskraft, sondern der Zauber des richtigen Lebens. 

Für die Zurschaustellung der Männlichkeit hat der Gelehrte Borges wenig übrig. Er findet den Fokus auf physische Gewalt, Stierkampf und Krieg oberflächlich. Mehr als einmal hat Jorge Luis sich kritisch über den virilen Kollegen geäußert. I dislike Hemingway, rutscht ihm in einem Interview heraus. Er meint, der bärtige Amerikaner sei ausgezeichnet als Schöpfer von Mythen. Vor allem über sich selbst. Mehr Persona denn Substanz.

Ich mag Hemingway nicht besonders. Er ist ein Mann, der sich sehr für seine Männlichkeit interessiert. Und dies ist etwas, was mich langweilt. Ernests Werk bezeichnete der Argentinier als brutal und geistlos. Für Jorge Luis Borges ist wahre Tapferkeit eine Sache des Geistes oder der Metaphysik, nicht das Abknallen von Löwen und Antilopen. Er tue ihm fast leid. Hemingway ist ein Mann, der ständig beweisen muss, dass er ein Mann ist.

Trotz seiner Abneigung gegen das Aufplustern und das Testosteron-Aufpumpen erkennt Borges die Verdienste des Kollegen an. Hemingway sei ein exzellenter Handwerker, der die Kurzgeschichte technisch präzisiert habe. Ein Handwerker. Es hört sich abfällig an aus Borges Mund. Es ist, wie es ist: Ihre literarischen Ansichten und Temperamente liegen zu weit auseinander. Gegenseitige Wertschätzung oder gar Freundschaft? Fehlanzeige.

Ernesto bleibt dem hispanischen Lebensraum zugeneigt, ebenso wie Jorge Luis den amerikanischen Idealismus verehrt. Die Welten der beiden überschneiden sich zwar zeitlich, aber künstlerisch und mental bleiben sie Lichtjahre voneinander entfernt. Borges betrachtet Hemingway eher als ein gesellschaftliches Ereignis, das er mit einer Mischung aus Amüsement und Verachtung beobachtet.

Die beiden Giganten verstehen sich nicht besonders. Weder im Sinne von Sympathie, noch in Bezug auf einen produktiven Austausch. Borges respektiert den Amerikaner zwar als Phänomen der Zeit, findet ihn aber künstlerisch als eindimensional und uninteressant. Zu sehr ist Borges’ eigener Kosmos entfernt von Hemingways minimalistischer Eisberg-Prosa und deren Lebenswirklichkeit.

Zwei ganz und gar unterschiedliche kreative Giganten des 20. Jahrhunderts, deren Werk kaum Berührungspunkte aufweist. Das Verhältnis zwischen Jorge Luis Borges und Ernest Hemingway lässt sich am besten als eine Mischung aus literarischem Respekt und tiefer persönlicher sowie intellektueller Abneigung beschreiben. Que lastima!

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