Ernest Hemingway
The old man was dreaming about the lions.

Für sein Opus magnum Der alte Mann und das Meer hat Ernest Hemingway sich einen grandiosen Schluss einfallen lassen. The old man was dreaming about the lions. Nach seiner Niederlage auf dem Meer gegen die Haifische fällt der alte Fischer Santiago in seiner armseligen Hütte in einen tiefen Schlaf und träumt von den Löwen. Ein großartiges Bild, und das in mehrfacher Hinsicht.

In seinem Buch aus dem Jahr 1952 nutzt Ernest Hemingway diese Löwen-Metapher fast ein dutzend Mal. Er träumte nicht mehr von Stürmen, von Frauen, von wichtigen Ereignissen, von großen Fischen, von Kämpfen, vom Kräftemessen, und auch nicht mehr von seiner Frau. Er träumte jetzt nur noch von Orten und von den Löwen am Strand.

So wollte es Ernest Hemingway. Der alte Mann träumte von den Löwen. Santiago phantasiert von den wilden Löwen am Ufer. Dieser König der Tiere steht in der Erzählung symbolisch für Vitalität, für unbändige Lebensenergie und für die verlorene Jugend. Der alte Mann sehnt sich zurück nach seinen starken Jahren. Er spürt, dass nicht nur dieser Kampf auf dem Meer verloren ist, sondern sich auch sein eigenes Leben dem Ende zuneigt.

Ausgerechnet bei diesem finalen Schlussakkord unterläuft dem spanischen Übersetzer Lino Novás Calvo jedoch ein fataler Fehler. Während Santiago bei Hemingway von den majestätischen lions (Löwen) träumt, macht Novás Calvo daraus leones marinos – zu Deutsch: Seelöwen. So steht es in meiner spanisch-sprachigen Ausgabe aus dem Jahr 1984, herausgegeben in Ciudad de Mexico.

Das ergibt im Kontext der gesamten Novelle überhaupt keinen Sinn. Der stolze, alte Kämpfer, der plötzlich von Robben träumt? Oder mit den Seelöwen träumt, wie der Übersetzer den Satz noch verschlimmert. Hemingway meint die afrikanischen Löwen als Sinnbild für Kraft und Stärke. Mit dieser komplett falsch übersetzten Schlussbemerkung verschandelt Novás Calvo die gesamte Botschaft des Buches.

Ernest Hemingway
Leones marinos sind Seelöwen oder Robben. Jedensfalls keine wilden Löwen.

Dabei galt Lino Novás Calvo eigentlich als versierter Übersetzer. Ernest Hemingway hatte eigens dafür gesorgt, dass die Übertragung seines Kurzromans ins Spanische in dessen Hände überging. Denn Lino gehörte zum erweiterten Freundeskreis des Autors auf Kuba.

Geboren in Galicien, in Nordspanien nahe La Coruña, kam Novás Calvo (1903–1983) nach dem verlorenen Spanischen Bürgerkrieg auf die Karibikinsel. In Havanna arbeitete er erfolgreich als Journalist, Romancier und Übersetzer. Nach der Machtübernahme der „Bärtigen“ rund um Fidel Castro siedelte er schließlich in die USA über.

Wie konnte einem so erfahrenen Mann ein solcher Fauxpas unterlaufen? Zumal er im Zweifel bei seinem Freund Ernesto auf Finca Vigía kurz hätte durchklingeln können, um nachzufragen. Wie dem auch sei: In der spanischen Ausgabe träumt der alte Mann mit den Seelöwen am Ufer.

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