Ernest Hemingway
Ernest Hemingway an Bord der Pilar auf dem Meer vor Kuba.

Im September 1942 trägt Ernest Hemingway der US-Botschaft in Havanna eine abenteuerliche Idee vor. Der Schriftsteller will mit der Pilar im Golfstrom vor Kuba Jagd auf deutsche U-Boote machen. Das Vorhaben hört sich verrückt an, ist es auch. Die Aktion hat nichtsdestotrotz einen dramatischen Hintergrund. Seit die USA im Dezember 1941 den Kriegseintritt gegen Hitler-Deutschland erklärt haben, greift die Kriegsmarine mehr und mehr Militär- und Versorgungsschiffe entlang der nordatlantischen Routen an.

Bei Torpedoangriffe versenken U-Boote der Nazis im ersten Halbjahr 1942 im Atlantik 229 Handelsschiffe, die vor allem die Versorgung Großbritanniens sicherstellen sollten. Mit der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs heizt sich die Lage auch auf Kuba auf. Ernest sieht nun hinter jedem Busch in den Tropen einen Nazi.

Crook Factory, die Ganoven-Fabrik, nennt der Schriftsteller seine aberwitzige Aktion mit dem ihm üblichen Humor. Doch es ist ihm ernst. Ernesto kennt einige Spanienkämpfer, die im republikanischen Geheimdienst gearbeitet haben. Sie halten deutsche U-Boote vor der Küste der Inseln für möglich. Von der amerikanischen Botschaft in Havanna erhält der bärtige Autor eine Sondergenehmigung für den Umbau der Pilar zu einem kampftauglichen Patrouillenboot.

Hemingways zwölf Meter langes und 3,70 Meter breites Fischerboot wird umgerüstet. Das kleine Boot verfügt über eine speziell angefertigte Flying Bridge, die das Steuern von oben ermöglicht. Angetrieben wird es von einem 75 PS starken Chrysler Hauptmotor. Die Pilar erreicht eine Geschwindigkeit von 16 Knoten, knapp 30 Kilometer pro Stunde, und hat einen geringen Tiefgang von 1,07 Metern.

Die Pilar wird bis zum Anschlag mit Lebensmitteln, Ortungs- und Peilgeräten sowie mit Kriegsgerät beladen. Das kompakte Boot gleicht nun einer Kammer mit Waffenarsenal, statt Angelutensilien werden Jagdgewehre, Sportflinten, Maschinenpistolen und Handgranaten an Bord gebracht. Der Schriftsteller hat für seine Crook Factory eine bunte Truppe zusammen getrommelt.

Zur Crew gehören sein Maat Gregorio Fuentes, Privatdetektive aus Havanna, drahtige Jai Alai-Spieler, Fischer aus Cojímar, ein Funker aus Asien und Kellner aus seinen Kneipen in der Altstadt. Auch die Söhne, der 14-jährige Patrick und der drei Jahre jüngere Gregory, sie sind auf Urlaub in den Schulferien beim Vater, dürfen mit an Bord.

In den darauffolgenden Wochen patrouillieren Ernest Hemingway und seine Mannschaft den Golfstrom rauf und runter. Die Aufgabe der Besatzung ist klar: Auf dem Meer nach Nazis, Faschisten oder sonstigen sinistren Typen Ausschau halten. Die Gewässer um die einsamen Inseln entlang des Tiefwasserkanals zwischen Kuba und den Bahamas werden nach Anzeichen deutscher Truppenaktivitäten abgesucht. Als passionierter Fischer kennen Ernest und besonders Gregorio jedes Riff, jede Untiefe und jede Sandbank in der Gegend.

Als provisorischer Brückenkopf wird auf der Insel Cayo Confites ein Lager errichtet. Strategisch günstig, bietet das nordöstlich vor Kuba gelegene Eiland zudem einen großen Vorteil. Menschenleere malerische Strände. Hemingways Team nutzt die winzige Insel zur Übernachtung, als Nachschubstation und als sicheren Verbleib für die Söhne. 

Die Pilar steuert derweil entlang der vermuteten Routen der U-Boote. Als Zeitvertreib verbringt die Besatzung den Tag mit stundenlangem Angeln. Die Männer an Bord essen Unmengen an Fisch und Obst. Abgegriffene Romane werden herumgereicht und abenteuerliche Geschichten erzählt. Patrick und Gregory liegen meist auf dem Bug und sonnen sich. Das Team kehrt spät nachmittags zum Basislager in Cayo Confites zurück, um die Beobachtungsberichte an die US-Botschaft zu funken.

Ernest Hemingways Nazi-Jagd endet mit den Schulferien der Söhne. Eine tollkühne Räuberpistole, diese Suche nach Nazis in der Karibik. Die bizarre Aktion wird ein Schlag ins Wasser. Denn Ernest Hemingway und die anderen stoßen – wenig überraschend – auf keinen einzigen Nazi. Weder an Land, noch auf Wasser. Ein ziemlicher Unfug das Ganze, aber immerhin ein Unfug gegen die Faschisten.  

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