
Beim Münchner Merkur, den ich gerne lese, stolpere ich in diesen Tagen über eine Schlagzeile. Ein EU-Beamter sieht Russland vom Hemingway-Moment bedroht. Moskau stehe kurz vor dem Hemingway-Moment. Ich zucke innerlich zusammen.
Was zum Teufel ist ein Hemingway-Moment? Ich fürchte schon Allerschlimmstes. Vielweiberei, Alkohol-Orgien, blutige Bullenrennen, scharfe Gewehrsalven. Obwohl ich mich seit drei Jahrzehnte mit dem bärtigen Autor aus Oak Park befasse, tappe ich nach wie vor im Dunkeln. Hemingway-Moment? Nie gehört. Was um Himmels Willen ist damit gemeint? Welche Gefahr kündigt sich für Vladimir Putin und sein Land an?
Der Autor klärt in dem Artikel auf. „Russland steht kurz vor einer Finanzkrise, ähnlich wie 1998“, sagte der irische Diplomat. (…) O‘Sullivan spricht vom Hemingway-Moment: Ernest Hemingway soll auf die Frage, wie man bankrottgehe, gesagt haben: „Erst sehr langsam, und dann sehr schnell.“ Der EU-Sanktionsbeauftragte ist überzeugt, dass dies auch für Russland gelte: „Ich glaube, dass die russische Wirtschaft erst sehr langsam und dann sehr schnell zusammenbrechen wird. Wir wissen nur nicht genau, wann dieser Hemingway-Moment kommt.“
Aha. Erst sehr langsam und dann sehr schnell. Abgesehen von der falschen Komma-Setzung und dem verrutschten Kasus, verstehe ich die ganze Chose nun. Zur Erläuterung: Er soll es nicht nur gesagt haben, er hat es tatsächlich gesagt. Oder genauer: Ernest Hemingway hat es geschrieben. In Fiesta. 1926. Im 13. Kapitel. Das Buch ist sein Durchbruch als Schriftsteller. Die Protagonisten Mike und Bill unterhalten sich.
„Wie bist du bankrottgegangen?“, fragte Bill.
„Auf zweierlei Weise“, sagte Mike. „Erst schleichend, dann plötzlich.“
Wenn ein hoher EU-Kopf aus einem 100 Jahre alten Roman frei zitiert, so verrät dies einiges über die Wucht des Werkes. Und in der Tat: Je mehr Jahrzehnte vergehen, je öfter man die Story liest, desto besser wird Fiesta. Erst schleichend, dann plötzlich. Fiesta – die Erzählung mit dem Hemingway-Moment.
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